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#Bühne #Kultur in Zeiten von Corona #Kunst #Performance #WissensWerte

Wozu brauchen wir Krisen, wenn doch danach alles weitergeht wie vorher?

Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel

Am 19. Januar 2022 war Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel, zu Gast bei den Hamburger Gesprächen für Kultur & Medien, einer Veranstaltungsreihe der Claussen-Simon-Stiftung und des Instituts für Kultur- und Medienmanagement an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. In ihrem Impulsvortrag reflektierte sie Aktivitäten und Lernprozesse des freien Theaters während der Corona-Krise. Die leicht überarbeitete Textfassung – auch angesichts neuer Krisen in Europa – teilen wir in dieser neunten Ausgabe unserer Reihe #WissensWerte mit Ihnen. Auch die Aufzeichnung des Livestreams steht Ihnen hier zur Verfügung.
 

Wozu brauchen wir Krisen, wenn doch danach alles weitergeht wie vorher? 
 
Der Titel für diesen Artikel entstand bereits im Oktober 2021, als der Eindruck vorherrschte, die Pandemie sei so gut wie vorüber. Ich nahm den Titel im Januar 2022 während des Vortrags im Rahmen der Hamburger Gespräche für Kultur & Medien wieder auf, der diesem Text zugrunde liegt. 
Kennzeichnend für diese Zeit ist, dass sich alle danach gesehnt haben, und weiterhin danach sehnen, ihr altes Leben zurückzubekommen.
 
Bons fut li siecles / al tems ancienour,
quer feit i eret / e justise ed amour;
s'i eret creance, / dont ore n'i at nul prout;
toz est mudez, / perdut adc sa coulour:
ja mais n'iert tel / cum fut as anceisours.
 
Gut war die Welt zur Zeit der Alten, 
denn Treue dort war und Gerechtigkeit und Liebe;
ebenso war dort Vertrauen, wovon es jetzt keinen Nutzen gibt; 
alles ist verwandelt, verloren hat es seine Farbe: 
niemals wird es sein solches wie es den Vorfahren war. 

 
Das Trauern um die guten alten Zeiten kann man seit Jahrtausenden in der Literatur nachlesen – ein immerwährendes Klagelied. Die Sehnsucht nach dem Vergangenen wurde vom Lauf der Geschichte, von gesellschaftlichen Entwicklungen und Krisen jedoch niemals berücksichtigt. Warum aber wünschen wir uns zurück in die Zeit vor der Krise? Wie genau sah diese Zeit aus? War sie wirklich gut?
Wir befanden uns in einer Zeit der Beschleunigung. Das Phänomen der Tempozunahme durchdrang alle Lebensbereiche und war allgegenwärtig. Höher, schneller, weiter ist das inhärente Credo des Kapitalismus. Laufen im Hamsterrad, könnte man es nüchtern ausdrücken. Entschleunigung zu entwerfen oder gar zu leben, galt vor der Krise als kritische Position. Dann kam Corona. Lockdown. Stillstand. Zeit zum Nachdenken: über die Zukunft unseres Planeten, über die Zukunft unserer Städte, und auch über die Zukunft des Theaters. Zeit zum Nachdenken darüber, wie Theater- und Kunstproduktion Relevanz entfalten können – während und nach der Krise. Um genau zu sein: nach der Corona-Krise – denn eine komplexe globale Krise war auch vor der Pandemie schon da.
 
Man denke etwa an die Klimakrise mit Unwettern zuvor unbekannten Ausmaßes, Verschmutzung der Meere und des Festlandes, Erderwärmung. Die Krise der wachsenden Ungleichheit zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden, die sich nach dem Ende des Kolonialismus ökonomisch fortgeschrieben hat. Flucht- und Migrationsbewegungen, die von der Ungleichheit maßgeblich produziert werden. Zunehmende Präsenz rechter und völkischer Parteien und Regierungen in Europa und Amerika. Die Krise der wachsenden sozialen Gräben in Europa. Jugendarbeitslosigkeit, Prekarisierung von Arbeit, aber auch klassenorientierte medizinische Versorgung in vielen Teilen der Welt. 
Auch wenn diese Krisen eng verzahnt sind, markiert das Denken in separaten Krisen nach wie vor unsere gesellschaftliche Wahrnehmung von Zeit. Lösungen lassen sich zunächst in kleinen Teilbereichen finden, bevor das große Ganze betrachtet werden muss. In diesem Text zoome ich hinein in die Pandemie, ihre Auswirkungen auf den Bereich des freien Theaters, die klugen Antworten, die gefunden wurden und werden, sowie in die Lerneffekte der vergangenen zwei Jahre.  
 
Die Krise als Chance für die Kunst 

Das Credo Christoph Schlingensiefs, die Krise als Chance zu begreifen, drängt sich auf: Nachhaltigkeit und Entschleunigung könnten als Handlungsanweisungen für einen neuen Umgang mit der globalen Krise dienen.
Mehr denn je sind nun Künstler*innen gefragt, die als kritische Akteur*innen in diese globalen Fragestellungen intervenieren, daran forschen und sich international vernetzen – auch in wissenschaftliche und aktivistische Communities hinein. Viele Künstler*innen arbeiten seit Jahren an Interventionsformen, herausgefordert durch die aktuellen Krisen: Von explizit politischer Kunst über formal-ästhetische Experimente, diskursive Formate, aktivistische Interventionen in aktuelle Debatten, Entwicklung von Formen der Partizipation, transdisziplinären und internationalen Vernetzungen, bis zu spekulativ angelegten heterotopischen Installationen zu konkreten Gesellschafts- oder Lebensmodellen. 
 
Bahnbrechende Formate haben neue Wege in der Kunst und am Theater geebnet: Christoph Schlingensiefs CHANCE 2000, die performativen Klimakonferenzen von Rimini Protokoll oder Philipp Quesne/Bruno Latour, die Schwarzmärkte von Hannah Hurtzig, das verbotene, nie verwirklichte Projekt „Stadt – Natur – Skulptur“ von Joseph Beuys. Er plante, die verseuchten Hamburger Spülfelder gärtnerisch wiederzubeleben und diese damit zum ökologischen Gesamtkunstwerk zu machen. Auch die dokumentarischen Projekte von Milo Rau oder die Diskursinterventionen von Monika Gintersdorfer zeigen exemplarisch künstlerische Ausrichtungen auf, mit denen auch während der Corona-Krise – während des Lockdowns gearbeitet werden kann. Kunst kann Krise bearbeiten und reflektieren. Projekte wie die eben genannten haben durch die Krise an Relevanz gewonnen und werden auch in Zukunft wichtiger sein als zuvor, denn sie verlegen die Theaterbühne in den öffentlichen Raum, in mediale Diskursräume – oder verzichten gar völlig auf sie. Die flexiblen, kollektiven, spartenübergreifenden Arbeitsweisen befähigen die Performance-Szene dazu, Visionen und Projekte für die Krisenbewältigung zu entwickeln – weil interdisziplinäres Arbeiten in sie eingeschrieben ist.
 
Etappen der Krise 
 
1. Der erste Lockdown und die Rückeroberung des öffentlichen Raumes
Aktionen von Balkonen wie das kollektive Klatschen, Singen und Tanzen kamen spontan aus der Bevölkerung und waren erste Versuche der Rückeroberungen des öffentlichen Raums in Zeiten des Versammlungsverbotes. Wenig später wurden Hinterhöfe zu Kinos umgenutzt um gemeinsam von Fenstern und Balkonen Filme zu schauen. Auch politische Transparente an Häuserfronten wurden schnell zum künstlerisch-politischen Mittel der Zeit. Eine der schönsten Entwicklungen in Sachen sozialem Leben fand hier auf dem Kampnagel-Gelände während des ersten Lockdowns statt, als die Spielplätze geschlossen waren.
In unserem Eingangsbereich gibt es einen Platz mit Betonrampe, der spontan von Kindern und Jugendlichen zum Spielplatz transformiert wurde. Parallel dazu richteten die Älteren auf der Rückseite des Geländes ein provisorisches Fitnessstudio im Avantgarten ein.
 
2. Die Relevanzfrage – utopisches Denken und neue Formate 
Wie Gemeinschaft schaffen, ohne sich versammeln zu dürfen? Was tun mit den Theatern, den klassischen Orten der Versammlung? 
Wie ein geschlossenes Theater Relevanz entfalten kann war die erste Frage, die wir auf Kampnagel zwei Wochen nach der Schließung Anfang April 2020 diskutierten. Unsere erste Reaktion war eine Plakatkampagne mit gekaperten und neu kreierten Hashtags wie #RETHINK CAPITALISM, #EVACUATE NOW, #GLOBALE SOLIDARITÄT, #PHYSICAL DISTANCING, #SOCIAL CARING, #UNIVERSAL HEALTHCARE, die im menschenleeren Stadtraum Hamburgs großflächig platziert wurden. Es war eine Kampagne, um darauf aufmerksam zu machen, dass die häusliche Individualisierung zur Eindämmung der Pandemie auf keinen Fall zu einer Ent-Solidarisierung führen dürfe – weder lokal noch global. 
Die zweite Entscheidung war, neben digitalen Projekten auch auf Live-Präsentation zu setzen, die mit starken Versammlungseinschränkungen jenseits unserer Bühnen funktionieren würden. Also wurde das bereits bestehende Programm für das LIVE ART Festival 2020 kurzerhand über den Haufen geworfen und mit dem Hashtag #ZivilerGehorsam überschrieben, um gemeinsam mit Künstlergruppen wie God’s Entertainment und Gintersdorfer/Klaßen ein neues, Pandemie-konformes Konzept zu entwickeln. Entstanden sind die Reise EUROPE TO GO über das Kampnagel-Gelände, eine performative Reise in Zeiten des Reiseverbots mit Zielen wie dem MoMA New York (Marina Abramović), dem Rotlichtviertel in Amsterdam, den Gondolieri in Venedig oder dem Operndorf von Christoph Schlingensief in Burkina Faso. Eine Open-Air-Feier des untergegangenen Clublebens zwischen Abidjan und Hamburg von Monika Gintersdorfer oder ein performativer Lieferservice der geheimagentur, bei dem man sich Performance-Boxen nach Hause liefern lassen konnte. Die Podiumsdiskussion zur Festival-Eröffnung, tagesaktuell zum Thema Rassismus und Polizeigewalt in Deutschland umorganisiert, wurde auf YouTube gestreamt und hat durch die Corona-bedingte Nutzung der digitalen Möglichkeiten ein sehr viel größeres, überregionales Publikum erreicht, als unsere Platzkapazität unter normalen Bedingungen erlaubt hätte. Fast alle Projekte, die wir während der Corona-Zeit neu entwickelten oder adaptierten, wurden solidarisch mit Akteur*innen aus sehr unterschiedlichen Communities besetzt. 
 
3. Zwischen den Lockdowns – Lernen und Verlernen 
Für die Spielzeiteröffnung im September 2020, die wir (irrtümlicherweise) als Beginn der Post-Corona-Ära erkannten, plante Kampnagel eine Quasi-Bilanz der Pandemie. Knapp 100 Wissenschaftler*innen aus den unterschiedlichsten Disziplinen, Virolog*innen, Soziolog*innen, Wirtschaftswissenschaftler*innen, Lehrer*innen, Schüler*innen, Theaterleute, Historiker*innen, Pfleger*innen diskutierten im großen Saal in 1:1-Gesprächen mit dem Publikum. Es ging um medizinische Versorgung, um Ausschlüsse in der Medizin, um Grenzen des eigenen Körpers. Wir beschäftigten uns mit den sozialen Folgen der Pandemie, Zusammenhänge von Pandemie und Postkolonialismus oder mit den Auswirkungen der Pandemie auf Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung. Dieser intellektuelle Markt war eine interdisziplinäre Recherche über das Lernen und Verlernen, das Wissen und Nicht-Wissen, vor, während und nach Covid-19. Der Schwarzmarkt war eine gigantische Installation mit Corona-gerechten Abständen, die im Saal nicht nur einen Diskurs über, sondern auch ein Bild für das Leben auf Abstand in Zeiten von Corona produzierte. Alles in allem war es ein Projekt, das sich ästhetisch wie inhaltlich direkt auf die Krise bezog und für diese ein sehr plastisches Bild schuf. Ein Bild, das mich bis heute begleitet. Die Bilanz der Corona-Zeit wurde zur Zwischenbilanz. Einen Monat später waren alle Theater, alle Kunstorte wieder geschlossen. 
 
4. Der zweite Lockdown – Bleierne Zeit und die Krise als Chance für Innovation
Der zweite Lockdown stellte die Kunstproduktion abermals vor neue Herausforderungen. Die Relevanzfrage war zumindest offiziell abgehakt, auch wenn Kunst und Kulturpolitik sie weiterhin vehement stellten. Wie könnte Kunst systemrelevant sein, wenn doch die Kunsträume stets die ersten Orte waren, die geschlossen, und die letzten, die wieder geöffnet wurden? Bei vielen Kulturschaffenden, auch in den Institutionen, machte sich Erschöpfung breit. Mehr noch, große Teile der Gesellschaft schienen ermüdet, ratlos angesichts der Dauerkrise und unschlüssig, ohne ein absehbares Ende in Sicht zu haben. Aus unterschiedlichen Ecken wurden Entschleunigung und ein Innehalten gefordert. Nicht wenige Menschen versuchten sich auch in persönlichen Neuanfängen. 
Auf Kampnagel entschieden wir uns dazu, überwiegend zukunftsorientierte Projekte zu entwickeln – Projekte, die die Praxis des Hauses in einer wahren Post-Corona-Ära voranbringen sollte. Wir wollten kein „Weiter so“ sein, sondern eine systematische Entwicklung neuer Arbeitsweisen, sowohl in Bezug auf künstlerische Projekte als auch mit Blick auf die Strukturen der gesamten Organisation. 

  • Arbeitsräume und Arbeitsstrukturen

Wie in den meisten anderen Institutionen wurde der Arbeitsalltag umfassend neu strukturiert. Das Homeoffice, das allen Mitarbeiter*innen ermöglicht wurde, deren Lage dies erlaubte, erwies sich rasch als Chance für die Zukunft. Da wegen des Betriebs regelmäßig auch künstlerische Mitarbeiter*innen vor Ort sein mussten und wollten, wurden neben Homeoffice-Plätzen auch Konferenzräume eingerichtet, in denen hybrides Arbeiten mit Abstand möglich war. Bis heute finden alle Meetings und Konferenzen auf Kampnagel hybrid statt. In Sachen innerbetrieblicher Kommunikation war die Pandemie ein Stresstest. Ständiges Fahren auf Sicht, permanent neue Informationen und neue Regeln, eine deutliche Zunahme von Kommunikation und das Überdenken von eingefahrenen Prozessen brachten neue Erkenntnis über den Betrieb. Die Flexibilität wegen der sich unablässig ändernden Corona-Regeln nahm zu. Wir waren gezwungen, abteilungsübergreifende Arbeitsgruppen zur Koordination der Corona-Maßnahmen einzurichten – zusätzlich zu bereits bestehenden Aufgaben. Alles in allem war und ist die Corona-Zeit eine Übung in Resilienz für alle Mitarbeiter*innen.
In den Hallen wurde während des gesamten zweiten Lockdowns gearbeitet – vor allem von der lokalen Szene. Es wurden neue Formate erprobt, Filme gedreht, Stücke digitalisiert. Internationale Künstler*innen wurden per Video zugeschaltet. Der gesamte Hallenkomplex wurde zu einer Ghost City, in der sehr viel stattfand, aber kein Live-Publikum präsent war. Die Szenerie fühlte sich ein wenig an wie Arbeiten „unter Tage“. Möglichkeiten zur Archivierung von Stücken wurden weiterentwickelt, ebenso wurde durch die permanente Nutzung von digitalen Tools rasch die Verbesserung von Zugängen für Menschen mit Behinderung diskutiert.

  • Kunsträume//Realräume

Eine zentrale Frage während des zweiten Lockdowns und in den Zeiten der Wiedereröffnungen blieb, wie wir Publikum zusammenführen können und es dabei möglichst wenig gefährden. Das Sommerfestival setzte auf eine umfassende Bespielung des Gartens und unterschiedlicher Orte im Stadtraum. So wurde die Waldbühne als eine naturnahe Gartenbühne entwickelt. Das Label Gras & Steine und der Bühnenbildner Urs Ulbricht entwickelten sie als Outdoor-Theaterbühne, die im Sommer jeden Abend bespielt wird und nebenbei zu einem beliebten Aufenthaltsort für Jugendliche aus dem Viertel geworden ist. Ein neuer Ort mit neuen Qualitäten. Weiterhin kam es zur Generalsanierung des Migrantpolitans, jenes Ortes, an dem Künstler*innen mit Fluchterfahrung gemeinsam mit Künstler*innen aus Hamburg Projekte entwickeln. Das Migrantpolitan ist seit sieben Jahren ein Aktions- und Lebensraum, der die gesellschaftlichen Zuschreibungen von „Refugees“ und „Locals“ hinter sich lässt und dessen Akteur*innen gemeinsam kosmopolitische Visionen entwerfen.
Viele weitere Spielräume wurden im Stadtraum gefunden. So verlegte der chilenische Choreograf Jose Vidal ein geplantes Massenprojekt mit 100 Tänzer*innen, das in Innenräumen nicht hätte geprobt werden dürfen, in den Hamburger Stadtpark. Dieser „Probenraum“ hatte eine Dimension, die infektionssicheres Proben garantierte. Die Aufführungen fanden im Morgengrauen im Stadtpark statt, am Abend auf der Piazza vor den Kampnagel-Hallen und erfreuten sich großen Zuspruchs.
Mit dem Projekt Himmel über Hamburg, entwickelt von den Dresdner Sinfonikern, produzierte Kampnagel gemeinsam mit der Elbphilharmonie einen Beitrag zum Hamburger Kultursommer 2021. Das Projekt fand statt in der Lenzsiedlung in Eimsbüttel. Blechbläsergruppen über 16 Hörner, 9 Trompeten, 4 Tubas schickten Akkorde und virtuose Verzierungen von Hochhaus zu Hochhaus. Die Musiker*innen spielten verteilt über das gesamte Wohnquartier. Das Publikum setzte sich zusammen aus den Menschen, die in den Hochhäusern wohnten, sowie herbeiströmenden Zuschauenden, die auf dem mittigen Sportplatz Platz nahmen. Die Lenzsiedlung wurde für die Zeit des Projekts ein gigantischer umgestülpter Konzertsaal. Das Projekt hätte planmäßig auch im Lockdown stattfinden können, dann allerdings nur für die Anwohner*innen.

  • Digitale Räume

Die größte digitale Innovation, die während des Lockdowns auf Kampnagel entwickelt wurde, ist die App „[k] to go“. Entstanden ist die Idee Ende 2020 mit dem Beginn des zweiten Lockdowns. Ausgangspunkt war die Frage, wie man Zuschauer*innen auf das Gelände locken kann, obwohl Hallen und Restaurant geschlossen blieben. Mit der App „[k] to go“ wird der Handy-Bildschirm zur Bühne für ein wechselndes Programm, das von verschiedenen Künstler*innen aus Hamburg und der Welt explizit für dieses Medium produziert wird. Das Publikum kann bei individuellen Spaziergängen rund um das weitläufige Kampnagel-Gelände in einer Augmented Reality immer neue Performances erleben. Weiterhin belebt die App Programmheft und Poster im wahrsten Sinn des Wortes und bringt diese Medien per QR-Code zum Sprechen oder zum Tanzen. Derzeit wird der App ein digital begehbares Foyer hinzugefügt. Der umfassendste Ausbau dieses Prinzips ist die Überschreibung von Kolonialen Denkmälern im Stadtraum: Im April 2022 feiern die Agents of History mit ihrem Parcours des antikolonialen Widerstands im digital-analogen Wechselspiel Premiere.
Weiterhin wurden in den letzten Jahren Möglichkeiten für digitale und hybride Veranstaltungen bei Konferenzen, Vorstellungen und Festivals ausgelotet. Dabei wurde viel Wissen generiert, das uns glücklicherweise auch in der aktuellen Ukraine-Krise hilft, performativ und diskursiv agieren zu können.
 
5. Schaffung neuer Bündnisse und neuer Förderstrukturen
Der Lockdown forderte nicht nur Künstler*innen heraus. Die gesamte Förderlandschaft mit ihren öffentlichen wie privaten Förderern musste ihre Programme neu denken. Zwar gab es schon vorher Stipendienprogramme – vor allem in der Bildenden Kunst. Doch die Kunstförderung für Tanz und Performing Arts basierte und basiert überwiegend auf der Förderung von Einzelproduktionen, die in der Regel an ein präsentiertes Ergebnis, sprich eine Aufführung, gebunden ist. Die darstellenden Künstler*innen hätten somit – bei geschlossenen Häusern – vor dem Nichts gestanden. Es ist der Politik hoch anzurechnen, dass auch freischaffende Künstler*innen seit Beginn der Krise auf ihrer Agenda standen. Das gleiche gilt für viele der Hamburger Stiftungen. Um freischaffende Künstler*innen in Hamburg zu unterstützen, rief die Hamburgische Kulturstiftung zum Beispiel bereits im März 2020 einen Hilfsfonds ins Leben. Unter dem Motto „Kunst kennt keinen Shutdown“ startete die Stiftung einen Spendenaufruf – mit sensationeller Resonanz. Zahlreiche Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen folgten dem Aufruf. Innerhalb eines Jahres wurde mehr als 950.000 Euro gespendet. Das Ziel der Förderung durch den Hilfsfonds war es, den Künstler*innen durch unbürokratische Förderung die Fortsetzung ihrer Arbeit zu ermöglichen. 
 
Der Bund stellte in den vergangenen zwei Corona-Jahren bisher circa zwei Milliarden Euro zusätzlich für die Kunst bereit – auch davon wurden erhebliche Mittel an Freischaffende ausgeschüttet. Fokus der unterschiedlichen Programme lag strukturell auf Residenzen/Stipendien, Rechercheförderung, Förderung von Prozessen, Förderung von Netzwerken, inhaltlich auf der Förderung von Digitalprojekten oder von Kunst im öffentlichen Raum. Damit wurden sehr wichtige und unbedingt zu sichernde Strukturen neu etabliert. Es wurde erkannt, dass Künstler*innen auch für ihre Denk- und Forschungsprozesse finanziert werden müssen. Dieses souverän etablierte Krisenmanagement kann partiell auch auf Künstler*innen angewendet werden, die aktuell aus der Ukraine fliehen müssen. 
 
Resümee: Kunst als lernfähiges Mittel der Krisenkritik 
 
Natürlich braucht im engen Sinne niemand Krisen, niemand brauchte die Pandemie. Genau genommen wissen wir im Moment nicht, ob es ein klares Ende der Pandemie geben wird, wie sich das Virus weiterentwickelt und ob in Wechselwirkung mit anderen Problemen neue Krisen entstehen. 
Soll also nach der Krise alles weitergehen wie davor? Die Frage ist obsolet: Es wird nicht so weitergehen. Das nostalgische Früher ist nichts weiter als ein emotionaler Ankerpunkt, von dem aus wir die Zukunft betrachten können. Was also tun? Wir müssen die Krise als Lern- und Handlungsprozesse denken, anders wäre sie nicht zu bewältigen. 
 
Die Kunst, und ich spreche vor allem von der freien Theater- und Performanceszene, hat sich nicht nur als krisenfest, sondern vor allem als krisenfähig und kritikfähig erwiesen, sie hat dazugelernt, verlernt, sich neu ausgerichtet und Innovationen produziert. Sie hat den Menschen Möglichkeiten geboten, die neue gesellschaftliche Situation zu verarbeiten. In Zeiten der Schließungen und der massiven Einschränkungen mussten Freiheit und Solidarität neu ausgelotet werden. Öffentlichkeit herzustellen war eine der großen Aufgaben in Zeiten, in denen öffentliches Leben kaum mehr existierte. Durch die lange Zeit des Lockdowns haben sich Fenster geöffnet, durch die Gesellschaft neu gedacht, neu reflektiert werden kann – im besten Fall wurden utopische Räume entworfen. 
 
Nun befinden wir uns längst in der nächsten Krise, einem Krieg in Europa, dessen Auswirkungen auf die nächsten Jahre sich erst schemenhaft abzeichnen: Energieprobleme, weiter zunehmende Fluchtbewegungen, Nahrungsmittelknappheit und unberechenbare globale Machtachsen. Auch für diese Krise entwickeln Menschen aus der Kunst Lösungen, während ich dies schreibe. Viele von uns schaffen gemeinsam Förderprogramme, Exil-Residenzen und organisieren öffentliche Diskussionen. 
 
Wir sollten gesellschaftliche Debatten über jegliche Krisen nicht nur im Parlament oder in Kulturinstitutionen führen, sondern sie erweitern auf Schulen, Krankenhäuser, Altersheime, Verwaltungen, Betriebe, Banken oder Anwaltskanzleien. Um die Gesellschaft zukunftsfähig und gerechter zu machen, braucht es viel Kommunikation und Vermittlung, aber auch Popularisierung und Verbreitung von komplexem Wissen. Die Virolog*innen haben uns gezeigt, wie das geht. Dabei sollte die Kunst, können Kunstinstitutionen eine wichtige Funktion einnehmen. Es ist an der Zeit, eine Zukunft zu entwerfen, die über die Krise als Dauerzustand hinauswächst. 
 



 Amelie Deuflhard ist seit 2007 Intendantin von Kampnagel in Hamburg, Europas größtem Produktionszentrum für die Freien Darstellenden Künste. Zuvor war sie von 2000 bis 2007 Künstlerische Leiterin der Sophiensæle in Berlin. 2014 initiierte sie mit EcoFavela Lampedusa Nord einen Lebens- und Aktionsraum für Geflüchtete. Das Projekt hat auf Kampnagel seine Verlängerung in dem preisgekrönten Begegnungsort Migrantpolitan gefunden. Amelie Deuflhard ist Autorin zahlreicher Publikationen und hat regelmäßig Lehraufträge an Hochschulen inne. Für ihr Schaffen erhielt sie den Caroline-Neuber Preis (2012), die Insignien des Chevaliers des Arts et Lettres (2013) und die Auszeichnung als Europäische Kulturmanagerin des Jahres (2018). Im Mai 2022 wird ihr der Theaterpreis Berlin 2022 im Rahmen des 59. Berliner Theatertreffens verliehen.


Foto: Marcelo Hernández

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