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#Bildende Kunst #Kultur in Zeiten von Corona #Kunst

Not one more… but still I am counting – Über das Scheitern und Trauern

Simone Karl, Bildende Künstlerin und stART.up-Alumna

Während einer Künstler:innenresidenz im Goyki3 Art Inkubator im polnischen Sopot entwickelte die bildende Künstlerin Simone Karl eine Installation zum Thema Femizid, die als Mahnmal des Scheiterns und der Trauer verstanden werden kann.

Die Situation während des ersten Pandemie-Jahres war ausschlaggebend für meine Bewerbung in der Künstler:innenresidenz Goyki3, da ich durch die anhaltende Isolation von anderen Künstler:innen und den fehlenden realen Austausch einen Ort für intensives Recherchieren, Diskutieren und Arbeiten fernab der Großstadt finden wollte. Die 2021 neueröffnete Residenz Goyki3 Art Inkubator in Sopot war schon durch den Inkubator-Begriff ein sehr spannender Ort für die Arbeit an einem so schwierigen Thema wie dem genderbasierten Mord an Frauen und Mädchen, mit dem ich mich künstlerisch auseinandersetzen wollte.
Die Künstler:innenresidenz liegt in einem kleinen Park an der Ostsee zwischen Danzig und Gdynia und befindet sich in der früheren Jüncke-Villa, die 1894 gebaut und durch den Leerstand der letzten Jahre als “Haunted House of Sopot” bekannt wurde. 2021 wurde sie nach der Renovierung als Institution für zeitgenössische Kunst und Kultur wiederbelebt und lädt jährlich zwei bildende Künstler:innen und zwei Schriftsteller:innen für einen zweimonatigen Aufenthalt ein. Der:die brasilianische:r Schauspieler:in Paola Pilnik und ich sind die ersten Stipendiat:innen, die in den Ateliers der Villa arbeiten konnten. Parallel zum Residenzprogramm finden in den Räumen von Goyki3 zahlreiche Workshops, Ausstellungen und Performances internationaler Künstler:innen, Komponist:innen, Musiker:innen und Wissenschaftler:innen statt.

Scheitern und Sprachlosigkeit
Die Auseinandersetzung mit der Gewalt an Frauen und Mädchen war auch vor Corona ein wichtiges Anliegen für mich gewesen. Mit der Aufforderung “stay at home” wurden viele Frauen in einen unbeobachteten Raum der häuslichen Gewalt und Kontrolle verbannt. Die Ausweglosigkeit dieser Situation berührte mich sehr, und ich beschloss, meine Arbeit sehr viel intensiver auf die Problematik genderbasierter Gewalt zu richten, um so auch eine Plattform für die Sichtbarkeit dieser Situationen zu schaffen.

Mein Projekt für den Residenzaufenthalt war die Recherche- und Produktionsarbeit einer neuen Installation zum Thema Femizid. Als Femizid bezeichnet man die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Aufbauend auf der Hochrechnung der UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime) von 2017 werden weltweit täglich durchschnittlich 137 Frauen getötet – weil sie weiblich sind. Meist sind die Täter ihre engsten Vertrauten: Intimpartner, Ehepartner, Väter und Söhne. Die Taten geschehen aufgrund von Hass, Kontrolle, sogenannter „Ehre”, Eifersucht, Langeweile oder Spaß. Frauen werden erstochen, erschossen, verbrannt, erwürgt, aus dem Fenster gestoßen und überfahren.
Die extreme Grausamkeit der Morde, die unglaubliche Zerstörungswut gegenüber Frauen versetzten mich bei der Recherche in einen Zustand der Hilflosigkeit und Verzweiflung. Als Künstlerin ist es eine schwierige Erfahrung, sich während eines Projektes wie gelähmt und sprachlos zu fühlen. Aber wie könnte man solch einem Ozean aus Gewalt anders begegnen als mit Ohnmacht? 

Heute denke ich, dass ein Fehlen von Sprache und das Gefühl von Hilflosigkeit auch Zeichen dafür sein können, dass ein Thema gesamtgesellschaftlich nur wenig Beachtung bekommt und es bisher nicht genug Wege gibt, dieser Gewalt entgegenzutreten. Das Verständnis, dass dieser Zustand von Verzweiflung, Scheitern und Hilflosigkeit auch der Wegweiser für eine neue Sprache sein kann, hat die Entwicklung des Installationsprojekts stark beeinflusst. Die Fragen, die mich in dieser Phase beschäftigten, waren geprägt von der Suche nach einem sensiblen Umgang mit dem Thema. Wie finde ich eine Übersetzung für Gewalt, ohne dabei Gewalt zu reproduzieren? Wie kann ich an ein Individuum in einer unüberschaubaren und ständig wachsenden Menge an ermordeten Frauen erinnern? Wie kann ich über Gewalt gegen Frauen und über Femizid sprechen, ohne Tätern dabei einen Raum zu geben? Und wie begreife ich als bildende Künstlerin, die eigentlich etwas produziert, das Verschwinden?

Not one more… but still I am counting
Bei der Umsetzung der Arbeit habe ich mich schließlich für den Zustand des Scheiterns in Form eines Prozesses entschieden: Das Zählen der Morde wird zur zentralen Sprache der Arbeit. Das manuelle, extrem repetitive Zählen kann dabei als Nähe zu den Individuen bei gleichzeitiger statistischer Distanz betrachtet werden. Jeder einzelne Femizid wird dabei als Linie auf eine schwarze Flagge gezeichnet. Die wachsende Anzahl der Striche wird zu einer visuell erdrückenden Menge.
Die reine Darstellung einer Zahl in Ziffern hat eine ganz andere Wirkung darauf, wie wir etwas begreifen, als Tausende einzeln gezeichnete Striche. Alle Striche der Installation sind der Form nach gleich, aber durch die wiederholte manuelle Zeichnung zugleich verschieden. Das ermöglicht mir, die Individualität der einzelnen Frau, des einzelnen Mädchens innerhalb der Masse zu erhalten. Als Grundlage des manuellen Zählens habe ich die Femizide von fünf Ländern über einen Zeitraum von fünf Jahren – soweit bekannt – berücksichtigt. Aufgrund der Thematik soll die Installation jedoch in einem andauernden Prozess bleiben und nach und nach immer mehr Länder einbeziehen.

Der Zustand von Scheitern und Hilflosigkeit machte sich bei der Recherche der statistischen Daten erneut bemerkbar. Die globale Datenlage zu genderbasierten Morden kann nicht einmal als lückenhaft bezeichnet werden, da sie bisher kaum existiert und erst sehr langsam von internationalen Netzwerken zusammengetragen wird.

Aktuell, im November 2021, besteht die Installation aus fünf schwarzen Baumwollflaggen, die als Referenz zu den Flaggen von Protestbewegungen gelesen werden sollen. Auf ihnen wird das Verschwinden durch repetitives Zählen visualisiert. Als Farbe habe ich gewöhnliches Bleichmittel verwendet, das auf mehreren Ebenen mit der Thematik verknüpft ist: Bleiche löscht die schwarze Farbe wortwörtlich aus und steht somit auf zweifache Weise für das Verschwinden. Bleiche kann als Reinigungsmittel auch für die traditionelle Position der Frau im Haushalt und somit für einen kontrollierten Ort ihres Daseins stehen. Und Bleiche wird außerdem dafür genutzt, Spuren an einem Tatort zu beseitigen.

Manuelles und Maschinelles Zählen
Wer zur Geschichte und Thematik des Femizids recherchiert, stößt früher oder später auf die Ereignisse in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez. Die Stadt wird in vielen Berichten als “Femicide Machine” bezeichnet, da sie durch eine fast routinierte Serie an Femiziden seit Jahrzehnten zu einer traurigen Bekanntheit gelangt ist. Als Referenz zu dieser kalten Wortwahl der Maschinerie habe ich einen ebenfalls maschinellen Gegenpol zum manuellen, körperlichen Prozess des Zählens gesetzt: In die Mitte der Installation wird eine Zahl projiziert, die auf der zu Beginn dieses Textes erwähnten Statistik der UNODC beruht und täglich durchschnittlich 137 Femizide dazuzählt. Ein simpler HTML-Code steigt dabei alle 10 Minuten und 51 Sekunden um eine Einheit an, die Zählung startete mit meinem Arbeitsbeginn in Sopot am 6. September 2021. Not one more… but still I am counting.

Der Titel der Installation “Not one more… but still I am counting” schließt dabei an die südamerikanische Protestbewegung “ni una menos” an, die sich gegen Gewalt an Frauen engagiert. Trotz des millionenfachen Rufs der Proteste, die „nicht eine mehr“ fordern, steigen die Zahlen in den Statistiken und auch in meiner Installation kontinuierlich an, weswegen ich die Bezeichnung “keine mehr” für meine Installation gewählt habe. “Not one more… but still I am counting” ist ein Mahnmal. Ein Ort des Trauerns und des Scheiterns. Die schwarzen Flaggen des Widerstands hängen müde zu Boden, erdrückt von der Last tausender ausgelöschter Leben, während ein maschineller Code offenbar unaufhaltsam nach oben zählt.

Was kommt danach?
Der Aufenthalt in Polen war für mich von Wellen der Hilflosigkeit und Lähmung geprägt, und oft hat sich mir die Frage gestellt, was nach dieser Arbeit noch kommen kann. Ein Mahnmal des Trauerns und Scheiterns schien mir wie das Ende allen Widerstands gegen die realen Ereignisse.
Gleichzeitig durfte ich in Polen, ein Land, das sich aktuell in einer sehr schwierigen Lage für Frauen, die LGBTQ-Szene und Flüchtlinge befindet, Aktivist:innen aus aller Welt kennenlernen, die gegen Gewalt und Unterdrückung kämpfen. Die lebendige Protestkultur, welche selbst in einem kurzen Zeitraum von zwei Monaten stark spürbar war, scheint mir eine mögliche Antwort auf die müden Flaggen meiner Installation und die Frage nach dem „Danach“ zu sein.


Die Installation “Not one more… but still I am counting” wurde vom 31. Oktober bis 5. November 2021 in den Galerieräumen von Goyki3 gezeigt und wird im Februar 2022 während der Ausstellung „Take my Eyes“ zu genderbasierter Gewalt in der Warschauer Galerie lokal_30 zu sehen sein.

Foto: Maks Kacperski, Beim Bleichen der Arbeit

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