Claussen-Simon-Wettbewerb für Hochschulen
Claussen-Simon-Wettbewerb für Hochschulen

 

Projekttagebuch von der Universität Hamburg

"Überlebensgeschichte(n): Trauma und Erinnerung als Gegenstand angewandter Romanistik"

Gewinner beim Claussen-Simon-Wettbewerb für Hochschulen 2014
Projektleiterin: Prof. Dr. Silke Segler-Meßner

 

ÜBERLEBENSGESCHICHTE(N): TRAUMA UND ERINNERUNG ALS GEGENSTAND ANGEWANDTER ROMANISTIK

Prof. Dr. Silke Segler-Meßner, Universität Hamburg

1. Ausgangssituation

Zu den Besonderheiten des Instituts für Romanistik gehört der Dialog zwischen Studierenden und den Professoren bzw. Professorinnen. Bereits im Einführungsmodul lernen die Studienanfänger und –anfängerinnen ihre späteren Prüfer und Prüferinnen kennen. Insofern mangelt es an unserem Institut nicht an Möglichkeiten der Zusammenarbeit, wohl aber an anwendungs- und handlungsorientierten Projekten, die Theorie und Praxis miteinander verbinden. Häufig genug absolvieren die Studierenden in der vorlesungsfreien Zeit die gewünschten und notwendigen berufsorientierenden Praktika, während die Professoren und Professorinnen an ihren Forschungsprojekten arbeiten oder Publikationen vorbereiten.

Ziel des Projekts „Überlebensgeschichte(n): Trauma und Erinnerung als Gegenstand angewandter Romanistik“ ist es, ein neues Lehrformat zu entwickeln, das zum einen als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis fungiert und damit eine strukturelle Leerstelle schließt und zum anderen das gängige Vorurteil gesellschaftlicher Irrelevanz widerlegt, mit dem sich die Geisteswissenschaften und auch die Romanistik konfrontiert sehen. Ein Studium der Romanistik erschöpft sich weder im Erlernen der romanischen Sprachen noch in der Aneignung eines rein fachspezifischen Wissens. Im Gegenteil, es vermittelt eine Vielzahl an berufsrelevanten Kompetenzen und kann aktiv an der Gestaltung des kollektiven Gedächtnisses partizipieren, wie das folgende Projekt zeigen wird.

2. Gegenstand

Was passiert mit der Erinnerung, wenn die Zeitzeugen sterben und es keine Überlebenden mehr gibt, die von dem Grauen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern Zeugnis ablegen können? Sie wird zu einem Gegenstand transgenerationeller Gedächtnisarbeit in Theorie und Praxis und das nicht nur in den Geschichtswissenschaften, sondern auch in der Romanistik bzw. in den romanischen Kulturwissenschaften. Seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts stehen die Wechselwirkungen von Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen in ihren sowohl individuellen als auch kollektiven Dimensionen im Zentrum kulturwissenschaftlicher Forschung. So sind in der Romanistik zahlreiche Arbeiten und Beiträge entstanden, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg als kollektivem Trauma und der Frage der Herausbildung und Gestaltung sowohl individueller als auch kollektiver Erinnerungsnarrative beschäftigen. Der Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht ist in Frankreich und Italien von zentraler Bedeutung für das nationale Selbstverständnis. Die zahlreichen Zeugnisse der Überlebenden, die zum Opfer politisch oder ethnisch motivierter Gewalt geworden sind – zu den wohl bekanntesten Überlebensschriften gehören die Werke Primo Levis und Robert Antelmes -, besitzen nicht nur dokumentarischen Wert, sondern sind gleichzeitig auch Artefakte der romanischen Erinnerungskulturen, die es zum einen in ihrem Gemacht-Sein zu erforschen gilt und die zum anderen zu einer Auseinandersetzung mit der Erfahrung von Verletzbarkeit und systematischer Zerstörung menschlicher Existenz auffordern. Diese Beschäftigung mit dem Erbe von Verfolgung, Deportation und Vernichtung findet in zahlreichen Texten und Filmen der so genannten zweiten und dritten Generation statt und bildet den Ausgangspunkt der gemeinsamen Projektarbeit, die die Möglichkeiten der Aktualisierung des kollektiven Traumas der Gewalt ebenso wissenschaftlich wie praktisch erörtert.

3. Präsentation des Projektes

Das Projekt „Überlebengeschichte(n): Trauma und Erinnerung als Gegenstand angewandter Romanistik“ richtet sich an Bachelor of arts/of education-Studierende der Frankoromanistik und Italianistik ab dem 3. Fachsemester und an die Master-Studierenden „Romanische Literaturen“ mit den Schwerpunkten Französisch/Italienisch. In zwei Semestern erschließen sich die Studierenden in einer ebenso wissenschaftlichen wie anwendungsbetonten Perspektive die Überlebensgeschichte(n) in Frankreich und Italien. Das Projekt realisiert sich auf zwei Ebenen: einerseits haben die Studierenden die Möglichkeit, sich für eine Projektgruppe zu bewerben, in der sie praktische berufsorientierende Kompetenzen erwerben und sich zugleich aktiv an der Tradierung und Gestaltung der romanischen Erinnerungskultur beteiligen; andererseits nehmen die Studierenden begleitend an einem Seminar teil, in dem sie gemeinsam mit mir die konzeptuellen Grundlagen erarbeiten und innovative Forschungsfragen wie z.B. wodurch zeichnet sich ein kollektives bzw. kulturelles Trauma aus? diskutieren.

Folgende Projektgruppen stehen den Studierenden zur Auswahl:

Projektgruppe: Theater – In dieser Arbeitsgemeinschaft lesen die Studierenden unterschiedliche französische oder italienische Theaterstücke, die entweder im Lager entstanden sind wie z.B. die Operette Les Verfugbar aux enfers von Germaine Tillon oder das Überleben im Lager zum Thema haben, wie z.B. Charlotte Delbos Chi rapportera ces paroles? Sowohl Germaine Tillon als auch Charlotte Delbo waren Mitglieder der Résistance und sind nach Ravensbrück bzw. Auschwitz deportiert worden. Gemeinsam adaptieren die Studierenden das Stück für eine Aufführung, was auch heißt, dass sie den Text ins Deutsche übersetzen. In zwei Workshops mit einem Regisseur bzw. einer Regisseurin erhalten sie die notwendige fachspezifische Unterstützung für die Inszenierung. Sie müssen auch die Schauspieler und Schauspielerinnen auswählen und sich um das Bühnenbild kümmern.

Projektgruppe: Archivarbeit – Es existiert mittlerweile ein umfassender Korpus an Zeugnissen von französischen und italienischen Überlebenden der deutschen Konzentrationslager. Gleichzeitig befinden sich immer noch im wahrsten Sinne des Wortes „ungelesene“ Erzählungen und Gedichte in den Archiven der Gedenkstätten ehemaliger Konzentrationslager. Diese Arbeitsgemeinschaft setzt sich zum Ziel, wissenschaftliche Pionierarbeit zu leisten und in dem ehemaligen Frauenlager Ravensbrück ebenso wie in dem Männerlager Buchenwald bislang unbearbeitete Texte französischer und/oder italienischer Deportierter zu entdecken und wissenschaftlich zu erschließen. Die Studierenden bereiten gemeinsam die Reise in das jeweilige Archiv vor und treffen sich vor Ort mit der Leitung der Gedenkstätte. Sie lassen das gefundene Archivmaterial digitalisieren, um es vor Ort in Hamburg zu bearbeiten.

Projektgruppe: Topographie der Erinnerung – Bereits die Lektüre von Überlebensgeschichten setzt die imaginäre Vergegenwärtigung des Beschriebenen voraus. Insofern ist der Besuch der ehemaligen Orte und Räume systematischer Vernichtung ein wesentlicher und notwendiger Bestandteil einer transgenerationellen Gedächtnisarbeit. Die Studierenden bereiten in dieser Arbeitsgemeinschaft, die sich in erster Linie an Bachelor/Master of education-Studierende mit den Fächern Französisch und/oder Spanisch richtet, die Exkursionen nach Ravensbrück und Buchenwald vor und konzipieren eine Führung in der jeweiligen romanischen Sprache.

Projektgruppe: Begegnungen – Es gibt eine Vielzahl an französischen und italienischen Autorinnen und Autoren, die sich mit dem Verlust von Familienangehörigen in den deutschen Konzentrationslagern, mit der Frage der Weitergabe von traumatischen Erinnerungen oder mit der Zukunft der Gedenkkultur in ihren Texten auseinandersetzt. Diese Arbeitsgemeinschaft sondiert zunächst das literarische Feld der zweiten und dritten Generation, um sich dem Werk eines/einer Gegenwartsautors, -autorin zu nähern, den sie schließlich zu einem Workshop beispielsweise in Kooperation mit dem französischen Kulturinstitut in Hamburg einlädt.

Jede Projektgruppe setzt sich aus 5 bis maximal 8 Studierenden zusammen und hat einen Projektgruppenleiter bzw. –leiterin, der/die ein Master-Studierender oder ein Doktorand bzw. Doktorandin sein kann. Alle TeilnehmerInnen des Projekts inklusive der Gruppenleitungen treffen sich regelmäßig im begleitenden Seminar, das sich im Sommersemester 2015 mit der Frage der Beschaffenheit von individuellem und kollektivem Trauma innerhalb der französischen und italienischen Erinnerungskultur beschäftigt und im folgenden Wintersemester mir dem Aspekt der medialen Tradierung. So sind Theorie und Praxis eng miteinander verzahnt. Darüber hinaus bieten die organisierten Exkursionen nach Ravensbrück und Buchenwald, an denen möglichst alle Projektmitglieder teilnehmen, auch anderen Studierenden des Instituts die Möglichkeit der Teilnahme. Gleichzeitig liefert dieses Projekt den Prototypen eines anwendungsorientierten Seminars der romanischen Kulturwissenschaft, das auch auf andere Gebiete wie z.B. Gender oder Alltagskulturen adaptiert werden kann, so dass die Lehre nachhaltig von diesem Piloten profitiert. Voraussetzung dafür ist die Implementierung eines Projektseminars im regulären Curriculum unserer Bachelor-und Master-Studiengänge, das thematisch und konzeptuell eng mit studentischen Arbeitsgruppen verzahnt wird. Ab dem Wintersemester 2014/2015 können Master-Studierende der Romanistik im fachspezifischen Optionalbereich Übungen und/oder Seminare insbesondere für die BA-Studierenden anbieten. Insofern sind die formalen Voraussetzungen einer Verankerung von Veranstaltungen im Bereich der angewandten Romanistik gegeben, die sich als eigene Profillinie konstituiert. Durch die gezielte Vergabe von Lehraufträgen erhalten die Studierenden die notwendige fachliche Unterstützung z.B. im Bereich des Theaters, so dass die Nachhaltigkeit einer innovativen, gemeinsamen Projektarbeit garantiert ist. Eine enge Zusammenarbeit mit den Lektoren und Lektorinnen in Französisch und in Italienisch ist bereits für das Projekt „Überlebensgeschichte(n)“ geplant und wird auch zukünftig das Zusammenwirken von Fachwissenschaft und Sprachpraxis verstärken. Als Prodekanin für Studium und Lehre werde ich mich für die Fortsetzung dieser alternativen Arbeitsform an unserem Institut für Romanistik verantwortlich zeichnen und die Kollegen und Kolleginnen zu gewinnen suchen.

Unabdingbare Prämisse für das Gelingen dieser Pilotveranstaltung ist die Koordination der einzelnen Projekte durch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter bzw. wissenschaftliche Mitarbeiterin (50 %, 18 Monate).

4. Multimediale Abschlussveranstaltung

Das Projekt „Überlebensgeschichte(n)“ startet im Dezember 2014 mit der Ausschreibung und Bewerbung für die Arbeitsgruppen und beginnt offiziell am 1. April 2015. Am Ende des Sommersemesters, d.h. in der ersten Juliwoche 2015 werden die Zwischenergebnisse in einem Workshop präsentiert. Auf diese erste Phase der konzeptionellen Vorbereitung des jeweiligen Vorhabens in den einzelnen Projektgruppen folgt die Ausarbeitung in Phase 2, in die auch die Exkursionen fallen. Die Ergebnisse des Projektes werden in einer multimedialen Abschlussveranstaltung der Öffentlichkeit präsentiert, die idealerweise Ende April/Anfang Mai 2016 stattfinden soll. Das inhaltliche Gerüst bilden hier Vorträge des wissenschaftlichen Nachwuchses und ausgewählter Experten und Expertinnen zu dem Themenbereich der „Überlebensgeschichte(n)“, die von Theaterstück und Workshop mit einem Autor/Autorin umrahmt werden. Alle Ergebnisse sollen schließlich in einer Publikation dokumentiert werden.

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Redakteur: Benjamin Trella

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Am 29. und 30. April 2016, zwei Wochen nach der offiziellen Abschlussveranstaltung, fand unser Projekt „Überlebensgeschichte(n): Trauma und Erinnerung als Gegenstand angewandter Romanistik“ mit der Aufführung des französischsprachigen Stückes Nous sommes revenues... – einer Adaption von Zeugentexten der in Auschwitz und Ravensbrück inhaftierten französischen Widerstandskämpferin Charlotte Delbo – seinen ebenso beeindruckenden wie ergreifenden Ausklang, in dessen Rahmen die Studierenden der Projektgruppe Theater nach rund zehnmonatiger Vorbereitung ein multikulturelles Publikum mit herausragenden schauspielerischen, sprachlichen und memorativen Fähigkeiten begeistern konnten.
Die Inszenierung, mit der das Projekt in den Räumlichkeiten des MUT!-Theaters gastierte, ist das Resultat einer beachtlichen konzeptionellen Transferleistung: Im Zuge des begleitenden Seminars hatten sich die Gruppenteilnehmer im Sommersemester 2015 zunächst mit der Frage der Beschaffenheit von individuellem und kollektivem Trauma innerhalb der italienischen und französischen Erinnerungskultur auseinandergesetzt und Delbos Zeugentext Aucun de nous ne reviendra erschlossen. Für die Bühnenadaption des Erzähltextes sowie für die notwendige fachspezifische Unterstützung zeichnete der französische Regisseur Yazid Lakhouache verantwortlich, der die Studierenden in zwei mehrtägigen Workshops in die Schauspielkunst eingeführt und in einer intensiven Probenwoche auf die bevorstehende Premiere vorbereitet hatte. Eine maßgebliche Herausforderung bestand darüber hinaus im Szenario des Originaltextes selbst: Wie – wenn überhaupt – lässt sich die KZ-Erfahrung spielen? Inwieweit ist es möglich, das Lager, das der Text Delbos schildert, auf die Bühne bringen, ohne zugleich dessen Darstellbarkeit und Nachvollziehbarkeit zu behaupten?
Entsprechend lenkte der von mehreren Seiten einsehbare Bühnenraum, in dem sich die  DarstellerInnen um wenige Requisiten versammelten, um im Wechsel einzeln aus dem Kollektiv hervorzutreten und Zeugnis von der traumatischen Erfahrung abzulegen, die Aufmerksamkeit der Theatergäste auf das Gesagte. Das Publikum erhielt in dieser Hinsicht eine besondere Bedeutung, wie Lakhouache in seiner Dankesrede nach Ende der Vorstellung zu betonen wusste: Es würdige mit der bis auf den letzten Platz ausgebuchten Vorstellung nicht nur das außergewöhnliche Engagement der jungen Theatertruppe, sondern schenke in den verkörperten Worten der SchauspielerInnen gleichermaßen den Zeugnissen der Überlebenden Charlotte Delbo Gehör und schaffe insofern erst durch seine Anwesenheit die Möglichkeit des Erinnerns.
„Alors, quelle pièce proposes-tu?“ - Sag, welches Stück spielen wir als Nächstes? Mit dieser zwischen Bitten und Drängen oszillierenden Frage aus dem Kollektiv weiblicher Lagerinsassen ließ das Stück den Zuschauer nachrund eineinhalb Stunden in der Dunkelheit des Theatersaals zurück. Die letzte Szene – eine Diskussion der Frauen über Möglichkeiten und Potenziale theatraler Repräsentation im Lager – wies das Theaterspiel in diesem Zusammenhang nicht nur als eine bedeutende Überlebensstrategie aus, sondern referierte gleichermaßen auf die Notwendigkeit einer lebendigen und aktualisierenden Erinnerungskultur, die sich weniger von einem Bemühen um Antworten als vielmehr von der steten Suche nach Fragen getragen zeigt.

(Katrin Hoffmann)

Redakteur: Benjamin Trella

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Ein spannendes, abwechslungsreiches und produktives Projektjahr neigt sich dem Ende. Unter der Leitung von Frau Prof. Silke Segler-Meßner haben sich Bachelor- und Masterstudierende der Romanistik seit dem Sommersemester 2015 in intensiver Zusammenarbeit mit wissenschaftlichem Nachwuchs und externen Experten dem Thema der „Überlebensgeschichte(n): Erinnerung und Trauma als Gegenstand angewandter Romanistik“ gewidmet. Geleitet von dem Anliegen, einen aktiven Beitrag zur Gedächtnisarbeit zu leisten, setzten sich die Teilnehmer in insgesamt fünf Projektgruppen (Theater, Topographien (span./frz.), Begegnungen (ital./frz.), Archiv, Filmwerkstatt) mit Zeugnissen französischer und italienischer Überlebender und der Frage nach möglichen Formen der Tradierung dieses Überlebenswissen auseinander. Im Vordergrund unserer zweitägigen Abschlussveranstaltung, die am 14. und 15. April 2016 in den Räumlichkeiten der Universität Hamburg stattfand, stand insofern erneut jene Verknüpfung von Theorie und Praxis, die dem Gesamtprojekt zugrunde lag.
Einen der Höhepunkte stellte gleich zu Beginn die öffentliche Lesung der französischen Autorin Marianne Rubinstein dar, die der Einladung der Projektgruppe Begegnungen gefolgt war, um mit den Teilnehmern über ihr Werk C'est maintenant du passé (2009) zu sprechen, in dem sie sich nicht nur der Rekonstruktion ihrer familiären Vergangenheit widmet, sondern zugleich die bleibenden Auswirkungen der Shoah auf die Gegenwart auslotet. Im offenen Gespräch, das der moderierten Lesung folgte, beantwortete die Autorin verschiedene Publikumsfragen zu ihrer Familiengeschichte, der Tätigkeit als Schriftstellerin  u.v.m., und ließ die Anwesenden mit vorbehaltloser Offenheit an ihren persönlichen Erfahrungen und Gedanken zu Pflicht und Potenzial des Erinnerns teilhaben.
Der zweite Veranstaltungstag stand schließlich ganz unter dem Zeichen einer (literatur-)wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Frage nach der (trans-)generationellen Weitergabe von Trauma und Erinnerung. Fachbeiträge von Professorinnen, wissenschaftlichem Nachwuchs und exzellenten Master- bzw. Bachelorstudierenden sorgten für die theoretische Rahmung des anwendungsbezogenen Projekts und eröffneten einer interessierten Zuhörerschaft vielfältige Perspektiven auf eine reichhaltige romanische Erinnerungskultur.
Nach einem thematisch facettenreichen und bis zum letzten Vortrag inspirierenden Kolloquium, das zahlreiche Gäste auch aus anderen Fachbereichen angelockt hatte, versammelten sich alle Projektteilnehmer und Gäste schließlich im nahgelegenen Café nurfürgäste, um gemeinsam den festlichen Abschluss unseres Projektjahres zu begehen. Die finale Präsentation der Forschungsergebnisse zeugte wie bereits die breit gefächerten Beiträge des Kolloquiums von einer beeindruckenden Medienvielfalt. Angeregt durch die mediale Transposition der ersten Archiv-Gruppe des Sommersemesters 2015, die die Eindrücke und Textfunde ihres Archivaufenthalts in mehrere Radiobeiträge überführt hatte, um die bislang sprichwörtlich ungehörten Stimmen der Deportierten einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen, hatte sich für das darauffolgende Wintersemester 2015/16 die Film-Gruppe mit dem Ziel konstituiert, die Überlebensgeschichten italienischer und französischer Häftlinge des Frauenlagers Ravensbrück in Form von selbstproduzierten Filmbeiträgen audiovisuell erfahrbar zu machen. Die Vorführung der Film- und Radiobeiträge wurde schließlich von einem Auftritt der Studierenden der Projektgruppe Theater abgerundet, die mit der Darbietung einer Szene aus dem gemeinschaftlich produzierten Stück Nous sommes revenues... (nach Texten von Charlotte Delbo) auf die bevorstehenden Aufführungen am 29. und 30. April 2016 im MUT!-Theater verwiesen.
Nach der Präsentation der beeindruckenden Erzeugnisse des vergangenen Semesters gab der abschließende Teil des Projektfests allenTeilnehmern, geladenen Gästen und interessierten Besuchern die Gelegenheit, sich in ungezwungener Atmosphäre über die Ergebnisse eines spannenden und in vielfältiger Hinsicht produktiven Projektjahres auszutauschen, Eindrücke Revue passieren zu lassen und die rundum gelungene Umsetzung gemeinsam zu feiern. Neben dem ungebrochenen Engagement, das die Studierenden über die Dauer des Projekts bewiesen, bestätigte die große Begeisterung aller Anwesenden den uneingeschränkten Erfolg dieses innovativen, anwendungsorientierten Lehrformats.

(Katrin Hoffmann)

Redakteur: Benjamin Trella

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Nach unserem Besuch der Gedenkstätte Buchenwald im vergangenen Semester ging es nun vom 8. bis zum 10. Januar 2016 für rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer unseres Projekts zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Ravensbrück als Ort der Erinnerung war dabei gleich in doppelter Hinsicht von wissenschaftlichem Interesse für die Studierenden: Zum einen handelt es sich um ein Frauen- und Kinderlager, zum anderen ist die Zeit der Gefangenschaft in Ravensbrück zentrales Thema im Werk bedeutender Schriftstellerinnen, die in dem Seminar von Frau Segler-Meßner gelesen und analysiert worden sind, wie z. B. Charlotte Delbo. Im Mittelpunkt stand nicht nur Geschichte des ehemaligen Lagers, sondern insbesondere auch der Wandel deutsch-deutscher Erinnerungskultur im Laufe der Jahrzehnte sowie die verschiedenen Versuche und Möglichkeiten der Mahn- und Gedenkstätte, traumatische Erinnerung auch für nachfolgende Generationen erfahrbar zu machen. Als besondere Herausforderung sollte sich zudem die Jahreszeit erweisen, denn anstelle langer Sommernächte und mediterraner Temperaturen wie in Weimar/Buchenwald, unterstrichen jetzt winterliches Grau und eisige Kälte die Tristesse des Ortes, und erinnerten zugleich an die Berichte der Überlebenden, welche an gleicher Stelle und unter noch viel größerer Kälte hatten leiden müssen.

Den zentralen Programmpunkt bildete auch dieses Mal ein romanistischer Rundgang (französisch- und spanischsprachig) durch die Gedenkstätte, angeleitet durch die Mitglieder der Topographien-Gruppen. Das Ineinandergreifen von Informationen zum Lageralltag sowie der Beschreibung von Einzelschicksalen vermittelte den Exkursionsteilnehmern/-innen in erschütternder Weise einen Eindruck davon, wie sich das Leben im Lager gestaltete und welchen Repressionen die Gefangenen ausgesetzt waren. Zusätzliche Informationen, insbesondere auch aus der Gedenkstätten-Praxis, präsentierten zudem sehr anschaulich die Mitarbeiter der pädagogischen Dienste, Herr Dr. Heyl und Herr Kunze.  

Abgerundet wurde das Programm durch eine erste Filmvorstellung unserer „Filmwerkstatt“-Gruppe, die für Dreharbeiten schon im Dezember nach Ravensbrück gereist war. Den Abschluss des gemeinsamen Aufenthalts bildete eine szenische Lesung der Theater-Gruppe, die den anderen Teilnehmer/innen mit Textpassagen aus Charlotte Delbos Werk einen weiteren Vorgeschmack auf die Aufführung im April gab.

Es zeigte sich einmal mehr, dass bei der Beschäftigung mit den im Rahmen unseres Projekts zu untersuchenden, teils sehr emotional aufgeladenen Themen der Rückhalt in der Gruppe überaus wertvoll sein kann, was sich sowohl in der Möglichkeit des Zusammen-Erlebens und des unmittelbaren Austausches untereinander, als auch in der gemeinsamen Reflexion individuell gemachter Erfahrungen zeigte. Trotz (oder gerade wegen) der bewegenden Erlebnisse gelang es den Teilnehmer/innen, immer wieder für eine positive Grundstimmung und damit auch für viele schöne Momente zu sorgen, sodass wir hoffentlich nicht nur lange, sondern auch gerne an diese Reise zurückdenken werden.

Redakteur: Benjamin Trella

Inzwischen haben sich die Wogen eines turbulenten Semesterbeginns ein wenig geglättet, sodass nun auch das Projekttagebuch auf den neuesten Stand gebracht werden soll: Auch in diesem Semester können die Studierenden wieder aus sechs Veranstaltungen rund um das Thema „Trauma und Erinnerung als Gegenstand angewandter Romanistik“ wählen. Neben dem Seminar „Überlebensgeschichte(n): Transgenerationelle und sekundäre Traumatisierung inden romanischen Erinnerungskulturen“ laden die „altbewährten“ Übungen aus den Bereichen „Theater“, „Begegnungen“ und „Topographien der Erinnerung“ zurprojektorientierten und interdisziplinären Mitarbeit ein. Eine Neuheit indiesem Semester ist die Übungsgruppe „Filmwerkstatt“, die sich aus den positivenErfahrungen mit der „Archiv“-Gruppe des Sommersemester heraus entwickelt hat.Nach dem großen Erfolg mit der auf dem Stadtsender Tide ausgestrahlten Radiosendung soll die „Filmwerkstatt“ den Studierenden nun die Möglichkeitgeben, herauszufinden wie sich der Umgang mit Traumata audiovisuell thematisieren lässt. Am Ende soll dabei ein Dokumentarfilm entstehen, der auf unserer Abschlussveranstaltung im April 2016 präsentiert wird.

Auch dieses Mal werden die Übungen wieder durch verschiedene Fach-Workshops abgerundet, von denen drei bereits stattgefunden haben:
Den Auftakt bildete die Tagung mit der deutsch-italienischen Autorin Helena Janeczek vom 29. und 30. Oktober 2015, welche durch die vorausgegangene Einladung der „Begegnungen“-Gruppe aus dem Sommersemester ermöglicht wurde. Nach einer Lesung und einem öffentlichen Gespräch mit Frau Prof. Dr. Silke Segler-Meßner in den Räumlichkeiten des Italienischen Kulturinstituts gab Frau Janeczek am Folgetag den Studierenden der Romanistik im Rahmen eines wissenschaftlichen Workshops die Möglichkeit, Fragen zu ihrem Werk zu stellen, das zuvor an der Universität behandelt wurde, und darüber hinaus gemeinsam mit der Autorin über die Möglichkeiten der Darstellung  bzw. den Umgang mit (transgenerationellen) Traumata zu diskutieren. Abgerundet wurde das Programm durch Beiträge der Doktorandin Anna Walter und der MA-Studentin Katharina Duda zum Thema „Kindheit und Trauma“.

Mit gleich zwei parallel verlaufenden Workshops ging es dann vom 5. bis 7. November weiter: Gemeinsam mit dem Regisseur Yazid Lakhouache setzte die Theatergruppe ihre Proben zur Aufführung des literarischen Werks von Charlotte Delbo fort, wobei die Teilnehmer/innen einmal mehr motiviert wurden, nicht nur an ihre schauspielerischen Grenzen zu gehen, sondern diese gar zu überwinden.

Zeitgleich war das Team der Produktionsfirma „granarte“ in der „Filmwerkstatt“ zu Gast, um den Studierenden, die bis dato zum Großteilüber keine Filmerfahrungen verfügten, technische Grundlagen für die Produktioneines Dokumentarfilms zu vermitteln, angefangen mit dem Entwurf eines Storyboards, bis hin zum Dreh und dem anschließenden Schnitt. Den Profis von „granarte“ ging es vorwiegend darum, den Teilnehmer/innen der „Filmwerkstatt“die anfängliche Unsicherheit zu nehmen und Möglichkeiten aufzuzeigen, auch mit einfachen Mitteln professionelle Filme zu drehen. Dieses sollte mit Hilfe eines ersten gemeinsam produzierten Workshop-Films erprobt werden, und so schwirrten nach einem kurzen theoretischen Einstieg bereits die ersten studentischen Filmteams aus, um nach geeigneten Interviewpartnern zu suchen, die sich auch schnell fanden, nämlich unter den Teilnehmer/innen der „Theater“-Gruppe. Dieser erste entstandene Film ist also gewissermaßen eine Co-Produktion beider Workshops, und ist damit zugleich ein schönes Andenken an dieses gelungene Wochenende.

Den Höhepunkt dieses Semesters bildet unsere gemeinsame Exkursion zur Gedenkstätte Ravensbrück im Januar 2016, im Rahmen derer die Teilnehmer/innen des Projekts einerseits einen Ort des Erinnerns bereisen, derfür das Verständnis des Werks verschiedener Schriftsteller/innen (beispielsweise von Charlotte Delbo) ganz entscheidend ist, andererseits aberauch wieder die Gelegenheit dazu bekommen sollen, ihre in den Gruppen gemachten Erfahrungen gemeinsam mit den anderen Studierenden des Projekts zu teilen.

Redakteur: Benjamin Trella

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Ein Semester lang haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts „Überlebensgeschichte(n): Trauma und Erinnerung als Gegenstandangewandter Romanistik“ nun schon zusammengearbeitet und geforscht. Nun war es an der Zeit, die Ergebnisse zu präsentieren und miteinander im Rahmen unseres Projektfestes am 2. Juli 2015 zu feiern.  

Das Programm des Abends im Café "Nur für Gäste" setzte sich aus einer Vielzahl von Vorträgen und Darbietungen der Studierendengruppen (Theater, Begegnungen, Archive, Topographie der Erinnerung) zusammen, welche ihre bisherigen Arbeiten auf ganz unterschiedliche Weise präsentierten. Den Rahmen hierzu bildete die Archivgruppe mit einer Reihe von Audiobeiträgen, welche zwischen den Auftritten der anderen Gruppen abgespielt wurden und somit den roten Faden der Veranstaltung bildeten. Unter Einbeziehung von Interviews und O-Tönen aus der Gedenkstätte Buchenwald brachten die Beiträge auf teils sehr ergreifende Weise die Überlebensgeschichten einzelner Gefangener des damaligen Konzentrationslagers zur Darstellung und zeigten zugleich, unter anderem durch das Einspielen von Interviews mit Passanten in Weimar, wie schwierig die Auseinandersetzung mit den Überlebensgeschichten in der Bevölkerung immer noch ist.

Die Mitglieder der spanisch- und französischsprachigen Gruppen „Topographie der Erinnerung“, die sich im Rahmen der Exkursion zusammengeschlossen hatten, blickten resümierend auf den von ihnen gestalteten Rundgang durch die Gedenkstätte Buchenwald und ihre Erfahrungen zurück und ließen somit die gemeinsame Zeit der Exkursion noch einmal aufleben.

Die Theatergruppe hatte eine szenische Lesung aus Charlotte Delbos Qui rapportera ces paroles? vorbereitet, die sehr professionell und unter Einbeziehung darstellerischer Elemente aufgeführt wurde. Den Teilnehmenden war der Einfluss des kurz zuvor durchgeführten Workshops mit dem Regisseur Yazid Lakhouache deutlich anzumerken, denn sie spielten ausdrucksstark und selbstsicher verschiedene Szenen aus dem Lageralltag der französischen Widerstandskämpferinnen. Im Zentrum stand dabei die Frage nach der Notwendigkeit des Überlebens, um der Nachwelt die unvorstellbare Grausamkeit der Lager bezeugen zu können. Besonders eindrücklich war hier der Chor der Widerstandskämpferinnen, die am Ende alle gemeinsam von der schwierigen Rückkehr in den Alltag erzählen.

Die Gruppe „Begegnungen“ berichtete von ihren Vorbereitungen der Lesung und des Workshops mit der italienischen Autorin Helena Janeczek, die sie in Zusammenarbeit mit dem Italienischen Kulturinstitut nach Hamburg eingeladen haben. In ihrem autobiographischen Text Lezioni ditenebra (Mailand 1997) beschreibt Helena Janeczek sehr eindrücklich ihre Kindheit und Jugend als Tochter zweier polnischer Juden, die als einzige Mitglieder ihrer Familie die Shoah überlebt haben und 1948 nach München gezogen waren. Die Arbeitsgruppe hat zunächst einen Einladungsbrief an Helena Janeczek verfasst und sich im Folgenden mit Interviewtechniken und den Spuren des transgenerationellen Traumas im Text Janeczeks auseinandergesetzt, um mögliche Fragen und Diskussionsbeiträge zusammenzustellen.

Die Veranstaltung gab den Teilnehmenden des Projekts und allen Interessierten noch einmal die Möglichkeit, sich über das Projekt auszutauschen, bisherige Eindrücke und Erfahrungen zu teilen und das Semester gemeinsam ausklingen zu lassen. Es zeigte sich deutlich, dass die Projektarbeit für eine Atmosphäre der Zusammengehörigkeit sorgt und die Studierenden aus den Bachelor- und den Masterstudiengängen in der gemeinsamen Arbeit verbindet. Das große Engagement für eine lebendige Erinnerungskultur war sehr beeindruckend und hat alle Gäste begeistert.

Redakteur: Benjamin Trella

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Was passiert mit der Erinnerung, wenn die Zeitzeugen sterben? Dieser Frage konnten sich die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Exkursion vom 12. bis zum 14. Juni 2015 ganz praktisch annähern, indem sie gemeinsam zur Gedenkstätte Buchenwald reisten  – einem Ort, der nicht allein wegen seiner  Vergangenheit als Konzentrationslager der Nationalsozialisten, sondern insbesondere auch wegen seiner Nähe zur „Kulturstadt“ Weimar sowie wegen des hohen Anteils ausländischer (teils sehr prominenter) Häftlinge (wie z. B. Maurice Halbwachs und Jorge Semprún) eine herausragende Bedeutung für die europäische Erinnerungskultur hat.

Den zentralen Programmpunkt bildete ein französisch-spanischsprachiger Rundgang durch die Gedenkstätte,  welcher von den Teilnehmerinnen der Topographien-Gruppen schon zuvor an der Universität Hamburg ausgearbeitet worden war und nun, an den Orten des Geschehens, den Exkursionsteilnehmern/-innen in bewegender Weise einen Eindruck davon vermittelte, wie sich das Leben im Lager gestaltete und welchen Repressionen die Deportierten ausgesetzt waren. Zum besseren Verständnis erhielten alle Teilnehmenden zudem einen Reader, in dem, neben den fremdsprachigen Originaltexten, auch deutsche Übersetzungen zu finden sind.

Zusätzliches Hintergrundwissen zum ehemaligen Lager und dessen Verbindungen zur Stadt Weimar vermittelte sehr anschaulich und umfassend Herr Ronald Hirte, der den Teilnehmenden als pädagogischer Begleiter der Gedenkstätte Buchenwald zur Seite stand und ihnen in mehreren Rundgängen und einer gemeinsamen Gesprächsrunde immer wieder auch die Möglichkeit für individuelle Fragen einräumte.

Den Abschluss der Reise bildete eine gemeinsame Wanderung zum Schloss Ettersburg, während der sich die Teilnehmerinnen der Theater-Gruppe verschiedene Bühnen in der Natur suchten, um Szenen aus dem Stück „Qui rapportera ces paroles?“ von Charlotte Delbo zu lesen, und damit bereits erste Einblicke in die Vorbereitungen zur Theateraufführung im April 2016 zu geben.

Während der Großteil der Exkursionsteilnehmer sich am Sonntag, den 14. Juni 2015 wieder auf den Heimweg machte, blieb die Archivgruppe für weitere vier Tage in Buchenwald, um die Recherchearbeit im Archiv aufzunehmen und Interviews für den geplanten Radiobeitrag zu führen.

Die Exkursion hat nicht nur zur Sensibilisierung für den Umgang mit traumatischer Erinnerung von Überlebenden der deutschen Konzentrationslager und somit auch zum besseren Verständnis der im Rahmen unseres Projekts behandelten Literatur beigetragen, sondern war darüber hinaus auch eine gelungene Zusammenführung der Mitglieder, die bis dato hauptsächlich in den einzelnen Übungsgruppen bzw. der Seminargruppe gearbeitet hatten, zu dem gemeinsamen Projekt „Überlebensgeschichte(n)“.

Redakteur: Benjamin Trella

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Zu den Höhepunkten unseres Projektes „Überlebensgeschichte(n)“ gehören zweifelsohne die beiden Workshops, die Anfang Mai im Phil-Turm der Universität Hamburg stattfanden. Vom 7. bis zum 9. Mai 2015 konnten die Studierenden Romanistik in einer konkreten Anwendungsperspektive erleben und damit ihre bislang dominant wissenschaftliche Auseinandersetzung um bis dahin unbekannte Erfahrungen erweitern. In dem Archiv-Workshop mit Hartmut Duppel, einem Doktoranden von der Universität Regensburg, der seine Dissertation über französische Texte schreibt, die in den deutschen Konzentrationslagern entstanden sind, und insofern alle namhaften Archive der Gedenkstätten sehr gut kennt, stand die konkrete Beschäftigung mit Archivalien im Zentrum. In dem zeitgleich stattfindenden Theater-Workshop mit dem französischen Regisseur Yazid Lakhouache ging es um die konkrete Arbeit mit dem Text einer Résistance-Kämpferin.

Der Archiv-Workshop sollte die Studierenden auf die bevorstehende Recherche im Archiv der Gedenkstätte Buchenwald vorbereiten, was Herrn Duppel in beeindruckender Weise gelang. Nachdem er zunächst die Geschichte des Archivs sowie dessen theoretischen Hintergrund beleuchtet hatte, schlug er den Bogen zur Gegenwart und zur konkreten Arbeit im Archiv, indem er dessen Aufbau und Funktionsweise beschrieb und dabei auch immer wieder seine ganz persönlichen Recherche-Erfahrungen einfließen ließ. Kurze Rollenspiele gaben den Studierenden zudem die Möglichkeit, bevorstehende Situationen gemeinsam durchzuspielen und dadurch Handlungsweisen zu vermeiden, welche die Arbeit im Archiv erschweren könnten. Es wurde deutlich, dass das Image des Archivs als verstaubte Sammlung von Schriften keineswegs gerechtfertigt ist. Vielmehr handelt es sich um ein überaus lebendiges Forschungsfeld, das darüber hinaus einen erheblichen Beitrag zur Schaffung kultureller Gedächtnisse leistet.

Der Theater-Workshop war der Auftakt der praktischen Vorbereitungen für die Aufführung des Stücks „Qui rapportera ces paroles?“ von Charlotte Delbo, die gemeinsam mit einer Gruppe von Französinnen nach Auschwitz deportiert worden und im Anschluss daran in Ravensbrück gewesen ist. Für die Studierenden ist die Wahl dieses Stückes eine besondere Herausforderung, wird hier doch ein Leiden und ein Schmerz thematisiert, der das allgemeine Vorstellungsvermögen übersteigt. Deshalb hob Herr Lakhouache gleich zu Beginn des Workshops die Notwendigkeit hervor, sich von den Charakteren zu distanzieren („dekontextualisieren“), um überhaupt intensiv mit dem Text arbeiten zu können. In zahlreichen Individual- und Gruppenübungen bekamen die Studierenden dann die Möglichkeit, die verschiedenen Techniken des Bühnenspiels praktisch zu erproben: Neben Übungen zum körperlichen Ausdruck, zur Haltung und zur Darstellung verschiedener Gesten wurde gezielt auch der Einsatz der Stimme trainiert. Zudem gab Herr Lakhouache Hilfestellung zur richtigen Aussprache der französischsprachigen Textvorlage. Auch jene Teilnehmenden, welche über keinerlei Schauspielerfahrung verfügten, gewannen mit Hilfe der Übungseinheiten schnell an Selbstsicherheit, sodass die Gruppenarbeit gegen Ende bereits anmutete, als handele es sich schon um eine Aufführung. Aufgrund der positiven und konstruktiven Arbeitsatmosphäre haben sich die Teilnehmenden des Theater-Workshops dazu entschlossen, bereits im Rahmen der bevorstehenden Buchenwald-Exkursion eine erste szenische Lesung darzubieten.

Beide Workshops haben auf ganz unterschiedliche Weise gezeigt, dass die gemeinsame Projektarbeit vollkommen neue Erfahrungsbereiche in der Romanistik erschließt, die Studierende ihr Fach und sich selbst in vollkommen anderer Form entdecken lassen. Mit viel Engagement widmen sie sich der Erschließung eines so schwierigen Themas wie dem kollektiven Trauma der deutschen Konzentrationslager in den romanischen Erinnerungskulturen und gestalten neue Möglichkeiten der Aktualisierung.  

Redakteur: Benjamin Trella

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Ende November 2014 sind wir ebenso wie zwei andere Projekte von der Claussen-Simon-Stiftung ausgezeichnet worden, vor Weihnachten haben wir diesen Erfolg gefeiert, und mit dem 1. April 2015 beginnt nun die gemeinsame Arbeit an unserem Projekt: „Überlebensgeschichte(n): Trauma und Erinnerung als Gegenstand angewandter Romanistik“.
Die Studierenden des Instituts für Romanistik können im Sommersemester 2015 aus sechs Veranstaltungen wählen und darin alternative Arbeitsformen erproben. Dazu gehören das Seminar „Überlebensgeschichte(n): Trauma und Erinnerung in den romanischen Kulturwissenschaften“ oder eine der Übungen aus den Bereichen „Theater“, „Begegnungen“, „Topographien der Erinnerung“ und „Archivarbeit“ inklusive der dazugehörigen Workshops. Den Höhepunkt bildet zweifelsohne unsere gemeinsame Exkursion nach Buchenwald im Juni 2015. Alle Beteiligten sind schon positiv gespannt auf die vor uns liegenden Wochen, in denen Romanistik mal in vollkommen anderer Weise erfahren und gelebt wird.

(Prof. Dr. Silke Segler-Meßner)