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#waszählt! #Wissenschaft in Zeiten von Corona

Ein Auszug aus dem Leben einer Wissenschaftlerin zwischen Hamburg und Berkeley in Zeiten von Corona

Dr. Marie Schölmerich, Postdoc Plus-Stipendiatin

Das normale Leben von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist bereits durch ein hohes Maß an Flexibilität gekennzeichnet. Dies fängt bei den täglichen Experimenten an, die trotz penibler Konzeption und Umsetzung oft eine andere Entwicklung nehmen als erwartet, sei es etwa verursacht durch experimentelle Schwierigkeiten (die Zellen sind nicht richtig gewachsen, das Gerät ist defekt) oder durch planungstechnische Hürden (Verfügbarkeit der hierfür benötigten Geräte und Laborkapazitäten). Letztere stellen derzeit die größte Herausforderung dar, da wir aufgrund der auferlegten (und richtigen!) Sicherheitsvorkehrungen zur Vorbeugung der Verbreitung von CoViD-19 eine Vielzahl von Plänen und Listen beachten und uns vor allem an die Abstandsregeln halten müssen. Daher arbeiten wir nun im Schichtsystem, was konkret weniger Zeit für jeden Experimentator bedeutet, erschwerten Austausch und auch weniger Raum für Fehler zulässt, da man nicht einfach „nochmal schnell“ etwas machen kann, wenn die Schicht vorbei ist. Außerdem finden der wissenschaftliche Austausch (Labor- und Projektbesprechungen), Vorlesungen und sogar Abschlussprüfungen bis hin zu Disputationen momentan größtenteils über Videotelefonate statt. 
Ein weiterer Aspekt, der viel Flexibilität von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erfordert, ist der finanzielle, denn sowohl das persönliche Einkommen als auch die finanziellen Mittel für die projektbezogenen Experimente sind zeitlich beschränkt und müssen immer wieder neu eingeworben werden. So ist die überwiegende Zahl der Forschenden nur über kurze Zeiträume von wenigen Jahren angestellt, und eine Weiterbeschäftigung ist von einer weiteren, meist dreijährigen Förderperiode des Projekts abhängig. Die Weiterfinanzierung ist wiederum eng an den wissenschaftlichen Erfolg geknüpft, der sich in der Qualität und Quantität von begutachteten wissenschaftlichen Veröffentlichungen (peer-reviewed publications) widerspiegelt. Die Veröffentlichungen sind also die „Währung“, mit der man neue Gelder für ein Projekt und die damit verbundene (wieder zeitbegrenzte) eigene Stelle einwirbt, bis man die akademische Leiter weit genug hinaufgestiegen ist, um sich um die wenigen Dauerstellen bewerben zu können, die an Universitäten, Fachhochschulen und Forschungsinstituten zur Verfügung stehen. Ich befinde mich irgendwo auf der Mitte dieses Weges und hier ist meine Geschichte …

„Marie seems to have a true passion for this subject“, schrieb mein Biologielehrer in der 12. Klasse in einem Evaluationsbogen. Dieser Passion bin ich bis heute gefolgt und habe sie durch ein Bachelorstudium der Biochemie, ein Masterstudium der Molekularen Biowissenschaften und eine anschließende Doktorarbeit im Bereich der Molekularen Mikrobiologie und Bioenergetik weiter festigen können. Meine schulische und universitäre Laufbahn hat mich bereits an verschiedene Orte gebracht, von Berlin über Singapur, Leipzig, Frankfurt und 2018 nach Hamburg, wo ich eine kleine Nachwuchsgruppe in der Abteilung für Mikrobiologie und Biotechnologie im Fachbereich Biologie der Universität Hamburg leite. Eine Konstante zieht sich aber bisher durch alle meine Stationen seit dem Studium: Das Forschen an Mikroorganismen, die in Abwesenheit von Sauerstoff (anaerob) leben. So ergründe ich mit meinem Team in Hamburg beispielsweise, wie ein anaerobes Bakterium Energie zum Leben aus der Milchsäure gewinnt. Außerdem entwickeln wir aktuell ein fluoreszierendes Protein, das unter anaeroben Bedingungen und bei erhöhten Temperaturen genutzt werden kann, um verschiedene Prozesse in der Zelle zu visualisieren. Gerade haben wir zudem ein Projekt abgeschlossen, in dem wir ein Biohybridsystem, das sich aus einem anaeroben Bakterium und Nanopartikeln zusammensetzt, biochemisch und bioinformatisch untersucht haben.

Nun steht ein weiterer Standortwechsel bevor: Ich beginne am 1. September ein neues Forschungsprojekt am Innovative Genomics Institute in Berkeley. Dieser Schritt, als Postdoc in die USA zu gehen, war schon seit Jahren gedanklich in Planung, und im Herbst 2019 habe ich nach Besuchen an verschiedenen Top-Universitäten und Forschungsinstituten die Entscheidung gefällt, hierfür nach Berkeley zu Prof. Jillian Banfield zu gehen. Ich habe dann mit ihr eine Projektidee entwickelt und einen 20-seitigen Antrag verfasst, der momentan noch bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Begutachtung vorliegt. Die Idee entspringt der maßgeblich in Prof. Banfields Arbeitsgruppe gemachten Entdeckung eines neuen Asts im Baum des Lebens, für den es zwar genomische Daten gibt (die DNA ist bekannt), aber die Lebensweise und Funktion dieser riesigen Gruppe an Mikroorganismen gibt noch unzählige Rätsel auf. In meinem Projekt möchte ich einige dieser Rätsel lösen, indem ich Vertreter dieser neuartigen Mikroorganismen gezielt aus der Natur erfasse, kultiviere und erstmalig im Labor untersuche. Dabei werde ich eine Kombination von Bioinformatik, Molekularbiologie und Biochemie nutzen und somit meine bisherigen Kenntnisse und Erfahrungen sowohl methodisch als auch im mikrobiologischen Fachgebiet immens erweitern.

Um den Umzug in die USA planbarer zu machen, nehme ich zunächst eine amerikanische Stelle an, denn erst etwa im Juli werde ich erfahren, ob ich das DFG-Stipendium erhalte. Eine sorgfältige Planung ist für mich besonders wichtig, denn ich ziehe nicht alleine, sondern mit meiner ganzen Familie in die USA. Mein Mann ist ebenfalls Wissenschaftler (Physiker) und wird dort etwas zeitversetzt auch seinen Postdoc starten, um die Eingewöhnung unserer beiden Kinder (2 Monate und 3 Jahre) in einer Kita zu begleiten. Mein Arbeitsvertrag ist unterschrieben, unsere Flüge sind für August gebucht, wir stehen auf Wartelisten für Kitas und Wohnungen der Universität, und die Wohnungsauflösung in Hamburg ist geplant. Aber nun rollen zwei riesige dunkelgraue Regenwolken auf uns zu, die unsere ganze Planung ins Wanken bringen: CoViD-19 und die politische Lage in den USA.

Durch den momentanen Einreisestopp aus EU-Staaten in die USA wurden alle Termine zur Visumsbeantragung im amerikanischen Konsulat gestrichen, und der erste, den wir neu vereinbaren konnten, ist am 2. September. Vorher hätten wir uns um die Visa gar nicht kümmern können, da wir die Geburt unseres zweiten Kindes abwarten mussten. Nach coronabedingt erschwerten Umständen im Krankenhaus hatten dann auch noch die Bezirksämter geschlossen. Dennoch ist es uns irgendwie gelungen, ein biometrisches Passfoto von unserem wenige Wochen alten Baby zu machen und Pässe für beide Kinder zu bekommen. Auch die Fotos für die Visa sind bereit, alle Gebühren gezahlt, und nun warten wir darauf, dass der Einreisestopp fallengelassen wird, um einen Eiltermin im Konsulat zu bekommen. Derzeit werden aber gar keine Termine vergeben, und dies scheint wohl auch erst einmal so zu bleiben. Der erste morgendliche Blick auf die Nachrichten zeigt fast tagtäglich, wie sich die Chancen auf eine Lockerung der Einreisebeschränkungen in die USA verringern. Heute steht als Headline im Wall Street Journal „Trump Administration Considers Suspending H-1B, Other Visas Through the Fall”, damit wären auch wir betroffen. Bereits vor zwei Tagen erreichte mich eine E-Mail aus Berkeley mit einem Verweis auf eine Seite von Immigrationsanwälten, die eine Massenklage gegen jenen bevorstehenden Erlass in die Wege leiten. Derzeit ist sehr schwer abzuschätzen, wie sich die Lage weiter entwickeln wird. Die Wissenschaft lebt vom internationalen Austausch, und wir hoffen, dass diese Einsicht auch in der derzeitigen US-Politik Niederschlag finden wird.

Trotz aller Herausforderungen und Ungewissheiten bin ich absolut glücklich, meine Leidenschaft zum Beruf gemacht zu haben. Ich freue mich auf den nächsten Schritt und bin dankbar für all die Unterstützung, die ich im Postdoc Plus-Programm durch die Claussen-Simon-Stiftung erhalten habe, um diesen Weg zu gehen.

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