#Bildungsgerechtigkeit #Wissenschaft #WissensWerte
#WissensWerte: "Es ist in Ordnung, an mich zu glauben. Denn ich habe gesehen, dass andere an mich glauben."
Thuy Cat Tien Trinh, Dr. Ann-Kristin Kolwes und Kristina Koesling im Gespräch
Ob junge Menschen ein Studium aufnehmen und erfolgreich absolvieren, hängt im deutschen Bildungssystem noch immer stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Wer aus einer Familie ohne Hochschulerfahrung kommt, entscheidet sich deutlich seltener für ein Studium als Abiturient:innen aus einem akademisch geprägten Elternhaus. Mit unserem Stipendienprogramm B-First begleiten wir deshalb Studierende der ersten Generation beim Start in ihr Bachelorstudium. Neben der finanziellen Unterstützung stehen die persönliche Stärkung und die Reflexion der eigenen Prägungen und Voraussetzungen auf dem Bildungsweg im Mittelpunkt. Workshops, Seminare und individuelle Coachings fördern die Persönlichkeitsentwicklung, geben Orientierung im Hochschulalltag und ermutigen die Stipendiat:innen, ihren akademischen Weg selbstbewusst zu gestalten.
Dr. Ann-Kristin Kolwes ist Expertin für Bildungsgerechtigkeit und dem B-First-Programm als Beiratsmitglied und Dozentin eng verbunden. Thuy Cat Tien Trinh hat das Programm selbst durchlaufen und ist heute B-First-Alumna. Im Gespräch mit Kristina Koesling, Programmleitung B-First, sprechen sie über Bildungschancen, persönliche Erfahrungen und darüber, was Studierende der ersten Generation auf ihrem Weg stärkt.
Kristina Koesling: Ich freue mich sehr, mit euch über Bildungsgerechtigkeit, unser Stipendienprogramm B-First und die Bedeutung von Mentoring zu sprechen und dabei vor allem eure persönlichen Wege in den Blick zu nehmen. Liebe Cat Tien, du bist seit Oktober 2025 Alumna bei B-First. Wo stehst du jetzt gerade?
Thuy Cat Tien Trinh: Ich bin gerade in meinem achten Semester meines Psychologiestudiums an der Universität Hildesheim, und mit noch einer Klausur und der Bachelorarbeit neigt sich meine Bachelorstudienzeit dem Ende zu. Im Anschluss werde ich ein Masterstudium beginnen.
Kristina Koesling: Warum hast du dich entschieden zu studieren, und warum ist deine Wahl auf Psychologie gefallen? Gab es Vorbilder für diesen Weg?
Thuy Cat Tien Trinh: Als Kind hatte ich auf die Frage, was ich einmal werden möchte, immer nur diese Standardantworten im Kopf: Ich will Ärztin werden oder Pilotin. In der neunten Klasse habe ich dann ein großes Interesse an Psychologie entwickelt. Von da an konnte ich mir gar nichts anderes mehr vorstellen. Ich habe mein Bestes gegeben, um es mir möglich zu machen, das zu studieren. Ich weiß noch, dass eine Lehrerin, der ich von meinem Studienwunsch erzählt hatte, zu mir sagte: Ach, das ist aber schwer. Da werden Sie sich sehr anstrengen müssen. Das hat mich demotiviert, weil ich mir ohnehin Sorgen gemacht hatte, ob ich es schaffen kann. Aber ich habe es geschafft. Vor allem mit der Hilfe von vielen tollen Freunden und auch Lehrkräften, die mich sehr unterstützt haben. Aber manchmal erinnere ich mich an diesen Moment und bin dann besonders stolz und glücklich, dass ich es geschafft habe.
Kristina Koesling: Was war zum Studienstart besonders herausfordernd?
Thuy Cat Tien Trinh: Ich hatte das Gefühl, dass mich die Schule nicht gut darauf vorbereitet hatte. Es gab zwar einen Schulkurs, der hieß Studium und Beruf. Darin ging es um verschiedene Berufe, um Auslandsaufenthalte, Praktika oder Bewerbungen, aber nicht darum, was eigentlich im Studium passiert, was Studieren bedeutet. Ich habe mit 17 angefangen zu studieren und hatte das Gefühl, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Ich denke, ich war am Anfang ein bisschen unbeholfen, denn an der Uni funktioniert Lernen anders als in der Schule. Ich hätte mir mehr Fokus auf Anlaufstellen gewünscht, besonders in Bezug auf den Übergang von Schule zu Studium. Meine Eltern sind keine Akademiker, und ich habe als Einzelkind keine älteren Geschwister, die schon studiert haben und Erfahrungen mit mir teilen könnten.
Kristina Koesling: Hat das B-First-Stipendium spürbar etwas verändert für dich?
Thuy Cat Tien Trinh: Mein erstes Studienjahr war besonders herausfordernd, aus verschiedenen Gründen. Angefangen damit, von zuhause auszuziehen, sich das Leben zu organisieren, finanziell klarzukommen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass der Studiengang Psychologie stark von Studierenden dominiert ist, die aus akademischen Haushalten kommen. Deshalb hat es mir sehr geholfen, mich mit Menschen auszutauschen, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie ich, als ich im dritten Semester dann das B-First-Stipendium bekommen habe. Und auch die finanzielle Entlastung war für mich sehr wichtig, da sie einen großen Stressfaktor reduziert hat.
Kristina Koesling: Anni, wenn du das hörst, erkennst du dich darin wieder? Sind das Gefühle und Erfahrungen, die viele Erstakademiker:innen teilen?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Ja, auf jeden Fall. Cat Tien war auf einem Gymnasium. Das ist das Beste, was wir zur Vorbereitung auf ein Studium in unserem Bildungssystem haben. Und dennoch machen so viele ähnliche Erfahrungen wie sie. Du hast das schön beschrieben: Man muss noch mal neu lernen zu lernen. Dazu kommt noch eine ganz neue Sprache: nicht nur die Fachsprache, sondern eben auch das ganze System, in dem man sich zurechtfinden muss. Das erfordert eine große Anpassungsleistung. An diesem Übergang von der Schule ins Studium niemanden zu haben, den man fragen oder der bestärken kann, geht nur mit dem Credo: Du kämpfst dich da schon durch. Plötzlich nicht mehr die Leistungen zu erbringen, die man aus der Schule gewöhnt war, kann erschreckend sein. Deshalb ist es ganz essenziell, positive Erfahrungen zu machen, die vermitteln, an der Universität am richtigen Platz zu sein, durchzuhalten. Mir ging es am Anfang genauso. Nach einigen Wochen habe ich mich zum ersten Mal getraut, in der Vorlesung eine Frage zu stellen. Und der Professor hat gesagt: Danke für die gute Frage. Das weiß ich bis heute, weil das für mich der Moment war, in dem ich gemerkt habe: Ich gehöre hier doch hin.
Thuy Cat Tien Trinh: Ich war in der Schule ziemlich gut in Englisch. Aber als wir an der Universität das erste Mal einen wissenschaftlichen Artikel auf Englisch gelesen haben, dachte ich, ich hätte die Sprache komplett verlernt. Ich hatte das Gefühl, zu Unrecht von mir überzeugt gewesen zu sein, kam mir sehr verloren vor. Es erschien mir unvorstellbar, zur Seminarleiterin zu gehen und zu sagen, dass ich die Hälfte nicht verstanden hatte. Im Nachhinein haben Kommilitonen erzählt, dass es ihnen genauso ergangen war, da habe ich mich sehr verbunden gefühlt. Aber am Anfang hatte ich ein Problem mit diesem Zugehörigkeitsgefühl und damit, die richtigen Skills zu haben und am richtigen Platz zu sein.
Kristina Koesling: Anni, du bist Expertin für Bildungsgerechtigkeit. Was bedeutet dieser Begriff für dich?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Ich beschäftige mich seit rund zehn Jahren damit, wie Zugänge oder Chancengerechtigkeit im deutschen Hochschulsystem verteilt sind, insbesondere im Hinblick auf die soziale Herkunft. Plakativ gesagt geht es um die Unterscheidung nach Akademiker:innen und Kindern ohne familiären akademischen Hintergrund. Wir wissen aus verschiedenen wissenschaftlichen Studien, dass junge Menschen nicht die gleichen Chancen im deutschen Bildungs- und Hochschulsystem haben. Dieses Thema hat lange nicht viel Beachtung gefunden – auch nicht von institutioneller Seite, dass zum Beispiel die Universitäten fragen, wie sie zu einer Veränderung beitragen können. Ich habe in Köln eines der ersten Mentoring-Angebote für Promovierende mit einem nicht-akademischen Hintergrund aufgebaut. Aus verschiedenen Perspektiven auf das Thema zu gucken, ist auch meine eigene Geschichte. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, und gleichzeitig empfinde ich es als großes Privileg, in meiner Position darüber sprechen zu können.
"Es entstehen Mut und Selbstvertrauen."
Kristina Koesling: Das Thema Bildungsgerechtigkeit ist in den letzten Jahren vermehrt in den Vordergrund gerückt, auch wenn noch mehr passieren muss. Wie schätzt du diese Entwicklung ein?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Es gibt eine größere Sensibilität. Aber in Politik und Öffentlichkeit gibt es noch kein einheitliches klares Verständnis davon, Bildungsgerechtigkeit eigentlich bedeutet. Kürzlich hat Bundesforschungsministerin Dorothee Bär im Kontext der Diskussion um die BAföG-Reform gesagt, dass es ein Privileg sei, überhaupt studieren zu können, und dass man dann auch verlangen könne, nebenbei zu arbeiten. Aber genau da fängt die Frage an: Sollte Bildung tatsächlich ein Privileg sein, oder sollte der Zugang zu Bildung nicht eine der Grundvoraussetzungen für Chancengerechtigkeit sein? Ich glaube, da sind wir nicht ganz ehrlich mit uns, wenn wir die Debatte immer nur auf die Botschaft reduzieren: Jeder kann doch, wenn er will. Damit verlagern wir die Verantwortung hin zum Individuum. Das ist nicht mein Verständnis von Chancengerechtigkeit, weil wir nicht alle vom selben Punkt aus starten. Angefangen bei den finanziellen Möglichkeiten, sich ein Studium leisten zu können oder in einem Nebenjob arbeiten zu müssen. Das sind alles Dinge, die mit Privilegien verbunden sind. Wenn wir uns das nicht immer wieder klarmachen, dann sehen wir auch nicht, mit welchen Nachteilen manche Personen, vor allem Erstakademiker:innen, noch immer ins Studium starten. Es gehört sehr viel Mut dazu: von Zuhause auszuziehen, sich das Leben zu organisieren, ein Studienfach zu wählen, von dem nicht klar ist, was man damit später eigentlich beruflich machen wird. Ganz häufig schwingt die Sorge mit: Was passiert, wenn ich nach zwei Semestern feststelle, dass es nicht das Richtige ist? Dann stehe ich mit mehreren tausend Euro Schulden da. Daran sieht man, welch hohe Resilienz notwendig ist!
Kristina Koesling: Genau hier setzt das Programm B-First an, mit denen wir uns gezielt an Erstakademiker:innen richten. Warum sind solche Ansätze aus deiner Sicht wichtig?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Ihr macht ganz tolle Arbeit, weil ihr die Einzelnen unterstützt. Es geht nicht darum, einen Lebenslauf mit einem Stipendium zu adeln. Ihr sprecht eine Zielgruppe an, die sich in der Regel nicht traut. Ich kenne fast alle B-First-Stipendiat:innen. Das sind ganz großartige junge Menschen. Für viele ist erst einmal die finanzielle Unterstützung sehr wichtig, sie gibt Sicherheit. Daraus entstehen Mut und Selbstvertrauen. Und dann wird ihnen klar, dass sie auch ein Teil einer Gemeinschaft sind, die bei B-First eine große Rolle spielt. Dazu kommt das Wissen aus den Workshops und damit neue Perspektiven. Dieser ganzheitliche Förderansatz von euch ist sehr besonders, ihr sprecht das Individuum an, aber gleichzeitig auch die Gruppe, die sich unter anderem über geteilte Erfahrungshorizonte miteinander identifiziert.
Thuy Cat Tien Trinh: Ich und viele der anderen Stipendiat:innen haben sich gefragt, ob es irgendeinen Haken gibt, weil es sich so gut angehört hat. Wir haben uns gefragt, ob wir diese Art von Auszeichnung – ein Stipendium – überhaupt verdient haben. Ich dachte, dass es auch so viele andere Personen verdient hätten, die von dieser Möglichkeit gar nichts wissen. Ich habe von der Claussen-Simon-Stiftung durch ein Akademikerkind erfahren, ich wusste vorher nicht, dass es solche Förderungen für Menschen wie mich, ohne akademische Erfahrungen in der Familie, gibt. Es war eine krasse Erkenntnis, sich bewusst damit zu identifizieren. Ich glaube, dass viele Menschen Stipendien als unerreichbar wahrnehmen. Deswegen kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, wie wichtig solche Programme sind und die Erfahrungen, die wir dadurch machen können: dazuzugehören, genauso gut zu sein wie andere.
Kristina Koesling: Das ist ein Punkt, der uns immer wieder beschäftigt. Wie erreichen wir die Zielgruppe, und was können wir tun, damit wir sie vielleicht noch besser erreichen und als zugänglich wahrgenommen werden? Wie bauen wir Hemmschwellen ab? Anni, hast du eine Empfehlung?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Warum ist das eigentlich so, dass Akademiker:innen-Kinder häufig von Stipendien wissen? Das ist implizites Wissen, das zum Studium dazugehört, aber nicht allen gleichermaßen verfügbar ist. Deswegen finde ich es wichtig, schon früh in die Schulen zu gehen und von diesen Möglichkeiten zu sprechen. In Nordrhein-Westfalen gibt es zum Beispiel ein Talentscouting-Programm. Ich kenne Leute, die dadurch auf B-First aufmerksam geworden sind und sich beworben haben.
Thuy Cat Tien Trinh: Ich denke auch, dass man schon in den Schulen ansetzen sollte. Ich hätte mir ein bereits im Studium-und-Berufe-Kurs an der Schule differenziertere Informationen zu Stipendienmöglichkeiten gewünscht, zum Beispiel über Stipendien für spezielle Zielgruppen wie Erstakademiker:innen. Die Frage ist, ob die Schulen dafür eigentlich die notwendigen Ressourcen haben.
"Ich weiß mittlerweile, wie wichtig es ist, meine Leistung vor mir selbst anzuerkennen."
Kristina Koesling: Wie hat es sich für dich angefühlt, ein Stipendium zu bekommen?
Thuy Cat Tien Trinh: Erstakademiker:innen haben häufig die Erfahrung gemacht, dass ihnen im Leben nichts geschenkt wird, sie sich alles hart erkämpfen müssen. Deswegen fühlt sich ein Stipendium auch so merkwürdig an. Das muss man erst mal zulassen. Ich habe mich gefragt: Was habe ich eigentlich geleistet, um hier angelangt zu sein? Das hat mich zu Anfang richtig belastet, dieses Gefühl, dass ich doch gar nichts dafür gemacht habe. Ich habe den Druck verspürt, deswegen besonders viel leisten zu müssen, noch bessere Noten zu erzielen. Erst nach und nach habe ich verstanden, dass es ok ist, auch mal zu scheitern – zum Beispiel, als ich durch eine Statistik-Klausur gefallen bin und das dann keine Konsequenzen hatte wie zum Beispiel eine Kürzung des Stipendiums. Bevor ich an diesem Punkt angekommen bin, war ich voller Sorgen, dass ich dem Stipendium nicht gerecht werde, sobald ich etwas Bestimmtes nicht mehr erfülle.
Kristina Koesling: Mit diesen Gefühlen und Sorgen bist du nicht allein in der Gruppe. Deswegen haben wir im B-First-Curriculum den Workshop zum Imposter-Syndrom aufgenommen. Anni, was versteht man genau darunter?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Im Grunde beschreibt das Imposter-Syndrom das Gefühl, dass man nicht so gut sei wie die anderen oder dass man die Dinge, die man erreicht hat, eher durch Glück, Zufall oder einen Fehler anderer erreicht hat und nicht durch eigene Leistung. Dieses Phänomen wird in der Psychologie schon seit Jahrzehnten beschrieben. Ursprünglich wurde es Frauen zugeschrieben. Mittlerweile weiß man aber, dass es alle Menschen betreffen kann, zumindest in verschiedenen Ausprägungen. Viele Erstakademikerinnen beschreiben es so, dass es sich für sie nicht selbstverständlich anfühlt, im Raum Universität zu sein. Dort erleben sie, dass sie noch nicht alles mitbringen, was man dafür braucht: informelles Wissen, Wissen um die Strukturen, die Sprache. Sie haben auch das Gefühl, dass die Strukturen nicht darauf ausgerichtet sind, sie bestmöglich in ihren Fragen zu unterstützen: Was wird eigentlich von mir erwartet? Kann ich Nebenjobs mit meinem Studium vereinbaren? Das alles kann leicht zur Selbstabwertung führen und dazu zu glauben, nicht dazuzugehören. Erfolge werden in der Folge nicht den eigenen Kompetenzen oder Anstrengungen zugeschrieben.
Kristina Koesling: Welche Tipps habt ihr, um mit diesen Selbstzweifeln umzugehen?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Im Imposter-Workshop setzen wir uns zunächst mit den Ursprüngen dieser Zweifel auseinander. Die entstehen meist nicht erst plötzlich, wenn man an die Uni geht. Was ist eigentlich unangenehm daran, zuzulassen zu sagen: Ich bin gut, ich habe das verdient. Ziel ist, die eigenen Erfolge wertzuschätzen und sie den eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten zuzuschreiben.
Thuy Cat Tien Trinh: Mich beschäftigt das immer noch. Ich habe gerade mit Freundinnen darüber gesprochen, ob ich denn überhaupt geeignet bin, dieses Gespräch hier zu führen. Eine sagte dann, dass gute Dinge auch einfach mal auf mich zukommen dürfen, ohne dass ich dafür gekämpft habe. Ich weiß mittlerweile, wie wichtig es ist, dagegen anzukämpfen und meine Leistung vor mir selbst anzuerkennen.
Kristina Koesling: Also ist diese Selbsterkenntnis eigentlich der erste Schritt, sich darauf zu besinnen, dass man es aus eigener Kraft schafft.
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Da diese Zweifel aus einem selbst kommen, ist man auch die einzige Person, die das ändern kann. Eine klassische Übung dazu geht so: Stell dir die Frage, wie es wäre, wenn du dich als eine andere Person anschaust, als gute Freundin zum Beispiel. Was würdest du sagen? Man würde sie natürlich supporten und bestärken.
"Es war toll, mit meiner Mentorin eine Ansprechperson zu haben, die einen ähnlichen Weg gegangen ist."
Kristina Koesling: Bei B-First haben wir vor zwei Jahren zusätzlich zum Workshop-Angebot ein Mentoring-Programm mit Eins-zu-Eins-Tandems ins Leben gerufen. Die Mentor:innen sind ebenfalls Geförderte der Stiftung, aus unterschiedlichen Stipendienprogrammen. Sie werden von einer Trainerin gecoacht und erhalten Supervision. Cat Tien, warum hast du dich dafür entschieden, als Mentee am Mentoring teilzunehmen?
Thuy Cat Tien Trinh: Ich war zuerst unsicher, aber war neugierig auf diese neue Möglichkeit, jemanden zum Austausch zu finden und Probleme zu besprechen.
Kristina Koesling: Nimm uns gerne mit in die Zeit. Wer war deine Mentorin, und wie war eure Verbindung?
Thuy Cat Tien Trinh: Meine Mentorin heißt Maria. Sie hat vor einigen Jahren an derselben Universität ebenfalls einen Bachelor in Psychologie gemacht. Danach hat sie im Master Klinische Psychologie studiert. Sie beendet zurzeit ihre Ausbildung zur Psychotherapeutin. Genau das möchte ich auch machen. Das war von euch sehr gut gematcht. Sie wohnte damals in Hannover, sodass wir uns persönlich treffen konnten. Bei unserem ersten Treffen sind wir einfach ins Café gegangen und haben ganz lange geredet. Da sie dasselbe studiert hat wie ich und auch Erstakademikerin ist, gab es von Anfang an ein besonderes gegenseitiges Verständnis. Zwischendurch konnte ich immer mit Fragen auf sie zukommen, zum Beispiel bezüglich der Bachelorarbeit oder zu Klausurthemen. Es war toll, eine Ansprechperson zu haben, die einen ähnlichen Weg gegangen ist. Es hat mich beruhigt zu wissen, dass sie es trotz ähnlicher Herausforderungen geschafft hat. Auch bei der Auswahl der Uni für mein Master-Studium hat sie mich super beraten.
Kristina Koesling: Anni, du leitest ja ein Mentoring-Programm für Promovierende der ersten Generation in Köln. Warum glaubst du, ist Mentoring gerade für sie so wichtig?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Weil die Vorbilder und Ansprechpersonen fehlen. In einem Mentoring gibt es eine mir wohlgesonnene Person, die ich mit gutem Gefühl fragen kann, ohne von ihr abhängig zu sein. Das gibt ein großes Gefühl an Sicherheit und Rückhalt. Daraus entsteht ein Resonanzraum.
Kristina Koesling: Gibt es ein Missverständnis über Mentoring, das du gerne ausräumen würdest?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Dass es einseitig ist. Beide Seiten profitieren davon. Die Mentor:innen erhalten die Möglichkeit, ihr eigenes Wissen weiterzugeben. Sie haben damit eine eigene Selbstwirksamkeitserfahrung! Sie haben einen Anlass, die eigenen Erfahrungen zu reflektieren, werden sich vielleicht dadurch in der Rückschau auf den eigenen Weg und in der Spiegelung mit dem Mentee über neue Aspekte ihres Werdegangs klar.
Thuy Cat Tien Trinh: Mich hat während des Mentorings auch die Frage beschäftigt, ob und wieviel Anteil ich an Marias Themen nehmen kann und soll. Die Mentor:innen erhalten ja von der Stiftung eine Mentor:innen-Ausbildung. Ich habe mich gefragt, ob ich so etwas als Mentee auch hätte gebrauchen können, um sicherer zu sein, wie ich von meiner Seite aus die Beziehung gestalte. Mit der Zeit hat sich diese anfängliche Scheu gelegt, weil Maria so offen und unterstützend war, sodass wir ein sehr entspanntes, schönes Verhältnis haben.
Kristina Koesling: Das ist für mich spannend, denn auch wir in der Stiftung lernen aus diesen Erfahrungen sehr viel, auch, wo wir noch besser werden können. Anni, wo siehst du, auch aus deiner Funktion als Beirätin von B-First heraus, Potenzial zur Weiterentwicklung?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Was B-First so besonders macht, ist, dass ihr euch getraut habt, von traditionellen Wegen abzuweichen und diese Potenzialgruppe in den Fokus zu rücken. Damit einher geht, sich von der althergebrachten Vorstellung zu lösen, das Potenzial von einer Person nur an der Abiturnote zu messen. Ihr denkt größer und universeller, nehmt Menschen in ihrer Gänze wahr und erkennt dadurch auch an, dass das System bestimmte Leute benachteiligt. Dafür einen Raum zu schaffen, in dem diese Personen sich so willkommen und gesehen fühlen und unterstützt mit all ihren Fragen und Unsicherheiten, ist ein immenser Wert. Bei B-First kann man Unsicherheiten zulassen, sie werden mitgedacht, das ist ein großartiger Ansatz.
Mit jedem neuen Jahrgang wächst die Gruppe, was es schwieriger macht, diese große Nähe in der Gruppe aufrechtzuerhalten. Das Mentoring schafft genau dies, auch deshalb ist es ein so wichtiger Bestandteil. Dadurch wird es weiter gelingen, auf Unterschiedlichkeiten zu reagieren, denn intersektional gibt es noch viele andere Dinge, die bei Bildungsgerechtigkeit eine Rolle spielen. Das Programm B-First zielt nicht nur darauf ab, die Stipendiat:innen resilienter zu machen oder ihnen Skills zu vermitteln, sondern wird sehr sensibel für die Bedarfe der Gruppe angepasst. Das ist eine große Stärke. Damit ist es eigentlich ein selbstlernendes und immer besser werdendes System.
"Wir müssen nicht nur an den großen Rädern schrauben; gerade im Kleinen macht es einen Unterschied."
Kristina Koesling: Cat Tien, wenn du auf die Stipendienzeit insgesamt zurückblickst: Wie hast du dich persönlich verändert?
Thuy Cat Tien Trinh: Ich bin viel selbstsicherer geworden. Ich habe gemerkt, dass es in Ordnung ist, an mich zu glauben. Denn ich habe gesehen, dass andere Menschen an mich glauben. Die Workshops im B-First-Curriculum waren sehr bestärkend. Wir haben über unangenehme Aspekte wie Imposter oder Stressmanagement gesprochen, aber haben immer sehr konstruktive Ansätze entwickelt, wie wir damit umgehen. Überhaupt war die Selbstreflexion sehr substanziell, auch im positiven Sinne, weil wir uns damit beschäftigt haben, worauf wir uns freuen. Allein, dass ich mir für all das die Zeit genommen habe, ist ein Privileg und hat viel in Bewegung gesetzt. Ich habe gelernt, mich aus meiner Komfortzone zu bewegen, weil ich mich getraut habe, in diese Gruppe zu gehen. Das Stipendium hat mir auch dabei geholfen, offener damit umzugehen, was ich brauche oder mir wünschen würde. Es ist ein sehr wichtiger Teil meiner Studienlaufbahn. Ich bin sehr dankbar, dass ich daran teilhaben konnte und als Alumna weiterhin enge Verbindungen zur Community und zur Claussen-Simon-Stiftung habe.
Kristina Koesling: Anni, was motiviert dich, dich weiter für Bildungsgerechtigkeit einzusetzen?
Dr. Ann-Kristin Kolwes: Ich habe das Gefühl, dass ich etwas verändern kann. Und zwar nicht nur ich persönlich, sondern wir alle zusammen. Es hat sich auch schon sehr viel verändert. Wir als Gesellschaft reden anders über das Thema, es ist sichtbarer geworden. Viele Menschen setzen sich für mehr Bildungsgerechtigkeit ein. Gleichzeitig bin ich sehr hoffnungsvoll, wenn ich die jungen Menschen bei B-First bei euch kennenlerne. Wir müssen nicht nur an den großen Rädern schrauben; gerade im Kleinen macht es einen Unterschied.
Kristina Koesling: Vielen Dank, liebe Cat Tien und Anni, für dieses offene Gespräch!
Thuy Cat Tien Trinh war von Oktober 2023 bis September 2025 Stipendiatin des Förderprogramms B-First. Ihr Bachelor-Stuidum im Fach Psychologie an der Universität Hildesheim schließt sie zum Ende des Sommersemesters ab. Im Anschluss startet sie in ein darauf aufbauendes Masterstudium der Psychologie.
Dr. Ann-Kristin Kolwes hat Geschichte und Psychologie an der Universität Bielefeld studiert und wurde 2019 an der Universität zu Köln promoviert. Sie ist Expertin für Bildungsgerechtigkeit mit dem Schwerpunkt soziale Herkunft im Kontext Hochschule und akademische Karrierewege. Seit 2014 setzt sie sich für mehr Bildungsgerechtigkeit im deutschen Hochschulsystem ein. Sie ist Gründungsmitglied des gemeinnützigen Vereins Erste Generation Promotion und seit 2017 dessen Vorsitzende. An der Universität zu Köln hat sie das deutschlandweit erste Programm "Erste Generation Promotion Mentoring+" aufgebaut. Darüber hinaus arbeitet sie freiberuflich als Trainerin und Speakerin. Als erste in ihrer Familie, die studiert und promoviert hat, kennt sie die Hürden und Herausforderungen, die ein nichtakademischer Familienhintergrund mit sich bringen kann aus eigener Erfahrung. Ihr Anliegen ist es Erstakademiker:innen dabei zu unterstützen, die eigene Herkunft auch als Stärke und Ressource zu verstehen.
Kristina Koesling ist Programmleiterin des Stipendienprogramms B-First bei der Claussen-Simon-Stiftung.
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