Zum Inhalt springen

#Bildung #Bildungsgerechtigkeit #Community #Horizonte

Beweggründe für die Berufswahl bei Lehrkräften mit Migrationsgeschichte

Dogukan Cakabay

Als angehende Lehrkraft mit Migrationshintergrund habe ich im Laufe meiner eigenen Schulzeit und meines Studiums zahlreiche Erfahrungen sammeln können, die meine Sicht auf Bildung und die Rolle von Lehrkräften geprägt haben. Aufgewachsen in einem sozial benachteiligten Milieu, habe ich sowohl die Herausforderungen als auch die Chancen des Bildungssystems hautnah erlebt. Diese Erfahrungen haben mich nicht nur geprägt, sondern auch motiviert, selbst als Lehrkraft tätig zu werden. Als Erstakademiker innerhalb meiner Familie verfolge ich das Ziel, Schüler:innen genau die Unterstützung zu bieten, die ich mir für meine eigene Schulzeit gewünscht hätte, und die Kinder wahrzunehmen, die sonst über-sehen werden.

Daten des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2024 zeigen, dass 41% der Schüler:innen an allgemeinbildenden Schulen einen Migrationshintergrund hatten, während der Anteil von Lehrkräften mit Migrationshintergrund lediglich 16% betrug. In der Praxis lässt sich immerhin eine Zunahme des Anteils von Lehrkräften mit Migrationshintergrund beobachten: So wiesen im Jahr 2018 lediglich 12% des Kollegiums einen Migrationshintergrund auf. Demzufolge ist zwar ein leichter Anstieg erkennbar, doch bleibt der Anteil von Lehrkräften mit Migrationshintergrund weiterhin sehr gering und sie sind unterrepräsentiert (vgl. Statistisches Bundesamt 2024.).

Vor diesem Hintergrund habe ich mir in meiner Bachelorarbeit die Frage gestellt, welche Beweggründe Lehrkräfte mit Migrationshintergrund dazu veranlassen, den Lehrer:innenberuf auszuüben, obwohl sie trotz des leichten Anstiegs weiterhin unterrepräsentiert sind. Es war daher von besonderem Interesse, die individuellen Erfahrungen, Perspektiven und Motivationen dieser Lehrkräfte zu untersuchen, um die Faktoren zu identifizieren, die ihre Berufswahl prägen. Vor diesem thematischen Fokus ergab sich die zentrale Forschungsfrage für die Arbeit: Welche Beweggründe veranlassen Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte dazu, den Lehrer:innenberuf zu ergreifen?

Der Fokus lag dabei insbesondere auf der Auswertung, Interpretation und Analyse von Inter-views. Ich entwickelte, ausgehend von der Forschungsfrage, zwei leitfadengestützte Interviews, die ich mit jeweils einer Lehrkraft mit Migrationshintergrund führte. Die Analyse erfolgte nach der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, worin zentrale Kategorien gebildet und die gewonnenen Daten systematisch ausgewertet worden sind.

Fazit & zentrale Ergebnisse – intrinsische und extrinsische Beweggründe

Es zeigt sich, dass die beiden interviewten Lehrkräfte exemplarisch verdeutlichen, dass die intrinsische Motivation eine zentrale Rolle für die Berufswahl spielt, denn beide Lehrkräfte nutzen ihre eigenen negativen Erfahrungen mit dem Bildungssystem, die sich in Form von Benachteiligung, Diskriminierung und mangelnder Anerkennung äußerten, als beruflichen Antrieb: Sie wollen pädagogisch sinnvoll wirken, indem sie Schüler:innen positive Erfah-rungen ermöglichen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Die eigene Herkunft, Mehrsprachigkeit und Lebensgeschichte werden als Ressource und Stärke genutzt, um Schü-ler:innen mit ähnlichem Hintergrund besser wahrnehmen zu können und um das Schulumfeld positiv zu gestalten und das Kollegium von ihren Erfahrungen profitieren zu lassen. Hervorzuheben ist, dass sich für beide Lehrkräfte der Wunsch manifestierte, die eigenen Erlebnisse in positive Impulse umzuwandeln und die nächste Generation an Schüler:innen zu stärken, indem sie die Schüler:innen sehen, anerkennen und fördern.

Zudem verdeutlichen die Ergebnisse, dass neben diesen intrinsischen Motiven auch extrinsi-sche Motive eine Rolle spielen, die für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund von bedeutsamer Signifikanz sein können. Die Aussicht auf gesellschaftliche Anerkennung, stabile Ar-beitsbedingungen, Sicherheit und die Möglichkeit, die eigene Erfahrung zu verarbeiten, können für viele Lehrkräfte mit Migrationshintergrund verstärkende Faktoren sein. Sie sor-gen vor allem bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund dafür, dass der Leh-rer:innenberuf an Attraktivität gewinnt, selbst wenn nicht alle die persönlichen oder strukturellen Möglichkeiten haben, um an solch eine berufliche Position zu gelangen. In meiner Forschungsarbeit stehen somit sowohl die individuellen Beweggründe der beiden Lehrkäfte als auch die strukturellen und gesellschaftlichen Bedingungen, die den Zugang zum Leh-rer:innenberuf für Menschen mit Migrationshintergrund beeinflussen, im Fokus.

Die Ergebnisse illustrieren, dass die bestehenden Ungleichheiten und Benachteiligungen, die sowohl in der Theorie als auch durch die Erfahrungen der Lehrkräfte ersichtlich werden, das Leben vieler Menschen mit Migrationshintergrund nachhaltig prägen. Die Beispiele in der Arbeit zeigen, dass diese Herausforderungen nicht nur überwunden, sondern dass sie zugleich als Antrieb genutzt werden können, um die Chancenungleichheit zu verringern und Barrieren für die nächsten Generationen abzubauen. Die Ergebnisse lassen sich nicht auf alle Lehrkräfte mit Migrationshintergrund verallgemeinern, liefern jedoch tiefgehende Einsichten aus der und für die Praxis, die mit der theoretischen Grundlage der Arbeit in Einklang stehen. Sie können dazu beitragen, weitere Studien zu diesem Thema durchzuführen, um sowohl zusätzliche Beweggründe von Lehrkräften mit Migrationshintergrund zu erfassen als auch auf bestehende Benachteiligung, Diskriminierung  und unzureichende Unterstützung aufmerksam zu machen und damit Menschen mit Migrationshintergrund zu Berufen wie den Lehrer:innenberuf zu ermutigen.

Unterschiedliche Wege, aber gemeinsame Motivation

Trotz der genannten vielen Gemeinsamkeiten zeigen sich auch wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Lehrkräften. Für die Untersuchung wurden zwei Lehrkräfte mit Migrationshintergrund ausgewählt, um unterschiedliche Perspektiven auf die Berufswahl abzubilden. Es handelt sich einmal um eine männliche Lehrperson, die in Deutschland geboren wurde, hier studiert hat, im sonderpädagogischen Bereich tätig ist und mittlerweile in einem anderen Bundesland unterrichtet. Die zweite Lehrperson ist weiblich, über den Quereinstieg in den Lehrer:innenberuf gelangt, derzeit in Hamburg tätig und nicht in Deutschland geboren. In den Interviews berichtet die zweite Lehrkraft vor allem von den Erfahrungen ihrer Tochter und den Beobachtungen aus ihrem Umfeld mit dem Bildungssystem. Ihr Zugang zum Beruf ist stark von der Perspektive von außen geprägt. Sie möchte auf die Bedürfnisse von Schüler:innen reagieren, die ähnlichen Herausforderungen ausgesetzt sind wie die ihrer Tochter. Die erste Lehrkraft ist in Deutschland aufgewachsen und hat das Bildungssystem selbst durchlaufen. Er berichtet von Erfahrungen mit Benachteiligung, Diskriminierung und mangelnder Anerkennung. Sein Weg in den Lehrer:innenberuf ist stark von der intrinsischen Motivation geprägt, diese Erfahrungen in positive Impulse für Schüler:innen umzuwandeln und ihnen bessere Chancen zu ermöglichen. So wurde besonderes Augenmerk auf die Diver-sität der Perspektiven gelegt, denn unterschiedliche Geschlechter, Herkunftsländer, Unterrichtsorte und Bildungswege wurden berücksichtigt. Trotz der unterschiedlichen Lebensper-spektiven muss betont werden, dass beide dasselbe Ziel verfolgen, nämlich eine erfolgreiche Lehrkraft mit Migrationshintergrund zu sein.

Horizonte-Umfrage in den Jahrgängen 8-10

Spannend erscheint dabei, dass sich die zentralen Ergebnisse der Arbeit auch in der Umfrage widerspiegeln, die mit den Jahrgängen 8, 9 und 10 des Horizonte-Programms durchgeführt wurde. Die Befragung zeigt, dass die zusammengefassten Beweggründe, die die Interviewpartner:innen nannten, eine breite Zustimmung erfahren. Folgende Aussagen stießen bei der Umfrage auf besonders starke Übereinstimmung: 

  • Ich möchte Schüler:innen positive Erfahrungen ermöglichen, die ich selbst nicht immer hatte. 
  • Ich möchte gesellschaftlich einen wertvollen Beitrag leisten.
  • Ich möchte meine eigenen Erlebnisse in positive Impulse für die nächste Generation umwandeln. 
  • Menschen mit Migrationshintergrund erfahren häufig Benachteiligung im Bildungs-system
  • Ich habe selbst Diskriminierung aufgrund meines Migrationshintergrunds erlebt.
  • Benachteiligungserfahrungen und die Erkenntnis dessen motivieren mich, mich für mehr Chancengleichheit einzusetzen. 
  • Meine Mehrsprachigkeit sehe ich als Vorteil, sowohl im Umgang mit Schüler:innen als auch im Kollegium.
  • Ich sehe mich selbst als Vorbild für viele Schüler:innen mit Migrationshintergrund
  • Lehrkräfte mit Migrationshintergrund bereichern das Schulsystem
  • Sicherheit, stabile Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Anerkennung beeinflussen meine Berufswahl
  • Die Wahrnehmung, dass Schüler:innen mit Migrationshintergrund oder aus sozial benachteiligten Familien systematisch benachteiligt werden, motiviert mich, Lehrkraft zu werden. 

Trotz unterschiedlicher Wege und Erfahrungen verfolgen wir alle dasselbe Ziel, Kinder und Jugendliche zu stärken und Chancen gerechter zu verteilen. Die Arbeit und ihre Erkenntnisse widmen wir denjenigen, die nach uns kommen und trotz schwieriger Aus-gangslagen ihre Träume verwirklichen wollen. 


Dogukan beschreibt seine persönliche Motivation für den Lehrkräfte-Beruf so: 

"Ich weiß, wie es ist, mit schwierigen Startbedingungen durchs Schulsystem zu gehen. Heute möchte ich als Sonderpädagoge Schüler:innen stärken, die ähnliche Herausforderungen erleben."


Literaturverzeichnis:

Artikel kommentieren

Kommentare sind nach einer redaktionellen Prüfung öffentlich sichtbar.