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#Schulfonds

Wenn Demokratie lebendig wird: Die Bürgertierwahl 2.0 und eine Reise nach Berlin

Julia Münz, Kulturagent:innen Hamburg e.V.

Wie können Kinder im Grundschulalter Demokratie nicht als abstraktes Konstrukt, sondern als einen Prozess erleben, den sie selbst aktiv mitgestalten und beeinflussen können? An der Schule Jenfelder Straße setzen wir uns dafür ein, der Politikverdrossenheit bereits in der Grundschule etwas entgegen zu setzen.

Vor zwei Jahren haben wir uns in Kooperation mit den Kulturagent:innen Hamburg e.V. und gefördert von dem Fonds für Kultur und Schule Hamburg auf den Weg gemacht, herauszufinden: Wie geht Demokratiebildung mit künstlerischen Mitteln? Wie lernen Kinder, dass es Spaß macht und sich lohnt, sich in Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse einzumischen . Das Ergebnis war 2024 die erste Bürgertierwahl. Das Konzept entstand mit Künstler*innen der Glitch AG und des wirvier Kollektivs.

Mit Hilfe der Förderung der Claussen-Simon-Stiftung arbeiteten wir im Schuljahr 2025/26 mit dem Projekt „Bürgertierwahl 2.0.“ daran, die Bürgertierwahl zu einem jährlichen Bestandteil unseres Schullebens zu machen. „Bürgertierwahl 2.0.“ bedeutet, dass Lehrkräfte durch Fortbildungen und Praxis lernen, wesentliche Bausteine des künstlerischen Projektes selbst durchzuführen und Künstler:innen nur noch punktuell den Prozess unterstützen. Wir wollen Demokratie nicht nur erklären, sondern erlebbar machen – kreativ, gemeinschaftlich und mitten im Schulalltag. Besonders wichtig ist uns, mit den Kindern im Anschluss an die wuselige Projektzeit in der Schule in die Hauptstadt zu fahren, damit sie dort ihr Wissen vertiefen, wo Demokratie in Deutschland gestaltet wird: in Berlin.
 

Bürgertierwahl – das Konzept 

Bürgertierwahl ist ein künstlerisches Demokratieprojekt, das Theater, Musik, Gestaltung und politische Bildung miteinander verbindet. 
Eine Auswahl von 8 bis 10 Kuscheltiere bekommen eine Kurzvita, wie z.B.: Kalea Käfer hat viele Freunde und lädt gern zu Partys im Grünen ein. Mit ihren Fühlern kann sie Gefahren erkennen und sich dann blitzschnell verstecken. Kalea ist schlecht im Ball spielen, kann aber toll klettern und sogar fliegen. Klaea mag es nicht, wenn so viel Müll rumliegt. Anhand solcher Kurzvitae werden die Tiere den Kindern als potentielle Bürgertierkanditat:innen vorgestellt. Die Kinder sind dann aufgefordert, sich einem Tier ihrer Wahl zuzuordnen. So bilden sich kleine Teams, die als Wahlhelfer:innen ihrer Bürgertierkandidaten zu Mitarbeiter:innen des Ministeriums für Tiere und Veränderung werden. In einem Zeitraum von neun Projekttagen beschäftigen sich die Kinder mit der Frage: Wie setzt sich unser Bürgertier persönlich dafür ein, das Leben an unserer Schule und auf der Welt zu verbessern? Als Wahlhelfer:innen erarbeiten die Teams Wahlprogramme, entwerfen Plakate, bauen einen Wahlstand, üben ihre Wahlziele als Rap ein, produzieren Merchandise, halten Pressekonferenzen ab und vieles mehr – bis alles auf einer großen Wahlparty zusammengeführt wird. Hier informieren sich Mitschüler:innen und Eltern, bevor sie an der Urne ihre Stimme angeben.

Bürgertierwahl – der Prozess

Was auf den ersten Blick spielerisch wirkt, entfaltet eine erstaunliche Tiefe. Die Kinder setzen sich intensiv mit der Frage auseinander, wie ihre Schule und ihre Umwelt verbessert werden können. Dabei formulieren sie eigene Ideen, diskutieren unterschiedliche Interessen und lernen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Sie erleben, dass demokratische Prozesse nicht bedeuten, einfach den eigenen Wunsch durchzusetzen, sondern zuzuhören, Kompromisse zu finden und Verantwortung für gemeinsame Entscheidungen zu übernehmen.
Ein besonderer Gewinn des Projekts liegt darin, dass die Kinder ihre Anliegen zunächst über die Figur ihres Bürgertiers ausdrücken. Dieser kreative Perspektivwechsel macht es vielen leichter, Wünsche und Kritik offen zu formulieren. Gleichzeitig lernen sie, ihre Ideen zu begründen und zu priorisieren. Welche drei Ziele sind wirklich wichtig? Welche Wünsche betreffen möglichst viele Kinder? Wie könnte eine Idee tatsächlich umgesetzt werden? Aus spontanen Wünschen entstehen so konkrete Vorhaben, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des Systems Schule auseinandersetzen.
Auch die künstlerischen Arbeitsformen fördern wichtige Kompetenzen. Beim Schreiben und Vortragen ihrer Wahl-Raps schulen die Kinder ihre Sprachfähigkeit und ihren Mut, vor Publikum aufzutreten. Beim Gestalten der Wahlstände und Merchandise-Produkte sind Kreativität, handwerkliches Geschick, Ausdauer und Teamarbeit gefragt. Jedes Kind kann seine individuellen Stärken einbringen und erlebt, dass erfolgreiche Zusammenarbeit von unterschiedlichen Fähigkeiten lebt.
Die Resonanz innerhalb der Schulgemeinschaft war beeindruckend. Alle rund 400 Kinder unserer Schule kennen inzwischen die Bürgertierwahl. Von etwa 180 Kindern der dritten und vierten Klassen bewarben sich mehr als 100 um die Teilnahme, 20 Kinder konnten schließlich aktiv mitarbeiten. Zur abschließenden Wahlparty kamen rund 120 Kinder sowie etwa 50 Eltern, Geschwister und weitere Familienangehörige. Das Projekt machte Demokratie an unserer Schule sichtbar und lud die gesamte Schulgemeinschaft dazu ein, sich mit den Ideen der Kinder auseinanderzusetzen.
 

Bürgertierwahl – Mit den Wahlhelfer:innen nach Berlin

Den eigentlichen Höhepunkt bildete die gemeinsame Reise nach Berlin. Für die 20 Projektkinder war sie weit mehr als eine Belohnung für ihr Engagement. Sie war die konsequente Fortsetzung dessen, was sie zuvor im Projekt gelernt hatten.

Während der Bürgertierwahl hatten sich die Kinder mit Wahlen, Mitbestimmung und Veränderungsprozessen beschäftigt. In Berlin begegneten sie diesen Themen nun in der politischen Realität. Beim Besuch des Deutschen Bundestages konnten sie erleben, wo Gesetze diskutiert und beschlossen werden. Plötzlich erhielten Begriffe wie Parlament, Abstimmung oder Demokratie einen konkreten Ort. Aus einem abstrakten politischen System wurde ein Gebäude voller Menschen, die Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Auch das Brandenburger Tor und das Bundeskanzleramt wurden für die Kinder zu weit mehr als bekannten Sehenswürdigkeiten. Sie standen an Orten, die sie bislang nur aus Büchern oder dem Fernsehen kannten, und konnten politische Geschichte und Gegenwart unmittelbar miteinander verbinden. Viele Fragen, die während der Projekttage entstanden waren, ließen sich nun mit eigenen Eindrücken verknüpfen. Die Berlinfahrt machte deutlich, dass die demokratischen Prozesse, die sie in der Schule eingeübt hatten, Teil eines viel größeren gesellschaftlichen Zusammenhangs sind.
Besonders eindrucksvoll war dabei die Wirkung auf das Selbstverständnis der Kinder. Sie erlebten, dass ihr Einsatz ernst genommen wird. Die Reise vermittelte ihnen Wertschätzung für ihr Engagement und machte deutlich, dass ihre intensive Projektarbeit Bedeutung hat. Für viele Kinder, die in einem sozial herausfordernden Umfeld aufwachsen, war diese Erfahrung von großer persönlicher Bedeutung.

Die Begeisterung war überall spürbar. Kinder hüpften buchstäblich vor Freude über die Berliner Bürgersteige. Viele erzählten auch später lange noch von ihren Eindrücken im Bundestag oder davon, wie aufregend es war, gemeinsam eine Nacht in der Hauptstadt zu verbringen. Auch die Eltern berichteten von der großen Dankbarkeit ihrer Kinder und davon, wie stolz sie auf ihre Teilnahme am Projekt waren.

Bürgertierwahl – Der Nachhall bei Schüler:innen und Lehrkräften

Das Gewinner-Bürgertier (in diesem Jahr: Ronja Robbe) setzt inzwischen gemeinsam mit den Kindern erste Wahlziele an unserer Schule um. Die Kinder erleben dadurch unmittelbar, dass Wahlen Folgen haben und dass Engagement Veränderungen bewirken kann. Dieses Erleben von Selbstwirksamkeit gehört zu den wichtigsten Lernerfahrungen des gesamten Projekts. Auch für uns als Schule war die Bürgertierwahl 2.0 ein bedeutender Entwicklungsschritt. Unser Ziel war es, ein zunächst mit externen Künstlerinnen entwickeltes Projekt so weiterzuentwickeln, dass wir es künftig dauerhaft selbst durchführen können. Dieses Ziel haben wir erreicht. Viele Projektbausteine werden inzwischen eigenständig von unserem Kollegium umgesetzt. Gleichzeitig haben wir erkannt, an welchen Stellen die Zusammenarbeit mit externen Künstlerinnen weiterhin unverzichtbar ist – insbesondere in den Bereichen Rap und Tanz.

Wir danken der Claussen-Simon-Stiftung und freuen uns auf die Bürgertierwahl 2027 in Jenfeld.
 

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