Was wünschen wir uns für eine Zeitkultur?
Anja Kerschkewicz, stART.up-Alumna
“Ich habe keine Zeit!” Was verbirgt sich hinter diesem Satz? Wieso leben so viele Menschen mit dem Gefühl, nicht frei über ihre Zeit verfügen zu können? Und wie sähe unsere Welt aus, wenn wir Zeit für das wirklich Wichtige hätten? Wenn Zeit gerecht verteilt wäre?
In der Produktion Slow Mo (Premiere April 2026) vom Performancekollektiv Frauen und Fiktion zusammen mit dem inklusiven Theater Thikwa haben wir uns mit dem Thema Zeit beschäftigt. Basierend auf Interviewrecherchen ging es in der inhaltlichen Auseinandersetzung vor allem um Fragen nach Zeitgerechtigkeit. Gleichzeitig haben wir Zeit nicht nur als Thema, sondern auch im Hinblick auf unsere Produktionsbedingungen und die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten, untersucht. Zeitmangel sollte nicht unseren Arbeitsrhythmus bestimmen. Im Rückblick beschreibe ich, was Recherche und Inszenierung über Zeitgerechtigkeit sichtbar machten, inwiefern es uns gelang, eine andere Zeitkultur zu erproben und welche positiven Auswirkungen das hatte. Anschließend beleuchte ich anhand von persönlichen Beispielen Überlastungsmomente und beschreibe, welche strukturellen Zeit- und Care-Ressourcen künftig verbessert werden müssten.
Zeit als Thema
Ausgehend von Teresa Bückers These[1], dass Zeitmangel kein individuelles, sondern ein gesellschaftlich erzeugtes Problem ist, führten wir 20 Interviews mit Menschen zwischen 3 und 93 Jahren. Wir fragten, wie sie ihren Alltag erleben und über wie viel Zeit sie frei verfügen können. Alle Befragten hatten das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Sie leisten neben ihrer Arbeit unbezahlte Carearbeit, sind durch systemische Ungerechtigkeiten ausgeschlossen, im Hamsterrad schlecht bezahlter Arbeit gefangen oder werden mit chronischen Krankheiten, mit Behinderungen durch die genormte Vorstellung von Zeit vom gesellschaftlichen Leben abgehängt. Die Interviews reichten von einer alten Frau, deren Leben von Carearbeit geprägt war, bis zu Menschen, deren Zeit durch Krankheit, Flucht, prekäre Arbeit, lange Diagnoseprozesse oder Barrieren eingeschränkt ist. Aus dem Interviewmaterial entwickelten wir die Textgrundlage des Stücks, das ein Kaleidoskop von Zeitwahrnehmungen zeigt. Darin wird deutlich, wie ungleich Lebenszeit verteilt ist und wie Kapitalismus und Leistungsgesellschaft das Individuum und den gesellschaftlichen Zusammenhalt negativ beeinflussen.
Sechs Performer*innen des inklusiven Ensembles Thikwa (Heidi Bruck, Deniz Dogan, Max Edgar Freitag, Anne-Sophie Mosch, André Nittel, Stephan Sauerbier) standen gemeinsam mit Mariana Romagnani und Nathalie Wendt auf der Bühne. Den Performer*innen war jeweils ein Interview zugeordnet; zugleich unterstützte die Gruppe die Szenen als Sprech-, Geräusch- oder Bewegungschor. So erschienen die Geschichten nicht als isolierte Einzelporträts, sondern als Erzählungen, die von einer Gemeinschaft getragen werden.
Die Aufführung bewegte sich rückwärts durch die Lebensalter – von der ältesten zur jüngsten interviewten Person. Unterschiedliche Bühnenmittel übersetzten die individuellen Zeiterfahrungen in gemeinsame Bilder: Etwa wenn die Performer*innen liegend zu einer Wasserprojektion im Gefühl von Ewigkeit schwammen oder ein Hula-Hoop-Song die kleinen Ausflüchte aus dem starren Alltagskorsett einer pflegenden Supermarktmitarbeiterin feierte. Das Stück endete mit einer Kissenschlacht, in der die Gedanken von Kindern über Zeit durch die Gruppe geworfen wurden. Darin zeigte sich deutlich, dass Menschen nicht mit dem Gefühl von Zeitmangel auf die Welt kommen, sondern erst lernen, die Zeit als begrenzt und diese schmerzhafte Begrenzung als unausweichlich zu empfinden.
Bewusste Zeitgestaltung im Probenraum
Zeitdruck ist in vielen künstlerischen Arbeitsprozessen alltäglich, wird als unumgehbar gesehen und führt oft zu psychisch und physisch belastenden Situationen. In der Probenarbeit zu Slow Mo wollten wir deshalb Produktivität als Maßstab für den Wert von Zeit grundsätzlich infrage stellen. Unser Anspruch war, die zu kritisierende Realität im Produktionsalltag möglichst wenig zu reproduzieren. Wir wollten eine Produktionsästhetik entwickeln, die Crip Time[2] – also unterschiedliche, durch körperliche und geistige Voraussetzungen geprägte Zeitbedarfe – bewusst berücksichtigt. So sollte ein möglichst barrierearmer und gleichberechtigter Arbeitsraum entstehen.
Ein Sensibilisierungsworkshop zum Thema Crip Time fand deshalb vor dem Probenstart statt. Darin reflektierten wir zum einen die verbreitete, normierte Vorstellung von Zeit und überlegten zum anderen, mit welchen Spielregeln wir in der Probenzeit mehr Raum für Crip Time schaffen können. Wir planten zunächst ein Soft Arrival zu Beginn der Probenzeit, in Anlehnung an den Soft Arrival vor Theateraufführungen, bei dem das Publikum den Raum frühzeitig und in individuellem Tempo betreten kann. Bei unserem langsamen Ankommen tauschten wir uns Mithilfe von Access Ridern über die Bedürfnisse der Performer*innen aus – etwa in Bezug auf Probenrhythmen, Rückzugsräume und die gemeinsame Gestaltung der Zeit. Damit wurde nicht nur eine erhöhte Sensibilität für unterschiedliche Bedarfe geschaffen, sondern auch signalisiert, dass diese Themen im gesamten Probenprozess ihren Platz haben. Während dieses Kennenlernens wurde schnell klar, dass die Performer*innen vom Ensemble Thikwa bereits eine hohe Sensibilität füreinander mitbrachten. Zusammen mit der reflektierten Haltung des Slow Mo-Teams entstand dadurch eine Atmosphäre, in der es selbstverständlich war, sich Zeit zu nehmen: für Care, für Rücksichtnahme und füreinander.
Wie sich diese Atmosphäre auf das künstlerische Ergebnis auswirkte, lässt sich beispielhaft an Andrés Szenen zeigen. Er spielte zusammen mit Mariana die 82-jährige Frau Störmer. Sie beschreibt, wie sie vor ihrem Einzug ins Altenheim als leidenschaftliche Kleingärtnerin Zeitreichtum erlebte und wie nun der durchgetaktete Rhythmus im Altersheim ihr Leben bestimmt. Von diesem Kontrast und vor allem von den detaillierten Beschreibungen der Gartenarbeit war André sehr angetan. Für die Übersetzung der Szenen auf die Bühne, wollte er mit uns zwei Dinge ausprobieren, die er noch nie gemacht hatte: zum einen tanzte er mit Mariana am Boden liegend ein Garten-Duett, das von den anderen Spieler*innen als Gartenchor begleitet wurde. Andrés und Marianas liegende Körper wirkten dabei auf dem weißen Bühnenboden im Zentrum wie Zeiger einer entfesselten Uhr, die einen mit ihrem eigenen Zeitgefühl in den Bann zieht. Zum anderen verwendete er seinen Sprachcomputer, um einen Teil des Interviewtextes von Frau Störmer zu sprechen.
Um die beiden Vorgänge zu proben, räumten wir viel Probenzeit ein. Denn mehrere Personen mussten lernen, wie sie den Sprachcomputer einrichten und auf der Bühne verwenden. Die Texte wurden hierfür zunächst nach dem Trial-and-Error-Prinzip so bearbeitet, dass sie über die Sprachwiedergabe verständlich blieben. Dann wurde das Gerät sehr genau für André eingestellt und erarbeitet, wie es in der Szene gehalten werden musste, damit er es sicher bedienen konnte und um unbeabsichtigte Fehler zu vermeiden. Ähnlich viel Probenzeit brauchten die Übergänge rund um den Bodentanz. Während André den Tanz selbstständig ausführte, benötigte er beim Wechsel vom Rollstuhl auf den Boden und vom Boden in den Sitzsack Unterstützung. Statt die Übergänge möglichst effizient zu gestalten, entschieden wir uns dafür, sie ruhig auszuführen. So sollte die Zeit, die wir uns füreinander nehmen, in der Aufführung sichtbar werden. Damit wurde Fürsorge nicht nur dargestellt, sondern als gemeinsames Handeln erfahrbar.
Die gegenseitige Unterstützung wurde daraufhin zu einem künstlerischen Prinzip. Ob bei einem vergessenen Einsatz oder einer Unsicherheit über die Position des Vorhangs: Die Gruppe blieb aufmerksam füreinander, ging offen mit den Situationen um und nahm sich die notwendige Zeit. Viele Besucher*innen beschrieben, dass von diesem Miteinander eine besondere Sogwirkung ausging. Die Fürsorglichkeit der Gruppe berührte für sie genau jene Leerstelle, von der unsere Überlegungen ausgegangen waren. Es erinnerte sie daran, dass wir durch Zeitungerechtigkeit und dem daraus resultierenden Zeitmangel oft ausgerechnet die Zeit verlieren, die wir brauchen, um füreinander da zu sein – für Care, Solidarität und gute Gemeinschaft.
Zeitengpässe außerhalb des Probenraums
So wertvoll eine fürsorgliche Atmosphäre im Probenprozess ist, ersetzt sie leider keine strukturellen Ressourcen oder kompensiert schlechte Rahmenbedingungen. Um die Produktionsästhetik zu entschleunigen und menschengerechte Arbeitsbedingungen zu ermöglichen, müssen auch die Prozesse außerhalb der Proben in den Blick genommen werden. Anhand von unvorhergesehenen Zeitengpässen durch Antragstellungsprozesse und im Privaten, möchte ich aus meiner Perspektive beschreiben, wo weiterhin an Veränderungen gearbeitet werden muss.
Dem Projekt Slow Mo ging ein mehr als zwei Jahre dauernder, nicht geradliniger Antragsprozess voraus. Die Förderzusage der Claussen-Simon-Stiftung und die Kooperationszusage des Theater Thikwa waren darin wichtige Anker, das Projekt weiter zu verfolgen. Jedoch gab es auch viele Förderabsagen, die im Herbst 2025 (fünf Monate vor Probenstart) dazu führten, dass wir das Projekt vorsorglich mit weniger Budget planten und sowohl das Team als auch die zeitlichen Ressourcen der noch am Projekt Beteiligten verkleinerten. Unverhofft erhielten wir jedoch Mitte Dezember die Förderzusage des Hauptstadtkulturfonds, die unser Budget verdoppelte. Wir hatten plötzlich Geld, um die Positionen Bühnenbild, Lichtdesign, künstlerische Mitarbeit sowie Tanz/Performance zu besetzen und mehr Interviews als bisher geplant zu realisieren. Durch den Zeitpunkt der Förderzusage knapp zwei Monate vor Probenstart vergrößerte das zusätzliche Geld zwar die künstlerischen Möglichkeiten, aber nicht automatisch die verfügbare Zeit. Es entstand ein paradoxes Verhältnis: Mehr Ressourcen führten zunächst zu mehr Aufgaben und damit zu einer neuen Form von Zeitdruck.
Erschwerend brach mir durch den unvorhergesehenen Kitawechsel meines Kindes die Kinderbetreuung weg. Während ich Probenrhythmen mit Crip Time plante und Interviews mit Menschen über Zeitmangel führte, bewegte ich mich durchgängig am Limit meiner physischen und psychischen Kapazitäten und wurde schließlich zum Probenstart krank. Deshalb zog sich die Arbeit an der Textfassung weit über den Probenstart hinaus und musste nach den Proben und der nachmittäglichen Kinderbetreuung in Spät- und Nachtschichten passieren. Aus dem Gedanken heraus, dass ich das Projekt am Laufen halten muss, habe ich schlussendlich bis zur Premiere unvorhergesehene Engpässe durch das Überschreiten meiner eigenen Belastungsgrenzen kompensiert. Dahinter steht neben einer internalisierten Leistungslogik sicher auch ein existenzieller Druck, dass das Projekte gelingen müssen, um weiterhin beim Kunstroulette mitspielen zu dürfen.
Diese Beschreibungen stehen beispielhaft für eine Individualperspektive, aus der heraus auch Prozesse außerhalb der eigentlichen Probezeiten mit in diese hineinspielen. Meines Erachtens sind es solche Prozesse, die in der freien Projektarbeit noch viel zu wenig mitgedacht oder abgefangen werden können.
Ideen für Zeitgestaltung in kommenden Produktionsästhetiken
Basierend auf den Erfahrungen mit Slow Mo möchte ich drei Visionen für die Verbesserung kommender Produktionsästhetiken in den Bereichen Förderung, Projektorganisation und Probenplanung vorstellen.
Förderung ermöglicht menschengerechte Produktionsästhetiken
Zeitgerecht gedachte Förderinstrumente machen entschleunigte Produktionsästhetiken möglich, die sich mit der Alltagsplanung der Künstler*innen in Einklang bringen lassen. Sie bilden längere, gestufte Produktionszeiträume mit Recherche, Vorbereitung, Proben und Nachbereitung realistisch ab und geben mehr Planungssicherheit. Care-Puffer im Budget federn Krankheit und Betreuungsausfälle ab und ermöglichen flexibel einsetzbare Produktionsunterstützung. Menschengerechte Planung sorgt vor, statt zu kompensieren, ermöglicht Crip Time und räumt ein Recht auf Gebrechlichkeit für alle Produktionsbeteiligten ein.
Projektorganisation bildet Care ab
Die Produktionsposition Care-Verantwortung ist mit zeitlichen und finanziellen Ressourcen in der Projektorganisation verankert. Sie behält Belastungen im Team im Blick und koordiniert die Nutzung des Care-Puffers. Mit dieser Position wird die energieaufwendige Care-Arbeit in Theaterproduktionen abgebildet und Expertise über den Umgang mit Care-Verantwortung kann mit genügend Zeit ausgebildet werden. Außerdem ermöglichen doppelt besetzte Leitungspositionen die Verantwortung breiter zu verteilen.
Probenplanung ermöglicht Flexibilität und setzt Arbeitszeitgrenzen
Regelmäßige Check-Ins zu Belastungen und Ressourcen nehmen Druck aus dem Prozess. Vom Team flexibel einsetzbare probenfrei-Tagen und individuell nutzbare Pillow Days schaffen mehr Pausenmöglichkeiten. Die Maßnahmen helfen, sich selbst in anstrengenden Gruppenprozessen mehr im Blick zu behalten und gesünder miteinander zu arbeiten. Wird die Zeit knapp, entscheidet das Team gemeinsam, was entfällt – statt die Lücke durch Mehrarbeit zu schließen. Verbindliche Arbeitszeitgrenzen verhindern, dass Nacht- und Wochenendarbeit stillschweigend vorausgesetzt wird.
Alle beschriebenen Maßnahmen könnten perspektivisch auch in Förderkriterien für faire und barriereärmere Arbeitsbedingungen verankert werden. Entscheidend ist, Produktionszeit nicht als bloßen Kostenfaktor zu behandeln: Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedarfen zusammenarbeiten können, ohne ihre Gesundheit für das Gelingen eines Projekts aufs Spiel zu setzen.
Abschließende Gedanken
Unsere thematische Auseinandersetzung stützt Teresa Bückers These, dass Zeitmangel kein individuelles, sondern ein gesellschaftlich erzeugtes Problem ist und den gesellschaftlichen Zusammenhalt beeinträchtigen kann. Eine gerechtere Zeitkultur würde unterschiedliche Zeitbedarfe berücksichtigen und Lebenszeit nicht selbstverständlich der Arbeit unterordnen. Sie könnte Menschen mehr Raum geben, füreinander da zu sein und die Gesellschaft mitzugestalten. In den Proben von Slow Mo konnten wir Zeit für gegenseitige Wahrnehmung, Unterstützung und künstlerische Entwicklung schaffen. Diese Erfahrung wurde im Ergebnis sichtbar und vermittelte emotional die Idee einer anderen Zeitkultur. Zugleich zeigte der Produktionsprozess die Grenzen der gerechteren Zeitkultur: Wo strukturelle Zeit- und Care-Ressourcen fehlten, wurden Engpässe durch die Überlastung Einzelner aufgefangen. Eine andere Produktionsästhetik braucht deshalb nicht nur eine fürsorgliche Haltung, sondern auch Bedingungen, die Care und unterschiedliche Zeitbedarfe dauerhaft mittragen. So kann sie modellhaft Räume für andere Zeitkulturen schaffen – in denen Care nicht als Gegensatz zur Arbeit, sondern als Teil ihrer Gestaltung verstanden wird.
Anja Kerschkewicz ist Künstlerin, Theatermacherin und -kuratorin. Sie ist Teil des feministischen Performancekollektivs Frauen und Fiktion. Anja war 2016/17 Stipendiatin unseres Stipendienprogramms stART.up. Das Projekt Slow Mo wurde mit unserem Produktionsstipendium ProduktionsstART gefördert.
Anmerkungen:
*Der Begriff Produktionsästhetik im Theater umfasst alle Prozesse, Bedingungen, Methoden und künstlerischen Entscheidungen, die zur Entstehung einer Inszenierung führen.
[1]: Bücker, T. (2023). Alle_Zeit: eine Frage von Macht und Freiheit. Ullstein Buchverlage.
[2]: Das Konzept von Crip Time besagt, dass die Zeit nicht einheitlich ist, sondern von Mensch zu Mensch unterschiedlich und gestaltet ist. Als Forderung folgt: Normative Zeit ist künstlich und muss geändert werden. Die Disability Theoretikerin Alison Kafer beschreibt es wie folgt: “Anstatt den Körper und Geist von Menschen mit Behinderung dazu zu nötigen, sich den zeitlichen Vorgaben einer Uhr anzupassen, bietet Crip Time eine an ihre Bedürfnisse angepasste Uhr.“
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