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#Bühne #Forschung #Kunst #Performance #Wissenschaft

„Ihre Suche ergab 0 Treffer“ oder: Vom Reiz der falschen Reaktion

Meera Theunert, Psychologin und Theaterregisseurin, in der Prozessförderung am LICHTHOF Theater

90 Prozent meiner Recherchen finden im Internet statt. Also auf der ersten Seite der Suchergebnisse. Die zweite Seite erscheint mir weiter weg als der Mond. Mein Blick auf die Welt verkümmert also langsam, aber sicher unter der algorithmischen Fuchtel von YouTube und Google. Und wie gefährlich das sein kann, wissen wir ja alle mindestens seit einem Jahr (#querfront). Aber in dieser Kiste will ich hier nicht weiter graben, sondern darüber schreiben, wie ich den Sprung auf die zweite Seite und darüber hinaus tun will.

Als ehemalige Teilnehmerin der Nachwuchsplattform WE PRESENT darf ich mich glücklich schätzen, dieses Jahr mit der von der Claussen-Simon-Stiftung und dem LICHTHOF Theater ausgeschriebenen Prozessförderung WE PRODUCE arbeiten zu können. Durch die Förderung eines Prozesses und nicht eines Ergebnisses kann ich mich Frei von Produktionsdruck ein Paar Monate ganz einem Thema widmen, bei dem ich mich eben nicht nur mit Google-Suchergebnissen zufriedengeben will, und in selbstgewählten Kooperationsweisen forschen. Ich schreibe „forschen“ so klein, weil dieses Wort in künstlerischen Kontexten gerne aufgeblasen wird, um die in einer patriarchal geprägten Gesellschaft als willkürlich und irrational abgewertete Kunst mit Begriffen aus der vermeintlich strukturierteren, rationaleren Wissenschaftspraxis aufzuwerten. Als ob Kunst irgendeine Art der Aufwertung nötig hätte. Aber es ist auch falsch, forschen oder andere wissenschaftlich konnotierte Begriffe nicht in den Künsten zu gebrauchen und strukturierte Erkenntnissuche allein den Wissenschaften zuzugestehen. Dass sich auch in der Kunst forschen lässt und sich mittels künstlerischer Methoden durchaus Erkenntnisse gewinnen lassen, ist unter Theatermacher:innen keine allzu kontrovers diskutierte These mehr. Ich denke, das Problem liegt auch gar nicht an dem Begriff des Forschens, sondern beim Schritt davor: an der scheinbar klaren Trennlinie zwischen Wissenschaft und Kunst – an dieser Stelle mal wieder danke für NICHTS, Immanuel Kant. Nur, weil wir sie als voneinander unabhängige Sphären betrachten, fällt es uns auf, wenn wir Begriffe aus der einen in die andere übertragen. Dabei geht es beiden um Wege, mit der Welt in Kontakt zu treten, Erkenntnisse zu gewinnen, zu handeln und Feedback zu erzeugen. Keine ist der anderen überlegen, sie sind vielmehr aufeinander angewiesen und fallen immer wieder in eins. Anders ausgedrückt: „Keine Wissenschaft ohne sinnliche Dimension, keine Kunst ohne Rationalität“, wie der Philosoph Jens Badura in seinen Anmerkungen zu künstlerischer Forschung schreibt.

Ich glaube, jede Form der Weltaneignung, das Kreieren von Standpunkten in der Welt und die Suche nach Dingen, auf die man sich verlassen kann, bewegt sich zwischen Fakten und Fiktion. Und wir sind träge in unserer Wahrheitsfindung. Das Bedürfnis, etwas zu verstehen, ist so stark, dass wir dann lieber etwas missverstehen als nicht verstehen. Wir blättern gar nicht erst zur zweiten Seite der Suchergebnisse. Ich versuche, dieser Trägheit zu entkommen.

Dabei geht es mir nicht um eine „Wahrheit“, die ich entdecken will. Sondern darum, meinen eigenen Algorithmus umzutrainieren, der immer noch zuverlässig mit genau jener Dichotomie arbeitet, die Kultur und Natur, Kunst und Wissenschaft zu Gegensätzen macht. Ich habe mich deshalb dazu entschieden, naturwissenschaftliche Forschung zum Gegenstand dieses künstlerischen Prozesses zu machen. Ich möchte einmal von mir selbst Abstand nehmen und explizit Phänomene zum Mittelpunkt meiner Arbeit machen, die sich in ihrer Abstraktion meinem emotionalen Zugang und in ihrer Komplexität auch meinem rationalen Verständnis entziehen. Und ich will herausfinden, wie sich die institutionelle Trennung zwischen Wissenschaft und Kunst in einer konkreten gemeinsamen Aktion, zumindest temporär, aufheben ließe.

Die Gestaltung dieser gemeinsamen Aktion, unserer (praktischen) Arbeitstreffen, habe ich vom Jazz geklaut. Ich nenne sie „Jamsessions“. Ich bin darauf gekommen, weil ich nach einem Organisierungskonzept gesucht habe, in dem sich alle Beteiligten mit ihren unterschiedlichen Professionen auf Augenhöhe begegnen können und das nicht auf ein „Notenblatt“ oder vorgefertigtes Skript angewiesen ist. Ich habe bisher zwei solcher Sessions gemacht. Zu fünft bzw. sechst verbrachten wir zweimal zwei Tage miteinander, an denen wir uns gemeinsam mit einem kleinen Ausschnitt aus der Forschungsarbeit einer:s Wissenschaftler:in des CUI („Center for Ultrafast Imaging“ an der Universität Hamburg/DESY) beschäftigt und mit diesem auf der Bühne experimentiert haben.

„Experimentieren heißt: Phänomene schaffen, hervorbringen, verfeinern und stabilisieren“, schreibt der Wissenschaftstheoretiker Ian Hacking in seiner Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften. Damit liefert er unbeabsichtigt auch eine Beschreibung von Regiearbeit bzw. von Theatermachen allgemein. Denn was tun wir anderes, als mit Theatermitteln (unseren Apparaten/Instrumenten) Phänomene zu erzeugen, die wir mittels Proben „verfeinern und stabilisieren“, also wiederholbar machen? In diesem Sinne verwende ich den Begriff des Experimentierens gerne, wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass wir bei unseren Sessions noch nicht zu den Punkten „Verfeinerung“ und „Stabilisierung“ gekommen sind, also wissenschaftlich exakt genommen noch nicht wirklich experimentiert haben. Wir haben uns erst einmal einfach an den Phänomenen erfreut, die wir mit unseren Instrumenten erzeugt haben.

Unsere Instrumente (Sprache, Musik, Aerial Silk, Lichtdesign, Live-Writing, Zeichnen, Tanz) legten fest, welche „Phänomene‟ wir gemeinsam schaffen können und welche nicht; also durch welche Apparate – bestimmte Kombinationen der Instrumente – wir unser Material, den wissenschaftlichen Input, durchschießen. In der ersten Session beobachtete ich vor allem, wie sich unser wissenschaftliches Material – eine spezifische Versuchsanordnung aus zwei Lasern, mittels derer man Veränderungen auf Molekülebene beobachten kann – durch die Körper, Köpfe und Instrumente der Performenden hindurcharbeitete und von ihnen auf verschiedene Weise reflektiert wurde. Wissenschaftliche Exaktheit war dabei wichtig, weil der Prozess des Verstehens auch wesentlich auf der Bühne ablief, also Teil der Szene war. Zum Glück stand Dr. Alessandra Picchiotti vom DESY mit auf der Bühne. The scientist was present sozusagen. In der zweiten Session war die gemeinsame Recherche, also der wissenschaftliche Input, unserem Treffen im Probenraum vorgelagert. Über Zoom gab uns der Physiker Torben Sobottke eine Einführung in die grundlegende Erkenntnis der Quantenphysik, dass Licht aus Wellen und Teilchen besteht und seinen Charakter ändert, je nachdem mithilfe welchen Apparats man es beobachtet. Nimmt Licht Wellencharakter an, entstehen Interferenzen, also die Überlagerung von Wellen, die zu einer Verstärkung, aber auch zur Auslöschung des Lichtimpulses führen können. Dieser Vorgang hat uns beispielsweise auf die Suche nach performativen Interferenzen gebracht, also danach, was auf der Bühne ebenfalls Wellencharakter hat und was sich durch Überlagerung gegenseitig auslöschen könnte. In beiden Sessions durchliefen wir sehr unterschiedlich geformte Feedbackschleifen zwischen fachspezifischen und fiktionalen Inhalten. Ob wir eines Tages unsere Funde verfeinern und stabilisieren werden, kann ich noch nicht sagen. Denn „der eigentliche Kniff besteht vielleicht darin, dass man begreift, wann das Experiment funktioniert“, sagt Hacking und spricht mir aus der Seele.


Auf dem Foto sind zu sehen: Clara Brauer, Linda Lou Dierich-Matzke, Adele Vorauer, Ricarda Schnoor (v.l.n.r.)

Foto: Meera Theunert

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