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#Bildung #Bühne #Kunst #Musik #WissensWerte

Ganz. Teil. Sein. Vermeintlich Gegensätzliches zieht sich an

Amadeus Templeton, Mitgründer von TONALi

Der folgende Essay ist auch im Buch „Geschichten vom Mehr“ erschienen, das anlässlich des 40-jährigen Jubiläums 2022 von der Claussen-Simon-Stiftung herausgegeben wurde.

Der Mensch braucht Perspektiven, sonst verödet das Menschsein. Althergebrachte Perspektiven neu zu denken, bedarf der Initiative, der Kreativität, der Zukünftigkeit sowie der Freiheit.

Initiative. Beginnen wir mit der Initiative bzw. einem Beispiel, das geradezu metaphorische Bedeutung hat: Unsere Vorfahren haben Flüsse begradigt. Heute ist es an uns, diese zu renaturieren. Allein die Erkenntnis, dass der Fluss gesünder fließt, wenn er eben nicht begradigt ist, bewegt noch keinen Bagger. Es braucht Initiative.

Kreativität. Gilt es, zuständige Institutionen von einer Renaturierung zu überzeugen, notwendige Finanzmittel zu besorgen, Menschen zu finden, die mit Eimer und Schaufel Hand anlegen, so ist Kreativität gefragt. Gleich dem Wasser selbst muss das überzeugende Denken beweglich werden. Kein Argument der Welt wird Wirkung haben, wenn es nicht inspiriert, initiativ und kreativ ist. Das kreative Denken ist ein „Formulierungen“ findendes Denken.

Zukünftigkeit. Und wer dann Argumente findet und austauscht, weiß, dass sich Visionen besser als Projekte verhandeln lassen. Demnach sind Gedanken zu formen, die sich an der Zukünftigkeit orientieren. Welche Auswirkungen wird eine Renaturierung auf das Klima, die Landschaft, die Tierwelt, den Menschen und das menschliche Verhalten haben? Welche Freiheit stößt hier bisweilen an wessen Grenzen? Zukünftigkeit meint genau das, was werden will und werden wird.

Freiheit. Schließlich – und wir bleiben bei unserem Beispiel – gibt der Mensch die Natur wieder frei, hat er doch inzwischen gelernt, dass sich das Wasser sogar selbst reinigen kann, wenn es fließen darf, wie es eben fließen will. Die Freiheit der Natur ist von der Freiheit des Menschen abhängig. Die Klimaentwicklung hängt mit der Entwicklung des Menschen zusammen.

Den Renaturierungsgedanken auf die Paradigmen anzuwenden, die eher dem Ertragens- als dem Gestaltungsprinzip entsprechen, ergibt Sinn. Denn dadurch kommt eine Haltung zum Ausdruck: Wer „begradigte Zustände“ erträgt, bleibt passiv. Wer in die Gestaltung des „Begradigten“ geht, übernimmt Verantwortung. Wer Verantwortung übernimmt, handelt im Sinne der oben beschriebenen Initiative, Kreativität, Zukünftigkeit und Freiheit.

Blicken wir auf das Kulturleben und das Bildungswesen, so finden wir zahllose „Begradigungen“, zahllose „Flüsse“, die renaturiert werden wollen. Eine Gesellschaft freier und initiativer Menschen wird entsprechende Begrenzungen aufzubrechen haben, wird mutvoll neue, „renaturierte Kultur- und Bildungsformen“ entwerfen, wird im Sinne der Gestaltung von Freiheit alle Grundfesten hinterfragen und konkret artikulieren, was das Menschsein wieder menschlicher macht.

Stellen wir uns für einen Moment vor, der Mensch wäre so weit und könnte sich als rücksichts- sowie zukunftsvolles Wesen ein Leben lang in jedem erdenklichen Moment individuell entfalten. Alles ihn Begradigende (Konditionierende, Instrumentalisierende, Manipulierende) wäre nicht existent. Stellen wir uns einen solchen Lebenslauf – in Analogie zum renaturierten Fluss – einmal vor. Was hier nach einer Formel klingt, greift einen bekannten Gedanken auf: Sorgt sich der Mensch um das, was das Menschsein (wieder) menschlich macht, gewinnt er an Freiheit – an geistiger, emotionaler und praktischer Freiheit. Gleiches gilt für die Natur: Erhält die Natur zurück, was sie natürlich macht, gewinnt sie – am Beispiel des Wassers – die Möglichkeit, sich selbst zu regulieren, sich selbst zu reinigen, zu heilen und zu erhalten. Die Lösung aller Herausforderungen liegt demnach im Potenzial der Umstände, die zu den Herausforderungen geführt haben. Schauen wir auf den Fluss, bekommt ihm die Renaturierung. Schauen wir auf das Klima, geht es um den Menschen, der für den Klimawandel verantwortlich ist. Ändert sich seine Haltung und „renaturiert“ der Mensch sein Verhalten, erholt sich das Klima. Der Mensch – und das ist die Logik – ist das Klima. Will der Mensch zum Beispiel die Herausforderung „Klima“ bewältigen, so liegt die Lösung im Menschen selbst – nämlich eine Haltung zu entwickeln, um aus Freiheit, Initiative, Kreativität und Zukünftigkeit heraus verantwortungsvoll zu handeln.

Mensch und Natur entsprechen einer systemischen, einer sich zumeist ergänzenden Einheit, wie Geist und Materie, wie DU und ICH, wie Form und Inhalt, Bühne und Saal, Tafel und Klassenzimmer, Regierung und Wahlvolk und vielen weiteren – zunächst polar erscheinenden – Qualitäten.
Ganz Teil sein. Das ist es, worum es heute geht. Fragt sich, wie ein Seinszustand erlangt werden kann, durch den sich das frei denkende, frei verhaltende Individuum als Teil des Ganzen (der Mensch ist das Klima) empfinden kann.

Eine kleine Meditation mag verdeutlichen, was die Haltung „Ganz Teil sein“ meint bzw. wie der Mensch sich in eine jeweils ergänzende Qualität maximal einleben kann, um aus der daraus gewonnenen Erkenntnis Schlüsse zu ziehen, die alles individuelle Tun kontextualisieren.

Meditation. Denken wir uns zwei Farben. Nehmen wir Gelb und Blau. Denken wir uns einen großen gelben Kreis und einen kleinen blauen Punkt. Der blaue Punkt ist exakt in der Mitte des gelben Kreises. Denken wir uns zwei gegenläufige Prozesse. Beginnen wir mit dem gelben Kreis: Stellen wir uns vor, wie der gelbe Kreis sich aus der räumlichen Weite allmählich nach innen verdichtet, wie sich das Gelb – durch seine Hinwendung zum Blau – grünlich verfärbt und langsam konzentrierter wird und allmählich ganz ins Blau übergeht. Schauen wir zu, wie sich der Umstülpungsvorgang vollzieht: Kreis wird Punkt, Gelb wird Blau.

Denken wir den Prozess umgekehrt: Wir sehen den konzentrierten blauen Punkt, der sich – durch seine Hinwendung zum Gelb – übergangslos grünlich verfärbt und langsam flächiger und stetig gelber wird. Vom Punkt zum Umkreis wandelt sich das Blau zum Gelb. Punkt wird Kreis, Blau wird Gelb.

Kreis wird Punkt. Punkt wird Kreis.
Umkreis wird Zentrum. Zentrum wird Umkreis.

Denken und empfinden wir diese beiden Prozesse des Übergangs und des Sich-Verbindens, treten unsere Farben zueinander in Beziehung. Zueinander in Beziehung setzen wollen wir eben auch Bühne und Saal, Künstler:innen und Publikum, Kunst und Kontext. ICH und DU, Klima und Mensch. Dabei geht es nicht um eine Vermischung der Farben. Wir suchen nicht die Symbiose, nicht das Grün, das aus Gelb und Blau entsteht. Wir suchen nicht die Verschmelzung des Gegensätzlichen. Wir fragen danach, wie das zunächst Polare „Ganz (und) Teil sein“ kann.

Denken wir uns den gelben Kreis als unser Publikum und den blauen Punkt als unsere Künstler:innen. Denken wir uns ein Publikum, das durch einen solchen Transformationsvorgang an seine künstlerischen, an seine individuellen Potenziale kommt. Denken wir uns Künstler:innen, die ihr künstlerisches Schaffensmotiv in der Potenzialität des Publikums, in den künstlerischen Bedarfen der Gesellschaft suchen und finden.

Bewegen wir uns wie ein Pendel zwischen den besagten Polen hin und her, zeigt sich in unserem Doppelbild von Kreis und Punkt das Thema, um das es hier geht: Teilhabe.

Tatsächliche Teilhabe an der jeweils anderen Qualität wird zum Gegenstand unserer Betrachtung. Wer zum Beispiel als Künstler:in Teilhabe stiften will, muss selbst teilen können, vor der Teilhabe kommt immer die Teilnahme. Das Publikum ist eingeladen, sich einen Teil der Kunst zu nehmen, zu einem Teil von Kunst zu werden, um den bzw. die Künstler:in in sich zu entdecken. Auf der Bühnenseite sind die Künstler:innen eingeladen, die kreativen Potenziale des Publikums zu aktivieren, die Gesellschaft als ihr künstlerisches Wirkfeld zu betrachten, die Gesellschaft als eine „soziale Plastik“ zu beschreiben. Joseph Beuys prägte dieses Bild der „sozialen Plastik“. Er ging davon aus, dass ein jeder Mensch über kreative Potenziale verfügt, die er im Sinne des Gemeinwohls einzubringen habe. Wenn sich eine Gesellschaft im Sinne des Gemeinwohls künstlerisch betätigt, verantwortet und prägt sie das Bild, die „Plastik“ ihrer sie bestimmenden Wirklichkeit.

Eine Gesellschaft, die sich ihrer „Wirkungen“ bewusst ist, die sich künstlerisch den Themen und Herausforderungen ihrer Zeit stellt, erfährt, wie gestaltbar alle Wirklichkeit (Wirklichkeit = Summe allen Wirkens), alle sozialen Plastiken, alle Seinszustände sind.

Selbstverwirklichung. Gehen Künstler:innen in der Weise auf ihr Publikum ein, dass das Publikum sich selbstverwirklichend und im Sinne einer „sozialen Plastik“ engagieren kann, so bilden sie eine Brücke zu ihrer eigenen künstlerischen und menschlichen Selbstverwirklichung, die hierin erst ihre Bestimmung findet. Ist die Bewegung des l’art pour l’art damit passé? Wo Künstler:innen danach streben, ihre Kunst im Sinne einer „Anregung“, einer „Mobilisierung von Gestaltungspotenzialen“ zu definieren, ist das Prinzip einer „Kunst für die Kunst“ jedenfalls – und vielleicht auch ganz berechtigt – Geschichte.

Mündigkeit. Sprechen Künstler:innen in ihrem Publikum die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung an, die sich sodann in künstlerischer Teilhabe ausdrücken darf, so wird das Publikum mehr und mehr „mündig“. Ein mündiges, ein sich im Dialog befindliches Publikum schafft die Basis für ein künstlerisch-kulturelles Ereignis, das dem Prinzip des „Ganz (und) Teil Seins“ entspricht.

Sozialität. Ist das Publikum „selbstverwirklichend“ und „mündig“ in ein kulturelles Ereignis involviert, kann sich das Publikum gemeinsam mit den Künstler:innen der Sozialität zuwenden, also der Form eines Miteinanders, das die Beschaffenheit einer „sozialen Plastik“ erkennt und diese im Sinne des Gemeinwohls künstlerisch bezie-hungsweise gestaltend bearbeitet.

Mit diesem erweiterten Begriff eines partizipativen, Teilhabe stiftenden Kulturlebens schließt sich der Kreis zur Renaturierungsmetapher vom Anfang dieses Essays. Partizipation meint an dieser Stelle frei statt begrenzt, meint Gestaltung statt Ertragen, meint „mitten drin, statt nur dabei“, meint den Menschen, der immer auch eine Künstlerin, ein Künstler ist. Wer sich als Teil des Ganzen empfinden kann, erlebt die Wirklichkeit als eine, die das eigene Wirken substanziell enthält. Die Wirklichkeit (die Welt) – und das sei nochmals verdeutlicht – ist eben nicht zu ertragen, sondern zu gestalten. Und damit ist nicht das Begradigen von Flüssen gemeint, sondern (künstlerisch gesehen) genau das Gegenteil.

Die Claussen-Simon-Stiftung fördert den werdenden Menschen durch Stipendienprogramme, durch Projektförderungen, fördert finanziell und ideell, fördert den Gemeinsinn. Das aller Förderung zugrunde liegende Menschenbild mag eines sein, das mit dem hier beschriebenen Ideal in vielerlei Hinsicht zusammenklingt. Als selbst von der Claussen-Simon-Stiftung geförderte TONALi-Institution wissen wir zu gut, was uns mit dieser einzigartigen Stiftung, ihrem Team und vielen gemeinsamen Perspektiven auf das Herzlichste verbindet.

Das Begrenzte, vielleicht auch Befangene in Kultur, Bildung und Gesellschaft durch freiheitliche Räume des Dialogs, durch künstlerische Interventionen, durch „Renaturierungen“, durch sinnhafte Förderungen zu befreien oder sogar zu entfesseln, ist etwas, was uns antreibt. Die besagte offene Gesellschaft freier und initiativer Menschen zu stärken, junge begabte Menschen darin zu befähigen, heute Fragen zu stellen, die erst das Morgen beantworten kann, ist das, „was zählt“. Ein Motiv, das TONAli und die Claussen-Simon-Stiftung miteinander teilen.

Aus Anlass des Jubiläums der Claussen-Simon-Stiftung steht an dieser Stelle ein großer Dank für ein beispielloses Engagement. Mit diesem Dank verbunden schauen wir einer Zukunft entgegen, die für sich klärt und verhandelt, warum das Gestalten spannender als das Ertragen ist, die zeigt, wie aus Initiative, aus Kreativität, Zukünftigkeit und Freiheit eine neue Beziehung des Menschen zur Welt erwachsen kann – im Sinne dieser Möglichkeit: „Ganz. Teil. Sein“.


Amadeus Templeton ist Mitbegründer und geschäftsführender Gesellschafter der gemeinnützigen Kultur- und Bildungsinitiative TONALi. Regelmäßig finden Konzertproduktionen im TONALi SAAL, in Hamburger Stadtteilen, der Elbphilharmonie und internationalen Konzerthäusern sowie bei Festivals statt, die durch ihre partizipativen Elemente auf Ebene der Kunstproduktion und des Kulturmanagements einer offenen Gesellschaft dienen. Der studierte Cellist und Kulturmanager ist außerdem Gründer des Klassikmagazins concerti und des TONALISTEN Kollektivs sowie der PARTi App. Er ist Ko-Produzent von drei Kinofilmen, arbeitet als Herausgeber und Dozent. Für TONALi wurde er u.a. mit einem ECHO ausgezeichnet. Die Claussen-Simon-Stiftung fördert TONALi seit 2016.

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