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#Kultur

Die Kulturkommission der DDR zu Besuch auf den Hamburger Stiftungstagen

Pauline Schönfelder, stART.up-Alumna

Am 18. Juni durfte ich mit meiner Produktion OST (Original Soundtrack) die Hamburger Stiftungstage 2026 miteröffnen. Ha! Ich wünschte, es wäre so gewesen, aber natürlich kann man bei einer Eröffnung keine einstündige kulinarische Konzertperformance unterbringen. Also habe ich mich auf 20 Minuten reduziert. Gar nicht so leicht, aus einer Performance, deren dramaturgischer Aufbau über mehrere Monate hinweg gebaut, geprobt, verworfen, wieder neu zusammengesetzt und schließlich zur Premiere gebracht wurde, einfach mal so eine Best-of-Version zu schnüren.

Nachdem ich mein Jahr im stART.up-Stipendium im Sommer 2025 abgeschlossen hatte, folgte ziemlich direkt das, worauf ich während des Stipendiums hingearbeitet hatte: Ich erhielt die erste große Förderung für eine eigene Produktion. Für mich war damals klar, dass ich mein Projekt in dem Rahmen realisieren wollte, den ich künstlerisch vor Augen hatte. Dafür brauchte es ein größeres Budget, als es die Nachwuchsförderung ermöglicht hätte. Also entschied ich mich, direkt eine Produktionsförderung zu beantragen, auch wenn mir vereinzelt geraten wurde, zunächst den Weg über die Nachwuchsförderung zu gehen. Angesichts der begrenzten Fördermittel und der vielen Anträge, auch von bereits etablierten Künstler:innen, war das durchaus ein kleines Abenteuer. Umso mehr habe ich mich über die Zusage gefreut. Und noch viel mehr über das, was mein Team und ich dadurch gemeinsam schaffen konnten: Am 28. November 2025 durften wir OST (Original Soundtrack) im LICHTHOF Theater uraufführen. Unterstützt und gefördert wurde die Produktion durch die Behörde für Kultur und Medien Hamburg, den Proberaumfonds des DfdK Hamburg, die Probebühne im Gängeviertel und die Claussen-Simon-Stiftung.

In acht Songs singe ich in OST (Original Soundtrack) darüber, wie es sich lebt mit einem emotionalen Erbe von etwas, das man selbst nie erlebt hat. In meiner Geschichte geht es um die DDR-Biografie meiner Eltern. In vielen anderen Geschichten, Leben und Biografien ist der Ausgangspunkt ein komplett anderer – aber gewisse Gefühle ähneln sich, kommen wieder und werden vielleicht nie ganz verarbeitet?

Und nun also: das alles in 20 Minuten. Gemeinsam mit dem Musiker Tom Gatza und der Filmemacherin Seda Kaçak, ebenfalls stART.up-Alumna, ging es nun darum, sich zu entscheiden: Welche Wörter müssen wirklich gesagt, welche Punkte gesetzt werden? Mit Unterstützung durch Sarah Isabel Conrad von der Claussen-Simon-Stiftung konnte ich mich über mehrere längere, intensive Gespräche immer weiter an die Essenz herantasten: Was braucht es eigentlich, damit OST auch in 20 Minuten funktioniert? Was muss erzählt werden? Was wird auf der Videoleinwand sichtbar? Wie sehr wird mit dem Publikum interagiert? Und welche Songs müssen unbedingt bleiben?

Und dann standen wir im Juni 2026 endlich da auf der Bühne des KörberForums, wo die Hamburger Stiftungstage 2026 mit künstlerischen Performances und Impulsen zu Stiftungswirken eröffnet wurden. Was inhaltlich skurril passend war: Das theatrale Setting von OST ist eine Kulturkommission, vor der sich meine Kunstfigur dilemma präsentieren muss. Ein Format, das heute ziemlich absurd wirkt, in der DDR aber für Künstler:innen, vor allem im Bereich Tanz- und Unterhaltungsmusik, zum Berufsalltag gehörte. Man musste sich präsentieren, wurde eingestuft und damit einer bestimmten Kategorie, einem Grad an Professionalität und letztendlich auch Verdienstmöglichkeit zugeordnet.

Solche Einstufungsformate gibt es heute natürlich nicht mehr… oder? Anträge schreiben, seine Ideen überzeugend darstellen, die eigene Kunst förderbar machen, sich gleichzeitig verletzbar machen, mit Irritationen und Absagen umgehen, wieder neu Kontakt aufnehmen – und sich dabei bloß nicht von außen oder innen unterkriegen lassen. All das gehört auch heute zum Künstler:innen-Dasein. Und so war es ziemlich passend, mit einer Arbeit über eine Kulturkommission vor so vielen Menschen aus der heutigen Stiftungswelt zu stehen. Die Systeme sind natürlich nicht dieselben – und trotzdem spielen Gremien, Entscheidungen und die Frage, wer unter welchen Bedingungen Kunst machen kann, auch heute noch eine ziemlich große Rolle.

Mit der Claussen-Simon-Stiftung im Rücken hat sich für mich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Klar, ich habe Zugänge und Möglichkeiten bekommen, die ich vorher nicht hatte. Gleichzeitig bin ich mir sehr bewusst darüber, dass diese Möglichkeiten nicht selbstverständlich sind und auch nicht überall gleichermaßen existieren. Gerade in vielen ostdeutschen Bundesländern gibt es deutlich weniger Stiftungen und damit auch weniger Zugänge zu unterschiedlichen Förderstrukturen. Vielleicht war es mir gerade deshalb wichtig, dieses Thema in Hamburg zu präsentieren – und gleichzeitig eine Möglichkeit, dieser Perspektive einer freischaffenden Künstlerin bei der Eröffnung der Stiftungstage Sichtbarkeit zu geben.

Aber vielleicht ist es gar nicht nur der Zugang. Es ist auch eine Art Rückenwind, ein Vertrauensvorschuss: Jemand traut einem etwas zu, bevor man selbst genau weiß, was am Ende daraus wird. Und mit diesem Gefühl arbeitet es sich manchmal ein kleines bisschen leichter.

Gerade in einer Zeit, in der öffentliche Gelder und Kulturförderung immer stärker unter Druck geraten und Kunst immer wieder um ihre Berechtigung kämpfen muss, beschäftigt mich umso mehr, wie und von wem Kunst überhaupt ermöglicht wird. Wie schaffen wir Räume für unterschiedliche Stimmen, Geschichten und Gleichzeitigkeiten? Wer bekommt die Möglichkeit, etwas auszuprobieren, zu scheitern, weiterzumachen und eine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln?

Ich versuche jedenfalls weiter, mich an den Dilemmata unseres Alltags entlangzuhangeln, sie zu erforschen und zu hinterfragen, daraus Theater, Lieder und Atmosphären zu schaffen – und hoffentlich ganz bald die nächste Konzertperformance zu spielen!


 

Am 16. Oktober 2026 zeigt Pauline Schönfelder OST (Original Soundtrack) im Wettbewerb der Heidelberger Stücketage.

 


VON & MIT

Pauline Schönfelder [Künstlerische Leitung, Konzept, Komposition, Performance], Tom Gatza [Komposition, Sound-Design, Live-Musik], Barbara Schmidt-Rohr [Dramaturgie], Anne Pretzsch [Inhaltliche Mitarbeit], Christopher Dippert [Bühne, Kostüm, Lichtdesign], Seda Kaçak [Videoinstallation], Marcela León Espinoza [Tonbetreuung], Lisa Eveline Kögler [Beratung Songwriting], Catharina Boutari [Vocal Coaching], Göktuğ Engel [Beratung Schauspiel], Yolanda Morales [Beratung Choreografie], Isabelle Rohlfs [Produktionsleitung], Farina Jäger [Presse & Öffentlichkeitsarbeit], Sven Fritzsche [Endprobenassistenz], Mitch Stöhring [Pressefotos], Amyra Radwan [Grafikdesign], Thirtysixshots [Foto- und Videodokumentation]

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