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#waszählt! #homeoffice #Kultur in Zeiten von Corona #trotzdemengagiert

Aus real wird digital: Tanzprojekt für Menschen mit Beeinträchtigung in Isolation

Theresa von Halle, Alumna bei stART.up, Theaterregisseurin und Musikerin

Anfang des Jahres 2020 startete ich gemeinsam mit den Tänzer/-innen Gabriel Galindaz Cruz, Frederike Doffin und der Sozialpädagogin Jutta Polic eine inklusive Tanzgruppe für zeitgenössischen Tanz in Berlin. 19 Teilnehmenden mit Beeinträchtigungen trafen sich einmal die Woche.

Eine Aufführung im Radialsystem und im Camphill Alt Schönow erwarteten uns. Ein Pilotprojekt mit dem Ziel, eine langfristige inklusive Tanzkompanie zu etablieren.

Zeitgenössischer Tanz bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich mit ihren eigenen, wunderschönen Bewegungsqualitäten künstlerisch auszudrücken. Für sie, die oft im gleichen Umfeld verkehren, ist die Tanzgruppe zudem eine Plattform für Begegnungen.

Wir tanzen weiter!

Diese Tänzerinnen und Tänzer gehören zur Risikogruppe und leben jetzt in strenger Isolation. Spontan und motiviert, die gemeinsame Arbeit nicht plötzlich abbrechen zu müssen, fand ich einen neuen Weg, damit sich die Tanzgruppe trotzdem treffen und gemeinsam proben kann und den Mitgliedern zuhause nicht die Decke auf den Kopf fällt. Die digitale Umsetzung trotzt der Corona-Krise! Wir haben zwei Formate entwickelt:

Live-Tanzstunden und Online-Tutorials auf Zoom

Über die Live-Tanzstunden

Die erste Live-Tanzstunde letzte Woche war ein Abenteuer, urkomisch und auch berührend. Für die Teilnehmenden unserer Tanzgruppe war es das erste Online-Meeting ihres Lebens.

Herausfordernd bleiben die technischen Fragen. Dabei gibt es verschiedene Hürden zu überwinden: Wie installiere ich Zoom? Wann sind welche Mikrophone an, wie kann ich Galerieansicht einstellen? In welchen Winkel des Zimmers stelle ich den Bildschirm, sodass ich sehe und gesehen werde? Wen sehe ich überhaupt? Was mache ich, wenn ich zwischendurch mal aus dem Internet fliege?

Höhepunkt der Live-Tanzstunde war die Begrüßung aller Teilnehmenden untereinander. Der Bildschirm löste überhaupt keine Befremdung oder Scheu aus. Alle haben sofort beim Warmup mitgemacht, bei der Choreografie und den Improvisationen. Sie haben sich gegenseitig zugeschaut und applaudiert.

Ich bin sehr dankbar, dass sich die Teilnehmenden und das Team auf das ungewisse Abenteuer der Online-Tanzstunde mit Humor und Geduld eingelassen haben. Wir wiederholen die Online-Tanzstunde regelmäßig, sodass sich alle auf dem „technischen Neuland“ eingrooven können und die Gruppe in Kontakt bleibt. Eine Errungenschaft der Online-Tanzstunde war, dass auch Gruppenmitglieder dazu kamen, die bisher noch keine Videos im Nachgang zu den Tutorials zurückgeschickt hatten.

Alle sind dabei auf verschiedene Art herausgefordert. Aber es wird immer besser klappen. Das Feedback einer Teilnehmerin an ihre Mutter war nach der Stunde: „Tanzen heute Hammer!“ Das neue Setting bringt scheinbar einen zusätzlichen Spaßfaktor ein.

Über die Tutorials

Mittlerweile haben wir fünf Tanz-Tutorials (als Youtube-Clips) erstellt. Wir haben die Kommunikationswege und die technische Infrastruktur innerhalb kürzester Zeit aufgebaut, damit die Teilnehmendengruppe Tutorial-Videos zuhause abrufen kann. Der Umgang mit Internet und Sozialen Medien ist nicht bei allen gleichermaßen möglich oder selbstverständlich. Durch die Kontaktaufnahme mit den Eltern, Betreuer/-innen oder natürlich direkt mit den Mitgliedern der Tanzgruppe konnte die Teilnahme aller gewährleistet werden.

Die Tutorials stellen wir privatisiert auf Youtube bereit, das heißt, die Videos sind nicht öffentlich, sondern nur für die Mitglieder unserer Tanzgruppe aufrufbar. So begrüßen wir sie in den Tutorials immer mit Namen und nehmen Bezug auf ihre Feedback-Kommentare. In jedem Online-Tutorial stellen wir Übungen und Aufgaben vor, die die Teilnehmenden uns dann, wenn sie möchten, in kleinen Videos zuschicken. Das gesammelte Videomaterial wird von uns zusammengeschnitten, editiert und mit Einverständnis der gezeigten Personen an alle Beteiligten verschickt. Wir können uns so weiterhin auch im digitalen Probenraum auf eienr sehr persönlichen Ebene begegnen, das Gruppengefühl wird gestärkt und die Mitglieder verlieren sich im buchstäblichen Sinne nicht aus den Augen. Wir bekommen viel dankbares und konstruktives Feedback, viele Teilnehmenden wiederholen sogar die Tanzstunden und sind sehr motiviert.

Mein Live-Hack aus dem Projekt

Der persönliche und regelmäßige Austausch mit der Zielgruppe und das wöchentliche Feedback aller Beteiligten ermöglichen uns, unsere Tutorials gezielt auf die Teilnehmenden zuzuschneiden, immer wieder neu zu denken und umzustrukturieren. Wir lernen die die Beteiligten mit Ihren Motivationen, Videobeiträgen und Bedürfnissen auf eine ganz neue Weise kennen. Durch die begrenzte Größe der Gruppe können wir uns über einen längeren Zeitraum intensiv auf jeden Einzelnen einlassen. Das gemeinsame Erleben, Ausprobieren, Scheitern und Gelingen, der Spaß und die Freude stehen immer im Mittelpunkt.

Ich merke, wie der intensive Austausch neue Räume öffnet, und ich frage mich, ob und wie sich diese Errungenschaft auf einen größeren Kontext übertragen lässt.

Neuer Weg in der Krise: Durch Online-Formate Menschen zum Tanzen oder Singen bringen. Ein solches Format wäre reizvoll und denkbar egal für welche Sparte – Theater, Tanz oder Musik. Wir haben mit unserem Tanzprojekt einen großartigen, gemeinschaftsstiftenden Anfang gemacht!

Einblick in die Tanzproben I

Einblick in die Tanzproben II

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