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#waszählt! #Kultur in Zeiten von Corona

habitare/Somatisches Bauen

Simone Karl, Bildende Künstlerin, stART.up-Alumna

Im September letzten Jahres stehen sich Teresa Hoffmann und Simone Karl im Rahmen der Residenz REFUGIUM in den Ruinen eines alten Gefängnisses im portugiesischen Trafaria gegenüber. Choreo-graphie und Bildhauerei. Körper und Material. Zwei Künstlerinnen, deren künstlerische Arbeit eine völlig unterschiedliche Materialität besitzt. Es entwickelt sich etwas. Ein Voneinander-Lernen. Eine künstlerische Praxis zwischen Körper, Ding und dem Raum.

Wir fragen uns damals wie heute: Wie können Dinge und menschliche Körper in einen Dialog treten, ohne dass eine Partei lauter, bestimmender oder stärker ist? Mithilfe von Handlungsanweisungen, in sensitiver Wahrnehmung des Raums und mit Lust zu entdecken, entstehen in diesen inzwischen so fernen Tagen kleine Installationen, die sich in einer stetigen Veränderung befinden. Immer wieder treibt es uns an, Dinge zu suchen, zu finden, uns von ihnen führen zu lassen, in diese einzugreifen und sie zu verändern. 

Ein künstlerischer Impuls voller Begeisterung verläuft manchmal so schnell im Sand wie er ausgebrochen ist. Als wir aus Trafaria nach Hamburg zurückkehrten, entschieden wir uns aber, diese Spannung in der künstlerischen Praxis weiterzuverfolgen. Es folgten regelmäßige Treffen zur Vertiefung dieser Praxis, die nun einen Namen hatte: Somatisches Bauen.

Als der Shutdown kam, wurden aus zwei vollen Kalendern nur noch Bücher mit leeren Seiten. Kein Theater, keine Proben, keine Ausstellungen, keine Pläne. Wie kann unsere Kunst stattfinden, wenn nur noch zwei Menschen aufeinander treffen dürfen und kein Körperkontakt möglich ist? Es begann eine Zeit der Unsicherheit und der Stille. Aber auch eine Zeit des Zuhörens. In diesen Momenten von Planlosigkeit und ausbleibenden Veranstaltungen klang die sinnliche Praxis des Somatischen Bauens wie die Leitmelodie einer Zeit der fürsorglichen Aufmerksamkeit. 

Unsere Treffen laufen im Moment der Praxis fast wortlos ab. Die Körper bewegen sich in der Meditation, schwingen mit dem Raum, während der Verstand die eigene Bewegung verfolgt anstatt sie zu leiten. Wir erkennen die Anziehungskraft der Umwelt auf unsere Körper und auch, welche Zugkräfte im Unscheinbaren liegen, wenn wir nur bereit sind, diese wahrzunehmen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Unsere Körper finden Dinge, fügen sie aneinander. Unsere Körper lassen sich vom Moment der Kontaktaufnahme und von Eindrücken wie Form, Material, Temperatur und Farbigkeit leiten. In der sinnlichen Verbindung liegt eine Bedeutung, die dem Mensch-Körper und dem Ding-Körper bewusst ist, nur dem oft so dominanten Geist erst rückwirkend klar wird.

Die Wochen des Shutdowns wurden zu einer Phase intensiver Recherche auf körperlicher und geisti-ger Ebene. Was wir in der zähen Stille dieser Zeit erforschen durften, werden wir im nächsten Schritt auf eine Ausstellungs- und Workshopebene übertragen. 

Ist eine Begegnung mit Dingen, die wir für gewöhnlich wegwerfen oder als nutzlos erachten, nicht ein starkes Sinnbild für ein kollektives Gefühl dieser Zeit? Trotz aller Unsicherheit und Existenzangst spüren wir plötzlich in der Entschleunigung unseres Alltags all die Begegnungen, Verbindungen und das Kleine in unserer Umwelt. Wo Konsumieren und Wegwerfen ein dominantes Thema des gesell-schaftlichen Verbrauchens war, verorten wir unsere Körper für einen Moment als ebenbürtige Dinge einer Umwelt der endlichen Ressourcen und der organischen Verletzlichkeit. Ein guter Zeitpunkt, um den Dingen eine Aufmerksamkeit auf Augenhöhe zu schenken und so einen ganzen Kosmos zu entdecken. 

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