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#Bildung #Schule

„Ich merke jetzt zum ersten Mal – und das macht mich gerade sehr emotional – dass ich völlig in Ordnung bin, so wie ich bin“

Zami Khalil, Klinischer Psychologe, Referent für politische Bildungsarbeit und Master Plus-Alumnus

Gegen Ende des Jahres 2021 wurde ich seitens der Stiftung gefragt, ob ich mir vorstellen könne, einen rassismuskritischen Workshop für die Stipendiat:innen des B-You!-Förderprogramms zu geben. Mit dem B-You!-Stipendium fördert und begleitet die Claussen-Simon-Stiftung Hamburger Stadtteilschüler:innen der Oberstufe aus nichtakademischen Elternhäusern in der Phase ihres Schulabschlusses und ihrer beruflichen Orientierung. Für meine Workshopzusage musste ich nicht lange überlegen, da ich: a) es sehr wichtig finde, dass dieses Wissen auch im Stiftungskontext präsent ist, b) die meisten der B-You!-Stipendiat:innen eigene Rassismuserfahrungen haben und c) ich sehr gerne nebenberuflich rassismuskritische Workshops gebe.

Doch bevor ich mehr zu dem besagten Workshop und meiner Rolle in diesem Zusammenhang schreibe, sollte ich vorher wichtige Begriffe in diesem Text kurz erläutern. Bereits im Titel und im ersten Abschnitt nutze ich Begriffe, die mit großer Wahrscheinlichkeit bei einigen Leser:innen für Fragen bzw. Irritationen sorgen: „Was meint er mit Rassismuskritik? Rassismuskritik = Anti-Rassismus? Was bedeutet Empowerment in diesem Kontext?“ Sollten Sie sich beim Lesen dieser Fragen wiederfinden und dazu noch ein moderates Gefühl der Irritation bei sich entdecken, dann kann ich dazu nur sagen: Super! Moderate Frustration, Irritation und Verwirrung sind immer auch ein Entwicklungsanreiz und bieten daher eine gute Basis für das weitere Lesen dieses Textes.

Rassismuskritik als Haltung

Meine Grundhaltung, mit der ich im Rahmen von politischer Bildungsarbeit als Referent und Dozent tätig bin, ist eine rassismuskritische. Rassismuskritik ist eine Analyseperspektive, die davon ausgeht, dass Rassismus ein Strukturierungsmerkmal unserer Gesellschaft ist und sich kein Individuum und keine Institution als rassismusfrei bezeichnen kann. Es existieren keine rassismusfreien Räume, denn jede Person in Deutschland, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft, ihrer Intelligenz und ihrer Intention (re-)produziert rassismusrelevantes Wissen. Dieses Wissen prägt unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle, unsere Sprache und unsere Denkmuster seit frühester Kindheit. Kinder verfügen bereits zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr über ein unbewusstes Verständnis von rassistischen Differenzierungsmerkmalen unserer Gesellschaft. Darüber hinaus sind sie nicht nur in der Lage, rassifizierende konstruierte Kategorien wie „Hautfarben“ zu unterscheiden, sondern diese auch in Bezug zu Macht, Machtverhältnissen und Machtunterschieden zu setzen. Sie lernen also sehr früh in ihrer Entwicklung, Menschen anhand von konstruierten Kategorien in ein hierarchisches Ordnungs- und Wertesystem einzuordnen.

Falls Sie sich jetzt fragen, wo die Kleinsten unserer Gesellschaft mit rassistischem Wissen in Kontakt kommen, lade ich Sie dazu ein, aktuelle und frühere Kinderbücher, Hörspiele, Filme und Serien einmal näher zu betrachten. Wer wird dort als „normal“ und zugehörig dargestellt? Wer als „anders“? Wer ist legitimer Bestandteil dieser Gesellschaft und wer vielleicht „exotisch“ oder „gefährlich“? Wer übt in den Geschichten und Erzählungen sozial anerkannte Berufe aus und wer nicht? Zum Beispiel präsentieren 95 % der aktuell in Deutschland erhältlichen Kinderbücher eine Darstellung der Umwelt, die monokulturell und weiß ist. Dies bedeutet konkret, dass die aktuelle Kinderliteratur eine weiße Lebensrealität für weiße Kinder darstellt, obwohl mittlerweile jedes dritte Kind unter sechs Jahren in Deutschland in einer Familie mit (mindestens) einer Person of Color bzw. einer eingewanderten Person aufwächst.

Empowerment als Widerstandspraxis

Empowerment ist heutzutage ein weit verbreitetes Wort und wird in verschiedenen Kontexten mit unterschiedlichen Haltungen verwendet. Es gibt Empowerment-Ansätze, die z.B. nur auf die individuelle Stärkung, auf das Wohlbefinden der einzelnen Personen ihren Fokus legen. Im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit als Dozent/Referent/Teamer verstehe ich unter rassismuskritischem Empowerment politische Bildungsräume für Menschen mit eigenen Rassismus- und/oder Antisemitismuserfahrungen. Hierbei geht es um soziale Orte des Verstehens, der Sprachfindung und der Auseinandersetzung mit heterogenen Lebensbedingungen. Um Orte der Selbstreflexion und der kritischen Veränderung von Verhältnissen im Sinne von kritischen Bewegungen und Prozessen. Es geht also konkret um die Perspektiven, Lebensbedingungen und Forderungen von marginalisierten und als „anders“ markierten Menschen.

Es ist aus meiner Sicht wichtig zu verstehen, dass Empowerment als Haltung und Ansatz international bereits seit mehr als hundert Jahren existiert. Empowerment-Strategien sind im Kontext von konkreten Widerstandsprozessen zur Veränderung von gesellschaftlichen Ungleichverhältnissen entstanden. In Schwarzen deutschen und feministischen Diskursen und in der damit einhergehenden Praxis wurde Empowerment als Strategie und Konzept bereits seit Mitte der 1980er Jahre als ein wesentliches Instrument politischer Selbstbestimmung eingesetzt.

Eigene Privilegien und Perspektiven hinterfragen

Tatsächlich ließe sich noch viel mehr über Empowerment und die damit verbundene Geschichte schreiben, aber damit würde ich den Rahmen dieses Blogbeitrags vermutlich deutlich sprengen. Aus diesem Grund möchte ich zum Abschluss meines Textes noch einmal auf den Workshop mit den Stipendiat:innen des B-You!-Förderprogramms eingehen: Bei der Vorbereitung und Umsetzung des Workshops war es wichtig zu bedenken, dass in solchen Räumen vielfach nicht nur eine Machtachse verhandelt wird. Damit ist gemeint, dass neben unterschiedlichen Rassismuserfahrungen u.a. auch Erfahrungen mit Sexismus, Klassismus, Homophobie im Raum präsent waren. Es war für mich als Referent daher zwingend notwendig, den Workshop aus einer intersektionalen Perspektive zu denken und zu gestalten.
Mit meiner Rolle als Referent in politischen Bildungsräumen geht und ging einher, dass ich mir meiner eigenen Marginalisierungen und Privilegien bewusst bin und dazu eine Haltung habe. Dabei bin ich als Mensch für die Teilnehmenden präsent und zeige mich parteilich, solidarisch und kritisch. Im besten Fall gelingt es, gemeinsam mit der Gruppe einen Raum zu öffnen, in dem u.a. das Sprechen über Rassismus möglich wird, ohne das Erfahrungen verharmlost, verleugnet oder negiert werden. Ein Raum, in dem gegenseitiges Verständnis ohne lange Erklärungen entstehen kann. Ein Raum, in dem gemeinsam Freude, Frust, Trauer, Enttäuschung, Scham usw. geteilt werden können. Ein Raum, in dem durch Körperarbeit eigene Bedürfnisse wahrgenommen werden dürfen. Eine Methode, die ich in diesem Zusammenhang nutzte, nennt sich „Die einzige Person, die…“. Bei dieser Übung werden die Teilnehmenden dazu eingeladen, abwechselnd vor die Gruppe zu treten und  jeweils eine Erfahrung zu benennen, von der sie glauben, dass keine andere Person im Raum diese Erfahrung mit ihnen teilt. Ein Beispiel hierfür kann sein: „Ich bin die einzige Person, deren Name ständig falsch ausgesprochen wird!“ Die anderen Teilnehmenden können nun überlegen, ob sie diese Erfahrung teilen oder nicht. Je eher sie das Beispiel mit ihren eigenen Erfahrungen in Verbindung bringen können, desto näher stellen sie sich an die Person, die das Beispiel mit der Gruppe geteilt hat. Mithilfe dieser Methode werden Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede hinsichtlich der Erfahrungswelten der Teilnehmenden sichtbar. 
Die Arbeit mit den Stipendiat:innen hat mich nachhaltig berührt, da von Beginn an eine Offenheit und Vertrautheit im Raum spürbar war, die ich in dieser Form bisher selten erlebt habe. Die Claussen-Simon-Stiftung wird durch die Stipendiat:innen des B-You!-Förderprogramms um tolle, mutige, selbstreflexive junge Menschen erweitert und bereichert.

Für mich ist die Vorbereitung und Gestaltung solcher Workshops immer wieder herausfordernd und kraftvoll zugleich. Und wenn ich mir im Vorfeld mal wieder zu viele Gedanken mache, dann erinnere ich mich an die Worte einer guten Freundin: „Zami, Empowerment ist total individuell. Manchmal reicht es schon, dass du als Schwarzer Mann mit muslimischem Namen, Erstakademiker, der zufällig auch noch Psychologe ist, diesen Workshop leitest!“

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