Vom Bellen zum Bedürfnis – was Hunde uns über Kommunikation lehren
Solveig Weßels, Hundetrainerin und B-MINT-Alumna
Wenn Verhalten lauter ist als das Bedürfnis dahinter
Ein Hund an der Leine – bellend, knurrend, er zieht und springt zur anderen Straßenseite hinüber. Dort spielt sich das gleiche Szenario ab: Ein fremder Hund, der ebenfalls bellend in der Leine hängt und zum anderen Hund hinüberzieht. Manchmal begleitet von den Sätzen „Meiner tut nix, der regt sich nur gerne auf“ oder „Der will erstmal zeigen, wer hier der Chef ist“. Für Außenstehende sieht es nach Aggression und vielleicht sogar Spaß an der Aufregung aus. Es wirkt, als ginge es ihnen um die reine Aufregung – viel Verhalten und wenig Inhalt.
Doch was ist, wenn es eben nicht um das Verhalten an sich geht – sondern das Verhalten ein Schlüssel zu einem Bedürfnis ist? Wenn es eben nicht darum geht, sich aufzuregen – sondern um die eigene Sicherheit?
Wir sehen das Verhalten – eine sichtbare Strategie. Doch das Bedürfnis ist uns nicht bewusst, es bleibt unsichtbar. Und genau hier beginnen Missverständnisse – zwischen Mensch und Hund, jedoch auch zwischen Mensch und Mensch.
Die Unterscheidung von Strategie und Bedürfnis
Bedürfnisse sind innere Zustände oder Motive, die für das Wohlbefinden eines Lebewesens wesentlich sind. Sie sind die Grundanliegen unseres Lebens, wie beispielsweise Sicherheit, Zugehörigkeit oder Ruhe.
Strategien sind Wege, mit denen versucht wird, die Bedürfnisse zu erfüllen – und diese können wir von außen in Form von Verhalten sehen. Um das Bedürfnis Ruhe zu erfüllen, können zum Beispiel die Strategien Rückzug, Meditation oder auch das Ausschalten vom Handy gewählt werden.
Oftmals neigen wir dazu, Verhalten direkt zu bewerten. So wird eine Leinenaggression als reiner Ungehorsam oder ein weinendes Kind in der U-Bahn als schlecht erzogen betitelt. Eine Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Strategie hingegen hilft, das Verhalten zu verstehen statt es zu bewerten. Wenn ich hinter die Kulisse von Verhalten schaue und merke, dass das Kind in der U-Bahn weint, weil es wegen der Geräusche in der U-Bahn nicht schlafen kann und deswegen seine Bezugspersonen durch das Weinen anspricht, so bin ich in der Lage, dem Kind oder auch den Eltern Wertschätzung und Respekt entgegenzubringen anstatt diese direkt zu beurteilen. Und genau das ist auch in der Arbeit mit Mensch-Hund-Teams ein entscheidender Punkt.
Was wir sehen vs. was dahinter steckt
Typischerweise werden bei Hunden schnell Strategien als Bedürfnis dargestellt – wie mit den Aussagen „Der liebt es, den Überblick zu haben“ oder „Der will bewachen, dafür ist er gemacht worden“. Schon in solchen simplen Sätzen finden wir eine Reduktion von Hunden auf ihr Verhalten ohne Beachtung der Bedürfnisse.
Wer „den Überblick“ hat, bekommt viel von der Umwelt mit, kann rechtzeitig reagieren und Gefahren abwenden – eine ausgesprochen sinnvolle Strategie, um Sicherheit zu gewährleisten und damit das Bedürfnis nach Sicherheit zu befriedigen. Auch wir Menschen nutzen Strategien, um den Überblick zu haben und für unsere Sicherheit sorgen zu können: Wir installieren Kameras, parken lieber im beleuchteten Bereich, und Menschen im Sicherheitsdienst positionieren sich ebenfalls strategisch.
Eine Strategie, die sowohl Mensch als auch Hund nutzt, um Ressourcen zu beanspruchen und für deren Sicherheit zu sorgen, ist das Markieren. Hunde markieren vor allem mit Urin und Kot, manchmal auch durch Scharren. Wir Menschen nutzen das Handtuch auf der Liege, die Jacke über dem Stuhl oder stellen schon mal die eigene Tasse im Konferenzraum auf „unseren Platz“.
Hunde, die schnell die Verantwortung für Sicherheit übernehmen, zeigen sich sehr ernsthaft und wachsam. Dies wurde in der Vergangenheit bewusst selektiert, um beispielsweise Rassen zu züchten, die sich besonders für den Schutz von Herden oder auch für das Bewachen eines Hofes eignen. Jedoch hat die Häufigkeit eines Verhaltens nichts damit zu tun, ob das Verhalten Freude bereitet. Je sensibler wir für ein Bedürfnis sind, desto eher werden wir Strategien ergreifen, die dieses befriedigen. Und aus diesem Grund sind viele „Wachhunde“ sehr sensibel für Sicherheitsfragen rund um das eigene Revier, die eigenen Menschen und Kinder und natürlich auch Ressourcen wie das Auto, Spielzeug, Futter oder Tierherden. Durch die erhöhte Sensibilität zeigen sie Strategien zur Bedürfnisbefriedigung „Sicherheit“, auch wenn es für uns Menschen vielleicht keinen Handlungsbedarf gibt – denn wir sind in dem Moment vielleicht weniger sensibel. Dies ist vergleichbar mit Eltern, die als sehr kontrollierend empfunden werden. Ihr Verhalten, übermäßige Fürsorge, ergibt vor dem Hintergrund einer erhöhten Sensibilität für das Bedürfnis „Sicherheit meines Kindes“ sehr viel Sinn.
Wenn wir die Perspektive einnehmen, nach den Bedürfnissen zu fragen anstatt direkt über Verhalten zu urteilen, so sehen wir nicht mehr die „Problemhunde“ und „Helikoptereltern“, sondern Individuen, die versuchen mit Stress umzugehen und in bestimmten Bereichen viel sensibler sind als wir selbst.
Verantwortung in asymmetrischen Beziehungen
Die Beziehung zwischen Mensch und Hund ist asymmetrisch: Der Hund ist abhängig vom Menschen – denn wir entscheiden über das Futter, über Bewegung, Begegnung, Ruhezeiten, kurz: Über sein Leben.
Diese Abhängigkeit macht uns verantwortlich dafür, die Bedürfnisse des Hundes zu sehen und zu befriedigen. Wenn wir bei der Leinenaggression lediglich das Verhalten unterdrücken, bleibt das Bedürfnis des Hundes ungestillt und erzeugt Stress, Misstrauen und durchaus auch neue Konflikte.
Vertrauen kann dagegen entstehen, wenn das abhängige Individuum spürt: Du kennst mich, du weißt, was ich brauche – und du gibst mir Möglichkeiten, meine Bedürfnisse zu stillen. So könnte eine Positionierung des Hundes auf der abgewandten Seite von Außenreizen eine Möglichkeit sein, dass der Hund mehr Distanz hat und sein Bedürfnis nach Sicherheit gestillt ist – ohne die Strategie Aggression anzuwenden.
Gerade weil wir verantwortlich für unseren Hund sind, ist es unsere Aufgabe, die Bedürfnisse unseres Hundes zu erkennen und mit ihm Strategien zu erarbeiten, die zu seinen Bedürfnissen und unserer Welt passen.
Hunde sind auch nur Menschen – Kommunikation übertragen
Missverständnisse dieser Art begegnen uns regelmäßig im Alltag – auch ganz ohne Hunde. Gerade in asymmetrischen Beziehungen wie in der Schule oder in Eltern-Kind-Beziehungen ist es essenziell, zwischen Strategie und Bedürfnis zu unterscheiden, um Konflikte angemessen lösen zu können.
Ein Kind, das provoziert, sucht vielleicht nicht Streit, sondern Orientierung an einer souveränen Person.
Ein Schulkind, das lieber allein arbeitet, ist vielleicht nicht unkooperativ, sondern schützt vielleicht ihr Bedürfnis nach Ruhe zwischen vielen lauten Kindern.
Eine jugendliche Person, die sich abgrenzt und gegen Grenzen rebelliert, sucht keinen Streit oder Ablehnung, sondern Autonomie und Identität.
Wenn wir Strategien sehen, ohne die darunterliegenden Bedürfnisse zu verstehen, resultiert dies oftmals in Kontrolle oder einem Urteil. Wenn wie jedoch erkennen, was jemand in diesem Moment braucht, entsteht Verbindung.
Wieso die Entscheidung essenziell ist
Die Frage nach Bedürfnis oder Strategie klingt vielleicht erstmal recht theoretisch, jedoch ist sie ein wichtiges Werkzeug für Beziehung, Vertrauen und Empathie.
Wer Verhalten als Ausdruck eines Bedürfnisses lesen kann, kann nicht reflexhaft, sondern vor allem bewusst reagieren. Hierdurch können Räume geschaffen werden, in denen Entwicklung, Lernen und Sicherheit möglich sind.
Gleichzeitig können wir uns selbst besser kennenlernen und verstehen, wieso bestimmte Emotionen in einigen Situationen entstehen – und wie wir mit diesen Emotionen als Ausdruck eines Bedürfnisses umgehen können anstatt sie zu unterdrücken.
Egal ob mit Mensch oder Hund, die Kunst des Zusammenlebens fängt hinter den Kulissen des Verhaltens an.
Urteile nicht, was jemand tut – sondern verstehe, was jemand braucht!
Artikel kommentieren
Kommentare sind nach einer redaktionellen Prüfung öffentlich sichtbar.