Claussen-Simon-Wettbewerb für Schulen
Claussen-Simon-Wettbewerb für Schulen

 

Projekttagebuch des Gymnasiums Allee

"Vom Kultur-Austausch zur Austausch-Kultur"

Gewinner beim Claussen-Simon-Wettbewerb für Schulen 2014
Projektleiterin: Heidrun Kremser
 

 

Gymnasium Allee: Vom Kultur-Austausch zur Austausch-Kultur

Oberstufenschüler kooperieren mit professionellen Gestaltern und geben ihre Erfahrungen an jüngere Mitschüler weiter 

Mit dem beschriebenen Projekt möchten wir gern an eine bereits gewachsene Projektkultur im Fachbereich Kunst anknüpfen, diese aber um die Dimension des Peer-Tutoring erweitern und damit das Potential vorhandener Strukturen in der kulturellen Vermittlung am Gymnasium Allee in mehrfacher Hinsicht optimieren. 

Was ist

Seit Jahren werden am Gymnasium Allee im Rahmen des Kunstunterrichts immer wieder Kooperationsprojekte mit bildenden Künstlern, Architekten, Stadtplanern, Fotografen und Designern durchgeführt. 
So erarbeiteten Schüler/innen des Gymnasiums Allee in Kooperation mit dem JAS Werk Hamburg Nutzungsoptionen für leerstehende Bunker (Bunker-Super-Suite-Projekt gefördert vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung), entwickelten im Rahmen der Initiative ÜberlebensKunst zusammen mit der Designerin Nicole Noack kreative Designideen mit dem nachhaltigen Werkstoff Altkleider (In-Hülle-und-Fülle-Projekt gefördert von der Kulturstiftung des Bundes), bauten zusammen mit dem Künstler Knut Plambeck Boote aus Papierverpackungen, arbeiteten zusammen mit der Textildesignerin Maria Mahlmann alte T-Shirts zu ganz eigenen neuen um, spürten zusammen mit der Architektin Susanne Szepanski (Initiative Architektur und Schule der Architektenkammer Hamburg) besondere Orte in Altona auf und reagierten auf sie mit künstlerischen Interventionen im Stadtraum oder ließen sich von der experimentellen Arbeitsweise des Künstlers Rolf Stieger zu eigenen Arbeiten inspirieren. Ein Überblick über diese und andere Kunstprojekte der letzten Jahre ist auf der Website des Gymnasiums Allee zu finden (www.gymnasium-allee.hamburg.de- Projekte/Aktionen - Kunstprojekte). 

Diese Form der Zusammenarbeit haben wir als einen sehr fruchtbaren Prozess für alle Beteiligten erlebt: Die Schüler und Schülerinnen erhalten im Rahmen von Atelierbesuchen, Künstlergesprächen und natürlich im Lauf der gemeinsamen Arbeit selbst Einblicke in die Intentionen und Strategien professionell arbeitender Gestalter und setzen sich mit deren Schaffen auseinander. Die Berührung mit den vorgestellten Ansätzen wirkt als Impuls für die Erarbeitung eigener Gestaltungsprojekte, in denen die SuS ihre individuellen Ausdrucksformen entwickeln. Aus der Reibung zwischen dem eigenen und dem fremden Arbeitsansatz entsteht gestalterische Energie, von der nicht nur die SuS profitieren – auch unsere Projektpartner haben die Arbeit  häufig als ausgesprochen anregend empfunden. 

Wiederholt haben wir die schuleigene Galerie, in der seit 2006 regelmäßig Hamburger Künstler ausstellen, für die Präsentation der Ergebnisse solcher Kooperationen genutzt (Informationen unter www.gymnasium.allee.hamburg.de –Galerie Allee – Ausstellungen). 
Die Galerie hat im Lauf der Jahre als kulturelles Forum über die Grenzen der Schule hinaus eine gewisse Bekanntheit erlangt. Gemeinsam mit einem „richtigenKünstler“ auszustellen – und das in einem semiprofessionellen Rahmen, der über die gewohnte Präsentation von Schülerarbeiten deutlich hinausgeht – ist dabei häufig eine zusätzliche Motivation für die Schüler – und eine Belohnung für die geleistete Arbeit. 
Und doch: Auch wenn die Ausstellungen in der Galerie „nach allen Regeln der Kunst“ eröffnet werden - nicht immer waren die SuS zufrieden mit der Resonanz auf ihre Arbeit: Hier und da blieb manchmal eben doch eine gewisse Enttäuschung über zu wenige Gäste, zu wenige Fragen, zuwenig Reaktion. 

Was sein könnte 

Aus diesem Grund möchten wir das Konzept der Kooperationsprojekte im Fachbereich Kunst gern um eine Dimension erweitern und die SuS selbst zu aktiven Vermittlern ihrer eigenen Arbeit machen – mit einem Gewinn für sie selbst, aber auch für ihre Mitschüler und für die Lernkultur an der ganzen Schule. 
Wir würden uns wünschen, die Kooperation mit professionellen Gestaltern zu einem festen Bestandteil des Kunstunterrichts in der Oberstufe machen zu können. Da wir inzwischen ein relativ weit verzweigtes kulturelles Netzwerk entwickelt haben, wird es möglich sein, mit ganz unterschiedlichen Kulturschaffenden in Kontakt zu treten. Bei der Entscheidung für ein Semesterthema und der Auswahl der Projektpartner ist dadurch eine Mitsprache der Oberstufenschüler möglich – ihre Interessen sind leitend. 

Wie bisher soll zunächst die gemeinsame Arbeit im Zentrum stehen: Erst einmal geht es für die SuS darum, die Arbeit des Kooperationspartners kennenzulernen, Anregungen aufzugreifen, eigene Strategien zu entwickeln und in einer Projektarbeit zu realisieren. Im Anschluss daran - jeweils zum Abschluss des Semesters - soll es dann um die animierende Weitergabe der in der Projektarbeit gewonnen Erkenntnisse und Erfahrungen an jüngere Mitschüler des Wahlpflichtkurses Kunst aus Klasse 8 gehen. Die konkreten Formen sollen dabei jeweils von den Schülern selbst entwickelt werden.
Denkbar sind ganz unterschiedliche Formate: von Präsentationen über die Arbeit des Projektpartners und/oder über die eigene Arbeit über Führungen durch Ausstellung oder Atelier (auch durch die eigene Ausstellung in der Galerie - s.o.) oder die Organisation von Künstlergesprächen, bis hin zur Entwicklung von Workshops oder Kulturtagen o.ä.– der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. 
Wichtig ist, dass - auch wenn die Lehrer und professionellen Kooperationspartner auch in dieser Phase für Anregung und Unterstützung zur Verfügung stehen - die SuS nun selbst zu Vermittlern werden und die Planung und Organisation der Vermittlung selbst übernehmen. 

Davon profitieren alle Beteiligten: 

Denn natürlich setzt bei den SuS der Oberstufe die Weitergabe von Erfahrung eine vertiefte Reflexion voraus: Es wird notwendig, sich noch einmal ganz bewusst mit der Arbeit des Projektpartners auseinanderzusetzen, aber auch die Schnittstellen zur eigenen Arbeit zu erkennen und deren Intention und Aussage zu klären. 
Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung werden aber auch Organisations- und Vermittlungskompetenzen geübt – gerade die, die das konkrete Vorhaben erfordert. Es wird darum gehen, sich in der Form der Vermittlung auf die Adressaten einzustellen und ein für sie anregendes „Setting“ zu entwickeln. Möglicherweise gilt es aber auch, Material zu beschaffen, Zeitpläne zu entwickeln, Absprachen mit der Schulleitung oder außerschulischen Institutionen zu treffen, Exkursionen zugestalten o.ä. 
Bei all diesen Prozessen werden die Schüler unterstützt, aber die Realisierung ihrer Konzepte liegt in ihrer Verantwortung. 
Durch ein Feedback vonseiten der jüngeren Mitschüler und eine gemeinsame Abschlussreflexion erkennen die SuS eigene Stärken und Entwicklungspotentiale.
Wo der Lernende zum Lehrenden wird, steigert sich auch sein Lernertrag – häufig erfahren Schüler durch einen solchen Rollenwechsel darüberhinaus aber auch eine verstärkte Selbstwirksamkeit – im Austausch mit den Mitschülern entsteht Resonanz. 

Auch die jüngeren Schüler profitieren – wie aktuelle Untersuchungen zeigen – stark vom Peer-Tutoring. Die älteren Mitschüler erfahren als Vermittler oft weit mehr Akzeptanz als die gewohnten Lehrpersonen. 
Im Jahrgang 8 haben die SuS gerade eine Entscheidung für einen Wahlpflichtkurs aus dem Bereich der ästhetischen Fächer getroffen. Kunstunterricht findet nun nicht mehr  obligatorisch im Klassenverband, sondern in Kursen statt, die bis nach Klasse 10 fortgeführt werden und die Oberstufenarbeit schrittweise vorbereiten. 
Gerade vor dem Hintergrund eines durch die Wahl bestätigten Interesses scheint uns ein solcher Impuls jeweils zum Ende oder Anfang eines Halbjahrs als Bereicherung und Belebung des Lehrplans – und als motivierende Perspektive. 
Wir erhoffen uns vom Peer-Tutoring also eine Aktivierung auf beiden Seiten. 

Bisher waren die Kooperationsprojekte im Fachbereich Kunst auf die nicht üppig gesäten Fördermöglichkeiten vonseiten der Schule oder des Bezirks angewiesen, kamen im Rahmen kultureller Initiativen zustande und setzten nicht selten eine gewisse Selbstlosigkeit der Projektpartner voraus – ihr Zustandekommen war also immer mit einer gewissen Portion Glück verbunden. 
Eine Förderung durch die Claussen-Simon-Stiftung würde uns ermöglichen, sie als einen festen Bestandteil des Oberstufenunterrichts im Fach Kunst einzuplanen, vor allem aber als Impuls für die Schulentwicklung zu nutzen, um das Prinzip des Peer-Tutoring organisatorisch und inhaltlich zu erproben und so ausgehend vom Kultur-Austausch im Fach Kunst die ersten Schritte zu einer Austausch-Kultur für die ganze Schule einzuleiten.

 
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Redakteurin: Heidrun Kremser

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Lange hatten wir darauf gewartet – nun endlich sollten unsere Kasseler Austauschpartner zum Gegenbesuch nach Hamburg kommen: 15 Schülerinnen und Schüler der Herderschule, die uns im letzten Juni so gastfreundlich aufgenommen und zusammen mit uns die documenta in Augenschein genommen hatten. Doch schon im Vorfeld verdichteten sich die Meldungen, dass die Gruppe wohl ein wenig kleiner würde: In Kassel grassierte die Grippe und sie hatte auch vor dem Leistungskurs Kunst nicht halt gemacht.

Tatsächlich war das Trüppchen, das wir am 8.2.2018 gegen 19.00 am Altonaer Bahnhof in Empfang nahmen, dann auf 8 Schüler/innen zusammengeschrumpft, die sich um ihre Lehrerin ANNKE SIEWIERSKI scharten. Ein bisschen schade war es natürlich schon, dass soviele hatten zuhause bleiben müssen und so manche Hamburger Schülerin schaute vergeblich nach „ihrer“ Partnerin aus. Aber diejenigen, die kamen, wurden herzlich begrüßt und waren selbst fröhlich und guter Dinge.

Vom Bahnhof Altona zum Gymnasium Allee ist es ja nur ein Katzensprung und so zogen wir gemeinsam zu unserer Schule, wo wir im Kunstraum ein kleines Begrüßungsbuffet vorbereitet hatten. Hier wurden die ersten Pläne für den Abend geschmiedet.

Nachdem sich alle gestärkt hatten, zogen die Schülerinnen erst einmal mit ihren Partnern davon. Einige von ihnen trafen sich dann später auf dem Eröffnungsfest der HfBK wieder - und manche blieben lang. Andere ließen es am ersten Abend erst einmal etwas ruhiger angehen.

Am Freitagmorgen waren wir schon um 9.30 am Baumwall verabredet. Am Kesselhaus in der Speicherstadt erwartete uns die Architektin SUSANNE SZEPANSKI, die den Profilkurs des Gymnasiums Allee im vergangenen Semester während des Semesterprojekts begleitet hatte. Sie hatte sich bereit erklärt uns durch Speicherstadt und Hafencity zuführen. Bei strahlendem Sonnenschein – allerdings auch bei klirrender Kälte – vermittelte sie auf sehr anregende Weise viel Wissenswertes über dieses spannende Quartier. Und nicht nur die Kasseler konnten viel Neues erfahren - über Handel, Lagerlogistik, Zölle und Wasserstände – und die Veränderung, die die letzten Jahrzehnte mit sich gebracht haben und die die heutige Nutzung der Speicherstadt, vor allem aber das Gesicht der Hafencity bestimmen.

Susanne Szepanski lenkte auch hier den Blick auf vieles, das uns ohne ihre Hinweise verborgen geblieben wäre: erläuterte Bauformen und -technologien und würzte ihren Vortrag mit der ein oder anderen kleinen persönlichen Erinnerung. Im Innenhof des Unilever-Hauses konnten wir uns ein wenig aufwärmen und doch zog es uns schnell wieder ins Freie vor die Tür: Wenn in Hamburg schon mal so strahlend die Sonne scheint, muss man es schließlich einfach genießen. Der Besuch auf der Plaza der Elbphilharmonie schloss unseren Spaziergang ab und dann zogen die gemischten Grüppchen auf eigenen Wegen weiter.

Am Nachmittag trafen wir uns an der HfBK wieder, wo während des Wochenendes die diesjährige Jahresausstellung präsentiert wurde. Auf den Fluren, in den Räumen – vieles und Vielfältiges gab es da zu sehen. In einer Führung bekamen die Schüler/innen den ein oder anderen Deutungsansatz zu einigen der ausgestellten Studienarbeiten mit auf den Weg, ehe sie sich dann der eigenen Nase nach ins Gedränge stürzten. Einige der Schüler*innen waren begeistert, andere eher befremdet – auf jeden Fall öffnete sich hier schon eine ganz besondere Welt. – Und wer weiß, vielleicht kehrt der eine oder die andere in ein paar Monaten wieder, um sich hier für ein Studium zu bewerben? Nach knapp 3 Stunden waren aber erst einmal alle erschöpft. Deshalb ließen wir es am Samstagmorgen dann auch erst einmal etwas ruhiger angehen, aber am späteren Vormittag versammelten wir uns alle wieder in der Schule. Schließlich hatten wir ja noch einen wichtigen Punkt auf der Agenda: unsere Peer-to-Peer-Vermittlung.

In der galerie! der Schule waren die Semesterergebisse unseres Architekturprojekts in der Ausstellung „Kleine Bauten nach großem Vorbild“ zu sehen. Und da auch die Kasseler sich im vergangenen Semester mit dem Thema Architektur auseinandergesetzt hatten, konnten wir auf interessierte Fragen und einen guten Austausch hoffen.  
Die Hamburger vermittelten die zentralen Aspekte der zur Inspiration herangezogenen architektonischen Positionen und erläuterten die ihren Kioskmodellen zugrundeliegenden  Konzepte. Außerdem hatten die Hamburger Schüler*innen sich mit jeweils einem Altonaer Gebäude beschäftigt und einen kleinen Führer mit Zeichnungen, Fotos und Texten zusammengestellt.  
Er gab die Route vor, entlang derer sich die SuS nun in zwei gemischten Gruppen durch unser Quartier Altona auf den Weg machten.

Das erste dieser Gebäude war unsere Schule selbst, die unter Denkmalschutz steht. Mit dem Bauschmuck der Jugendstilzeit, unserer schön restaurierten Aula und dem Glasfenster von Hans Gottfried von Stockhausen im Treppenhaus konnten wir die Kasseler schon beeindrucken. Am Abend stieg die kleine Kasseler Delegation dann wieder in den Zug Richtung Süden. Wie schön, dass wir uns wiedergesehen haben! Und: Auch wenn die Gruppen wechseln - es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein!

Redakteurin: Heidrun Kremser

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Oberstufenschülern kooperieren mit professionellen Gestaltern und geben ihre Erfahrung an andere Mitschüler weiter

Im Wintersemester 2017/18 stand Architektur im Curriculum des Profilkurses Kunst Jahrgang 12 und wir hatten das Glück, dass die Architektin SUSANNE SZEPANSKI uns für das fünfte Projekt in der Reihe “Vom Kulturaustausch zur Austauschkultur“ erneut ihre Kooperation zugesagt hatte - blicken wir vom Gymnasium Allee nun doch schon auf eine ganze Anzahl gelungener Projekte zurück, die zusammen mit ihr entstanden sind.

Den Einstieg in das Thema suchten wir zunächst über eine allgemeine Annäherung und fragten die SuS: Hast du schon einmal über Architektur nachgedacht? Spielt sie eine Rolle in deinem Alltag? Kann Architektur ärgern – oder kann sie glücklich machen? Da waren wir mittendrin in der Diskussion – und es zeigte sich, dass viele unserer Schüler/innen mit offenen Augen und Sinnen durch die Straßen laufen und angesichts dieser Fragen einen klaren Standpunkt formulieren konnten. 
Und doch lohnte es sich, gerade weil Architektur uns so selbstverständlich umgibt, hier und da noch einmal genauer nachzudenken.

Susanne Szepanski vermittelte dem Kurs interessante Einblicke in den Beruf des Architekten und den Prozess von den ersten Entwurfsskizzen bis zum fertigen Bau. Spätestens als wir einen Blick auf einen Bauplan warfen und angesichts der Fülle an Zeichen, Zahlen und Linien gar nichts mehr erkannten, wurde deutlich, dass Architekten möglicherweise Bau-Künstler sind – aber niemals freie! Soviel gibt es zu bedenken und berechnen, so viele Vorschriften einzuhalten! 
Wie ideenreich sie dabei dennoch arbeiten können, erfuhren die SuS während der Vorbereitung kleiner Referate über ausgewählte Architekten des 20. Jahrhunderts: Le Corbusier, Frei Otto, Frank O. Gehry, Zaha Hadid und das Architektenduo Herzog/de Meuron.

Ihre Formensprache galt es anhand von Texten und Bildern zu erfassen, das, was für ihre Arbeit typisch ist, herauszustellen und den Mitschülern in einem kleinen Vortrag nahezubringen. Denn diese fünf Architekten sollten Inspirationsquellen der eigenen Arbeit werden.

Bevor es an das große Semesterprojekt ging, sollten einige kleinere praktische Übungen dafür aber zusätzliche Anregung schaffen. Deren Ziel war nicht das Bauen selbst, sondern ein freier Einstieg in das Spiel mit Flächen, Körpern und Strukturen – und die Eroberung der dritten Dimension. So ging es zunächst auf der Basis von Natur- und Landschaftsaufnahmen darum, das Prinzip einer Struktur zu erfassen und dieses in einer kleinen skulpturalen Arbeit mit frei wählbarem Material räumlich umzusetzen. Schöne, zum Teil sehr reizvolle Arbeiten sind da herausgekommen. In der zweiten Übung wurde der Bezug zu den Architekten, mit denen sich die SuS beschäftigt hatten, bereits hergestellt - doch auch hier ging es noch um die Gestaltung einer kleinen Skulptur aus dünner Pappe: Sie sollte durch die Umgestaltung einer Würfelabwicklung (das ist die aus sechs Quadraten bestehende Fläche, aus der man einen Würfel zusammenbasteln kann) zustande kommen. Diese durfte lediglich durch Knicke, Falzungen oder Schnitte (nicht aber durch das Abschneiden von Flächen) verändert werden. Wer sich das nicht vorstellen kann, sollte es selbst einmal probieren: Es ist frappierend, wie sich so eine Fläche verwandeln kann! Aus einem Würfel in schönster konstruktivistischer Manier wurden da vieleckige Gebilde im Stile Zaha Hadids, leichte, fast fliegend wirkende Bauten nach Frei Otto oder gerundete Formen, die an die Bauten Frank O. Gehrys erinnerten. Und in einem den Skulpturen beigestellten Satz formulierten die SuS die zentralen Intentionen „ihres“ Architekten.

Derart vorbereitet konnte dann auch das große Projekt in Angriff genommen werden: Die Sus hatten die Aufgabe, einen kleinen Schulhofkiosk zu entwerfen, der in seiner Formensprache von den Architekturvorbildern inspiriert sein sollte. Mit dem Verkauf von Zeitungen, Zeitschriften und Snacks sollte er ein attraktiver Anziehungspunkt für Schüler in der Pause werden können. 
Nach vorbereitenden Skizzen ging es an den Modellbau – und es erwies sich als sehr hilfreich, eine echte Architektin an der Seite zu haben:  Susanne Szepanski dachte sich blitzschnell in die Bauvorhaben ein und konnte manch wertvollen Tipp für die Umsetzung geben. Anders als im wirklichen Leben waren unsere kleinen Gebäude nach wenigen Wochen Bauzeit fertig gestellt. Muriel ging – vom Gedanken an Zeitschriften inspiriert – bei ihrem Entwurf von der Form eines Papierknäuels aus. Angelehnt an die Formensprache Zaha Hadids entwickelte sie davon ausgehend einen interessanten Baukörper mit vielen Vorsprüngen, Ecken und Kanten. Joyleen ließ sich von den Oberflächenstrukturen der Bauten Herzog/de Meurons anregen – und entwarf, in fast kongenialer Manier, einen Kiosk mit filigran durchbrochenen Wänden und einer weit ausgreifenden Dachkonstruktion.

Sara folgte dem Vorbild Le Corbusiers und ging die Sache eher konstruktiv an: Ihr als Würfel geformter Kiosk hielt aber einige Überraschungen bereit: Eine  Front ließ sich vollständig aufklappen und bot so Sitzgelegenheiten, aus einer zweiten Seite ließ sich eine Überdachung herausziehen und die Rückwand des Kiosks war mit einem rechtwinkligen Muster aus gelben, roten und blauen Scheiben besetzt.


Kleine Bauten nach großem Vorbild. Susanne Szepanski war von der abschließenden Präsentation beeindruckt – und zollte den SuS ihren Respekt. Nun werden die Ergebnisse in der galerie! des Gymnasiums Allee zusammen mit erklärenden Plakaten präsentiert. Die Eröffnung wird am 6.2.2018 stattfinden. Mal sehen, ob sich da nicht ein Bauherr findet! Zur Peer-to-Peer-Begegnung freuen wir uns schon jetzt auf unsere Austauschpartner aus Kassel, die in wenigen Wochen anreisen werden.

Redakteurin: Heidrun Kremser

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Alle fünf Jahre eröffnet in Kassel die „documenta“, eine große Schau zeitgenössischer Kunst. Eigentlich doch ein „Muss“ für einen Profilkurs Kunst! Da sich Kassel während der Ausstellungszeit aber zu einem „hotspot“ für Kunstinteressierte verwandelt, stellte sich die Frage, wo wir eine erschwingliche Übernachtungsmöglichkeit für so viele Schüler/innen finden könnten. Als die Recherchen erfolglos blieben, planten wir einen Tagesausflug.

Was für ein Glück, dass einige Wochen vor Beginn der Ausstellung die mail einer Kunsterzieherin aus Kassel eintrudelte, die mit ihrem Kunstkurs Interesse an einem Besuch in Hamburg hatte und angesichts der „documenta“ mit dem Standort Kassel nun auch ein durchaus attraktives Tauschangebot machen konnte. Sie war auf der Suche nach einer Partnerklasse. Da hieß es nicht lange fackeln. Schnell waren wir uns einig, tauschten Informationen und planten eine Begegnung.

Zuerst sollten wir nach Kassel kommen – und schon von Weitem war zu spüren, mit wieviel Liebe diese Begegnung dort vorbereitet wurde. Am 26.6.2017 machten wir uns auf den Weg. Auf dem Kasseler Bahnhof wurden wir von der Kunsterzieherin ANNKE SIEWIERSKI herzlich in Empfang genommen. Schnell wurden die Koffer in ihrer nahegelegenen Wohnung untergestellt und dann ging es direkt zur documenta. Die Schüler/innen der KASSELER HERDERSCHULE erwarteten uns vor dem „Parthenon der Bücher“ der argentinischen Künstlerin Marta Minujin auf dem Kasseler Friedrichsplatz. Eine durchaus bemerkenswerte Kulisse für ein erstes Treffen zweier Kunstkurse!

Die anfängliche Scheu war schnell überwunden. Es war beeindruckend, mit welcher Offenheit sich beide Seiten aufeinander zu bewegten. Am besten lernt man sich kennen, wenn man etwas zusammen unternimmt – und so zogen die Schüler/innen bald in kleinen gemischten Grüppchen los, um die anderen Exponate zu erkunden, die im Freien über die Stadt verteilt waren. Mit sehr viel Engagement hatten die Kasseler im Vorfeld schon eine Reihe von Arbeiten erkundet und einen auch gestalterisch ausgeklügelten Plan mit den Standorten, einigen Informationen und tollen Zeichnungen für uns zusammengestellt. Sie überreichten uns liebevoll gestaltete Skizzenbücher, in denen wir Eindrücke der folgenden Tage festhalten konnten – was für eine schöne Idee! Die Wohnröhren von Hiwa K, die bepflanzte Pyramide von Agnes Denes, die verhüllten Torhäuser, die „Mühle des Blutes“ vor der Orangerie – all diese Stationen lagen auf der Route, die die Schüler/innen nun gemeinsam erkundeten.

Als wir uns nach zwei Stunden wiedertrafen, war es gar kein Problem, die Schlafplätze zu verteilen, so schnell hatten sich Sympathien gebildet – und als am Abend alle zusammen bei einem großen Picknick im Goethepark zusammensaßen, wirkte es so, als würden wir uns schon lange kennen.

Am zweiten Tag standen dann die Ausstellungshallen auf dem Programm: Fridericianum, Documenta-Halle, Neue Galerie, Stadtmuseum: ein anstrengender Parcour – und keine leichte Kost. Denn die Künstler reflektierten in ihren Arbeiten fast durchgängig die Missstände in der Welt – Vertreibung, Unterdrückung, Flucht, Gewalt. Das sehr konzeptuell geprägte Programm der diesjährigen documenta gab einige harte Nüsse zu knacken. Viel für den Kopf, wenig für die Sinne. Als wir uns am frühen Abend trennten, waren wir alle k.o – und zwar „mit Jacke und Büx“ wie man in Hamburg so sagt. – Aber bis zum späteren Abend hatten sich die meisten längst wieder erholt, wie man hört...

Am Mittwoch waren wir dann zu Gast in der Herderschule. Dort konnten wir in den Fluren des Kunstbereichs eine Ausstellung mit Arbeiten zum Thema „Hinter dem Vorhang“ betrachten, die unsere Gastgeber im vorangegangenen Semester erarbeitet hatten. Und manch einen unserer Schüler mag sie mehr beeindruckt haben als die „große Kunst“ der documenta: Ideenreich und auf sehr individuelle und originelle Weise hatten sich die Schüler dem Thema angenähert. Interessiert ließen sich die Hamburger die Ideen und Konzepte erläutern und zollten unverhohlen ihren Respekt. Ganz besonders die Skizzenbücher erregten Bewunderung – inspirierend! Aber auch wir hatten neue Ideen für die künstlerische Auseinandersetzung „im Gepäck“: Unsere Peer-to-Peer-Begegnung hatten wir uns nämlich für unser Treffen aufgespart: Gemeinsam mit den Kasselern wollten die Hamburger an diesem Vormittag – anknüpfend an unser Projekt mit Jan Helbig - kleine Performances erarbeiten.  
Nun waren wir an der Reihe, die „Ernte“ des vergangenen Semesters zu präsentieren: Anhand der mitgebrachten Videos stellten die Hamburger ihre Performances zum Thema „Selbstwert“ vor, die Kasseler interpretierten das Gesehene und gemeinsam wurden Grundlagen performativer Arbeit benannt. So konnte es bald an den praktischen Teil der Arbeit gehen: Performances zu entwickeln, in denen die Erfahrung der vergangenen zwei Tage verarbeitet und künstlerisch formuliert werden sollten.  
In kleinen gemischten Gruppen verteilten sich die Schüler, ausgerüstet mit einer Videokamera und Stativ,  über das Gebäude – kleine summende think-tanks.

Immer wieder beeindruckend ist, wie zielgerichtet und klar die Vermittlung grundsätzlicher Aspekte komplexer künstlerischer Prozesse in den Peer-to-Peer-Begegnungen stattzufinden scheint. Was im Unterricht über Wochen und Monate thematisiert und Schritt für Schritt herausgeschält wird, scheint sich von Schüler zu Schüler fast mühelos zu vermitteln. Nach kurzer Zeit waren die Performances fertig: Gesten, Bewegungsmuster, Rhythmus, Raum, Zeit und Klang – auf ganz verschiedene Weise hatten die Gruppen diese Aspekte performativer Arbeit aufgegriffen und ihre Eindrücke der vergangenen Tage zum Ausdruck gebracht: 
Gemeinsam war ihnen allen, dass sie zeigten, dass hier eine echte Begegnung stattgefunden hatte – mit Kunst, aber vor allem auch: zwischen Menschen.

Wir freuen uns auf den Rückbesuch im nächsten Semester! 

 

Redakteurin: Heidrun Kremser

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Oberstufenschüler kooperieren mit professionellen Gestaltern und geben ihre Erfahrungen an andere Mitschüler weiter

Im Sommersemester 2017 startete das vierte Projekt in der Reihe „Vom Kulturaustausch zur Austauschkultur“ - eine Kooperation des Profilkurses Kunst des zweiten Semesters mit dem Künstler JAN HELBIG. Studiert hat Jan Helbig Malerei und vor allem Portraits bilden einen Schwerpunkt seiner künstlerischen Tätigkeit. Noch immer widmet Jan Helbig einen Teil seiner Arbeit diesem Sujet, seine Neugier hat ihn aber im Verlauf der Jahre dazu getrieben, sich immer neue Zugangsweisen und Bereiche zu erschließen. Der Austausch mit den Rezipienten, die spontane Reaktion auf das, was ist und im Augenblick passiert, sind ihm wichtig. So hat sich seine Arbeit immer mehr auch in das Feld der „Aktion“ verschoben: Gemeinsam mit einem Maler-Kollegen entstehen Bilder in Anwesenheit des Publikums, Malerei und Musik werden aufeinander bezogen und der Spritzenplatz in Ottensen gibt immer wieder einmal den Raum, von dem aus Jan Helbig den Passanten kleine performative Denk-Impulse mit auf den Weg gibt. 

Auch Schülern einmal die Grundlagen performativer Arbeit zu vermitteln reizte Jan Helbig und deshalb hatte er eine Zusammenarbeit angefragt: Na, da rannte er offene Türen ein! Bei der Entwicklung eines Unterrichtskonzepts für das Semester kamen wir schnell überein, den künstlerischen Entwicklungsgang Jan Helbigs mit den Schülern sozusagen nachzuvollziehen: Zunächst einmal wollten wir ganz klassisch beginnen: Zeichnerisch den Proportionen des menschlichen Gesichts auf die Spur kommen, Gesichtern mit Farben Ausdruck zu geben und dann die Beschäftigung mit dem „Selbst“ vom darstellenden Portrait auf die performative Arbeit rund um das Thema „Selbstwert“ zu lenken. Ich will ehrlich sein: Ein bisschen gespannt war ich schon, ob es ihm gelingen würde, die eher zurückhaltenden SuS des Kurses für die Performance zu begeistern – sich selbst ganz direkt zum Ausdrucksmittel einer künstlerischen Aussage zu machen, erfordert ja schließlich schon eine ganze Portion Mut.Am 14.2.2017 kam Jan Helbig zum ersten Mal in den Unterricht, erzählte von seinem künstlerischen Werdegang und beantwortete die Fragen der SuS. Schon hier wurde deutlich, dass „die Chemie stimmte“ und eine Seite auf die andere neugierig war.

Den Einstieg ins Portraitzeichnen nahmen wir zunächst über das Blindzeichnen, einer Übung, die immer wieder zu überraschenden Ergebnissen und echten Aha-Erlebnissen führt. Nicht das stimmige Abbild, sondern das genaue Hinsehen ist nämlich hier gefragt. Und das äußert sich oft in einer sehr sensiblen Strichführung mit starkem Ausdruck. Den Reiz der Bilder erkannten die SuS schnell und sie hatten Freude an der Arbeit. Etwas komplizierter wurde es dann, als sich die Erschließung der Gesichtsproportionen anschloss. Da galt es genau zu sein. Um den Einstieg etwas zu erleichtern, arbeiteten die SuS mit Hilfe fotografischer Selbstportraits. Sie wurden vermessen und verglichen, um ein allgemeines Prinzip zu erkennen. Auf dessen Basis entstanden dann möglichst genaue gezeichnete Selbstportraits.

Im nächsten Schritt ging es nun um das Malen – und zwar mit Acrylfarben. Das kommt im schulischen Unterricht nicht allzu oft vor – schließlich sind die Farben nicht billig. Eine kleine technische Übung vermittelte die verschiedenen Möglichkeiten des Farbauftrags, dann waren Experimentierfreude und Farbgefühl gefragt. Zunächst wurde das Format mit freien Farbflächen bedeckt, erst in einem zweiten Schritt wurde aus diesen durch gezielte Linien- und Flächensetzung ein Portrait herausgearbeitet. Intuitiv wählten die SuS Farben und Kontraste, frei entwickelten sie die Formen – und erkannten klar, wie unterschiedlich auch die Wirkung war, die sie damit erzielen konnten. Dieses Wissen wurde in Vorbereitung einer Klausur systematisiert.Danach ging es um die Performance. Mit sehr klar strukturierten Übungen baute Jan Helbig schrittweise ein Verständnis des Mediums und seiner Gestaltungsmittel auf – und das in Übungen, die Lust und den Einstieg leicht machten.

Mit der Kamera wurden diese kleinen Selbst-Versuche aufgezeichnet. Und dieser „Videobeweis“ überzeugte die Schüler schnell davon, welche Wirkung die von kleinen Handlungsanweisungen instruierten Choreografien entwickelten, die in kleinen oder größeren Gruppen durchgeführt wurden. Ganz wichtig dabei war die sich anschließende Reflexion: Hier ging es darum, ein Bewusstsein der verschiedenen Spannungsfelder zu gewinnen: Kontrastbegriffe wie Stillstand – Bewegung, Ordnung – Chaos, Symmetrie –Assymmetrie (im Bereich des Bildes) oder Stille – Klang, Wort – Geräusch oder rhythmisch - arhythmisch  (auf der Ebene des Tons) wurden herausgearbeitet – Aspekte, die die Schüler nach und nach immer gezielter zum Einsatz brachten. Mit viel Feingefühl entwickelten sie interpretatorische Zugänge zum Gesehenen. Und tatsächlich eröffneten einige der eigentlich als Übung gedachten Performance-Produkte bereits enorme Assoziationsräume und interessante Denk-Anstöße.

Nach dieser gemeinsamen Vorarbeit konnte es an die Performance-Projekte gehen, die die SuS in kleineren Gruppen entwickeln sollten. Als Thema war der Begriff „Selbst-Wert“ vorgegeben. In einem Brainstorming sammelten wir zunächst Assoziationen und Deutungsansätze, dann wurden erste Ideen ausgearbeitet. Hier zeigte sich, dass die Sache nicht ganz so einfach war. Hatte sich in den vorangegangenen Übungen eine inhaltliche Ebene auf Basis der eher formalen Parameter fast wie von selbst entfaltet, erwies sich der umgekehrte Weg – vom Inhalt zur Form – als durchaus schwierig.

Es galt allzu platt und eindeutig formulierte Aussagen zu vermeiden: Denn in der Performance geht es ja nicht um die theaterhafte Vermittlung einer Stellungnahme zum Thema, sondern eher um eine Versuchsanordnung, in der sowohl dem Handelnden wie dem Zuschauer Erfahrungen ermöglicht werden, die sich aus dem ergeben, was gerade passiert. Es galt, dem Risiko seinen Platz einzuräumen und sich mit aller Intensität in das selbst arrangierte Spielfeld hinein zu begeben. Jan Helbig unterstützte die Gruppen bei der Entwicklung ihrer Vorhaben, würdigte, bekräftigte und fragte nach, machte Mut, regte an und vor allem: war mit aller Neugier dabei. Diese Energie sprang über. Herausgekommen sind einige wirklich sehenswerte Video-Mitschnitte von Performances, die den Wert des Einzelnen und sein Vermögen auf ganz unterschiedliche Weise inszenieren – im Kontakt mit anderen oder ganz für sich, im Mit- und Gegen- oder einfach Nebeneinander, im Gewinnen oder Scheitern, leise oder laut, langsam oder schnell.

Es war beeindruckend zu sehen, wie intensiv sich einige Gruppen auf den Prozess eingelassen hatten. Die Videos der Ergebnisse wurden am Fest der Künste im Gymnasium Allee präsentiert, das am 13.7.2017, kurz vor den Sommerferien, stattfand. Besonderen Mut aber bewiesen zwei der Gruppen, die sich zwei Tage später außerdem bereit fanden, ihre Performances beim Nachbarschaftsfest des „Haus 3“ in der Hospitalstraße vor und mit Beteiligung des Publikums live aufzuführen. Die Peer-to-Peer Begegnung fand bei unserer Begegnung mit Schüler/innen der Herderschule in Kassel statt, die wir anlässlich der documenta besucht haben.

Redakteurin: Heidrun Kremser

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Oberstufenschüler kooperieren mit professionellen Gestaltern und geben ihre Erfahrungen an jüngere Mitschüler weiter

Im Wintersemester 2016/17 stand im Profilkurs Kunst des Jahrgangs 11 das Thema Design auf dem Lehrplan. Nachdem die theoretische Annäherung an das Arbeitsfeld Design abgeschlossen und kleinere vorbereitende Übungen bearbeitet worden waren, sollte das umfassendere praktische Projekt beginnen.

Als Kooperationspartner konnten wir dafür den Hamburger Designer SEBASTIAN MENDS-COLE gewinnen, der zusammen mit drei Partnern das Designbüro „BFGFDesignStudios“ führt, das sich einem nachhaltigen Umgang mit Material und Rohstoffen verpflichtet sieht.  
Außer an guten Formen hat Sebastian Mends-Cole auch am kreativen Prozess seine Freude und so kam er voller Neugier und Offenheit am 16.11.2016 zum ersten Mal in unseren Unterricht.

In der ersten Stunde stellte er zunächst einmal sich selbst und seine Arbeit vor. Die Schüler/innen reagierten interessiert und stellten viele Fragen zum Beruf des Designers, zum Ausbildungsgang und den Arbeitsprozessen. Zur Einstimmung auf das Projekt hatten wir dann eine ganze Sammlung an Alltagsgegenständen aufgebaut. Auf einem großen Tisch stapelten sich Dinge wie Kalender, Uhr, Landkarten, Schreibmaschine und Taschenrechner, Zeitschriften und Lexika, Walk-Man und – last but not least – auch ein altes Telefon mit Nummerntasten. All das hatten wir ausgegraben, um den Schüler/innen ein Rätsel aufzugeben: Worum wird es in unserer Arbeit gehen? Das Rätsel war schnell gelöst: Um möglichst nah an der Lebenswelt der Schüler zu bleiben, hatten wir uns für die Beschäftigung mit dem Thema „Handy“ entschieden - einen Alltagsgegenstand, der aus unserem Leben heute kaum noch wegzudenken ist und die persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen mehr und mehr prägt. Als wir all die ausgelegten Dinge wieder in die Kisten packten, in denen wir sie herbeigeschleppt hatten, wurde auch augenscheinlich, welche Vorteile das Handy als Multifunktionsgerät unzweifelhaft hat. Es „erleichtert“ unser Leben – aber ist das alles?

Bereits im Vorfeld hatten die Schüler eine „Liebeserklärung“ an ihr Handy verfasst, um dadurch ganz allgemein den drei „Designfaktoren“ (ästhetisch, funktional, semantisch) eines Alltagsgegenstands auf die Spur zukommen. Von diesen Texten ausgehend konnte dann eine umfassendere Reflexion beginnen: Wie benutzen wir das Handy? Welche Vorteile bietet es? Welche Auswirkungen hat es? Wer der Meinung war, die „junge Generation“ gehe gänzlich unreflektiert mit den neuen Technologien um, wurde vom Ergebnis der Ideenfindung überrascht – zumindest die Schüler/innen dieses Kurses bewiesen einen scharfen Blick und ein kritisches Bewusstsein in der Analyse ihres eigenen Handygebrauchs und dessen gesamtgesellschaftlicher Dimension. Schnell füllte sich die Pinnwand mit vielen Stichwörtern, die als Ausgangspunkt für die Erarbeitung eines Gestaltungsentwurfs dienen konnten.

Einfach war es aber trotzdem nicht, aus diesen Gedanken nun eine konkrete Form abzuleiten, in der die Aussage sinnfällig umgesetzt und damit im Wortsinn „greifbar“ werden konnte. Denn in der praktischen Arbeit war nicht eine bloß formale Überarbeitung gängiger Modellvarianten gefragt, sondern eben die gedankliche Auseinandersetzung mit den Funktionen und Wirkungen, die das Handy in unser Leben bringt. 
 
Wie konnte das Handy umgestaltet oder erweitert, was konnte ihm an- oder eingebaut, wie konnte es in einen ungewohnten Kontext integriert werden, um Denkanstöße zum Umgang mit diesem scheinbar unverzichtbaren Alltagsgegenstand zu geben? Ironische, skurrile aber auch ganz ernsthafte, kritische und natürlich auch funktionale Lösungen waren möglich.

Sebastian Mends-Cole erwies sich in dieser Phase als inspirierender Gesprächspartner, der sich intensiv und begeistert auf die Ideen der Schüler einließ, aber als Profi natürlich auch die Unstimmigkeiten und Fehlstellen auf dem Weg von der Idee zum Objekt klar erkannte. Gemeinsam wurde geskribbelt, geknobelt und beratschlagt, überarbeitet und verworfen – bis (fast) jeder Schüler drei Entwürfe präsentieren konnte. Sie wurden in der großen Runde vorgestellt, auf Basis der Rückmeldungen konnte dann die Entscheidung für eine der Ideen fallen – sie sollte nun in ein plastisches Modell umgesetzt werden.

Für die Gestaltung dieser Prototypen hieß es findig sein: Welches Material eignet sich am besten? Welche Mechanik ist nötig? Wie verbinde ich die Bauteile? Die Hilfe des Fachmanns war hier gut zu gebrauchen: Sebastian Mends-Cole konnte aus seiner reichen Erfahrung hier natürlich manchen guten Hinweis geben und nach und nach wurden aus Ideen und Skizzen „greifbare Lösungen“.

Einige Schüler/innen waren von ganz praktischen Erfahrungen ausgegangen: Anna reagierte auf den Missstand, dass dem eiligen Städter mit dem Kaffeebecher in der Hand nicht mehr genügend freie Finger für die Handytastatur zur Verfügung stehen. Die Handy-Halterung, die sie für den Kaffee-to-go-Becher entwickelte, schaffte hier Abhilfe.  
Sarah ließ sich von der leidvollen Erfahrung anregen, dass das Handy beim Tanzen stört, und entwickelte ein Strumpfband, in das das Handy einzustecken war. Geschickt verstaut und trotzdem schnell wieder zur Hand, um die neuesten Kontakte einzuspeichern – und übrigens auch nicht ohne ästhetischen Reiz... 

Andere Lösungen waren eher konzeptueller Natur. Mathilde griff das Prinzip einer Weihnachtspyramide auf  und baute eine sich drehende Spirale mit kleinen Modellfiguren – wie beim Tanz um das goldene Kalb schienen sich diese Figürchen nun um das Handy zu drehen, das Mathilde an der Spitze dieser Pyramide angebracht hatte. Weil das Handy vielen Menschen derart wichtig ist, dass es ein Teil der eigenen Person zu sein scheint, kam Tim auf die Idee seines in den Unterarm zu implantierenden Akkusteckers: Das Handy zieht seine Energie damit direkt aus der Wärme des menschlichen Körpers – ein schmerzhaftes Abhängigkeitsverhältnis. Joyleens Entwurf überschritt die Grenzen zwischen Körper und Gerät auf ähnlich schonungslose Weise: Alte Traditionen indigener Völker auf Borneo aufgreifend, die ihre Ohrläppchen durchlöchern und das entstandene Loch durch Einsatz von schwerem Schmuck mehr und mehr erweitern, überarbeitete sie das Portrait einer Lirongfrau: Sie passte diese Öffnungen per Bildbearbeitung dem Maß eines Handies an und setzte das Gerät virtuell in ihr Ohrläppchen ein – das so veränderte Bild wirkte frappierend echt und eröffnete Assoziationsräume bis hinein in Bereiche von Globalisierung und Kolonialisierung.

Mit dem ironisch-schillernden Titel „Nicht ohne mein Handy“ wurden die Ergebnisse der Arbeit – angereichert mit Zeichnungen und Gebrauchsanweisungen – in einer Ausstellung in der galerie! der Schule präsentiert. Zur Vernissage am 27.2.2017 konnten wir viele neugierige Gäste begrüßen. Die Ausstellung bot dann auch den Rahmen für die Peer-to-Peer-Begegnung, die in diesem Semester einen ganz praktischen Nutzen hatte: In Vorbereitung auf die Wahl ihrer Oberstufenkurse sollten sich die Zehntklässler ein Bild von der Arbeit in den Profilen machen. Schon einen Tag nach der Eröffnung strömten sie in die galerie!, diskutierten mit den Schüler/innen des Profilkurses die Thematik, interpretierten die Entwürfe und ließen sich die Arbeiten in kleinen Gruppen erläutern.

Eigentlich müssten sie Lust bekommen haben... 

Redakteurin: Heidrun Kremser

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Oberstufenschüler kooperieren mit professionellen Gestaltern und geben ihre Erfahrungen an jüngere Mitschüler weiter  

Das dritte Projekt in der Reihe „Vom Kulturaustausch zur Austauschkultur“ fand im Sommersemester 2016 statt. Dieses Mal sollte uns die Architektin SUSANNE SZEPANSKI begleiten. Susanne Szepanski leitet die Initiative „Architektur und Schule“ der Hamburger Architektenkammer und arbeitet schon seit vielen Jahren im Bereich der Architekturvermittlung mit Schulen und Kitas zusammen. Auch an unserer Schule war sie nicht zum ersten Mal. Und deshalb wussten wir schon, was für eine engagierte und anregende Kooperationspartnerin wir da gewonnen hatten - eine, die mutig neue Wege geht und sich auf Unbekanntes einlässt.

Und tatsächlich war das mit dem WP-Kurs Kunst Klasse 10 geplante Projekt schon ein kleines Wagnis: Der parallel laufende Theaterkurs hatte nämlich angefragt, ob wir an einer Zusammenarbeit Interesse hätten, in der wir den Bühnenraum für ein Theaterstück gestalten sollten – ein Theaterstück, das von den Schülern selbst entwickelt werden und deshalb erst im Lauf der Zeit entstehen sollte. „Warum nicht – das ist doch eine spannende Sache!“ – mit diesen Worten hatte Susanne Szepanski auf die Anfrage reagiert und auch die Schüler/innen des Kunstkurses waren neugierig genug, um sich auf die Sache einzulassen.

Als Vorbereitung auf die praktische Arbeit ging es also zunächst um ganz grundlegende Fragen: Was ist Raum? Wodurch wirkt Raum? Und wie lässt sich Raum mit ganz wenigen Mitteln schaffen? Begriffsarbeit, Bildanalysen und kleine praktische Übungen halfen uns, hier Antworten zu finden. Und als die SuS nur mit etwas Pappe und einigen Schaschlikspießen „Räume ohne Wand und Decke“ bauten, zeigte sich schon, dass sie sehr feinsinnig und auf ganz eigene Weise an diese Arbeit herangingen.  

Inzwischen hatte sich auch im Theaterkurs einiges bewegt und wir wurden eingeladen, um einen Blick auf die ersten Arbeitsproben zu werfen: Ausgehend von dem Text „Bomb Song – untitled“ von Thea Dorn hatten sich die SuS mit dem Thema Alltag beschäftigt. In einer losen Folge von Szenen wollten sie zeigen, wie die Träume und die Lebendigkeit der Kindheit allmählich unter der Decke des Gewohnten ersticken.

Schon in ihrer Unfertigkeit kam die Kraft und Dramatik des Stückes zur Geltung – die „Künstler“ waren sichtlich beeindruckt und zollten den „Schauspielern“ ihren Respekt. – Aber dann waren wir doch alle erstmal ein bisschen ratlos: Es war den Schauspielern nämlich mit ganz einfachen Mitteln schon selbst gelungen, den Raum als Teil  ihrer Inszenierung zu besetzen. Die Spielorte der Szenen wechselten, die Darsteller gruppierten sich auf der Spielfläche, nur mit ein paar Stühlen wurden Raum und Beziehung markiert. Was sollte der künstlerische Eingriff da an Verbesserung bringen?

Beide Kurse saßen am Bühnenrand zusammen und überlegten, verschiedene Ideenansätze wurden formuliert und diskutiert. Wände aus Stoff, die sich - von Schülern gehalten - im Lauf des Stückes bewegen? Zulaufende Räume, die die Ausweglosigkeit der Thematik untersteichen? Keine schlechten Ideen, aber im Endeffekt vielleicht doch eher eine Störung des Spielablaufs?  
Langsam reifte die Erkenntnis: Wir müssen umdenken – welche künstlerischen Mittel gibt es noch? Und dann zeichnete sich die Lösung ab: Mit Bildprojektionen im Hintergrund wollten wir versuchen, die Atmosphäre des Stückes weiter zu verdichten.  
Die Idee fand Zustimmung – und in der nächsten Stunde sprangen wir alle zusammen ins kalte Wasser. Gut, dass Susanne Szepanski eine echte „Allrounderin“ ist, die bereit und in der Lage war, ihre Ideen nun in diese ganz andere Art der Arbeit einfließen zu lassen. 

In kleinen Gruppen ordneten sich die SuS den verschiedenen Szenen zu und überlegten, in welchen Bildern und Abläufen sich deren Aussage und das Gefühl von Alltag zum Ausdruck bringen ließe. Sie filmten kleine Abläufe oder schnitten Bilder zu Trickfilmen zusammen und näherten sich diesem nicht einfachen Thema überraschend vielfältig und konzeptuell: Sena und Ayleen setzten Zahnräder aus dem Legokasten zusammen und filmten deren Bewegung im Schattenriss, Noah und Flora sammelten Zeitungsschlagzeilen und blendeten diese Fundstücke des ganz alltäglichen Schreckens ineinander, bei Mathilde bewegte sich ein animierter Punkt in einem Labyrinth, ohne den Ausweg zu finden, Hanna verdunkelte eine Bildfläche in kleinen Stücken nach und nach bis zu einem fast vollständigen Schwarz, Marina und Malina inszenierten hinter einer Schattenwand ihre Mitschüler, wie sie – selbst bloß noch anonyme Körper - hintereinander in nicht endender Reihe die Bildfläche durchschritten, Mojtaba und Joyleen beschleunigten die Bewegung einer gezeichneten Spirale im Film von der Zeitlupe bis zum optischen Flimmern immer mehr und zeigten damit, dass dem Protagonisten sein Leben langsam entgleitet, Muriel und Lilly entwickelten im Trickfilm eine Struktur, die an ein zerspringendes Glas erinnerte und damit das Finale des Stückes versinnbildlichte, in dem der Protagonist unter dem Druck des Alltags zerbricht.

Etwas unfertig und technisch unausgereift waren unsere Filme noch, als wir sie das erste Mal versuchten, mit den Theaterszenen in Einklang zu bringen – aber es war wie im richtigen Leben: Die Zeit drängte, die Premiere stand bevor. Filme und Szenen mussten zeitlich aufeinander abgestimmt, Redundantes musste gekürzt, Fehlendes ergänzt werden.  
Der Eindruck blieb noch etwas unklar und wir konnten nicht sicher sein, dass die Sache klappte. Eine Doppelstunde blieb uns noch, um letzte Hand anzulegen – dann musste sich beweisen, ob das Vorhaben aufgehen würde.

Am 20.06.2016 strömten die SuS der Klassen 10 dann in die Aula, gespannt saßen auch die SuS des Kunstkurses in den ersten Reihen, als es dunkel wurde und das Stück begann. Auf einer großen Leinwand hinter der Spielfläche wurden unsere Filme projiziert, zu jeder Szene und als Übergang von Szene zu Szene hatten wir die verschiedenen Filme nun in eine passgenaue Reihenfolge gebracht und die Musik, die zwischen den Szenen dazu eingespielt wurde, schloss Spiel und Projektion zu einem Ganzen zusammen.

Das Feedback der Lehrer und Schüler nach dem Stück fiel dann auch entsprechend positiv aus. Die Videos aus dem Hintergrund wurden in ihrem besonderen Charakter erfasst und als enorme Bereicherung empfunden - und die Künstler bekamen ihren Teil vom Applaus ab. Die Anstrengung hatte sich gelohnt! Und bei unserem großen „Fest der Künste“ am 14.07. konnten Schüler, Eltern und Lehrer die besten Szenen noch einmal verfolgen!

In den verbleibenden Unterrichtsstunden des Semesters schloss sich dann der Kreis – von der Frage: "Was ist Raum und wodurch wirkt er?" waren wir ausgegangen – nun wollten wir die Antwort praktisch geben und machten uns daran, für die Szenen des Theaterstücks, das uns inzwischen wohlvertraut geworden war, Modelle für Bühnenräume zu schaffen - für jede Szene eins, das die jeweilige Athmosphäre aufgreifen sollte. Im Modell war es möglich, Raumkonstellationen zu entwickeln, die wir in Wirklichkeit nie hätten umsetzen können.  
Da war sie ja wieder – die Architektur!

Im Peer-to-Peer-Workshop kurz vor den Sommerferien erläuterten die Zehntklässler ihren jüngeren Mitschüler/innen dann unser Projekt. Gemeinsam wurde auch hier zunächst im Gespräch und dann beim Bau kleiner Stehgreifmodelle dem nachgespürt, was Raum ausmacht. Und wieder zeigte sich, dass die SuS komplexe Sachverhalte verständlich und anregend weitergeben konnten. Nun hatten wir die großen Ferien verdient! 

Redakteurin: Heidrun Kremser

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Oberstufenschüler kooperieren mit professionellen Gestaltern und geben ihre Erfahrungen an jüngere Mitschüler weiter

Das zweite Projekt in der Reihe „Vom Kulturaustausch zur Austauschkultur“ fand im Wintersemester 2015/16 statt. Als Kooperationspartnerin hatten wir die Illustratorin CHRISTINA COHEN-COSSEN eingeladen. Als gelernte Tischlerin und Tischlermeisterin hat Christina Cohen-Cossen ein Gespür für Holz – und dem geht sie auch in ihrer künstlerischen Arbeit nach: Im Anschluss an ihr Studium des Grafikdesigns an der Armgartstraße in Hamburg hat sie zahlreiche Bücher mit ihren schwungvollen, farblich feinsinnig abgestimmten Holzschnitten illustriert und sogar ein Buch über die Technik des Holzschnitts verfasst. Beste Voraussetzungen, um auch die Schüler/innen des GK Kunst S3 mit dieser Technik vertraut zu machen.

Am 01.08.2015 kam sie zum ersten Mal in den Unterricht und brachte eine Reihe ihrer Bücher und Drucke mit, um einen Eindruck davon zu geben, welche Möglichkeiten die Arbeit mit dem Holzschnitt bietet. Schon hier wurde sichtbar, wie frei und lebendig man mit dieser – zunächst vielleicht eher sperrig wirkenden - Technik arbeiten kann. Christina Cohen-Cossens Drucke wirken fast skizzenhaft zart, wie mit leichter Hand hingeworfen – und sind doch mit einem Messer aus der Holzplatte geschnitten. Einige Charakteristika des Hochdrucks wurden herausgearbeitet, erste technische Hinweise formuliert – aber es war klar: Am besten lernt man doch beim Tun.

Und so ging es schnell an die praktische Arbeit: Um eine ähnlich lockere Hand und einen eigenen Strich zu entwickeln, begannen wir zunächst mit Skizzen – und zeichneten blind. Etwas befremdet reagierten die SuS schon, als sie ihren eigenen Kopf mit geschlossenen Augen abtasten und die Tasteindrücke auf dem Papier protokollieren sollten. Manch einem fiel es zunächst schwer, sich mit allem Ernst und ohne „zu schummeln“ darauf einzulassen. Aber die Ergebnisse hatten ganz sichtbar ihren besonderen Reiz - und der lag nicht in der Ähnlichkeit zum „Original“, sondern in der Ausdruckskraft des Strichs!

Ähnlich unverkrampft und locker sollten auch die Entwürfe für den Holzschnitt entstehen und deshalb hatten wir uns auch hier für die Arbeit vor dem „lebenden Objekt“ entschieden. Da es um den Motivkreis Tiere gehen sollte, zogen wir zum Motte-Hühnerhof. Mit schwungvollem Strich entstanden auf dieser kleinen Exkursion ins Herz Ottensens viele spontane Skizzen von sitzenden und laufenden, pickenden und flatternden Hühnern. Und auch hier ging es weniger um die anatomisch korrekte Darstellung als um den eigenen Ausdruck der Zeichnung. Und Ausdruck hatten sie, unsere Hühnchenportraits!

In den nächsten Stunden wurden die Favoriten ermittelt, die schönsten Skizzen mit dicken Pinseln vergrößert und zuletzt auf die Holzplatte übertragen. Das aber war erst der Anfang – die eigentliche Arbeit ging jetzt erst los! Und sie war durchaus kompliziert. Denn das Prinzip beim Holzschnitt heißt erst einmal: Umdenken! Da es sich beim Holzschnitt um eine Hochdrucktechnik handelt, müssen alle Motivelemente, die später drucken sollen, erhaben stehen bleiben – das, was in die Platte hereingeschnitten wird, druckt später nicht. Das galt es zu bedenken, vor allem deshalb, weil unsere Drucke mehrfarbig sein und mit nur einer Druckplatte hergestellt werden sollten.

Allem, was kompliziert ist, nähert man sich am besten Schritt für Schritt. Deshalb begannen die Schüler/innen zunächst einmal damit, das Hauptmotiv des Hühnchens mit einer V-Fuge zu umgrenzen. Wie breit soll sie sein, wie tief – einfach oder doppelt? Gut, dass wir Christina Cohen-Cossen an der Seite hatten, die diese technischen Fragen problemlos klären konnte – die uns aber vor allem vermittelte, dass der Reiz des Holzschnitts eben auch im Ausprobieren besteht und darauf, auf das zu reagieren, was entsteht.

Denn der erste Abzug war eben nur der Anfang, auf den es aufzubauen galt. Weitere Druckgänge sollten folgen, in deren Verlauf die Platte immer weiter bearbeitet und verändert wurde. Diese Technik nennt man „Verlorener Druckstock“ und tatsächlich wird nach jedem Druck immer mehr von der Platte weggeschnitten – wiederholbar ist der Vorgang nicht.

Mit der hellsten Farbe ging es los. Christina Cohen-Cossen hatte sich inzwischen in der Druckwerkstatt stationiert, Farben gemischt und geschmeidig gespachtelt, aufgewalzt und auf der Hochdruckpresse erste Abzüge gemacht. Aber bloß zusehen war nich’ - Selbermachen war angesagt. Vor allem Rasmus, Kemal und Tolunay mauserten sich schnell zu Druckspezialisten und waren bald in der Lage, die Druckwerkstatt selbst zu schmeißen.

Nach dem Druck war vor dem Druck - die Farben für den Mehrfarbdruck wurden nach und nach in Schichten übereinander gedruckt. Zwischendurch galt es zu entscheiden, wie es weitergehen sollte.

Welche Bereiche sollten in der zuletzt gedruckten Farbe bleiben (sie mussten nun weggeschnitten werden), welche Bereiche sollten durch Strukturen belebt werden, wie sollte sich die Komposition als Ganzes entwickeln? Solche Entscheidungen fielen nach und nach – immer in Reaktion auf das jeweilig letzte Druckergebnis. Schon diese Beschreibung mag zeigen: So ganz einfach war das nicht und mancher musste seine Stirn ganz schön in Falten legen, um den Überblick nicht zu verlieren.  
Mit der Zeit aber wurde die Sache klarer – und nach und nach entstanden Arbeiten von überraschender Ausdruckskraft und Lebendigkeit.  

Das Lob der Meisterin fiel schon fast euphorisch aus! Tolle Arbeiten waren da entstanden – und erst etwas ungläubig, dann zusehends selbstbewusster erkannten auch die Schüler die Qualität ihrer Arbeit. Einen greifbaren Beweis brachte dann die Ausstellung in der schuleigenen galerie!, in der die Schülerarbeiten zusammen mit einigen Arbeiten von Christina Cohen-Cossen präsentiert wurden. Die Besucher waren so begeistert von den Arbeiten der Schüler, dass noch am Abend der Vernissage am 09.02.2016 acht der Holzschnitte einen Käufer fanden. – Soviel hatten wir hier noch nie verkauft! Die Schüler konnten nun als Experten den neugierigen Ausstellungsgästen erläutern, wie die Technik des Verlorenen Druckstocks funktioniert.

Eine gute Übung für den Peer-to-Peer-Workshop war das, der am 04.03.2016 stattfand! Denn hier standen ja nun die Oberstufenschüler erneut vor der Aufgabe, ihren jüngeren Mitschülern zu vermitteln, was sie im vergangenen Semester gelernt hatten. Wie beim letzten Workshop bildeten wir auch diesmal Kleingruppen. Die Oberstufenschüler hatten sich kleine Anschauungsbeispiele oder Übungen ausgedacht, um ihren jüngeren Mitschülern die Technik des „Verlorenen Druckstocks“ zu vermitteln, die ihnen selbst ja durchaus einiges Kopfzerbrechen bereitet hatte.
Wieder wurde ein Gang durch die Ausstellung in der galerie! zur Anregung genutzt.  
Unverzögert und voller Elan machten sich die Neuntklässler dann an die eigene Arbeit. Ihnen standen – um die handwerkliche Arbeit etwas zu erleichtern– Gummiplatten statt der Holzplatten zur Verfügung. Schließlich hatten sie ja auch nur zwei Stunden Zeit für ihre Arbeit und nicht ein ganzes Semester.  
Begleitung, Korrektur und Druck lagen in der Hand der Oberstufenschüler. Christina Cohen-Cossen schaute nur zu und konnte bald erkennen, wie lauter feinsinnige und höchst individuelle Bildideen rund um das Thema „Pflanze und Tier – alles was lebt“ entstanden.  
Erneut waren viele von ihnen so gelungen, dass wir mit ihnen die Ausstellung in der galerie! um einen neuen Aspekt bereichern konnten.  

Gleich im Anschluss an den Workshop ging es in den Computerraum zur Evaluation. Und wie schon beim letzten Mal fiel die Rückmeldung ausgesprochen positiv aus. Beide Seiten hatten die gemeinsame Arbeit anregend gefunden und Spaß daran gehabt.  
Sie waren sich einig: Mit unseren Kooperationsprojekten sind wir nicht auf dem Holzweg! Das gibt Energie für's nächste Mal! 

Redakteurin: Heidrun Kremser

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Oberstufenschüler kooperieren mit professionellen Gestaltern und geben ihre Erfahrungen an jüngere Mitschüler weiter

Mit dem Projekt „Vom Kulturaustausch zur Austauschkultur“ möchten wir gern an eine bereits gewachsene Projektkultur im Fachbereich Kunst anknüpfen, diese aber um die Dimension des Peer-Tutoring erweitern und so ausgehend vom Kultur-Austausch im Fach Kunst die ersten Schritte zu einer Austausch-Kultur für die ganze Schule einleiten. Dafür planen wir über für die nächsten Jahre eine Reihe von Kooperationsprojekten von Oberstufenschülern mit unterschiedlichen Kreativen: Künstlern, Architekten, Designern... 

Wie bisher soll zunächst die gemeinsame Arbeit im Zentrum stehen: Erst einmal geht es für die Schüler/-innen darum, die Arbeit des Kooperationspartners kennenzulernen, Anregungen aufzugreifen, eigene Strategien zu entwickeln und in einer Projektarbeit zu realisieren. Im Anschluss daran – jeweils zum Abschluss des Semesters – soll es dann um die animierende Weitergabe der in der Projektarbeit gewonnen Erkenntnisse und Erfahrungen an jüngere Mitschüler des Wahlpflichtkurses Kunst aus Klasse 8 gehen. Das Projekt mit MALTE URBSCHAT, einem konzeptionellen Bildhauer (geb.1972), ist das erste Projekt der Reihe. Es fand im Sommersemester 2015 statt. Am 17.2.2015 kam er das erste Mal in den Unterricht und stellte den Schülern seine Arbeiten vor – eine echte Herausforderung für die Gruppe – denn wer im aktuellen Kunstdiskurs nicht selbstverständlich heimisch ist, benötigt schon einen zweiten Blick, um seiner Arbeitsstrategie auf die Schliche zu kommen:

Das Material für seine Arbeit sind banale Gegenstände, Alltagsreste und Fundstücke – diese lädt er in ungewöhnlichen Kombinationen mit Bedeutungen auf und setzt sie zu Objekten zusammen, deren Sinn auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen changiert und sich weder eindeutig noch selbstverständlich erschließt. Typisch für Malte Urbschat ist die Verwendung von allem, was glitzert und leuchtet: mit Lametta, Folien und Neonfarben verwischt er die Grenzen zwischen Kitsch und Kunst.

„Ich fand die Skulpturen sehr sonderbar – bunt, grell und kitschig. Auf den ersten Blick verwirrte mich der Anblick und die vielen Farben und Materialien wirkten auf mich ein, so dass ein eher unangenehmes Gefühl hervorgerufen wurde.“ (Rasmus)

Am Beispiel seines „Migränemobilés“ aber wurde offensichtlich, dass man auch in derart abstrakter Kunst „lesen“ kann. Einfühlsam und treffsicher spürten die Schüler schnell den Stimmungen und Bedeutungen nach, die das Objekt vermittelte.

„Als ich das Bild von der Skulptur das erste Mal gesehen habe, fiel mir zuerst das Durcheinander auf – und die grellen Farben. Bei näherer Betrachtung erkennt man einen Totenkopf, der mit drei Spießen durchbohrt wurde, zwei durch die Augen und der dritte von oben nach unten durch den Kopf. Die durchstochenen Augen könnten für den Sehverlust bei Migräne stehen. Neon stellt vielleicht die Empfindlichkeit auf Licht und die extreme Farbempfindlichkeit der Augen bei Migräne dar – alles kommt einem greller, lauter und bunter vor, aber nicht bunt im schönen Sinne, sondern nervig. Auf dem Spieß, der den Kopf von oben nach unten durchbohrt, wurde unten gedeckt gefärbte Wolle angebracht und mit Neonschnüren umwickelt, die dunkle Wolle könnte für Gefühle wie Taubheit und Müdigkeit stehen und das Neon für schnelle Reizbarkeit. Das Glitzer (Lamettafäden) könnte für das plötzliche Auftreten von Migräne stehen.“ (Fanny)

In den folgenden Stunden ging es darum, in kleinen Übungen einen Zugang zu der Arbeitsweise Malte Urbschats zu gewinnen. Wir fragten Alltagsobjekte auf ihre assoziativen Bedeutungen ab, erkundeten in Ohrstäbchen-Objekten spielerisch mögliche Wege zur Formfindung und analysierten mit Hilfe kleiner Papier-Objekte die Ausdrucksmittel abstrakter Plastik. Auf der Basis dieser Vorarbeit schloss sich dann die Arbeit an einem eigenen „Gefühlsobjekt“ an, für das die Schüler ebenfalls unterschiedlichste Materialien und Objekte zusammensetzen und dabei ganz bewusst deren materielle, formale und inhaltliche Qualitäten ausreizen sollten. Es ging darum, eigenen Stimmungen, Träumen oder Ängsten nachzuspüren und diese in einem plastischen Objekt zum Ausdruck zu bringen. Diese Arbeit beschäftigte den Kurs über mehrere Wochen und zu jeder Stunde brachte Malte Urbschat neue Fundstücke mit: die Reste eines künstlichen Weihnachtsbaums, eine Satellitenschüssel, Bauklötze, Golddrähte, Deckel, Pailletten... Es wurde gebohrt, gesägt, gehämmert und geklebt – und Malte Urbschat stand mit Rat und Tat zur Seite. Immer mehr verdichteten sich die Elemente und die Objekte nahmen Form an.

Ihre Titel geben einen Eindruck vom Spektrum der Ansätze: Eher fröhlichen, unbeschwerten Arbeiten wie „Sundaymorning“ oder „Geflügelte Freude“ standen dunklere Stimmungen gegenüber: „Into Darkness“, „Caved in“ oder „Von der sozialen Angst überschattet“ lauten ihre Titel. Aber auch philosophische Ansätze waren dabei, z.B. „Der davonschweifende Gedanke im Reizüberfluss“ oder „Lobotomie“. „Stimmungshöhen – Stimmungstiefen“ hieß dann auch die Ausstellung in der schuleigenen Galerie, in der die Ergebnisse des Kooperationsprojekts zusammen mit Arbeiten von Malte Urbschat präsentiert wurden. Die Ausstellungseröffnung fand am Dienstag, dem 7.7.2015 um 19.00 statt – wie immer in der Galerie mit einer richtigen Vernissage. Aber das war noch lange nicht alles! Schließlich ist ein ganz entscheidender Teil unseres Konzepts ja die Vermittlung der Erfahrungen von peer to peer. Neugierig und noch ein wenig schüchtern sammelten sich die Schüler/innen des Wahlpflichtkurses Kunst aus der Klasse 8 deshalb zwei Tage später im Kunstraum – wo sie von den Schüler/innen der Oberstufe schon erwartet wurden.

Kleine Gruppen wurden gebildet, in denen die Oberstufenschüler ihren jüngeren Mitschülern zunächst die Arbeiten von Malte Urbschat vorstellten – und dabei einige didaktische Kompetenz an den Tag legten: Kleine Arbeitsaufträge wurden gestellt, Ideen gesammelt, Interpretationsansätze diskutiert – und die Schüchternheit verflog.

Gemeinsam zogen die Gruppen dann in die Galerie. Hier, in der Ausstellung, wurde offensichtlich und greifbar, was im Vorfeld vielleicht noch ein wenig fremd geklungen hatte: wie es möglich ist, Gefühle und Stimmungen mit Alltagsobjekten zum Ausdruck zu bringen – anders lässt es sich nicht erklären, dass die Achtklässler im Anschluss an diese Führungen derart zielstrebig an die Umsetzung eigener Ideen gingen: Im Kunstraum lag ein Haufen Material und Werkzeug bereit, kleine Kärtchen mit einer Auswahl von Begriffen konnten als Anregung genutzt werden – nicht jede/r brauchte diesen Impuls: Die kreative Energie war fast mit Händen zu greifen. Und die Oberstufenschüler standen unterstützend zur Seite.

Innerhalb von zwei Stunden entstanden lauter humorvolle, witzige, fein- oder tiefsinnige – in jedem Fall aber überraschende kleine Objekte. Die Ergebnisse der Arbeit waren derart überzeugend, dass wir kurzerhand eine weitere Vitrine in die Galerie rückten, um sie gemeinsam mit den Arbeiten der „Großen“ auszustellen.

Gleich im Anschluss an den Workshop ging es in den Computerraum. Professionell unterstütztvon Jennifer Kurré hatten wir nämlich im Vorfeld einen Online-Feedbackbogen entwickelt, in dem beide Gruppen die gemeinsame Arbeit beurteilen sollten. 
Das Ergebnis liegt inzwischen vor und es fiel ausgesprochen positiv aus: Sowohl den älteren als auch den jüngeren Schülern hatte der Austausch Spaß und Anregung gebracht - die „Zufriedensheitswerte“, wie das wohl in der Fachsprache heißt, mit bis zu 92%iger Zustimmung können sich sehen lassen. – Eine schöne Bestätigung, die ahnen lässt, was manchem Pädagogen schon lange schwant: Schüler sind einfach die besseren Lehrer! Wir sind gespannt, wie es weitergeht!