#Wissenschaft in Zeiten von Corona

Der dezentrale Corona-Newsroom. Geschichte(n) einer Krise

Prof. Dr. Christian Stöcker, HAW Hamburg, Studiengangsleiter Digitale Kommunikation (MA)

Die Corona-Pandemie stellt den Alltag auf den Kopf und macht vor Hochschulen dabei selbstverständlich nicht Halt. Den vierten Jahrgang des Master-Studienganges Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg traf die vorläufige Schließung der Gebäude der HAW Hamburg für den Lehrbetrieb im März in besonderer Weise: Gerade einmal eine Woche konnten die Studierenden gemeinsam in dem Raum verbringen, den sie eigentlich für zwei komplette Semester zu dem ihren machen wollten: Dem HAW-Newsroom am Standort Finkenau, also auf dem Kunst- und Mediencampus. Dann kamen die Anti-Corona-Maßnahmen.

Im HAW Newsroom entsteht das von den Studierenden des Studienganges verantwortete Stadtmagazin Fink.Hamburg. Dort wird – im Normalfall - ein echter Redaktionsalltag nicht nur simuliert, sondern tatsächlich gelebt, mit Reportagen, Nachrichten, Analysen, Kommentaren, Videos, Fotos, Grafiken, Podcasts und allem, was sonst noch dazugehört zu einem modernen journalistischen Digitalangebot. Der Studiengang folgt damit dem Modell des teaching hospital, wie es etwa an vielen US-amerikanischen Journalistenschulen schon seit einiger Zeit praktiziert wird: Die Studierenden lernen maximal praxisbezogen und kompetenzorientiert, weil sie, unter der Anleitung eines Teams aus Lehrenden mit viel eigener Medienerfahrung, ein reales Produkt für ein reales Publikum produzieren. Und dabei zudem der Medienlandschaft der Stadt eine neue Facette hinzufügen.

All das geschieht normalerweise in einem Raum, den 24 bis 26 Studierende gleichzeitig nutzen, als Großraumbüro, Konferenzraum und Hörsaal gleichermaßen, ausgestattet mit Rechnerarbeitsplätzen für alle Studierenden und Lehrenden. Als die Hochschulen für den Publikumsverkehr geschlossen wurden, war klar, dass eine alternative Lösung gefunden werden musste.

Die Covid-19-Schutzmaßnahmen machten nicht nur den Newsroom-Betrieb in gewohnter Form unmöglich, sie erschwerten auch enorm die gängigen journalistischen Übungsaufgaben: Eine Reportage etwa lebt davon, vor Ort zu sein, mit Menschen zu sprechen, ihnen buchstäblich nahe zu kommen. Unter den Bedingungen der ersten Wochen der Kontaktbeschränkungen erschien das kaum möglich.

Wie die meisten professionellen Redaktionen auch wechselte der Studiengang Digitale Kommunikation, den die Claussen-Simon-Stiftung im Rahmen eines Projektes zu Drohnenjournalismus und immersivem Storytelling fördert, zunächst in einen dezentralen, digitalen Modus. Lehrveranstaltungen wurden über Videochatplattformen abgewickelt, Feedback zu Übungstexten gab es individuell und mit kräftiger Unterstützung entsprechender Nachverfolgungs-funktionen aktueller Textverarbeitungsprogramme. Statt Reportagen erarbeiteten die Studierenden Porträts, unter dem Oberthema „Geschichten einer Krise“.

Ein Porträt ist, wie eine Reportage, ein subjektives, erzählendes Format, in dem es darum geht, genau hinzusehen, genau zu beschreiben, aus Beobachtungen ein stimmiges und natürlich hoffentlich interessantes Ganzes zusammenzufügen. Die notwendige Recherche lässt sich aber auch unter den Bedingungen sozialer Abstandsregeln realisieren - im Notfall auch via Videokonferenz.

So entstanden 24 lebendige, lesenswerte, nicht nur in ihrer thematischen Breite eindrucksvolle Texte über das, was die Pandemie mit dem Leben von 24 meist jungen Menschen gemacht hat: Wie erlebt eine angehende Ärztin die ersten Tage der Krise in der Notaufnahme des UKE (zum Text)? Wie eine tiefgläubige Christin, die in Einrichtungen für Obdachlose arbeitet (zum Text)? Wie geht eine Musicaldarstellerin mit der plötzlichen Absage aller öffentlichen Veranstaltungen um (zum Text)? Was bewegt einen Nachwuchspolitiker, der plötzlich niemanden mehr treffen darf (zum Text)? Wie fühlt sich ein Unternehmenspraktikum an, das nun im Homeoffice stattfinden muss, im alten Kinderzimmer im Haus der Eltern (zum Text)?

Als nach einigen Wochen und glücklicherweise sinkenden Infektionszahlen die Möglichkeit entstand, die Räume der Hochschule wieder im Rahmen der sogenannten geschützten Präsenz zumindest in kleinen Gruppen wieder nutzen zu können, war es den Studierenden extrem wichtig, von dieser Chance auch Gebrauch zu machen. Seit Ende Mai ist der HAW Newsroom deshalb wieder besetzt, meist mit weit geöffneten Fenstern und Türen, und immer von maximal neun Studierenden, die dann ausreichend Platz zum Abstandhalten haben.

Sie kümmern sich dann ums „Blattmachen“, um die Betreuung der Social-Media-Kanäle von Fink.Hamburg, um aktuelle Nachrichten – und die stetig aktualisierten aktuellen Covid-19-Statistiken für die Stadt. Im Rotationsverfahren bekommen alle Studierenden des Jahrgangs so doch noch die Gelegenheit, in ihrem ersten, in diesem Corona-Semester doch wenigstens zwei Wochen Redaktionsatmosphäre zu erleben.

Auch die von der Claussen-Simon-Stiftung geförderten Workshops zum Thema Drohnenjournalismus konnten am Ende doch stattfinden: In kleineren Gruppen, sowieso draußen, mit Abstand, Desinfektionsmitteln, Masken und viel Umsicht. Jetzt werden die so entstandenen Filme geschnitten und nachbearbeitet, wieder weitgehend dezentral und natürlich ohnehin digital.

Die nicht im Newsroom präsenten Studierenden werden für Konferenzen per Video zugeschaltet, liefern Texte, Fotos, Videos zu, organisieren Ressortarbeit über digitale Plattformen, recherchieren am Telefon, online oder, natürlich unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln, auch vor Ort. So wie die großen Medienhäuser auch hat sich Fink.Hamburg binnen weniger Wochen in eine zu zwei Dritteln dezentrale, aber dennoch voll funktionsfähige Redaktion verwandelt. 
Am Ende ihres ersten Studienjahres werden die Studierenden gemeinsam ihre ganz eigene „Geschichte einer Krise“ schreiben können.

Foto: HAW-Newsroom im Normalbetrieb:So sieht das Teaching Hospital ohne Abstandsregeln aus (c) Sebastian Isacu

Artikel kommentieren