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#Kultur in Zeiten von Corona #waszählt!

Hörspiel - das Medium der Stunde?

Pauline Jacob, Alumna bei stART.up

Man sagt, das Hörspiel sei in Zeiten von Corona das Medium der Stunde. Wieso eigentlich?

Eine kleine Gedankenschlaufe

Es ist zurzeit eine Kernfrage, ob und wie wir das Gefühl haben, irgendwie gemeinsam, nicht alleine, sondern berührt zu sein. Die üblichen Mittel, die dieses Gefühl erzeugen, fallen weg: Wir gehen nicht mehr mit einer Freundin zum Sport, umarmen unsere Eltern nicht an den Feiertagen, sitzen nicht nebeneinander im Uniseminar. Um der Gefühlsdistanzierung, die aus dem körperlichen Abstand entstehen kann, entgegenzuwirken, sprießt ein digitales Format nach dem nächsten aus dem Boden. Es gibt gestreamte Konzerte, die man »gemeinsam« besuchen kann, oder man verabredet sich zum »Skype-Wein«. Aber, egal wie nett der Skype-Wein mit unserer Freundin auch ist: Wenn man ehrlich ist, dann verbringt man keine Zeit mit ihr, sondern mit ihrem Bild auf einem Computer – einem Bild, dem wir nicht in die Augen schauen können, denn die Laptopkamera sitzt zu weit oben. Und so ist man zwar digital, aber nicht emotional verbunden.

Innerhalb der digitalen Super-Ersatz-Produkte gibt es ein Format, das ein Gefühl von Nähe besser herstellen kann. Es ist ein Format, das es schon vor Corona gab und auch schon vor dem Fernsehen: Das Hörspiel.

Aber was hat das Hörspiel mit Nähe zu tun?

Die Antwort dazu liegt in unserer Fantasie verborgen. Wenn im Theater jemand, zum Beispiel, fliegen können soll, steht man vor dem Problem, dass man keine physikalischen Gesetze aushebeln kann. Also deutet man das Geschehen an und überlässt den genauen Vorgang der Fantasie der Zuschauer*innen. Gleiches passiert mit dem Hörspiel. Das Hörspiel ist kein Fernsehen, es buchstabiert die Handlung nicht visuell aus. Stattdessen eröffnet es uns akustische Räume, die unsere Fantasie anregen und uns mit nur wenigen Mitteln in fremde Welten entführen, von Paderborn bis in den Südpazifik. Dabei kommen uns die akustischen Räume und Stimmen so nah wie sonst kein Medium; egal, ob Lautsprecher oder Kopfhörer – das Hörspiel ist zum Hören gemacht, genau für diese Situation: Wir zuhause, nicht mehr alleine, sondern hörend mit uns selbst. Und so kommt uns eine fremde oder aus weiteren Folgen vertraute Stimme sehr nah. Die Stimme dringt in unser Ohr ein und gerade weil ihre visuelle Übersetzung fehlt, können wir ihren Körper imaginieren und ihre Anwesenheit realisieren. Und so entstehen neben den fremden Welten, von Paderborn bis Südpazifik, eben auch vertraute Welten, die uns nah sind, weil wir eine Stimme in unsere Fantasie eindringen lassen. Wir sind nicht mehr alleine, jemand ist mit uns im Raum.

Und deshalb, genau deshalb ist das Hörspiel das Medium der Stunde.

Für mich war diese Einsicht in den Spielraum, den die fehlende Visualisierung beim Hören eröffnet, auch in Bezug auf meine freund*inschaftlichen Verabredungen ein Wendepunkt: Ich hole das gute alte Festnetz wieder hervor. Denn wenn ich die Stimme einer Freundin auf meinem Ohr höre, dann kann das näher und verbundener sein, als wenn ich ihr verpixeltes Skype-Bild lachen sehe und dabei ehrlicherweise mehr mir selbst zuschaue und mich frage, warum meine Haare heute so seltsam sitzen.

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