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#Bühne #Kultur in Zeiten von Corona #Kunst #Musik #Performance

Emotionale Nähe trotz räumlicher Distanz: Es regnete Applaus von den Balkonen

Lydia Schmidl, Akkordeonistin, Alumna stART.up

Kurz vor Weihnachten erreichte uns – Marie Sophie Richter und Lydia Schmidl – die Neuigkeit, dass wegen der vorherrschenden Coronalage ein spannendes neues Projekt ins Leben gerufen wurde: Der Musikbringdienst MUSIKANDO.

Dieses von TONALi organisierte Projekt wurde von der Körber-Stiftung, der Alfred Toepfer Stiftung, der Claussen-Simon-Stiftung und weiteren Hamburger Stiftungen initiiert, um coronakonforme Kurzkonzerte zu den Hamburger Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen zu bringen. Mit stilistischer Vielfalt von Klassik bis Jazz wurden kleine Musikensembles gebildet und kurze Programme für über hundert Konzerttermine zusammengestellt. In einem Open Air- Format in Innenhöfen und auf Vorplätzen der Einrichtungen musizieren die beteiligten Instrumentalist:innen und Sänger:innen für die Bewohner:innen seit Ende Januar. 

Marie Sophie Richter und ich fanden uns als Sängerin und Akkordeonistin zusammen, um eine Kombination aus Volks- und Seemannsliedern, spanischem Kunstlied und italienischer Oper zu den nach Live-Musik dürstenden Menschen zu bringen.

Keinesfalls glamourös, sondern zutiefst menschlich ging es dabei zu. Wir musizierten Ende Februar – glücklicherweise niederschlagsfrei bei Wind und Sonnenschein – an vier unterschiedlichen Spielpositionen vor den Balkonen eines Wohnheims für Menschen ab 50 Jahren, das vom Deutschen Roten Kreuz betreut wird. Unterstützt wurden wir am Konzerttag durch das Team der Elbphilharmonie. Die Zusammenarbeit war sehr angenehm und entspannt. Es waren alles andere als übliche Konzertbedingungen, es bot sich uns eine Outdoor-Erfahrung im wahrsten Sinne des Wortes: Die Mitarbeiterin der Elbphilharmonie rettete ein-, zweimal geistesgegenwärtig die Notenblätter vor heftigen Böen; da halfen nicht einmal die vorsorglich mitgebrachten Wäscheklammern. Bei einer Temperatur von 8° Grad ließ es sich allerdings aushalten, wobei wir die Aufwärmpausen durchaus zu schätzen wussten. 

Es waren vier ganz unterschiedliche Konzerterlebnisse. Einmal spielten wir mit dem Rücken zur Straße und erlebten neugierige Passant:innen. Beim zweiten Minikonzert musste unser Klang bis in den achten Stock hoch gelangen. Wir hofften, dass man die Musik auch noch auf dem höchsten Balkon genießen können würde. Bei der kleinsten Hausseite mit nur acht Wohnungen wagte sich zunächst nur ein Bewohner zum Zuhören nach draußen. Manch eine Zuhörerin öffnete nur das Fenster, andere wagten sich trotz Kälte nach draußen oder rauchten zur Klassik eine Zigarette. Für den einen waren die Volkslieder spannend, andere ließen sich erst bei Puccini auf dem Balkon ihrer Wohnung blicken. So unterschiedlich waren die Reaktionen.

Zu unserer Überraschung segelten nach dem ersten Konzert plötzlich kleine, mit Stöckchen beschwerte Tütchen von den Balkonen. Darin fanden sich ein oder zwei Euro oder auch ein paar Äpfel. Eine Heimbewohnerin ließ es sich nicht nehmen, zu uns persönlich nach draußen zu kommen und uns Schokolade zu schenken. Wir hätten nicht gedacht, dass das kleine bisschen Musik, das wir an diesem Vormittag nach Lohbrügge brachten, so positiv und sehnlichst erwartet aufgenommen werden würde. 

Dabei stand nicht die im Konzertsaal angestrebte Perfektion im Vordergrund, sondern die in Coronazeiten so sehr vermisste Gemeinsamkeit von Musiker:innen und Publikum. Emotionale Nähe trotz räumlicher Distanz zu schaffen, war die Mission. Denn wo bleibt die Lebensfreude, wenn in den Heimen aufgrund der Pandemie viele Aktivitäten, das gemeinsame Singen, Tanzen und Beisammensein stark eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich sind?

Musikando soll eine Abwechslung im im wahrsten Sinne eintönigen Alltag schaffen und etwas mehr Schönheit und Freude bringen. Sicherlich sind unsere Minikonzerte nur ein sehr kleiner Beitrag, jedoch ist das gesamte Projekt mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das konnten wir hautnah erleben, als wir in unseren Aufwärmpausen wir mit der engagierten Leiterin eines Wohnheims sprachen. Sie brachte uns eine enorme Wertschätzung entgegen und nannte unsere Arbeit unbezahlbar. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen und tauschten uns in den Pausen bei Kaffee und Keksen darüber aus, dass diese Art von Musikbegegnung nicht nur in Zeiten der Pandemie von Nöten wäre. Viele der Bewohner leben in prekären Verhältnissen und können sich keine Konzerttickets leisten. Aufgrund einer Mischung von Scham und einem Gefühl des Nichtdazugehörens greifen viele nicht auf vorhandene Ermäßigungsangebote zurück. 

Als einzige Möglichkeit, an Kulturerlebnissen teilzuhaben, bleibt für sie das gelegentliche für die Gruppe organisierte Programm, zum Beispiel Ausflüge zu Konzerten vor der Pandemie. Der Musikbringdienst MUSIKANDO wäre somit auch nach Corona eine wichtige Alternative, um Zugänge zur Kultur zu ermöglichen. Frei nach dem Motto: Wenn das Publikum nicht zum Konzert kommen kann, muss das Konzert zum Publikum kommen. 

Konzerterlebnisse wie diese beantworten uns schnell folgende grundsätzliche Frage: Warum sind wir eigentlich Musiker:in? Für uns steht Kommunikation und emotionaler und geistiger Austausch mit den Menschen ganz weit oben. Dazu nutzen wir eine Kunst, die über die Sprache hinausreicht. Für uns ist Musik nicht nur ein Beruf, sondern eine innere Berufung, die durch digitale Formate nicht wirklich gelebt und gestaltet werden kann. Wir machen die Musik nicht nur für uns selbst, sondern vor allem für andere Menschen. Durch den Austausch mit der Heimleiterin und die positive Resonanz der Bewohner:innen empfanden wir unsere Auftritte als eine energiespendende Arbeit, welche uns sehr viel zurückgegeben hat. Endlich hatten wir die Möglichkeit, wieder gemeinsam zu musizieren, unseren Beruf auszuüben und noch dazu in einem sinngebenden Umfeld. Die Freude über den persönlichen Kontakt zu den Menschen ist eine wichtige Basis für die Arbeit von uns Musiker:innen.

An diesem Februartag ließen wir unser vielseitiges Konzertprogramm mit dem Lied Youkali von Kurt Weil ausklingen. Dabei besangen wir die Sehnsucht nach einem fernen, wunderbaren Ort, einer Insel, auf der alle Sehnsüchte sich erfüllen würden. Es ist anzunehmen, dass diese Insel sogar coronafrei ist, und es gibt für alle Menschen die Möglichkeit zu musizieren und der Musik zu lauschen, die sie lieben. Was für eine schöne Vorstellung!

 

Foto: Sara Devi Bültemeier

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