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#Bühne #Kultur in Zeiten von Corona #Musik

Neue Musik für Gitarre und Akkordeon – oder: Wie eine CD entsteht

Lydia Schmidl, Akkordeonistin und stART.up-Alumna

Seit 2012 treten der Gitarrist Jorge Paz Verástegui und ich, die Akkordeonistin Lydia Schmidl, als Lux Nova Duo auf. Im Mittelpunkt unserer musikalischen Programme steht die zeitgenössische und klassische Musik. Bereits seit vielen Jahren beschäftigen wir uns intensiv mit den Werken des kubanischen Komponisten Leo Brouwer (*1939), der vor allem der Gitarre viele herausragende Stücke widmete. Er arbeitete viele Jahre in Europa, komponierte u.a. für die Berliner Philharmoniker, Yo-Yo Ma und Andreas Scholl. Außerdem war er Dirigent des Orquesta de Córdoba. Mit großer Begeisterung interpretieren wir die Kompositionen des Grammy-Preisträgers und fühlen uns mit seiner Musik sehr verbunden: Wir hatten das Glück, Leo Brouwer in Spanien und Kuba persönlich zu treffen und mit ihm die stilistische Komplexität seiner Werke herauszuarbeiten. Aus den Begegnungen resultierte 2020 die erfolgreiche Uraufführung der Variaciones concertantes nach Beethoven in der Elbphilharmonie in Hamburg und im Sendesaal Bremen, ein Doppel-Konzert für Gitarre, Akkordeon und Streichorchester, das Brouwer uns als Lux Nova Duo widmete. Unsere Besetzung beschreibt er als die ideale Ergänzung. So wurde beispielsweise das Werk La guerra del tiempo ursprünglich für Klavier und Gitarre geschrieben, doch er persönlich sendete uns die Noten mit dem Vermerk: „Für Jorge und Lydia, ersetzt den Klavierpart durch etwas Kompatibles!“ Das Akkordeon kann – im Unterschied zum Klavier – Töne aus dem Nichts entstehen lassen. Aufgrund dieser Eigenschaft passt es sehr gut zu den zarten Gitarrenklängen. 

Auf unserer aktuellen CD Inspiración Bach stehen die kammermusikalischen Werke Leo Brouwers für unsere Instrumente ganz im Mittelpunkt. Im September 2021 erfolgte die lang ersehnte Aufnahme in Kooperation mit dem Deutschlandfunk. Nahezu alle Stücke, welche beim Leipziger Klassik-Label Genuin veröffentlicht werden, sind Ersteinspielungen. Während des Lockdowns im Frühjahr 2021 hatten wir Zeit und Muße, um neue Bearbeitungen von Brouwers Musik in Angriff zu nehmen. Aufs Neue erforschten wir dabei unsere ungewöhnliche Instrumentenkombination von Akkordeon und Gitarre. Während der dreitägigen Aufnahmen in der Bethanien-Kirche in Leipzig wachte passenderweise der Barockmeister und ehemalige Thomaskantor Johann Sebastian Bach in Form einer Abbildung an der Empore über uns. Durch die übersichtliche Größe und architektonischen Raffinessen des Kirchenraums entstand ein natürlicher, transparenter Nachklang. Dies ist für viele Musiker:innen wesentlich angenehmer als ein kalter, trockener Studioklang. 

Der erste Tag war zunächst für die perfekte Ausrichtung der Mikrophone bestimmt, wobei die Auswahl der richtigen Technik stets genauso entscheidend ist wie deren exakte Positionierung. Der Tonmeister Christoph Rönnecke befand sich in einem abgetrennten Raum, konnte uns aber durch eine Kamera sehen und über die Mikrophone mit uns kommunizieren. Beim Einspielen des ersten Stückes wurden wir häufig vom Prasseln des Regens auf dem Kirchendach unterbrochen, denn unerwünschte Nebengeräusche sind stets zu vermeiden.  

Der zweite Tag war sehr produktiv: Es gelang uns, ein technisch sehr anspruchsvolles Stück in einer Stunde aufzunehmen. Im Allgemeinen sind die häufigen Wiederholungen anstrengend, da jede Stelle mindestens einmal perfekt ausgeführt werden muss. Maßgebend dafür sind folgende Parameter: Tempo, Lautstärke, Intonation, Tonhöhe, exakter Rhythmus, Artikulation, Hintergrundgeräusche und der musikalische Ausdruck. Der Tonmeister gibt Rückmeldung, woran noch gearbeitet werden muss. Außerdem teilen wir nach jeder Einspielung unsere Einschätzung mit. Am besten ist es, zunächst das Stück einmal im Ganzen aufzunehmen, es anschließend anzuhören und dann einen Aufnahmeplan zu erstellen: Eine Möglichkeit ist, der Reihenfolge nach aufzunehmen oder mit der schwierigsten Stelle zu beginnen, um genügend Zeit und Energie zu haben. Glücklicherweise konnten wir noch ein zusätzliches Stück aufnehmen, da wir sehr gut vorankamen und der Tonmeister sehr effizient in seinen Anweisungen war. Eine besondere Herausforderung bei den Aufnahmen ist die ständige Konzentration und Anspannung, weswegen Pausen essentiell sind. Auch der Tonmeister kam am ersten Tag an seine Grenzen: Gerne hätten wir noch weitergearbeitet, doch nach acht Stunden konnte er die Qualität der Aufnahme nicht mehr garantieren. Schließlich muss er auf jedes noch so kleine Detail achten und zu 100% aufmerksam sein. 

Der dritte Aufnahmetag war stressiger, da uns die Kirche nur zeitlich begrenzt zur Verfügung stand: Denn sobald Personen im Gebäude unterwegs sind, entstehen Nebengeräusche. Doch zum Glück schafften wir das gesamte Programm im geplanten Zeitfenster. Die Nachbearbeitung des Audios dauerte etwa einen Monat, anschließend sendeten wir unsere Korrekturwünsche. Für das Booklet zur CD folgten Fotoaufnahmen, Texte wurden erstellt und abgestimmt. Das Release-Konzert wird am 10. September 2022 im Resonanzraum Hamburg stattfinden – die Vorfreude ist schon jetzt groß! 

Unter dem Motto „Kunst schafft Perspektive!“ förderte die Claussen-Simon-Stiftung 2021 unser CD-Projekt aus dem Claussen-Simon-Fonds für Kunst & Kultur. Die Förderung ermöglichte es uns, unsere künstlerische Vision auch in diesen schwierigen Zeiten weiterzuverfolgen – sie gab uns eine neue Perspektive und Zuversicht. Für uns persönlich ist ein Traum in Erfüllung gegangen, diese wunderbare Musik einspielen zu können. Vielen herzlichen Dank für die Unterstützung!


Foto: Sebastian Madej

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