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Bio-Honig aus Kuba: Eindrücke eines Forschungsaufenthalts im Jahr 2019

Maren Busch, Stipendiatin bei Dissertation Plus

Während Umweltverbände seit Jahren mit Kampagnen auf den Rückgang der Artenvielfalt hinweisen und Imkerinnen und Imker weltweit als einen Grund die Zunahme des Einsatzes von Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft beklagen, deklariert ein Land für sich, ein Bienenparadies zu sein: Kuba.

Steigende Exportzahlen zeigen, dass kubanischer Honig sich weltweit mit großem Erfolg vermarktet. Ein Großteil des produzierten Lebensmittels wird von Abnehmern in Europa nachgefragt. Enorme Absatzmengen werden auch nach Deutschland verkauft. Kuba genießt gemeinhin den Ruf, eine Wohlfühloase für Bienen zu sein. Diese werden in einem Umfeld gehalten, welches sich durch die Verbreitung ökologischer Anbaumethoden auszeichnet und als überwiegend pestizidfrei gilt. Die Absatzmengen ökologisch zertifizierten Honigs aus Kuba sollen weiter steigen, und das flüssigsüße Gold gilt mittlerweile als eines der wichtigsten Exportgüter und als bedeutsamer Devisenfaktor.

Ohne offizielle Forschungserlaubnis dürfen keine Forschungsinterviews stattfinden

Als Doktorandin des Fachbereiches Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel erhielt ich vor einem Jahr die Möglichkeit, für zwei Monate die Universität José Martí in der in Zentralkuba gelegenen Provinzstadt Sancti Spíritus zu besuchen. Dieser Austausch war Teil eines Projektes zur Entwicklung einer Partnerschaft zwischen beiden Universitäten. Zu meinen Aufgaben vor Ort zählte, kubanischen Promovierenden und Lehrenden an der Fakultät für Agrarwissenschaften mein Promotionsvorhaben vorzustellen und mich mit ihnen über Fragestellungen ihrer Forschungsprojekte sowie über Lehrinhalte auszutauschen. Im Rahmen meiner Promotion untersuche ich den Aspekt des Vertrauens in Lieferkettenbeziehungen der ökologischen Agrar- und Ernährungswirtschaft. Insbesondere dem globalen Handel mit ökologischen Lebensmitteln werden Risiken des Betrugs vorgehalten, und es erfordert ein erweitertes Verständnis über die Entstehung von Vertrauen und dem Einsatz von Kontrolle. Für mich ergab sich mit der Reise nach Kuba die Chance, die Produktion ökologischen Honigs in ihrem Ursprung kennenzulernen und mit offizieller Erlaubnis der Regierung Forschungsinterviews mit Akteuren der Wertschöpfungskette durchzuführen. Ohne die Erteilung dieser Forschungserlaubnis dürfen sich ausländische Forschende in Kuba nicht frei bewegen. Für deren Beantragung wurde ich vor meiner Ausreise aufgefordert, eine Zusammenfassung meiner Forschungsidee und Auskünfte über mein Interesse am Austausch mit bestimmten Akteuren in Kuba einzureichen. Die kubanische Honigproduktion erschien mir als interessanter Kontext für eine Untersuchung, da ein Großteil der Exporte nach Europa geht und ihr der Ruf vorauseilt, kubanischer Honig sei ökologisch erzeugt. Doch wie entstanden dieser Ruf und das Vertrauen darin, kubanischer Honig wäre Bio?

Aus der Not heraus eine Tugend machen: Agrarökologischer Anbau ist auf Kuba weit verbreitet

Kuba gilt heute in den Agrarwissenschaften als Musterland für die Verbreitung von ökologischen Anbaumethoden in der Landwirtschaft. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre stand Kuba wirtschaftlich vor einem regelrechten Kollaps. Subventionen, Lieferungen von Nahrungsmitteln, Kraftstoffen, Landwirtschaftstechnik, Kunstdüngern sowie Pflanzenschutzmitteln blieben plötzlich aus. Das als „el bloqueo“ bezeichnete US-Embargo gilt bis heute. Mit Beginn dieser schwierigen Zeit – „el período especial“ (die besondere Zeit) – sah sich die kubanische Bevölkerung gezwungen, mit bedeutend weniger Mitteln auszukommen. Dadurch verbreiteten sich innerhalb weniger Jahre agrarökologische Anbaumethoden, die die Bäuerinnen und Bauern zunächst aus reiner Notwendigkeit und Pragmatismus übernahmen, um die Nahrungsmittelversorgung gewährleisten zu können. Der regionale Anbau und die regionale Versorgung der Bevölkerung bekamen innerhalb kürzester Zeit eine große Bedeutung, um die kubanische Bevölkerung aus einer großen Hungersnot und eine lange Zeit der Unterernährung zu retten. Zahlen der Food and Agriculture Organization of the United Nations FAO und weiterer Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zeigen, dass sich zwar die Pro-Kopf-Kalorienaufnahme von ihrem niedrigsten Wert im Jahr 1993 bis heute nahezu verdoppelt hat. Kuba importiert jedoch nach wie vor rund 70 Prozent der im Land verbrauchten Lebensmittel aus dem Ausland, um die eigene Bevölkerung und auch die steigende Zahl an Touristen zu versorgen. Zuckerrohr für die Rum-Produktion oder der Tabakanbau nehmen weiterhin eine wichtige Bedeutung für den Export ein. Zusätzlich hat sich in den vergangenen Jahren die staatliche Honigproduktion als wichtiger Devisenbringer eingereiht. Sie soll das Bild einer nachhaltigen Landwirtschaft transportieren und den Ruf Kubas, ein Musterland agrarökologischen Anbaus zu sein, verbreiten. Ich versprach mir von meinem Forschungsaufenthalt einen tieferen Einblick in diese staatlich gelenkte Honigproduktion zu bekommen. Mit Forschungsinterviews wollte ich mehr darüber herausfinden, welche Bedeutung der Aspekt Vertrauen sowie verschiedene Kontrollmechanismen in der ökologischen Produktion einnehmen.

Das lange Warten auf Genehmigungen für Interviews erfordert viel Geduld

Meine Ankunft auf Kuba im November 2019 erforderte nicht nur eine schnelle Anpassung an das tropische Klima und an die Dynamiken des Alltags in einer kubanischen Gastfamilie. Sie erforderte auch viel Geduld für lange Wartezeiten bei der Suche nach Ansprechpersonen an der Universität oder bei Behördengängen. Aber auch bei der Organisation von alltäglichen Belangen, wie der Besorgung einer Telefonkarte und dem Anstehen für Lebensmittel. In vorherigen längeren Auslandsaufenthalten in anderen Ländern Lateinamerikas konnte ich eine solche Umstellung bereits erleben und vielseitige interkulturelle Erfahrungen sammeln. Ich blieb optimistisch, dass der Forschungsaufenthalt auf Kuba mit der erforderlichen Neugier, Toleranz und Geduld im Gepäck positiv verlaufen würde. Dazu gehörte auch die Bereitschaft, Pläne und Erwartungen, die mit dem Eintauchen in ein neues gesellschaftspolitisches System verbunden sind, anzupassen.

Die Universität bot mir an, während meines Aufenthalts einen Arbeitsplatz im Großraumbüro für Lehrkräfte der Agrarfakultät zu nutzen. Obwohl dessen Einrichtung und technische Ausstattung große Mängel aufwiesen und die Anzahl der Personen die Raumkapazitäten mehr als ausschöpfte, erleichterte dieser Zugang eine schnelle Kontaktaufnahme. Der stark eingeschränkte Internetzugang und die staatlich angeordneten Stromsparmaßnahmen von mehreren Stunden täglich gestalteten den Arbeitstag an der Fakultät als sehr mühsam. Das Warten auf die Erteilung der Genehmigungen für meine Forschungsinterviews zog sich über einige Wochen hin. Währenddessen suchte ich die Möglichkeit, Hospitationen und kurze Gastvorträge in einzelnen Lehrveranstaltungen abzuhalten, sodass ich ebenfalls mit Studierenden in den Austausch treten konnte. Die Teilnahme an einer Studienexkursion zu einer naheliegenden Farm veranschaulichte mir, welchen Stellenwert agrarökologische Methoden, die Vermehrung eigenen Saatgutes oder die Anpassung der Pflanzen an den Klimawandel einnehmen, um die Produktion von Nahrungsmitteln gewährleisten zu können. Bei der Suche nach Märkten und Lebensmittelgeschäften traf ich auch auf die sogenannten „Organopónicos“ – die Stadtgärten. Was bei uns als „Urban Gardening“ und oft eher als Hobby bekannt ist, begann auf Kuba Anfang der neunziger Jahre aus der Not heraus, da Treibstoff und Kühlmöglichkeiten für lange Transportwege fehlten. Heute nehmen sie mehr als 50.000 Hektar der urbanen Fläche ein und dienen weiterhin zur Versorgung der städtischen Bevölkerung mit lokalem Obst und Gemüse. In Gesprächen erfuhr ich auch, dass es sich bei der Verbreitung von agrarökologischen Maßnahmen nicht immer um die bewusste Entscheidung für die „grünere“ Anbauvariante handelt. Wo Pflanzenschutzmittel und Mineraldünger gelegentlich verfügbar seien, würden diese auch Anwendung finden. Für die Verteilung, Steuerung und Kontrolle deren Verwendung sei jedoch der Staat verantwortlich.

Kontrolle nimmt eine wichtige Rolle in der Honigproduktion ein

Glücklicherweise erhielt ich noch rechtzeitig meine Genehmigungen für den Feldzugang. Unter der Bedingung von einer Mitarbeiterin des staatlichen Honigunternehmens zu allen Terminen begleitet zu werden, konnte ich mit verschiedenen Akteuren entlang der Wertschöpfungskette sprechen. Mit den Interviews gewann ich Erkenntnisse darüber, wie der gesamte Honigsektor von einem einzigen staatlichen Unternehmen koordiniert wird. Dieses verfolgt die vorgegebene Strategie, den Export von kubanischem Honig weiter auszubauen und dabei das Volumen ökologisch zertifizierten Honigs bis zum Jahr 2030 auf 30 Prozent zu erhöhen. Ich erfuhr zudem, dass einerseits die traditionelle Honigherstellung in ihrem Kern zwar ökologisch sei, da sie überwiegend in abgelegenen, schwer zugänglichen Regionen und in Schutzzonen stattfindet. Dadurch ist sie zum Beispiel nicht der Gefahr des Abdrifts von Pflanzenschutzmitteln aus intensiv betriebener Landwirtschaft ausgesetzt. Andererseits erfordere die Erfüllung der Vorgaben der internationalen Öko-Standards eine stärkere Vereinheitlichung der Produktionsmethoden und eine bessere Rückverfolgbarkeit der Lieferkette. Dafür hat das Unternehmen ein umfangreiches und komplexes internes Kontrollsystem etabliert, das einen hohen Kommunikations- und Dokumentationsaufwand erfordert. Der Zeit- und Kostenaufwand für die Durchführung der regelmäßigen internen Kontrollen sowie Besuche durch externe internationale Öko-Kontrollstellen werden als Investition in den Ausbau des Sektors und seinen Ruf, kubanischer Honig hätte Bio-Qualität, gesehen.

Rückblickend stelle ich fest, dass der zweimonatige Aufenthalt auf Kuba mir spannende und auch sehr exklusive Einblicke in ein anderes politisches System und gesellschaftliche Dynamiken ermöglichte. Ich lernte jedoch auch unsere Möglichkeiten zur freien Forschung in Deutschland mehr zu schätzen und erkannte, mit welcher Selbstverständlichkeit wir uns am gesellschaftlichen Diskurs kritisch beteiligen. Ich bin dankbar für die Hilfsbereitschaft und Kontaktfreudigkeit der Menschen vor Ort, die mir so viele vielfältige Eindrücke über das kubanische Agrar- und Ernährungssystem und die Herausforderungen des alltäglichen Lebens in Sancti Spíritus mitgegeben haben.

Neugierig geworden? Weitere Informationen zu Kuba und Biolandwirtschaft

ARTE Reportage „Kuba: Alles Bio“ von Thomas Dandois verfügbar vom 12.06.2020 bis 06.06.2023

Zeitungsartikel „Plötzlich Biobauer“ von Verena Müller aus DIE ZEIT vom 16.09.2015

Zeitungsartikel „Kuba aktualisiert seinen Sozialismus“ von Renaud Lambert aus Le Monde diplomatique vom 12.10.2017

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