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#waszählt!

The Loneliness of the Long Distance Runner … in Zeiten von Corona

Tim Hoff, Programmleitung Master Plus, Claussen-Simon-Wettbewerb für Hochschulen

Laufen liegt im Trend. In Hamburg und anderen Städten verkünden Veranstalter großer Straßenrennen regelmäßig neue Anmelderekorde über verschiedene Distanzen, sei es über 10 km, 21,1 km oder die magische Marathondistanz von 42,195 km. Und gelaufen wird längst nicht mehr nur alleine: Ob Sportvereine, große Sportmarken oder einschlägige Sportschuhgeschäfte, alle bieten längst ihre eigenen Laufgruppen an. 
Seit einigen Jahren bin auch ich dem Langstreckenlauf verfallen. Was bei manch einem vor allem mit Langeweile assoziiert wird, ist für mich pure Freude. Und im Falle der Wettkampfvorbereitung auch disziplinierte Arbeit an der Verschiebung der eigenen Grenzen. Auch ich weiß dabei die Vorzüge meiner festen Laufgruppe zu schätzen. Wir motivieren uns gegenseitig, und unser Training ist in der Regel umfassender, weil wir uns auch zu jenen Übungen durchringen, die man alleine lieber mal vergisst. Wir feuern uns schließlich in Wettkämpfen gegenseitig an und fiebern mit, wenn andere ihren selbstgesteckten Zielen hinterherjagen.

All das ist aus offenkundigen Gründen vor wenigen Tagen abrupt zum Stehen gekommen. Am 19. April 2020 wollte ich beim Wien-Marathon an den Start gehen und mich an einem Marathon in unter 02:55 Std. versuchen. Selbst für regelmäßige Läufer-/innen bedeutet eine solche Zielzeit einen mindestens 12-wöchigen, ambitionierten Trainingsplan. Die mit der Corona-Krise verbundene Absage des Wien-Marathons traf mich so ziemlich in der Mitte des Trainings – dort, wo die Einheiten extrem hart werden, sich aber auch schon erste Trainingseffekte bemerkbar machen. 
Nach einem solchen Abbremsen aus voller Fahrt muss man sich erstmal neu sortieren. Klar, große Laufevents können immer kurzfristig abgesagt werden – auch ich stand schon bei einem Straßenrennen in Berlin an der Startlinie, als ein Gewitter aufzog und die Veranstaltung mit immerhin 7.500 Teilnehmenden aus Sicherheitsgründen im letzten Moment abgeblasen wurde. Eine richtige Entscheidung, die man nach einem kurzen Frustmoment einzuordnen weiß.

Heute ist die Situation etwas anders gelagert. Nicht nur sind alle Wettkämpfe auf unvorhersehbare Zeit abgesagt. Auch meine Laufgruppe hat sich verantwortungsvoll schon in der Woche vor den Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren eine anhaltende Pause auferlegt. So geht es mir gerade wie ganz vielen in dieser Zeit: Alle Pläne mussten über den Haufen geworfen werden, Ziele und Veranstaltungen sind vorerst abgesagt oder verschoben. Den privaten Ambitionen ist damit erstmal der Boden unter den Füßen weggezogen, auf dem man sonst gerne und viel läuft.

Ein solcher Moment birgt aber auch die Chance, sich wieder zu besinnen auf das, was wirklich zählt. Zunächst: Ich begegne der gesamten Situation mit großer Gelassenheit – viel mehr Unruhe verspüre ich, wenn ich an Freunde, Kolleginnen und Bekannte denke, deren finanzielle Existenz als Jungunternehmer jetzt bedroht ist oder die nicht wissen, wie sie ihre Kinderbetreuung über die nächsten Wochen organisieren sollen. Wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir fast schon absurd vor, das Wegbrechen von Laufveranstaltungen wirklich als schlimm zu empfinden.

Sodann: Ich kann trotz alledem noch immer laufen gehen. Mit einer Sportart, die alleine funktioniert und nicht auf die Bereitstellung einer Sportstätte angewiesen ist, erfahre ich eigentlich gar keine Einschränkung. Ich kann zudem Motivation daraus ziehen, dass der Trainingseffekt der vergangenen Wochen noch immer in meinem Körper steckt. Das, was als hartes Training über wenige Monate geplant war, kann ich nun strecken und damit unter Umständen sogar nachhaltiger gestalten. 

Und trotzdem hält mir die Situation den Spiegel vor: Ich bin in den vergangenen Monaten und Jahren zu einem festen Teil einer Laufgemeinschaft geworden, die mir jetzt fehlt. So seltsam das klingen mag: Laufen für mich durchaus zu einem Teamsport geworden. Nun muss ich mich gänzlich alleine motivieren, laufen zu gehen, Strecken, Umfang und Intensität des Trainings selbst wählen. Wie oben angedeutet, bin ich weit entfernt davon, dies als ein wirklich drastisches Problem wahrzunehmen. Und dennoch denke ich, dass es in der jetzigen Situation in Ordnung sein muss, diese Umstellung vom Laufen mit einer festen Crew zum Laufen ganz alleine als anstrengend zu empfinden, gerade wenn das Ende nicht abzusehen ist. Ich habe jedenfalls vollstes Verständnis für alle, die in dieser Zeit und in dem seltsam konturlosen Ineinander von Homeoffice und Privatleben Probleme haben, Energie für ihre Hobbies und Tätigkeiten aufzubringen. 

Gleichzeitig wird mir gerade jetzt bewusst, welche Chancen in dem Festhalten an gewohnten Routinen liegen. Die positiven Effekte des Laufens kann ich jetzt fast ganz genauso erfahren wie noch vor einigen Wochen. Ich tue etwas für meine Gesundheit, kann mich auspowern, komme runter und  vor allem raus an die frische Luft. Sich daran zu erinnern und am regelmäßigen Laufen festzuhalten, gibt gerade in dieser Zeit etwas Stabilität. Es hilft ungemein, sich jene Orientierungspunkte zu vergegenwärtigen, die auch weiterhin Bestand haben und damit Sicherheit und Kraft vermitteln. Laufen gehört für mich definitiv dazu.

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