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Wie wird Kultur für die Menschen unverzichtbar, wenn doch andere Dinge das Überleben sichern?

Anja Würzberg, Leiterin des Programmbereichs NDR Kultur

Am 16. Februar 2022 war Anja Würzberg, Leiterin des Programmbereichs NDR Kultur, zu Gast bei den Hamburger Gesprächen für Kultur & Medien, einer Veranstaltungsreihe der Claussen-Simon-Stiftung und des Instituts für Kultur- und Medienmanagement an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. In ihrem Impulsvortrag nimmt sie Stellung zur Bedeutung von Kultur.
 

Wie wird Kultur für die Menschen unverzichtbar, wenn doch andere Dinge das Überleben sichern?

Ich möchte darauf drei Antworten geben und noch eine Joker-Überlegung zum Schluss äußern: 

1. Wie wird Kultur für die Menschen unverzichtbar …?
Indem Kultur die Begegnung im Hier und Jetzt feiert 

Kultur hat die Möglichkeit, Gegenwart erfahrbar zu machen. Wir sind gedanklich so oft mit der Vergangenheit beschäftigt, quälen uns mit Erinnerungen und mit verpassten Chancen – oder uns drängt es gedanklich in die Zukunft: Wir machen Pläne, To-do-Listen und Konzepte. Kulturerleben heißt, den Moment zu feiern und sich einzulassen auf das Unverfügbare dieses Moments, der mir durch andere – durch Künstlerinnen und Künstler – geschenkt wird. 
Deshalb kann mich Kunst und Kultur im tiefsten Inneren berühren. Sie kann, so hat es ein Kollege von mir ausgedrückt, den Hunger stillen, der übrig bleibt, wenn man schon satt ist. Wir können über die physischen Notwendigkeiten hinaus das Leben feiern – in diesem einen Moment. Dem einzigen Moment, der wirklich zählt: der Gegenwart. 

Darüber hinaus kann dieser gegenwärtige Moment auch ein sehr körperlicher Moment sein. Und da rede ich von etwas, das wir derzeit meistens schmerzlich vermissen und wenn, dann nur mit großen Einschränkungen erfahren dürfen: In Theatern, Konzerthäusern, in Museen und an Open Air-Bühnen: Ich bin ein Mensch, der einen Körper hat. Ich bin dreidimensional – genau wie die Skulptur, der Tänzer, die Schauspielerin in diesem Raum, den wir teilen. 

Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda schildert sein Erleben in einem Gespräch mit Daniel Kühnel, Intendant der Symphoniker Hamburg, vor gut einem Jahr so: Wir spüren im Konzertsaal körperlich, welche Kraft ein Orchester entfaltet. Das ist der Moment, in dem man Menschen überwältigt und überzeugt. Nicht, indem man schlau daherredet, welche Bedeutung Kunst und Kultur im Allgemeinen haben. 

Vor dem Computer spielt Körperlichkeit keine Rolle. Ich spüre das derzeit auch sehr schmerzlich, wenn ich mit den Studierenden am Institut für Kultur- und Medienmanagement (KMM) zu tun habe: Eine Videokonferenz ist kein Ersatz für einen echten Austausch. Wir nehmen uns mehr als Briefmarken wahr denn als echte Menschen. 

Kunst ist selten zweidimensional. Kunst ist eine Position im Raum und steht in einer Beziehung zur Betrachterin, zum Publikum. So kann der Mensch, der Kunst rezipiert, im Hier und Jetzt sich selbst als Körper, als ganzheitliche Kreatur wahrnehmen. 

Das ist also meine erste These. Und als Kulturchefin des NDR möchte ich auch eine persönliche Antwort auf unsere Leitfrage geben. Was bedeutet dieses Feiern der Unmittelbarkeit, des Moments für unsere Arbeit in den Kulturredaktionen des NDR? Denn auch wir senden ja unter den Bedingungen der Pandemie. 

Das Einfachste wäre zu sagen: Wir senden deutlich mehr live als vor Corona. Wir haben im Jahr 2020 41 Live-Konzerte im Programm von NDR Kultur gesendet. Und 2021 haben wir trotz Pandemie-Bedingungen 63 Konzerte live gesendet. Dazu habe wir das Format der Studiokonzerte neu belebt: Künstler:innen, die zu uns ins Studio kommen und eine Stunde live performen, unterbrochen durch kleine Gespräche mit einem:r Moderator:in – ein Format, das live im Radio gesendet und mit Video gestreamt wird und das wir auch nach der Pandemie einmal pro Woche weiterführen werden. 

Noch unmittelbarer war unsere Beteiligung am Hamburger Kultursommer 2021, zusammen mit der ZEIT-Stiftung. Wir haben eine Woche lang auf Kampnagel eine Bühne bespielt und uns damit auf vielfältige Weise am Kultursommer beteiligt und den Moment ausgekostet, Menschen live und vor Ort eine Freude zu machen und tolle Künstler:innen zu präsentieren. Da sind wir aus der Rolle der Berichterstatter herausgetreten und sind selbst Akteure geworden.

Ein drittes Beispiel: "Bei Anruf Theater!" Weihnachten 2020 haben wir gemeinsam mit dem Thalia Theater eine Programmaktion gestartet, bei der Hörer:innen sich melden konnten, sie wurden dann von einem:r Schauspieler:in des Thalia-Ensembles angerufen, er oder sie hat ein Gedicht vorgetragen, und es wurde noch ein bisschen geplaudert. Ein Moment, der viele Hörer:innen zu Tränen gerührt hat, und auch die Vollprofis vom Thalia waren von diesem unmittelbaren, persönlichen Kontakt vielfach bewegt. 

2. Wie wird Kultur für die Menschen unverzichtbar …?
Indem Kultur die Begegnung mit dem Unbekannten ermöglicht

Kultursenator Carsten Brosda schildert im Gespräch mit Daniel Kühnel eine Erfahrung, die wahrscheinlich viele von uns schon gemacht haben: Ich sitze in einem Theaterstück und bekomme eine Antwort auf eine Frage, von der ich nicht wusste, dass ich sie gestellt habe. Und dann möchte ich darüber sprechen. In der Pause. Auf dem Weg nach Hause. Am nächsten Tag. So kann Diskurs entstehen. Du öffnest Dich für das, von dem Du nicht wusstest, dass es da ist. Du öffnest Dich für Kontingenz – und lernst, das eigene Leben anders denkbar zu machen. Du öffnest Dich für Transzendenz – und behältst den Kopf über Wasser, während Deine Beine im Alltag strampeln. Du stillst Deine Sehnsucht nach dem Anderen. 

Das ist niemals frei von Irritationen. Wenn wir – womöglich ästhetisch zugespitzt – neue Perspektiven präsentiert bekommen, kann das auch nervig und anstrengend sein. Das zu üben – Anderssein und Widerstand und unterschiedliche Positionen auszuhalten – schult uns für das Leben und für den Umgang mit den Menschen um uns herum, die dauernd andere Entscheidungen treffen als ich und mit denen ich mich trotzdem – oder gerade deshalb – auseinandersetzen muss. 

Welche Antwort geben wir beim NDR auf diese zweite These? 

Wir möchten mehr Raum für Dialog und Kontroverse schaffen. Wir haben Formate entwickelt wie "Wie demokratisch/rassistisch/sexistisch bist Du?", mit der Tagesschau und dem Sprecher Michael Paweletz: Eine Million Abrufe einer einzigen Folge im Instagram-Kanal der Tagesschau und insgesamt mehr als sechs Millionen User:innen zeigen, dass diese Themen relevant für viele sind. 

3. Wie wird Kultur unverzichtbar für die Menschen …?
Indem Kultur die Begegnung mit dem Bekannten ermöglicht

Wir alle haben das Bedürfnis, uns weiterzuentwickeln und Grenzen zu überwinden. Dahinter liegt das Grundbedürfnis der Stimulanz. Davon war in meiner zweiten These die Rede. Doch wir alle haben manchmal Sehnsucht nach dem Vertrauten, der Heimat. Wir wollen dazugehören. Das ist das Grundbedürfnis der Balance.

Kultur schafft Rituale. Kultur kann auch Heimat sein. Kultur schafft Selbstvergewisserung in einer unübersichtlichen Welt, und Kultur kann ein Resonanzraum für das eigene Ich sein: Töne, Farben, Worte, die einem vertraut sind und das eigene Leben dennoch in einem neuen Licht erscheinen lassen. Und nicht zu vergessen: Wenn Du Kulturereignisse besuchst, dann triffst Du dort auf Menschen, die Dir in mancher Hinsicht ähnlich sind. Der Plausch am Stehtisch in der Pause, das gemeinsame Sich-Einlassen auf diesen besonderen Moment: Das alles ist eine Begegnung mit dem Bekannten, dem Vertrauten und gibt uns das Gefühl der Zugehörigkeit. Dieser Aspekt kommt seit zwei Jahren deutlich zu kurz. 

Unsere Antwort beim NDR darauf: Wir schaffen Gemeinschaftserlebnisse auf Distanz. Wir haben ein Chorexperiment gewagt und damit unverhofften Erfolg erzielt. Gemeinsam mit der Stadt Hannover und der chor.com vom Deutschen Chorverband haben wir mit 500 Teilnehmenden – darunter ganze Chöre, Großfamilien, Paare, Einzelpersonen – das Lied "Dat du min Leevsten büst" eingesungen und als Video veröffentlicht. Das alles haben wir sorgfältig vorbereitet, mit Berichterstattung in vielen NDR-Programmen, gemeinsamen Online-Workshops und dann sogar einem Live-Event vor Ort: Die Teilnehmer:innen auf der chor.com in Hannover haben gemeinsam "Dat du min Leevsten büst" gesungen und den Kongress damit eröffnet. Wir haben sehr viel Post von Menschen bekommen, die an dieser Aktion teilgenommen haben. Der Tenor: "Es fühlt sich gut an, sich auch in der Pandemie als Teil einer großen Chor-Gemeinschaft fühlen zu können." 

Das Chor-Experiment zeigt, dass in der Pandemie nicht nur die digitale Abbildung von Bühnenereignissen erfolgversprechend ist, sondern auch Kulturaktionen digital funktionieren, die Einzelne aktivieren und vor allem integrieren. 

Anknüpfend an diese drei Thesen zur Unverzichtbarkeit von Kultur habe ich noch einen Joker-Gedanken anzubieten. Er betrifft den gesellschaftlichen Wandel, der auch durch die Pandemie so sichtbar wird. 

Wir sehen derzeit, dass die bisherigen gesellschaftlichen Gruppen und Milieus erodieren. Die Sinus-Milieus schärfen dafür unseren Blick. Sie werden vom SINUS-Institut erstellt und bieten eine immer wieder aktualisierte Darstellung unserer Gesellschaft – eines Landes im Umbruch. In diesen Sinus-Milieus werden die Menschen in ihren Lebenswelten als Gruppe Gleichgesinnter zusammengefasst. Sie zählen seit Jahrzehnten zu den bekanntesten und erfolgreichsten Segmentationsansätzen und sind mittlerweile in 48 Ländern verfügbar. 

Es geht um Wertewandel und Lebenswelten – und um Zielgruppen, auch für Kulturangebote. Kurz: was die Menschen bewegt und wie sie bewegt werden können. Und die jüngste Überarbeitung dieser Sinus-Milieus legt nahe, dass die bürgerliche Mitte, wie wir sie kannten, so nicht mehr existiert. Aus dieser Gruppe ist das nostalgisch bürgerliche Milieu geworden – ängstlich den eigenen gesellschaftlichen Abstieg befürchtend. Dieses Milieu zieht sich eher zurück, grenzt sich verstärkt nach unten und oben ab. 

Während die einen Angst vor Abstieg haben, bilden sich in der Mitte der Gesellschaft neue Milieus, zum Beispiel die sogenannten Adaptiv-Pragmatischen und die Postmateriellen, die andere Werte und Erwartungen ans Leben haben: Das sind Werte wie Nachhaltigkeit, gesunde Widerstandsfähigkeit und Vielfalt. Gleichzeitig steigt der Wunsch nach Autonomie und Selbstbestimmung. Was das für die Kultureinrichtungen bedeutet, in einer Zeit, in der diese wachsenden Milieus auf Status, Habitus und bürgerliche Codes zunehmend distanziert und ablehnend reagieren: Das sind spannende Fragen der Zukunft. 

Distanz und Ablehnung? Diese Wahrnehmung hat auch Sonja Anders geäußert, die Intendantin des Schauspiel Hannover. Sie hat jüngst in unserem Programm gesagt: "Unsere Theater sind angsteinflößend." Und Christoph Lieben-Seutter hat anlässlich des Elbphilharmonie-Geburtstags im Hamburger Abendblatt zum Publikum in der Elphi eingeräumt: "Das ist immer noch zu 95 Prozent oder mehr weiße Mittelschicht, wir würden gern die Stadtgesellschaft in ihrer Vielfalt besser abbilden."

Die gute Nachricht: Nach der unerträglich langen Durststrecke durch die Pandemie gibt es eine riesige Sehnsucht danach, Kunst und Kultur zu genießen: Als große Feier des Hier und Jetzt, als Begegnung mit dem Unbekannten und als Wiederbegegnung mit dem Bekannten und Vertrauten. Diese Sehnsucht zu stillen: Das ist unsere gemeinsame Aufgabe! 
 



Anja Würzberg ist Diplom-Journalistin und leitet seit 2020 die Radiowelle NDR Kultur im Norddeutschen Rundfunk, für den sie bereits seit 2002 tätig ist – zuerst als Fernsehmoderatorin, dann als persönliche Referentin des damaligen NDR-Intendanten Jobst Plog, später als Redakteurin für Qualitätsmanagement, Leiterin der Redaktion Religion und Gesellschaft und stellvertretende Leiterin der Abteilung Dokumentation und Reportage. Als zertifizierter Teamcoach (ICF) hat sie zudem das strategische Qualitätsmanagement für den NDR und die ARD mitentwickelt und als Dozentin an der ARD.ZDF-Medienakademie unterrichtet. Am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater Hamburg ist sie seit 2019 Dozentin im Bereich "Medien und Digitales".


Foto: Julia Patton

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