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#Bühne #Kultur in Zeiten von Corona #Kunst #Performance #Theater

Young Burning Issues: Junge Theaterschaffende erheben ihre Stimmen

Malina Raßfeld, Bühnenbildnerin, Geförderte bei stART.up

Vor drei Wochen, am Wochenende vor dem erneuten Lockdown im November, konnte die Burning Issues-Konferenz als eine der letzten Veranstaltungen auf Kampnagel in Hamburg stattfinden. Burning Issues ist eine jährlich stattfindende Konferenz für mehr Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung an Theatern und in Kulturbetrieben. Seit ihrer ersten Ausgabe vor drei Jahren in Bochum öffnet sich die Konferenz auch Themen der Diversität und Inklusion, um Awareness für Gruppen zu schaffen, die stärker marginalisiert werden als weiße Cis-Frauen.

Wir sind eine Gruppe junger Bühnen- und Kostümbildner*innen, die sich in verschiedenen Stadien ihrer Ausbildung oder am Beginn ihres Berufslebens befinden; wir wurden mit der räumlichen Gestaltung der Konferenz beauftragt. In der Entwurfsfindung und der Beschäftigung mit dem Profil der Konferenz wurde uns schnell klar, dass wir neben der Ausstattung auch auf inhaltlicher Ebene mitgestalten wollen. Denn trotz der Vielfalt des Programms war kaum Raum dafür vorgesehen, jungen Theaterschaffenden eine Stimme zu geben.

Das System der Stadt- und Staatstheater basiert nach wie vor auf regressiven Strukturen, die über Jahrhunderte gewachsen sind. Auch wenn es erfreulicherweise in jüngster Zeit vermehrt Bestrebungen zur Verjüngung und Enthierarchisierung vieler Betriebe gibt, vollzieht sich dieser Umbruch doch schwerfällig. Wäre nicht grundlegend bereits in frühen Stadien wie der Ausbildung und den ersten Jahren des Berufslebens anzusetzen, um einen solchen Strukturwandel voranzutreiben?

Stattdessen werden hierarchische Ordnungen des Theaterbetriebs oft bereits im Studium etabliert. Auch an den Häusern sieht es vielerorts noch immer nicht besser aus: Assistent*innen leben in aufreibenden Beschäftigungsverhältnissen ohne künstlerische Verantwortung, während Hospitant*innen zumeist nicht einmal bezahlt werden.

Weil wir gerne Theater machen, diese Probleme aber sehen und unsere zukünftigen Arbeitsplätze proaktiv mitgestalten möchten, haben wir beschlossen, das Format YOUNG BURNING ISSUES zu entwickeln. Dazu haben wir einen Open Call gestartet, den wir an kulturelle und künstlerische Ausbildungsinstitutionen und junge Initiativen im deutschsprachigen Raum geschickt haben. Unsere Fragen waren: „Was sind eure Burning Issues? Worüber möchtet ihr sprechen? Was möchtet ihr ändern?“. Dabei haben wir uns bewusst vom Genderkontext der Konferenz gelöst, um ein möglichst diverses Spektrum an relevanten Themen zu ermöglichen. Auch die Form des Beitrags haben wir freigestellt, sodass schließlich ein vielschichtiges Programm aus Performances, Vorträgen, Workshops und Gesprächsformaten entstanden ist.

In zwei intensiven und inspirierenden Tagen haben wir während der Konferenz verschiedenste „Burning Issues“ verhandelt:

Wir haben etwas gelernt über die historische Genese des Regisseurs als Genie.

Wir wurden sensibilisiert für die Situation von Menschen mit psychischer Erkrankung am Theater. Wir haben szenisch-musikalische Auseinandersetzungen mit Machtmissbrauch und Rassismus gesehen sowie persönliche Aufarbeitungen von Themen wie der eigenen toxischen Männlichkeit. Wir haben über Awarenessarbeit und das Ernstgenommenwerden gesprochen.

Bei vielen dieser Themen haben wir uns mit unseren eigenen Erfahrungen wiedererkannt. Andere Anliegen hingegen waren sehr persönlich und intim, jedoch symptomatisch für Institutionen, die sich nicht an die Situation Einzelner anpassen können und Achtsamkeit und Rücksichtnahme auf marginalisierte Gruppen oft nur nach außen hin vertreten. Ähnlich verhält es sich auch mit aktuellen gesellschaftlichen Themen (wie z.B. #metoo), die zwar inhaltlich an Theatern Gehör finden, denen aber auch hinter der Bühne mehr Raum gegeben werden sollte.

Diese zwei Tage waren anstrengend, frustrierend und erzürnend. Gleichzeitig aber sind wir mit Gefühlen des Zusammenhalts und der Einflussmöglichkeit gestärkt in den dritten Tag der Konferenz gegangen, um die Ergebnisse unserer Konferenz auf der Hauptbühne zu präsentieren. Zusätzlich zu der Vielzahl der verhandelten Anliegen haben wir aus unserer Ausstatter*innen-Perspektive eigene Probleme thematisiert und daraus ein Forderungspapier erstellt. Diese 50 Forderungen stellen wir als junge Theaterschaffende an Ausbildungsstätten und Theater- und Opernhäuser.

Mich persönlich hat diese Erfahrung zur Reflexion über meine eigene Position als Bühnenbildnerin innerhalb des Theaterbetriebs gebracht. Rückblickend erscheint es mir richtig und wichtig, dass gerade wir als Bühnen- und Kostümbildner*innen die Organisation und Kuration dieses Rahmenprogramms initiiert haben. Eine Aufgabe, die üblicherweise Dramaturg*innen zufällt.

Denn auch wenn gerade junge Teams vermehrt bestrebt sind, Hierarchien abzubauen und Aufgaben interdisziplinär und kollektiv zu teilen, stehen wir als Ausstatter*innen oft in zweiter Reihe und sind in unserer künstlerischen Praxis abhängig von anderen.

Hinzu kommt, dass wir mit Bildern arbeiten und uns für ein Dasein hinter der Bühne entschieden haben. Im Gegensatz dazu stehen Darsteller*innen, Regisseur*innen und Dramaturg*innen, deren Instrumente die Performance und die Sprache sind. Dies führt dazu, dass oft eben sie es sind, die ihre Stimme erheben und eine Fürsprecherposition für uns einnehmen. Mit YOUNG BURNING ISSUES haben wir ein selbstermächtigendes und (unserer Profession entsprechend) raumschaffendes Format kreiert, dessen Profil und Wirkmächtigkeit wir in den kommenden Jahren weiterentwickeln möchten.

Nach der Veröffentlichung unserer Forderungen am letzten Tag der Konferenz haben wir viel Zuspruch erhalten. Unter anderem von einem Bühnenbildner unserer Elterngeneration, der genau dieselben Probleme bereits zu seiner Studienzeit feststellen konnte. Damals habe sich niemand getraut, sie so klar zu formulieren.

Damit es nicht eine weitere Generation dauert, bis sich auch etwas in unserer Arbeitsrealität verändert, möchten wir die momentane Aufmerksamkeit nutzen um die Auseinandersetzung auf breiterer Ebene voranzutreiben. Daher sind wir sehr froh, auch an dieser Stelle unsere 50 Forderungen veröffentlichen zu können.

Mitschnitt der Konferenz


Die Claussen-Simon-Stiftung förderte das Format "Young Burning Issues", das Ende Oktober im Rahmen der Burning Issues-Konferenz auf Kampnagel stattfand.

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