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#Wissenschaft #Wissenschaftskommunikation

Was macht unsere Städte lebenswert?

Simon Meyer, Master Plus-Stipendiat

Warum mögen wir einige Stadtteile, finden sie schön, interessant und verbringen gerne Zeit in ihnen? Und warum finden wir andere Stadtteile unattraktiv, langweilig, vielleicht sogar hässlich? So simpel diese Fragen erscheinen, so kompliziert sind die Antworten. Städte bestehen (vereinfacht gesagt) aus dem sozialen Raum, also dem täglichen Handeln der Menschen in der Stadt sowie aus dem gebauten Raum, also den Gebäuden, Straßen, Plätzen, usw. Kann man nun die Attraktivität einer Stadt auf bestimmte bauliche Qualitäten herunterbrechen? Können wir allgemeingültige Prinzipien identifizieren, wie eine gute, lebenswerte Stadt gebaut werden sollte? Eine Frau, die dies versucht hat, war Jane Jacobs. Jacobs war eine amerikanische Journalistin, Aktivistin und Stadtforscherin und wirkte vor allem in New York in den 1950er- und 1960er-Jahren. 1961 erschien ihr bekanntestes Buch ”The Death and Life of Great American Cities”, auf dem die folgenden Ausführungen hauptsächlich basieren.

Um Jane Jacobs Ideen zu verstehen, hilft es, sich bewusst zu machen, wie die konventionelle Stadtplanung nach dem zweiten Weltkrieg ausgesehen hat. Jacobs wirkte in einer Zeit, in der die moderne Stadt gebaut werden sollte. Die vorherrschenden Quartiere mit hoher Dichte, schmalen Häusern und engen Straßen wurden als Inbegriff von Überfüllung, Krankheiten und mangelnder Lebensqualität gesehen. Großflächige Pläne zur Stadterneuerung wurden aufgestellt, welche den Abriss und Neubau ganzer Nachbarschaften vorsahen. Das Ideal war eine geordnete Stadt mit klaren Strukturen, in der Wohnen, Einkaufen und Arbeiten nicht mehr nebeneinander im gleichen Quartier stattfinden, sondern räumlich getrennt sind: Die Büros zum Arbeiten in der Innenstadt, die Geschäfte zum Einkaufen im Einkaufszentrum, das Wohnen in den Vororten oder in der Stadt in Wohnsiedlungen mit klaren Strukturen, großen Baublöcken und viel Grün zwischen den freistehenden Gebäuden. Kultureinrichtungen wie Bibliotheken, Museen oder Konzerthäuser werden in zentralen, abgeschlossenen Kulturkomplexen errichtet. Dazwischen bewegen sich die Menschen am besten mit dem privaten Auto, für das große Straßen und Parkhäuser gebaut werden.

Jane Jacobs hat diese Utopie der Stadtplaner kritisiert. Für diese Stadtentwicklungsprojekte findet sie den treffenden Vergleich zu Friedhöfen: Großzügig, grün, symmetrisch und geordnet, aber tot und ohne Leben (Jacobs 1958). Auch wenn sie auf dem Papier schön aussehen, seien die neuen Projekte viel zu simpel gedacht, um der Komplexität des städtischen Lebens gerecht zu werden. Jacobs Grundverständnis von Städten war ein fundamental anderes, als das der planenden Ingenieure und Architekten. Während die Planer vom Chaos ausgingen, welches durch eine zentrale Planung geordnet und koordiniert werden muss, ging Jacobs davon aus, dass es gerade dieses vermeintliche Chaos und diese Vielschichtigkeit ist, welche (Groß-)Städte ausmachen und sie vom Dorf, Kleinstadt oder Vorort unterscheiden. Für Jacobs ist das zentrale Thema in Städten Vielfalt: Vielfalt von Nutzungen, Vielfalt an Gebäuden, Vielfalt an Menschen. Und diese Vielfalt darf nicht räumlich voneinander getrennt sein, sondern muss eng nebeneinander existieren.

Um Vielfalt, und damit auch eine lebenswerte Stadt zu erreichen, hebt Jane Jacobs vier bauliche Faktoren hervor, die ich im Folgenden vorstellen möchte. Erstens sind dies gemischte Nutzungen. Damit sich verschiedene Nutzungen gegenseitig bereichern können, müssen sie kleinteilig, also auf kleinem Raum gemischt sein. So können sich im Umfeld eines Konzerthauses Bars und Kneipen ansiedeln, in welchen Konzertgänger:innen sich hinterher noch treffen können. Oder es entstehen Studios und Proberäume für Musiker:innen. Und ein Restaurant, das sich in einer Umgebung befindet, in der es nur Büros gibt, hat nur werktags in der Mittagspause zwischen 12 und 14 wirklich Kundschaft. Gibt es in der Umgebung auch Wohnungen, verlängert sich die Zeit, in der Menschen das Lokal besuchen und in der es Geld verdient, jedoch bis in die Abendstunden. Nutzungsmischung ist demnach nicht nur für die Attraktivität eines Viertels wichtig, sondern kann auch ökonomisch vorteilhaft sein und uns helfen, Infrastrukturen aller Art effizienter zu nutzen. Der zweite Faktor sind kleine Baublöcke. Ein Gebäudeblock sollte nicht zu lang sein. Es muss viele Straßenverbindungen zwischen den Gebäuden geben und die Menschen müssen einfach und schnell auf verschiedenen Wegen von einem Teil der Nachbarschaft zum anderen gelangen können. Lange Baublöcke trennen die Menschen eines Teils vom anderen Teil, es gibt weniger Gelegenheiten sich zu treffen. Ebenso bleiben die ökonomischen Möglichkeiten (z.B. für Geschäfte) auf einen Teil der Nachbarschaft beschränkt. Kleine Nischengeschäfte, welche vielleicht eine vergleichsweise kleine Zielgruppe haben, aber gerade den Charakter einer Stadt prägen, brauchen ein möglichst großes und möglichst diverses Publikum. Dies kann nur erreicht werden, wenn möglichst viele und möglichst unterschiedliche Menschen vorbeilaufen. Als drittes nennt Jacobs den Faktor „alte Gebäude“, wobei sie ergänzt, dass ein Mix aus alten und neuen Gebäuden wichtig sei. Dabei geht es ihr nicht um den historischen Wert oder um die Schönheit der Gebäude, sondern um den ökonomischen Faktor, dass Gebäude unterschiedlichen Alters auch unterschiedlich teuer sind. Dadurch können sich verschiedene Menschen, Geschäfte und Unternehmen nebeneinander ansiedeln, welche sich unterschiedlich viel leisten können und so zur Vielfalt der Nachbarschaft beitragen. Darüber hinaus gibt es inzwischen auch viele Beispiele, in denen die Umnutzung alter Gebäude (statt sie abzureißen und neu zu bauen) zu interessanten Projekten geführt hat, die wir uns vorher nicht vorstellen konnten. Der letzte Faktor ist “Dichte”. Auch wenn Dichte in der Stadt häufig negativ konnotiert ist, hat sie doch auch Vorteile. Nur dann sind die verschiedenen Nutzungen auch ökonomisch tragfähig, nur dann hat man Auswahl, nur dann können die Vorteile der Stadt genutzt werden, die ja gerade darin bestehen, dass viele Menschen miteinander leben, sich austauschen und gegenseitig inspirieren. 

Welche Relevanz haben Jane Jacobs Ideen heutzutage? Waren ihre Ansichten früher revolutionär, so sind sie heutzutage weitestgehend akzeptiert. Unbestritten hat sich in den sechzig Jahren seit Erscheinen des Buches einiges verändert. Der Wert von urbanem, vielfältigem Leben ist anerkannt und es wird überlegt, wie es gefördert werden kann. Die Herausforderungen, vor denen Städte heutzutage stehen, sind ganz andere als in der damaligen Zeit. Während es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg häufig noch um die Versorgung mit Wohnraum angemessener Qualität ging, ist heute die Bezahlbarkeit von Wohnraum ein größeres Problem. Die Bekämpfung des Klimawandels und die Anpassung unserer Städte an die veränderten klimatischen Bedingungen erfordern ganz neue Lösungen. Fraglich ist auch, welche Rolle in Zukunft der Einzelhandel spielt, der zu Jacobs Zeit noch eine ganz andere Bedeutung hatte und heute mit der Konkurrenz durch den Online-Handel zu kämpfen hat.
Dies sind nur ein paar Beispiele, wie sich die Rahmenbedingungen unserer Städte verändert haben. Nichtsdestotrotz sind Jacobs Gedanken aus meiner Sicht immer noch von Relevanz. Die vier Prinzipien, welche sie vorgeschlagen hat, sind sicher ein guter Startpunkt, wie wir Städte gestalten können, damit sie vielfältig sind und urbanes Leben ermöglichen. Natürlich kommen noch viele weitere Aspekte hinzu. Eine gute Gestaltung des Erdgeschosses zum Beispiel, denn das Erdgeschoss ist der Teil der Stadt, den wir jeden Tag sehen, wenn wir durch die Straßen laufen. Es sollte kleinteilig mit verschiedenen Nutzungen gestaltet sein und Interaktionen zwischen Gebäude und Straßenraum zulassen. Die Straßen selbst sollten auch nicht durch Autoverkehr überladen sein, sondern in erster Linie Platz für Menschen bieten. Grünflächen können langweiliges “Abstandsgrün” zwischen den Gebäuden sein – oder einladend und Aneignung durch die Nutzer:innen ermöglichen. 

Am Ende können Stadtplaner:innen von Jacobs insbesondere Eines lernen: In der Stadtplanung darf es nicht darum gehen, einen Plan der perfekten Stadt zu entwickeln, an denen sich die Menschen dann anpassen müssen. Die grundlegende Idee muss umgekehrt sein: Wir müssen erst das städtische Leben intensiv beobachten und analysieren, wie die Menschen den Raum tatsächlich nutzen und welche Bedürfnisse sie haben. Darauf aufbauend sollten wir Pläne entwickeln und die Stadt gestalten. 
 


Literatur
Jacobs, J. (1958). Downtown is for people. In: Fortune (Hrgs.) The Exploding Metropolis. 
Jacobs, J. (1961). The Death and Life of Great American Cities. Random House: New York .

Auch noch interessant
Gehl, J. (2015). Städte für Menschen. Jovis: Berlin. 
Lynch, K. (1960). The Image of the City. MIT Press: Cambridge (MA).

Bild
Jane Jacobs, Quelle: Wikimedia, New York World-Telegram and the Sun Newspaper Photograph Collection, Library of Congress; Copyright: Public Domain

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