Ab wann hat man eigentlich zu viel Kohle?
Ferdaus Farid, B-First-Alumnus
Es gibt Sätze, die klingen wie Folklore und tragen doch eine ganze Wirtschafts- und Sozialgeschichte in sich. „Glück auf“ ist so ein Satz. Ich bin in Essen aufgewachsen, mitten im Revier, wo die Fördertürme der Zeche Zollverein das Stadtbild prägen. Heute UNESCO-Welterbe, früher Herzstück einer Industrieära, die Europa geprägt hat. In meiner Umgebung hörte ich immer wieder Geschichten von Freunden, deren Eltern, Großeltern und Nachbarn unter Tage in den Zechen gearbeitet hatten. Wer hier groß wird, versteht schnell: Strukturwandel ist kein theoretisches Konzept. Er ist sichtbar im Arbeitsethos, hörbar in Dialekten und spürbar in Biografien. Besonders in Regionen, in denen der Kohlesektor mehr ist als ein Wirtschaftszweig, nämlich ein Versprechen auf Lohn, Anerkennung und Stabilität. Doch irgendwann kippt dieses Versprechen in eine provokante Frage: Ab wann hat man eigentlich zu viel Kohle?
Strukturwandel: ein Prozess, der nicht neutral ist
Strukturwandel ist kein Ereignis, sondern ein Prozess. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt ihn als die marktwirtschaftlich getriebene Veränderung der Bedeutung sowie der Beiträge einzelner Wirtschaftszweige und Sektoren zum Sozialprodukt. Das klingt technisch, meint aber etwas sehr Konkretes: Bestimmte Branchen wachsen, andere schrumpfen, und mit ihnen verschieben sich Lebensläufe, Bildungsentscheidungen, regionale Chancen.
Kohle ist dafür das vielleicht prägnanteste Beispiel Europas. Sie hat den Kontinent industrialisiert. Ohne Kohle kein Stahl, keine Dampfmaschine, kein industrieller Aufbruch und keine boomenden Kohlegebiete. Doch diese frühe Spezialisierung hatte einen Preis, der bis heute in Einkommen, Bildung und sogar in der Lebenserwartung nachwirkt. Genau das zeigen die Ökonomen Elena Esposito und David Abramson in einer groß angelegten europäischen Analyse mit der Forschungsfrage:
Welche langfristigen wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen hatte der historische Kohleabbau für europäische Regionen im Vergleich zu Regionen ohne Kohleabbau?
Ein fairer Vergleich: Warum die Methode wichtig ist
Nun ist es mit solchen Vergleichen nie ganz einfach. Kohle wurde historisch nicht zufällig dort abgebaut, wo nichts anderes möglich war, sondern häufig dort, wo bereits frühe Vorteile bestanden, etwa in der Infrastruktur oder im technologischen Know-how. Wenn man heute Kohleregionen mit Nicht-Kohleregionen vergleicht, könnte man also Äpfel mit Birnen vergleichen. Unterschiede zwischen den Regionen könnten ebenso auf ursprüngliche strukturelle Vorteile zurückzuführen sein und nicht allein auf den Kohleabbau. Um diese Probleme zu umgehen und eine exogene Grundlage für den Vergleich zu schaffen, müssen in der Statistik bekannte Instrumentalvariablen verwendet werden.
Als Instrumentalvariablen werden geologische Merkmale wie Gesteinsschichten genutzt, die im Karbonzeitalter vor etwa 300 Millionen Jahren entstanden sind und daher keinen direkten Einfluss auf das Pro-Kopf-Einkommen oder Bildungsindikatoren haben, jedoch einen direkten Einfluss auf den Kohleabbau. Das klingt zunächst abstrakt oder methodisch, ist aber im Kern eine Gerechtigkeitsfrage der Forschung. Nur wenn wir Ursache und Zufall sauber trennen, können wir plausibel sagen, ob der Kohleabbau selbst langfristige Folgen erzeugt oder ob wir nur historische Startvorteile beobachten.
Was zeigen die Ergebnisse der Analyse?
Die Ergebnisse lassen sich in einer Dimension bündeln, die Ökonom:innen Humankapital nennen: Bildung, Fähigkeiten und Einkommen, also all das, was Menschen und Regionen langfristig produktiv und anpassungsfähig macht.
Einkommen: Je nach Modell liegen ehemalige Kohleabbaugebiete heute spürbar unter vergleichbaren Regionen ohne Kohleindustrie. Ein einfacher OLS-Vergleich1 zeigt etwa zehn Prozent weniger Pro-Kopf-Einkommen, während die kausale Instrumentalvariablen-Schätzung deutlich stärkere Effekte von bis zu etwa 25 Prozent ermittelt. Der tatsächliche Effekt liegt vermutlich innerhalb dieser Bandbreite und weist eine klare Richtung auf.
Bildung: Der relative Anteil tertiär gebildeter Personen ist in ehemaligen Kohleregionen niedriger, grob im Bereich von zehn bis zwanzig Prozent, je nach Spezifikation. Besonders aufschlussreich ist der geschlechtsspezifische Befund, denn Männer sind stärker betroffen als Frauen. Der Bergbau war traditionell männlich geprägt und bot gut bezahlte Alternativen zur formalen Bildung. Wenn ein guter Lohn auch ohne Studium erreichbar ist, verliert Bildung ökonomisch wie kulturell an Attraktivität und es verfestigt sich über Generationen eine Mentalität, in der formale Bildung nicht als Aufstiegsweg gilt, sondern skeptisch betrachtet wird. Die Kohleabbauindustrie hinterließ damit Spuren in Werten, Erwartungen, Zukunftsorientierungen sowie Zeitpräferenzen. Bildungsinstitutionen: In ehemaligen Kohleregionen wurden historisch seltener Universitäten gegründet, im Durchschnitt zwischen 0,5 und 1,5 Hochschulen weniger als in vergleichbaren Regionen desselben Landes. Das ist kein statistischer Nebenaspekt, sondern ein deutlicher Hinweis auf Pfadabhängigkeit. Wo Bildungsinfrastruktur fehlt, fehlt langfristig auch ein zentraler Magnet für neue Branchen, Innovation und sozialen Aufstieg.
Lebenserwartung: Das Humankapitaldefizit spiegelt sich auch in der Lebenserwartung wider. Die Lebenserwartung ist in ehemaligen Kohleregionen niedriger, um etwa ein halbes bis fast zwei Jahre. Das wirkt zunächst wie ein reiner Gesundheitsbefund, verweist jedoch auf etwas Grundsätzliches und Tieferes. Strukturwandel ist nicht nur eine Frage von Arbeitsplätzen, sondern ganzer Lebensverhältnisse.
Die Befunde sind so simpel wie unbequem. Regionen mit historisch bedingter Kohleindustrie weisen eindeutig langfristige Nachteile auf. Dieses Paradox bildet den Kern dessen, was in der Entwicklungsökonomie als Ressourcenfluch bezeichnet wird. Kohle führte über Industriekonzentration und Agglomerationseffekte zunächst zu wirtschaftlichem Wachstum. Langfristig setzte jedoch ein Dutch-Disease-Effekt2 ein: Die Dominanz der Kohle verdrängte andere Wirtschaftssektoren, hemmte die Diversifizierung und erzeugte strukturelle Handicaps.
Schatten früher Unterinvestitionen: Aufholen mit angezogener Handbremse
Zwar haben ehemalige Kohleabbauregionen im Zeitverlauf teilweise in Bildung aufgeholt, doch zeigt die Analyse, dass frühe Unterinvestitionen langfristige Konsequenzen für die Humankapitalakkumulation haben. Berücksichtigt man zudem die Unterschiede in der Bildungsinfrastruktur bei der Modellierung, reduziert sich der direkte Effekt des Kohlebergbaus auf heutige tertiäre Bildung und Einkommen erheblich, was auf Pfadabhängigkeit hindeutet. Nach der Ben-Porath-Hypothese investieren Menschen weniger in Bildung, wenn ihre erwartete Lebensdauer kürzer ist, da sich die Rendite von Bildungsinvestitionen über die Lebenszeit hinweg verringert. Sobald aber auch die Unterschiede in der Lebenserwartung berücksichtigt werden, verschwindet der negative Effekt des Kohlebergbaus auf heutige tertiäre Bildung weitgehend. Gleichzeitig entstehen Zeitpräferenzen nicht unabhängig, sondern können selbst das Ergebnis langjähriger Bildungs- und Humankapitalvernachlässigung sein. Da solche Präferenzen träge und intergenerational stabil sind, erklärt ihr Zusammenspiel mit geringerer Lebenserwartung, warum die negativen Effekte des Kohlebergbaus auf Bildung und Humankapital nur schwer rückgängig zu machen sind. Die geringere Bildung ist somit nicht allein durch historische Unterinvestitionen erklärbar, sondern ebenso durch persistente Unterschiede in Lebenserwartung und Zukunftsorientierung.
Zu viel Kohle oder zu wenig Zukunft?
Der Kohlefluch war mein erster Berührungspunkt mit Strukturwandel. Genau hier berührt das Thema Fragen von Ungleichheit sowie Klassismus und eröffnet eine mögliche Antwort auf die Frage, ab wann man eigentlich zu viel Kohle hat. Zu viel Kohle hat man dann, wenn ein Rohstoff nicht nur Wert schafft, sondern Alternativen verdrängt. Wenn eine Region ökonomisch, institutionell und bildungsbezogen so monostrukturiert wird, dass Anpassung kaum noch möglich ist. Die Antwort liegt deshalb nicht im moralischen Urteil über Kohle, sondern in der gerechten Gestaltung von Strukturwandel durch Diversifikation. Durch die Diversifikation der Bildungsinvestitionen (wie lokale Hochschulangebote, flexible Bildungswege, Mentoring, Erstakademiker:innenprogramme …), der Kombination von Industrien und der offene Zukunftsstrategien. Man hat also nie wirklich „zu viel Kohle“, sondern zu wenig Zukunft, wenn man nichts neben ihr entwickelt. Strukturwandel zeigt, dass Ungleichheit nicht naturgegeben ist, sondern das Ergebnis von Pfaden, Entscheidungen und Institutionen. Genau deshalb können wir sie verändern.
1 OLS (Ordinary Least Squares) ist ein statistisches Verfahren, das Zusammenhänge direkt aus den Daten schätzt, jedoch keine kausalen Effekte isolieren kann
2 volkswirtschaftliches Modell, das die negativen Auswirkungen eines Booms im Rohstoffsektor auf den produzierenden Sektor erklärt
Was wir gern noch von Dir wissen möchten: Wie hat Du den Strukturwandel im Ruhrgebiet in Kindheit, Jugend und heute ganz persönlich erlebt und mitbekommen?
"Aufgewachsen bin ich in Essen, mitten im Ruhrgebiet, und Strukturwandel war für mich deshalb nie etwas Abstraktes. Orte wie die Zeche Zollverein, Gespräche mit Menschen, deren Familien im Bergbau gearbeitet haben, und Begriffe wie „Glück auf" gehörten ganz selbstverständlich zu meiner Kindheit dazu. Das war einfach da, als Teil der Landschaft und der Sprache um mich herum.
Gleichzeitig habe ich früh gemerkt, dass sich in solchen Regionen Chancen unterschiedlich entwickeln, zum Beispiel in Bezug auf Bildung oder berufliche Wege und schienen für manche Menschen einfach näher zu liegen als für andere. Heute sehe ich das klarer im Kontext von Strukturwandel und verstehe, wie stark wirtschaftliche Geschichte ganze Lebensläufe prägt, wie der Rückzug einer Industrie nicht einfach Jobs kostet, sondern Identitäten, Netzwerke und Perspektiven verändert.
Strukturwandel wird genau dort sichtbar, wo sich Chancen eröffnen oder eben verschließen. Dieses Wechselspiel sowie die persönlichen Eindrücke haben mein Interesse an den Themen Strukturwandel, Ungleichheit und Klassismus nachhaltig geprägt."
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