Zum Inhalt springen

#Kultur in Zeiten von Corona #Kunst #Performance

So Soft. Eine Queer-Boy-Experience von und mit Frauen und Fiktion, Kattú Newiger Mitxelena und Anngret Schultze im Rahmen der digital edition des MS Artvilles 2020

Anngret Schultze, Frauen und Fiktion

„Wir laden ein zu einer verspielten Auseinandersetzung mit Maskulinität, Gender und Softness. Denn: So gelangweilt wir auch sein mögen von der stetigen Wiederholung des Immergleichen aka ‘dem starken Mann’, so betroffen sind wir von alltäglichem Sexismus, patriarchalen Strukturen, Transmisogynie. Allerhöchste Zeit also, Maskulinität nicht weiter in ihrer binären Ecke Toxisches tun zu lassen, sondern sie gendereuphorisch als die Spielwiese zu begreifen, die sie uns bietet, sie ordentlich vom heterosexistischen Staub zu befreien und all die famosen female Männlichkeiten, all die Queer Boys herauszukitzeln. Gender is a lie, honey.“

Mit diesen Worten haben wir vom 10. bis zum 15. August 2020 zu fünf Tagen Kunstprogramm eingeladen. Coronabedingt konnte das ursprünglich geplante Vorhaben – ein Dragking-Workshop während des MS Artville-Festivals – nicht stattfinden, und so konzipierten wir ein Format, das das Thema Maskulinität auf verspielte und persönliche Art näherbringt.

Heraus kam dabei die Idee, die Teilnehmenden in eine Telegramgruppe einzuladen, wo es fünf Tage lang tägliche auditive und visuelle Inputs geben würde. Anngret und Kattú moderierten diese Gruppe und ermöglichten es den Gruppenmitgliedern, weitere Interessierte einzuladen. So entstand ein Format, an dem insgesamt knapp 200 Personen teilnahmen. Inhaltlich ging es darum, Männlichkeit aus queerer und liebevoller Perspektive zu betrachten und sinnlich zu erforschen. Dafür bauten wir eine Struktur, die jeden Morgen eine kreative Begrüßung in Form eines kleinen Videos vorsah, einem „main act“, bestehend aus Beiträgen, mit deren Erstellung wir im Vorhinein Künstler:innen beauftragt hatten, und mit einem Tagesabschluss in Form eines kurzen vorgelesenen Texts.

Diese „main acts“ bestanden aus Perspektiven auf Gender und Männlichkeit von Dragking Marylin Nova White (Liveinterview), Sophia Sylvester Röpcke (Videoarbeit), Katharina Greeven (Monotypien) und Esther Adam (Soundarbeit). So wurde „So Soft. Eine Queer-Boy-Experience“ zu einer Art Taschenformat, das die Teilnehmenden fünf Tage lang auf ihren Smartphones begleitete und zu einer Auseinandersetzung mit soften und queeren Männlichkeiten einlud. Gleichzeitig stellte „So Soft“ einen Teil der Recherchearbeit von Frauen und Fiktion zu ihrer Performancereihe über Care-Arbeit dar. Anknüpfend an die Arbeiten „fuerGLAMOURsorgen“ und „Care 3.0“ und im Zuge der vorbereitenden Recherche für das Performanceprojekt „Care Affair“ ging es um einen Zugriff auf Männlichkeit, losgelöst von biologischen Kategorien. Die Frage „Wie verändert sich die Gesellschaft, wenn sich Normen bezüglich Geschlechterrollen ändern?“ war dabei wichtig und begründete das Erforschen von alternativen Maskulinitäten. In der Telegramgruppe wurden über die künstliche Figur des Queer Boys verschiedene Zugriffe auf Männlichkeit dargestellt und vor allem auf intime und private Weise vermittelt – denn jede:r Teilnehmer:in setzte sich mit den Inhalten in ihrem privaten Raum auseinander und nicht in einem klassischen Theater- und/oder Workshopsetting. Es ging uns neben der individuellen aber auch um eine gemeinschaftliche Erfahrung – dafür setzten wir als feierliches Finale ein Livestream-Konzert von THORD1S, das am 16. August 2020 stattfand. Alle Teilnehmenden waren eingeladen, dem Konzert von zuhause aus beizuwohnen, parallel boten wir die Möglichkeit, in einem Zoom-Raum zusammenzukommen, um sich auszutauschen und auch, um sich gemeinsam an Dragking-Makeup zu probieren. 

Corona hat die Kunstszene vor große Herausforderungen gestellt – und tut dies immer noch. Mit „So Soft“ haben wir uns um ein Format bemüht, das als Reaktion auf die Umstände nicht bloß ein Video einer Aufführung ist, sondern Live- und Präsenzmomente enthält. Ein Messagerdienst wie Telegram eignet sich hierfür sehr gut, da es neben den gängigen Textnachrichten die Möglichkeiten für Videomessages und Sprachnachrichten gibt. Es entstehen darüber kleine Online-Vorführungen, die jedoch nicht am Computer rezipiert werden müssen, sondern am Smartphone. Die Kommunikation und der Kontakt fühlen sich näher und persönlicher an, was uns wichtig war für ein so intimes Thema wie Gender.

Artikel kommentieren