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#waszählt! #Wissenschaft in Zeiten von Corona

Der Weg von einer geplanten Feldforschung zum intensiven Mentoring – Großschadenslagen etwas anders

Prof. Dr. Boris Tolg, Medizintechnik HAW, und Markus Wiedemann, Projektkoordinator MANV-Analyse

Führungskräfte von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben benötigen ein außerordentliches Maß an Strukturiertheit und Flexibilität. Diese Eigenschaften sind Grundlage für die Schadensbegrenzung von Großschadenslagen, um diese mit einem kühlen Kopf Schritt für Schritt in den Griff zu bekommen. Dazu gehören auch die sogenannten Massenanfälle von Verletzten (MANV). 

Strukturiert und flexibel zu sein ist für die Studierenden der Studiengänge Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr somit nichts Neues. 

Diese Eigenschaften haben sich seit der Schließung der Hochschulen, bedingt durch die Corona-Pandemie, als durchaus nützlich erwiesen. Das physische Hochschulleben ist seit einigen Wochen bis auf das Nötigste zum Erliegen gekommen, die Präsenzlehre ist massiv einschränkt. So mussten Vorlesungen neu geplant, Laborpraktika neugestaltet und Projekte neu ausgerichtet werden. Das Hochschulleben hat sich somit sowohl für die Lehrenden als auch für die Studierenden stark verändert. 

Dieser ungeplante Versuch, Wissen über Distanz zu vermitteln, stellt uns nicht nur vor Herausforderungen, sondern eröffnet auch neue Möglichkeiten und Chancen. Lehrveranstaltungen finden sich nun auf YouTube wieder und stehen somit nachhaltig für den Lehrgebrauch zur Verfügung. Die Zeiteinteilung ist somit variabel, wodurch Studierende mit Kind oder Arbeit flexibel entscheiden können, wann sie ihrem Studium nachkommen (asynchrone Lehre). Konferenzen werden auf Plattformen wie MS Teams oder Zoom abgehalten, was eine Anreise zum Campus überflüssig macht und somit wertvolle Zeit spart. Die Herausforderung dabei ist natürlich der fehlende unmittelbare Austausch von Emotionen, Verständnis und Empathie lassen sich im direkten persönlichen Kontakt viel stärker vermitteln. Es ist nicht leicht, die runden Kreise mit den Initialen auf dem Bildschirm einzuschätzen. Ist das vermittelte Wissen verstanden worden, gibt es noch Fragen oder bedarf es eines weiteren Austauschs? Diese fehlende physische Komponente ist nicht leicht zu ersetzen und erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl. Dabei sind sowohl von den Studierenden als auch von den Lehrenden Eigenschaften wie Strukturiertheit und Flexibilität gefragt.

Das Studierendenprojekt „MANV-Analyse“ an der HAW Hamburg spiegelt genau diese Situation wider. Es zählte 2019 zu den Gewinnern beim Claussen-Simon-Wettbewerb für Hochschulen: Studierende planen und analysieren standardisierte MANV-Lagen und führen diese auch durch. Bei einem Massenanfall von Verletzten übersteigt die Anzahl der betroffenen Personen die Kapazitäten der vor Ort verfügbaren Einsatzkräfte, sodass weitere Kräfte überregional angefordert werden müssen. Durch diese Situation müssen Rettungskräfte zusammenarbeiten. Gleichzeitig ist die Situation so unübersichtlich und akut, dass ein koordiniertes und schnelles Vorgehen von besonderer Bedeutung ist. Um diese Lagen trainieren zu können, ist ein großer Ressourcenaufwand nötig. Das Projekt beschäftigt sich dauerhaft mit der Planung, Organisation und Analyse von MANV-Lagen. Unter anderem soll eine Reihe von standardisierten Lagen in unterschiedlichen Größenordnungen entwickelt werden, die regelmäßig durchgeführt werden sollen, um es der Forschung zu ermöglichen, vergleichbare Daten zu generieren. Das Projekt bietet Studierenden die Möglichkeit, verschiedene Verfahren, die sie bisher nur aus Vorlesungen kennen, an konkreten Projekten in der Praxis anzuwenden. Coronabedingt waren viele Planungen für die Durchführung des Projektes plötzlich obsolet geworden. Wir wollten Forschung zum Anfassen präsentieren und den Studierenden die Möglichkeit geben, ihr Wissen und ihre Ideen in ein Projekt zu stecken, bei dem die Ergebnisse sichtbar werden. Geplant waren vier Übungen in Kooperation mit Rettungsdiensten und Feuerwehren in ganz Deutschland, wozu auch eine Übung im Mai gezählt hätte.

Trotz der Einschränkungen und anfänglichen Einbrüche haben wir einen guten Start hingelegt. Durch eine kleine Umstrukturierung konnten wir uns auf der Plattform MS Teams einen virtuellen Raum schaffen, um Austausch anzuregen und die Projektarbeit zu ermöglichen. Nicht nur der Austausch und die Diskussion in diesem Projekt mussten geändert werden. Auch die Inhalte wurden verändert und strukturell an die neue Situation angepasst. So haben sich nun sechs Projektgruppen entwickelt, die weiterhin an dem Ziel arbeiten, schnellstmöglich MANV-Übungen durchzuführen. In wöchentlichen Meetings werden die Inhalte abgesprochen und diskutiert. Man muss allerdings feststellen: Eine Diskussion in einem virtuellen Hörsaal ist nicht dasselbe wie in der Hochschule. Das Meeting endet meist mit einem Arbeitsauftrag für die nächste Woche. So hangeln wir uns in unserem Meilensteinplan so gut es geht voran.

Ein gutes Beispiel für die Anpassung an die Corona-Zeit ist eine Arbeitsgruppe, die der Vulnerabilität solcher schwer zu planenden Übungen entgegenwirken kann. Denn diese Virtual MANV-Gruppe sieht vor, auf Basis der Unreal Engine ein Computerspiel zu entwickeln, mit dem es möglich ist, Szenarien der realen Übungen virtuell nachzustellen. Dies schafft die Möglichkeit, die meist sehr aufwändige Planung zeitlich zu verkürzen, Ressourcen zu schonen und – in diesen Zeiten sehr wichtig – unabhängig vom Standort zu trainieren. Eine weitere Gruppe, die MANV Deutschland-Projektgruppe, hat ihre Arbeit weitestgehend so auf die Arbeit an einer Datenbank für die Rettungsdienstverfügbarkeit von Rettungswagen und Krankentransportwagen umgestellt. Diese soll es uns ermöglichen, Rückschlüsse auf die Versorgung bei einem MANV zu ziehen. 

Nur durch die Strukturiertheit und Flexibilität des Projektteams konnten diese Veränderungen bei Ablauf und Inhalt erfolgen. So haben wir nun gemeinsam eine Möglichkeit geschaffen, die Studierenden an unser Projekt zu binden und ihnen trotz der anfänglich versprochenen praktischen Umsetzung eine Chance gegeben, ihr Wissen in einen wissenschaftlichen Kontext zu stellen. Dennoch können wir es alle kaum erwarten, unsere MANV-Übungen physisch durchzuführen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, sodass wir – sobald Corona es zulässt – starten können. 

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