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#waszählt! #homeoffice #Kultur in Zeiten von Corona

Auf dem Weg zu einer musikalischen Weltreise: Ein Konzert mit Pia Davila (Sopran) und Linda Leine (Klavier)

Pia Davila, Sopranistin, stART.up-Alumna

Woche 4 im Lockdown

Die Sängerin Pia sitzt vor dem Computer, eine Tasse Kräutertee in der Hand. Sie kramt im Computer und starrt dann an die Wand. Kurz entschlossen greift sie zum Telefon.

Pia: Hallo Linda!
Linda: Hey!
Pia: Na, wie geht’s?
Linda: Ja, gut eigentlich. Gerade ist viel zu organisieren. Ich fühle mich ein wenig erschöpft. Vieles nervt mich. Aber ich kann das jetzt auch nicht ändern.
Pia: Ja.
Linda: Naja.
Pia: Aber sonst geht es gut?
Linda: Ja, sonst eigentlich schon. Also warum hast Du denn angerufen?
Pia: Also ich kann es nicht so gut formulieren. Weißt Du, ich sitze den ganzen Tag vor dem Computer, mach einen Coursera-Kurs und merke: Ich habe keinen Körper mehr.
Linda: Aha?
Pia: Verstehst Du?
Linda: Nein.
Pia: Also es fühlt sich an, als hätte ich meinen Körper verloren.
Linda: Aber wir sprechen ja miteinander. Dein Ohr ist noch dran. 
Pia: Also ich finde, dass ich meinen Sängerkörper nicht mehr habe. Und auch emotional bin ich gar nicht mehr so körperlich wie vorher.
Linda: Ich übe gerade gar nicht mehr Klavier. Zero. Manchmal tanze ich in der Küche. Das war‘s auch schon. 
Pia: Na, Linda, ich habe eigentlich nicht so Zeit zu quatschen, kann ich Dich später anrufen?
Linda: Aber Du hast doch mich angerufen.
Pia: Stimmt. Ok, dann Ciao.

Woche 6 im Lockdown

Die Sängerin Pia sitzt gekrümmt vor einem Vokabelheft, eine Tasse Kaffee in der Hand. Sie blättert im Buch, dann starrt sie an die Wand. Kurz entschlossen greift sie zum Telefon.

Pia: Hey Linda!
Linda: Hey!
Pia: Na, wie geht’s?
Linda: Ja, gut eigentlich. Gerade muss ich viel unterrichten. Aber das Online-Unterrichten macht mir Spaß. Das ist eigentlich schön so.
Pia: Ja.
Linda: Naja.
Pia: Aber sonst geht es gut?
Linda: Ja, sonst eigentlich schon. Willst Du mir jetzt wieder sagen, dass Du keinen Körper mehr hast?
Pia: Ich habe mal gehört, der Künstler ist nur dann Künstler, wenn er auch Kunst macht. Ich glaube, das stimmt. Heute nämlich musste ich im Spanischkurs sagen, welchen Beruf ich habe, und dann habe ich gesagt, ich sei Sängerin, singe aber gar nicht. 
Linda: Aber das ist doch nur eine Phase!
Pia: Ja, stimmt. Ok, danke. Ciao.

Woche 11 im Lockdown

Die Sängerin Pia sitzt etwas versteift vor dem Computer, eine Tasse Früchtetee in der Hand. Sie tätschelt ihr Smartphone und starrt dann an die Wand. Kurz entschlossen wählt sie Lindas Nummer.

Pia: Hallo Linda!
Linda: Hey!
Pia: Na, wie geht’s?
Linda: Gut. Meine Katze miaut den ganzen Tag. Irgendetwas ist los.
Pia: Ja.
Linda: Naja.
Pia: Aber sonst geht es gut?
Linda: Ja, sonst eigentlich schon. Wollen wir mal wieder Musik machen? Wir können ja einfach mal ein paar Lieder     singen. Nur so zum Spaß?
Pia: Zum Spaß? 
Linda: Naja, ok. Ciao.

Woche 12 im Lockdown

Die Sängerin Pia sitzt gelangweilt auf dem Sofa, eine Flasche Cola in der Hand. Sie starrt an die Wand. Kurz entschlossen greift sie zum Telefon.

Pia: Hallo Linda!
Linda: Was??
Pia: Wir können ja auch streamen?
Linda: Wir streamen gar nichts! Wir sind hochausgebildete Künstlerinnen mit höchstem musikalischen Anspruch! Wir bieten unserem Publikum nur das Beste und verschwenden nicht deren Zeit. Wir wollen Qualität in Bild und Ton. Das Klavier muss gut sein, und ich möchte nicht mein Wohnzimmer zeigen. Außerdem möchte ich dafür bezahlt werden! Ich sage nein.
Pia: Ok ok. War ja nur so eine Idee.

Woche 13 im Lockdown

Die Sängerin Pia läuft durch die Straßen, die Hände in den Jackentaschen vergraben. Kurz entschlossen greift sie zum Telefon.

Pia: Hallo Linda!
Linda: Davai!
Pia: Meine Schülerin hat mir eine Veranstalterin empfohlen: Tisch und Stuhl. Ich habe die gefragt, ob wir da auftreten können, und ich habe alles schon vereinbart. 29. Mai 2020, 19 Uhr. Bist Du dabei?
Linda:  …
Pia: Ja?
Linda: Puh. ok. 
Pia: Einzelheiten klären wir später?
Linda: Soso. Ciao.

Woche 17 im Lockdown

Da diese Vorbereitungsphase so besonders interessant war, musste es leider als Dialog in allen Einzelheiten aufgeschrieben werden. Da aber sonst die Vorbereitungszeit von 10 Tagen und also 240 Stunden in Dialogform zu ausladend ist, komme ich nun zur Zusammenfassung:

Da die Pflegerin meiner Großmutter coronabedingt ausreisen musste, haben Linda und ich gemeinsam sechs Tage mit 1,5 Meter Abstand im Schwarzwald verbracht. Zwischen Torte, Wald, Großmutter und Musik ging es uns ausgezeichnet. Wir haben selten so gut gelaunt und zielstrebig geprobt und uns von den Wiesen, Vögeln und Wettern inspirieren lassen. So haben wir noch nie geprobt, und so war es sehr schön.

Freitag, der 29.5.2020 – das Konzert

In Zeiten von Corona vergeht ja die Zeit merkwürdigerweise schneller, daher war in nullkommanichts schon Freitag der 29. Mai 2020.

Unser Konzert sollte eine Mini-Weltreise in Gedanken werden! Wir konnten uns über Zuschauende und -hörende aus Deutschland, Mexiko, Frankreich, USA, den Niederlanden, der Schweiz, der Ukraine, Lettland, Russland und aus Italien freuen. Somit war der erste Teil der Mini-Weltreise geschaffen. Die Insassen in ihren entfernten Beamer-Segelschiffen aus den verschiedensten Ländern sind sich virtuell begegnet.

Wir stellten ein Programm zusammen, das Lieder verschiedener Länder umfasst, sodass wir auf eine kleine Expedition in Gedanken gereist sind. Wir musizierten Lieder aus Österreich, Deutschland, Frankreich, UK, USA und Russland. Da es eindeutig mehr Länder gibt, als wir in Gedanken zunächst bereisen konnten, ist dieses Konzept noch ausbaufähig!

Das Team für das Konzert bestand aus einer Fotografin und einem Fotografen für die zwei Kameras und einem Musiker für die Tonaufnahme. Clara Pazzini, die Veranstalterin von Tisch und Stuhl, betreute uns ganz wunderbar.

Das Konzert unterschied sich nur insofern von einem mit normalem Publikum, dass der Applaus fehlte und dementsprechend die Chance für uns fehlte, uns zu entspannen oder kurz zu räuspern. Wenn es Applaus gibt, ist das Publikum normalerweise mit sich selbst beschäftigt. Wir auf der Bühne können dann „heimlich” das Kleid zurechtrücken oder uns an der Wange kratzen. Das nimmer müde werdende Auge der Kamera ließ uns verschämt den zum Kratzen willigen, in Position gebrachten Zeigefinger wieder hinabsenken. Doch die coronabedingt nicht vermisste Nervosität tat auch im digitalen Konzertraum genauso wie bei einem normalen Konzert ihren Dienst. 

Vielleicht war sie im Vorhinein sogar ein wenig größer, denn wir hatten für uns wichtige Personen eingeladen, die zu sogenannten normalen Zeiten wahrscheinlich nie zu einem Liederabend nach Hamburg kommen wären. Die Chance war real, dass sie uns nun anhören würden.

Wir dachten, in diesen Zeiten konsumieren wir Musik vor allem, um uns gegenseitig eine schöne, entspannte Stunde zu bereiten und Abwechslung und Stimmung in die guten Stuben zu bringen! Dieses Konzert hat uns wieder zur Essenz gebracht dessen, warum wir Musik machen: Wir machen es für uns selbst, und wir machen es um der Musik willen, wir machen es, um den Menschen um uns herum das Leben interessanter und schöner zu machen. Ein schönes Erlebnis.

YouTube-Video

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