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#Bühne #Kultur in Zeiten von Corona #Kunst #Musik

nah/fern

Konstantin Bessonov, Simon Roessler, Mona Steinwidder und Lisa Stick

Was, wer, wo, warum
Thema von nah/fern ist die musikalische Ausdeutung von menschlicher und räumlicher Nähe und Distanz, deren fortwährende Neu-Bewertung wir im Verlauf der Corona-Pandemie seit nun mehr als eineinhalb Jahren verfolgen können. Die Grundidee dazu hatte Simon Roessler. Ausgearbeitet wurde sie dann gemeinsam mit Konstantin Bessonov, Mona Steinwidder und Lisa Stick (stART.up-Alumna). Der Plan war, ein Konzert in einer Halle des ehemaligen Kraftwerks Bille zu spielen und dabei so einen besonderen Raum klanglich auf experimentelle Weise zu erforschen.

Die Corona-Pandemie hat die Spielmöglichkeiten der vier Musiker:innen weitestgehend eingeschränkt. Umso größer war die Vorfreude auf das Konzert und die damit verbundene musikalische Zusammenarbeit, die in dieser Konstellation eine Premiere war. Die musikalischen Hintergründe der beteiligten Musiker:innen spannen sich von zeitgenössischem Jazz über elektronische Musik bis zu minimalistischen Klangexperimenten mit Einflüssen aus Klassik und neuer Musik. Neben diesen Unterschieden finden sich auch einige Parallelen in den Arbeiten, wie z.B. das Interesse an Einfachheit, Klarheit und Improvisation. Die verschiedenen Klangfarben sollten sich ergänzen und bei der Entwicklung des Projekts für gegenseitige Inspiration sorgen.

Der Ort, Voraussetzung für das Projekt
Von Beginn an spielte der Ort für die Projektidee eine zentrale Rolle. Mit ihren besonderen Eigenschaften lädt die Kesselhalle des Kraftwerks Bille zum Erkunden der Akustik ein. Fragen wie „Wie klingt eigentlich „zu nah“?“ oder „Wie weit können wir voneinander entfernt sein und dennoch zusammen spielen?“ würden sich in dieser großen Halle, die über eine Empore und weitere abgetrennte Räume verfügt, besonders gut nachgehen lassen, dachten wir.
„Für mich war der Kern, musikalische Kommunikation an eine Grenze zu bringen, räumlich und rhythmisch. Bei vielen freien Improvisationen, ob im Jazz-Kontext oder aus einer konzeptuell-klanglichen Richtung her gedacht, ist das Ziel ja oft ein Wechsel aus Interaktion, solistischer Freiheit und Zusammenklang. Doch dieses „nahe Zusammen“ mussten wir alle ja im Rahmen der Corona-Epidemie als nicht mehr selbstverständlich erfahren. So wollte ich erforschen, ob sich an so einem speziellen Ort musikalische Nähe auch mit räumlicher Distanz erfahren lässt, ob sich neuerdings ein „zu nahe“ auch musikalisch ausdrückt, und sich auch das musikalische Scheitern von Zusammenklang und Nähe produktiv nutzen lässt, von Missverständnis bis Dissonanz.“ (Simon)

Musikalische Umsetzung – das Konzert
Der gewünschte Spielort, die Kesselhalle des Kraftwerk Bille, wurde die ganze Zeit in die Planung einbezogen: Er hatte sowohl Auswirkungen auf die Organisation und den technischen Aufbau als auch auf das musikalische Konzept. 
Glücklicherweise wurde das Projekt von der Claussen-Simon-Stiftung finanziell unterstützt und erhielt weitere Förderung durch den Musikfonds und das blurred-edges-festival, in dessen Rahmen das Konzert veranstaltet wurde. So konnte es tatsächlich mit allem, was wir vier uns überlegt hatten, umgesetzt werden: Es wurde live vor Ort gespielt, die Musik aufgenommen, ein Video gefilmt, Fotos gemacht und das Konzert gestreamt.
Noch bis kurz vor der Performance war unklar, ob und wenn ja, mit wie viel Publikum gespielt werden darf. Schließlich durfte kein Publikum kommen und wir luden nur einige wenige Freunde ein, um nicht „alleine“ zu sein in der Halle.
Da es durch die professionelle Aufnahme und Dokumentation als nachhaltiges Produkt gestaltet wurde, hat das Projekt zusätzlich eine wichtige Bedeutung für jede:n Einzelne:n. Obwohl im Augenblick gewissermaßen die musikalische Arbeit stillzustehen scheint, konnten wir vier mit diesem innovativen Projekt musikalisch in Kontakt kommen, uns auf experimenteller Basis professionell weiterentwickeln und unsere Arbeit einer breiten Öffentlichkeit präsentieren.
In unserer Planung haben wir dem spontanen Zusammenklang viel Raum gelassen. Das hat sich im Moment des Konzerts als großer Vorteil erwiesen. „Die Möglichkeit zur Improvisation und Überraschung war über die gesamte Dauer des Konzerts (ca. 1h) ein wichtiges Element, das mich sowohl als Musiker als auch als gleichzeitigen Zuhörer nach neuen Klängen, Melodien, musikalischen Sphären und Rhythmen forschen ließ. Ich fand zum Beispiel zu Beginn des Konzerts zufällig eine lose Bodenfliese, die ich herauslöste, und deren Schleifen über den Untergrund sich sonderbar harmonisch in den Dreiklang mit Lisas Posaune, Simons Melodika und Monas Klarinette fügte.“ (Konstantin)
Insgesamt haben wir uns mit der breiten Palette speziell zueinander ausgewählter, sehr unterschiedlicher Instrumente viele Möglichkeiten der Interaktion geschaffen. Die Blasinstrumente harmonierten zum Beispiel durch den verhallten Raum spielerisch mit unseren Gesangsstimmen. Die elektronischen Instrumente wie der E-Gitarren-ähnliche „Lyra“-Synthesizer oder das Rhodes-Piano sorgten für schroffe und zugleich melodische Momente. Der Modularsynthesizer auf der anderen Seite schaffte eine rhythmische Sequenz, mit der wir vier fast schon wie eine Pop-Band miteinander ins Spielen kamen. Diese Vielfalt sorgte für ein besonderes Konzert, bei dem die Genres durchlässig wurden und der Klang spontan aus dem Hier und Jetzt mitten im Raum entstand.

Wie war‘s, was ist gelungen, welche interessanten Erkenntnisse haben wir gewonnen?
Für uns war das Konzert ein voller Erfolg: Die Idee ging auf, das musikalische Arbeiten im Kollektiv hat gut funktioniert, wobei der Raum und das offene Konzept sich sehr gut ergänzt haben. Auch ergaben sich vor Ort schöne Bilder für Foto und Video. Die Zusammenarbeit zwischen Ton- und Video-Technikern, Fotograf und Musiker:innen war ebenfalls sehr herzlich und auch trotz des technischen Aufwands völlig problemlos.

„Interessant finde ich, wie sich mein Bezug zur Kesselhalle während des Projekts gewandelt hat. Bei einer ersten Begehung im Mai wirkte die Halle auf mich noch fremd. Zwar schön und interessant, aber auch etwas kühl und durch die enorme Größe beinahe beängstigend. Als wir uns das nächste Mal, am Vortag des Konzerts, wieder dort trafen, um aufzubauen, wurde sie innerhalb kürzester Zeit vertrauter. Wir waren viele Stunden dort, spielten zum ersten Mal gemeinsam mit all den verschiedenen Instrumenten und hielten uns dort viele Stunden lang auf. Als dann am nächsten Tag wiederum die wenigen Freund:innen zum Zuhören kamen, fühlte es sich fast an, als würden wir sie im eigenen Wohnzimmer begrüßen.“ (Lisa)

Wie geht es weiter?
Die Arbeit eignet sich hervorragend für Gastspiele und eine Weiterentwicklung in anderen Räumen und Kontexten. Sie kann in der industriellen Atmosphäre eines Clubs genauso gut funktionieren wie in einer Kunstgalerie, einem Kirchenschiff oder auf der Bühne eines Konzerthauses. Wir danken der Claussen-Simon-Stiftung, dem Musikfonds und dem VAMH/blurred-edges-Festival mit ihren Förderern für die Möglichkeit, dass sie ein so spannendes und hoffentlich weiter entwickelbares Konzert ermöglicht haben!

 

Die Dokumentation des Konzerts finden Sie hier.

Foto: Maik Gräf

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