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#Bildende Kunst #Kunst

„Drei Milliarden“: Wie eine Instagram-Ausstellung die weltweite Plastikkrise in den Blick nimmt

Lars Klingenberg, Bildender Künstler und künstlerischer Aktivist

Ein Gespräch über das Projekt „Drei Milliarden“ zwischen dem Initiator Lars Klingenberg und der Kölner Festivalmacherin und Kuratorin Christine Bernau.

Wohl kein Objekt steht so symbolisch für die globale Plastikkrise wie die Plastiktüte: Sie ist der Inbegriff unserer Wegwerfgesellschaft, sie steht für globale Verschmutzung, maßlose Verschwendung und übermäßigen Konsum.

Seit dem 1. Januar 2022 ist es in Deutschland verboten, klassische Plastiktüten in den Verkehr zu bringen. Ausgenommen von dem Verbot sind aber besonders leichte Kunststofftragetaschen, sogenannte Hemdchenbeutel, die Verbraucher:innen vorwiegend für den Transport von stückweise angebotenem Obst und Gemüse oder zum Transport von Essen aus Schnellrestaurants verwenden. Teilweise überdauert die Nutzung der Tüten nur den Gang vom Imbiss über die Straße bis zur nächsten Sitzgelegenheit, oder sie landen sogar unbenutzt auf dem Asphalt und in Grünanlagen. Allein in Deutschland werden jährlich etwa drei Milliarden dieser Tüten verbraucht.

Der Hamburger künstlerische Aktivist Lars Klingenberg sammelt seit 2014 diese voll funktionsfähigen Hemdchenbeutel auf der Straße – mittlerweile sind es zig Hunderte. Fotografien dieser Tüten stellt er in einer Art Instagram-Ausstellung zusammen und ergänzt sie um Zitate zum Thema Plastik und Plastikmüll. Die Langzeitarbeit „Drei Milliarden“ (2019-2022) soll so über das globale Plastikproblem aufklären. Klingenberg spielt mit den visuellen Codes und Erwartungen der Social Media-Plattform Instagram und verdeutlicht mithilfe „zahlloser“ Iterationen der Readymades unsere meist unüberlegten, auf Konsum ausgerichteten Handlungsweisen und die daraus entstehenden langfristigen Folgen für die Umwelt. 

Die Claussen-Simon-Stiftung fördert das Projekt „Drei Milliarden“.

Lars, was macht deine Motivation als Künstler aus? 
Meine Motivation ist gesellschaftlich geprägt. In meinen Arbeiten geht es um „gesellschaftliche Zustände“. Es ist aktivistische Kunst, die versucht, Menschen zu erreichen, zu beeinflussen und die benannten Zustände zu verbessern. Meine Themen entspringen alle der großstädtischen Straße.

Dinge, die mal zu uns gehörten, werden zu Müll, wenn sie unnütz, hässlich, kaputt, undicht werden. Einmal Müll, sind die Gegenstände vermeintlich schmutzig und unhygienisch. 
Vor diesem Hintergrund kam die Idee auf, die Arbeit auf Instagram zu veröffentlichen und mit der Logik dieser Plattform zu spielen. Bei Instagram geht es maßgeblich um Schönheit und Ich-Bezogenheit. Damit wollte ich spielen.

Du zeigst nicht die zerfledderte Plastiktüte irgendwo auf der Straße, sondern du machst sie zu etwas Schönem. Dadurch schaffst du eine andere Art von Bewusstsein für diesen Alltagsgegenstand. Eine Plastiktüte ästhetisch auf Instagram zu präsentieren, dort, wo es oft darum geht, sich selbst nur von der besten Seite zu zeigen, hält den Betrachter:innen einen Spiegel vor.
Die Idee der Tütensammlung, die ich schon seit Jahren verfolge, ist ursprünglich die einer raumfüllenden Installation gewesen. Das Projekt „Drei Milliarden“ ist als ein Zwischenschritt gedacht. Insgesamt geht es mir in der Arbeit um diese überwältigende Menge an Tüten. Die Abfolge ihrer Abbildungen auf Instagram repräsentiert im Grunde eine Überforderung durch die Menge des unendlich viel produzierten Plastiks.

Meine Arbeiten legen immer ganz bewusst das Augenmerk auf das Alltägliche. Andere Fotograf:innen suchen sich vielleicht eher außergewöhnliche Themen, häufig im Ausland, anstatt sich mit der eigenen Kultur und Umgebung, also mit ihren eigenen Problemen zu beschäftigen. Ich hingegen will das Alltägliche sichtbar machen – wir nehmen es in der Regel nicht mehr wahr. Das ist vergleichbar mit dem Prinzip des Künstlers Christo: Sichtbarmachen durch Verhüllung.

In unserer Konsumwelt ist Plastik allgegenwärtig. Bei jedem Einkauf werden Plastiktüten mitgegeben, so gut wie alle Produkte sind in Plastik verpackt. Aber was passiert anschließend damit? Mittlerweile ist es in unserem Essen zu finden, in der Luft, im Wasser. Es ist überall und auch in diesem Sinne alltäglich und allgegenwärtig. Wir merken es zwar nicht, aber wir atmen Plastik ein, wir essen Plastik. 

Würdest du sagen, dass deine Kunst politisch ist?
Ja. Letztlich arbeite ich an einer Art politischem Gesamtkunstwerk, und da beziehe ich mich als Person mit ein. Es ist ein ganz bewusstes Spielen mit gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen und umfasst alle Handlungen, die im künstlerischen und im privaten Kontext stattfinden. Ich kann nicht politische Kunst machen, aber in meinem Privatleben trotzdem überall hinfliegen, Unmengen an Müll mitverursachen und mich unsozial verhalten. Meine Handlungen müssen auch meiner künstlerischen Haltung entsprechen und andersherum. Grundsätzlich geht es für mich um Menschlichkeit.

Wie kommt man von „Drei Milliarden“ zur Menschlichkeit?
Die Plastikkrise ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die immense Plastikverschmutzung der weltweiten Meere ist auch durch unseren Müll mitverursacht. Wir exportieren unseren Müll direkt ins Ausland – zum Beispiel giftigen Elektroschrott nach Accra in Ghana. Die Menschen dort leben in unserem Müll, und meistens trifft es die Ärmsten. Sie haben damit zu kämpfen. Aber das ist unser Müll und somit sollte es auch unser gesellschaftliches Problem sein.

Welche Impulse kann deine Arbeit den Betrachter:innen geben?
Das Projekt ist durch die Zitate auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Ich möchte damit erreichen, dass die Leute ihre Handlungsweisen überdenken: Wie konsumieren wir, was konsumieren wir, und wie zerstören wir durch diesen Konsum eigentlich die Welt? Es betrifft am Ende uns alle. Wenn die Erde zerstört ist, dann ist es egal, wie wir miteinander umgehen. Die Menschheit stirbt aus. Damit steht der Umweltschutz im Grunde noch über dem Thema Menschlichkeit. Aber: Wer Plastik vermeiden will, braucht viel Geld.

Kannst du das genauer erläutern?
Wenn man wirklich versucht, Plastik zu vermeiden, dann muss man in Unverpackt-Läden oder in den Biosupermarkt gehen. Dafür muss man einen erheblichen finanziellen Aufwand betreiben – und sich das überhaupt erst einmal leisten können. Das ist natürlich wiederum ein gesellschaftliches Problem, es trifft vor allem die Menschen, die weniger Ressourcen haben. Deswegen braucht es konkrete Vorgaben und Impulse der Politik, vor allem Gesetze, die Unternehmen Verbote hinsichtlich der Verpackungen auferlegen. 

Es gibt darüber hinaus diejenigen, die die finanziellen Mittel hätten, sich nachhaltige Produkte und Technologien zu leisten, und es dennoch nicht tun.
Dies hat viel mit Bequemlichkeit zu tun. Deshalb haben wir auch den Boom dieser ganzen Lieferdienstleister, wie zum Beispiel „Gorillas“. Da geht es nur darum, bedient zu werden. Wir haben den Bezug zur Natur und zu grundsätzlichen Handlungsweisen wie Einkaufen oder Kochen verloren – einst Jagen und Sammeln. Wir leben in einer sehr bequemen Welt hier in Deutschland. Außerdem wird weiterhin zu wenig über Nachhaltigkeit berichtet und es werden noch viel zu wenig wissenschaftliche Studien zu dem Thema veröffentlicht. Zum Beispiel gibt es in keiner Tageszeitung die Rubrik „Umwelt & Nachhaltigkeit“ – einen Wirtschaftsteil haben aber alle. Wir können uns einbilden, dass der Müll, den wir wegschmeißen, dann auch wirklich verschwunden ist. Es ist einfacher und bequemer, nicht hinzuschauen. In diesem Wahrnehmungsmodus ist das Problem nicht existent.

„Drei Milliarden“: 300 Tüten in 300 Tagen & Zitate über Plastik und Plastikmüll aus 11 Themenfeldern auf www.instagram.com/drei_milliarden/

Lars Klingenberg, 1978 in Aachen geboren, ist bildender Künstler und lebt und arbeitet in Hamburg. Seit 2013 arbeitet er ausschließlich an freien, konzeptionell-künstlerischen Langzeitprojekten und kreiert u.a. „Soziale und politische Skulpturen der Großstadt“. Mit fotografischen Mitteln und Iterationen reflektiert er gesellschaftliche Zustände und Armut in Deutschland. Die vergleichenden und seriellen Darstellungen basieren auf einer veristischen und progressiven Arbeits- und Denkweise der Neuen Sachlichkeit.


Links:
www.theklingenbergcase.com
www.instagram.com/lars_klingenberg
www.instagram.com/drei_milliarden
 

Foto: Lars Klingenberg

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