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#Bühne #Forschung #Musik #WissensWerte

„Aus dem Schatten ans Licht“ – Verfemte Musik

Volker Ahmels, Künstlerisch-pädagogischer Leiter des Zentrums für Verfemte Musik der hmt Rostock

Die thematische Beschäftigung mit Kunst, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfemt, also geächtet wurde, hat sich in den letzten Jahren intensiviert. Mittlerweile werden viele Konzerte und Opernaufführungen verfemter Musik veranstaltet, und es finden immer wieder bemerkenswerte Erstaufführungen und sogar Uraufführungen mit Werken der verfemten Komponist:innen statt. Auch thematisch anknüpfende Symposien und Veröffentlichungen erfolgen regelmäßig, und an Universitäten und Hochschulen werden Forschungsstellen und Institute eingerichtet. Diese an sich sehr erfreuliche Entwicklung täuscht aber nicht darüber hinweg, dass es noch viel selbstverständlicher sein müsste, die Werke verfemter Komponist:innen in den Konzertbetrieb zu integrieren. Das gilt für das Repertoire der internationalen Solist:innen genauso wie für die renommierten Orchester. In dem Zusammenhang sind die diesjährigen Aktivitäten im Festjahr „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ gesellschaftlich besonders beachtenswert. 

Wovon sprechen wir eigentlich, wenn wir von verfemter Musik sprechen?
Das Wort „verfemt“ setzte sich in den letzten Jahren als Ersatzbezeichnung für den nationalsozialistischen Begriff „entartet“ durch. Für die Nationalsozialisten galten sämtliche Kunstwerke, kulturelle Stilrichtungen und Musikwerke, die nicht im Einklang mit ihrem eigenen Schönheitsideal und Kunstverständnis standen, als „entartet“ und wurden verboten. Als „entartet“ wurden beispielsweise Werke jüdischer Künstler:innen oder andersdenkender Personen, wie Kommunist:innen, bezeichnet. Der Begriff bezog sich sowohl auf Musikrichtungen wie Swing und Jazz als auch auf Literatur, Bildende Kunst, Filmkunst, Theater und Architektur. Viele der Künstler:innen der Moderne, vor allem aber Juden und Jüdinnen, wurden verfolgt und ermordet. Von Maler:innen und Bildhauer:innen haben zahlreiche Kunstwerke die Zeit der Verfolgung überdauert. Die Noten der „unerwünschten“ Komponist:innen hingegen blieben verschollen oder wurden nicht verlegt. Ihre Musik wurde nicht mehr gespielt und geriet meist in Vergessenheit (Quelle: Zentrum für Verfemte Musik, Hochschule für Musik und Theater Rostock). Komponisten wie Arnold Schönberg, Hans Gál, Erwin Schulhoff, Viktor Ullmann, Ernst Toch und viele andere waren vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten hoch anerkannt. Komponisten wie Dick Kattenburg und Gideon Klein hatten eine große Zukunft vor sich.

Wie sich das Konservatorium Schwerin und die Hochschule für Musik und Theater Rostock mit verfemter Musik beschäftigen
1996 wurde am Konservatorium in Schwerin als umfassendes Jugendprojekt Hans Krásas Kinderoper „Brundibár“ einstudiert und viele Male erfolgreich in Schwerin und der dänischen Partnerstadt Odense aufgeführt. Kurz nach der Wiederaufnahme zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 1997 reisten dann 80 Musikschüler:innen nach Israel, um die Oper vor jungen Israelis und auch vor Zeitzeug:innen des Holocaust aufzuführen. Die damit verbundenen Begegnungen mit Überlebenden der Konzentrationslager, die sogar selbst als Kinder bei der Aufführung im Konzentrationslager Theresienstadt mitwirkten, waren so beeindruckend, dass neue Formate entwickelt wurden, um die Erinnerungsarbeit des Konservatoriums Schwerin zu erweitern.

Im Jahr 2001 wurde schließlich der Wettbewerb „Verfemte Musik“ ins Leben gerufen und seitdem im Rahmen des internationalen Festivals Verfemte Musik regelmäßig durchgeführt. Einen solchen Wettbewerb, der junge Instrumentalist:innen und Sänger:innen adressiert, hatte es in dieser Form noch nicht gegeben. Das Motto lautet seitdem: All das, was im Nationalsozialismus verboten war, ist bei uns erlaubt! Ein geeigneter Projektname musste gefunden werden, der als Oberbegriff die Vertreibung, Ermordung und Selbstisolation von Künstler:innen mit einbezog. Der Begriff „verbotene Musik“ war insofern unpassend, durfte doch beispielsweise im Getto/Konzentrationslager Theresienstadt die Musik der bereits oben genannten Komponisten Viktor Ullmann, Hans Krása, Gideon Klein und anderen aufgeführt werden. Ein französisches Projekt gab sich den Namen „Voix Étouffées – Verstummte Stimmen“, und international begegnen uns häufig Projekte unter dem Sammelbegriff „Banished Music“. Vergessen, verbannt, verstummt – alles Begriffe, die das Gemeinte in der Passivität halten, wo es vergessen wird und dann verstummt. Der Begriff „verfemt“ impliziert dagegen die aggressive Ächtung durch Täter:innen. Das deutsche Wort „verfemt“ deckt sich in der englischen Sprache sowohl in der Übersetzung als auch in der Häufigkeit seiner Anwendung mit „ostracized“.

Sowohl die Zahl als auch das Niveau der Teilnehmenden beim Wettbewerb sind in den letzten Jahren stetig gestiegen. Ebenso wächst die Anzahl der Fördermaßnahmen und der Anschlusskonzerte in Deutschland und Österreich. Konzerte, Projekte mit allgemeinbildenden Schulen, Symposien und Ausstellungen flankieren Jahr für Jahr den Wettbewerb und sorgen für eine vertiefte Auseinandersetzung mit verfemter Musik. Zu den Preisträger:innen des Wettbewerbs gehören auch die Sopranistin Pia Davila und die Pianistin Linda Leine, beide Alumnae des Förderprogramms stART.up der Claussen-Simon-Stiftung: 2016 wurden sie erste Preisträger:innen. Sie treten regelmäßig mit herausragenden Konzertprogrammen verfemter Musik in ganz Deutschland auf.

Ein weiterer Meilenstein in der Beschäftigung mit verfemter Musik in der Region war die Gründung des Zentrums für Verfemte Musik an der Hochschule für Musik und Theater Rostock am 27. Januar 2008. Das Zentrum verfolgt das Ziel, jene Musiker:innen der Moderne, die Opfer der Gewaltherrschaft des NS-Regimes wurden, in der Öffentlichkeit wieder bekannt zu machen und ihre in Vergessenheit geratenen Werke zu spielen. Um dies zu erreichen, nimmt die künstlerisch-pädagogische Arbeit neben der Forschung einen besonderen Stellenwert ein. Musikstudierende werden als Multiplikator:innen für diese Thematik gewonnen und dafür sensibilisiert. Dabei ist es ein wichtiger Baustein, verfemte Musik als Studienschwerpunkt in den künstlerischen und pädagogischen Studiengängen anzubieten. 

Wiederentdeckung von Kompositionen
Im Konservatorium Schwerin befindet sich das Peter Wallfisch-Archiv – es beherbergt einen Schatz von rund 2.300 Klavierpartituren. Hinzu kommen Werke, die im Laufe der Jahrzehnte gesammelt wurden, darunter auch Handschriften, Faksimiles und gedruckte Werke. Das Archiv ist für jeden zugänglich und war bereits in den vergangenen Jahren Quelle und Inspiration für viele vor allem junge Musiker:innen. So nutzen zum Beispiel auch Pia Davila und Linda Leine die Notenressourcen des Archivs für ihre künstlerische Arbeit.

Interessant ist, dass immer wieder und immer noch in Nachlässen oder durch Zufall vergessene Namen oder Werke auftauchen, von deren Existenz bisher niemand wusste. Ein solcher Fall spielte sich beispielsweise 2015 in Hamburg ab: Ingolf Dahl, Pianist und Komponist, wuchs im Stadtteil Groß Borstel auf und emigrierte 1933 aufgrund seiner deutsch-jüdischen Herkunft in die Schweiz, 1938 in die USA. Der Kommunalverein von Groß Borstel machte das Klavierduo Friederike Haufe & Volker Ahmels auf seine Person aufmerksam, mit der Bitte um entsprechende Recherche. Es war leicht herauszufinden, dass Ingolf Dahl eine beachtenswerte Karriere in den USA als Komponist, Pianist, Dirigent und Universitätsprofessor gemacht hatte und zwei seiner Kompositionen auffallend starke Verbreitung gefunden haben: das Konzert für Altsaxophon und Blasorchester, komponiert für den berühmten Saxophonisten Sigurd Rascher, sowie die Symphonie Concertante für zwei Klarinetten und Orchester, die Benny Goodman bei ihm in Auftrag gegeben hatte.

Es ist übrigens kein seltenes Phänomen, dass ein bekannter Name verknüpft werden kann mit wenigen Kompositionen, die aber nur den Bruchteil eines Werkes darstellen, während der Rest völlig unbekannt bleibt. Im Archiv der University of Southern California, Dahls Wirkungsstätte als Professor, wo sein gesamter künstlerischer Nachlass verwahrt wird, fanden Friederike Haufe und Volker Ahmels die handschriftlichen Manuskripte des „Rondo“ von 1938 sowie von „Four Intervals“ aus dem Jahre 1967, beides Werke für Klavier zu vier Händen. So konnte schließlich eine Notenausgabe als Projekt des Zentrums für Verfemte Musik an der Hochschule für Musik und Theater Rostock mithilfe von digitalen Notensatzprogrammen fertiggestellt und 2018 veröffentlicht werden.

Ausblick 
Die Erforschung der Schicksale und Lebensgeschichten verfemter Musiker:innen bleibt auch weiterhin eine wichtige und große Aufgabe und darf nicht in Vergessenheit geraten. Es handelt sich um unser kulturelles Erbe, das es immer noch zu entdecken gilt. Die Kompositionen verfolgter Komponist:innen gehören in die internationalen Konzertsäle und in die Ausbildungsstätten für Musikberufe. 

Weil uns aber Zeitzeug:innen der ersten Generation kaum noch zur Verfügung stehen und deren Zeugnisse wichtige und emotionale Dokumente der Vergangenheit für nachfolgende Generationen sind, bietet sich hier zukünftig verstärkt die pädagogische Projektarbeit mit verfemter Musik an. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder salonfähig erscheint, sind kulturelle Bildungsprojekte in vielerlei Hinsicht eine wichtige und nachhaltige Maßnahme. Speziell durch Musikvermittlung lässt sich gleichermaßen Emotionalität und Empathie generieren sowie Wissen vermitteln, um dadurch antisemitischen Tendenzen effektiv entgegenwirken zu können.

 


Der Autor Volker Ahmels ist Pianist, Direktor des Konservatoriums der Landeshauptstadt Schwerin, Künstlerisch-pädagogischer Leiter des 2008 gegründeten Zentrums für Verfemte Musik der Hochschule für Musik und Theater Rostock sowie Vorsitzender des Landesausschusses „Jugend musiziert“ Mecklenburg-Vorpommern. Für seinen Einsatz für die verfemte Musik verlieh ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 2018 das Bundesverdienstkreuz. Ahmels’ Beschäftigung mit der Thematik der verfemten Musik dauert bereits mehr als 25 Jahre an. Seit 2008 entwickelt das Klavierduo Friederike Haufe & Volker Ahmels zudem das Projekt „taste for school“, in dem bundesweit Kooperationen mit allgemeinbildenden Schulen eingegangen werden, um gemeinsam mit den Lehrkräften Themeninhalte zur verfemten Musik in den Unterricht zu tragen. Bei der Vermittlung werden musikalische Inhalte mit historischen und kreativen Zugriffen verknüpft, und auch digitale Arbeitsmethoden kommen dabei verstärkt zum Einsatz. Darüber hinaus sind die Herausgabe von bisher nicht verlegten Noten, zum Beispiel des Hamburger Komponisten Ingolf Dahl, und diverse Einspielungen auf CDs jenseits des Konzertierens wichtiger Bestandteil des Wirkens des Klavierduos.


 

Weiterführende Informationen und Quellen:

Zentrum für Verfemte Musik an der Hochschule für Musik und Theater Rostock

Concerti: „1700 Jahre jüdische Musik in Deutschland | Interview Volker Ahmels“

Festival Verfemte Musik

Jeunesses Musicales Mecklenburg-Vorpommern e.V.

Bundeszentrale für politische Bildung: Trefferliste zum Stichwort „Verfemte Musik“

Klavierduo Friederike Haufe & Volker Ahmels

Taste for school e.V.

 

Foto: Matthias Ellinger

YouTube-Video

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