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#Hochschule #Sprache #studieren #Wissenschaft

Studieren und Leben in Korea – Meine Erfahrungen im Auslandssemester

Clara Buller, Physikstudentin und B-MINT-Stipendiatin

안녕하세요 (Annyeonghaseyo)! Ich bin Clara Buller und studiere Physik im 6. Semester an der internationalen Constructor University (ehemals Jacobs University Bremen). Als gebürtige Hamburgerin hat es mich schon immer gereizt, die bekannte norddeutsche Tiefebene zu verlassen und mal einen ganz anderen Teil der Welt kennenzulernen. Ein paar Bewerbungen und ein bisschen mehr Organisation später fand ich mich Anfang September 2022 am Flughafen in Seoul wieder und war bereit, in mein viermonatiges Auslandssemester zu starten.

In Korea besuchte ich das Ulsan National Institute of Technology, eine junge und sehr ambitionierte Universität ganz im Süden des Landes mit dem erklärten Ziel, spätestens 2030 zu den Top 10 Universitäten der Welt zu gehören. Als erste und einzige Universität in ganz Südkorea bietet sie alle Vorlesungen ausschließlich in Englisch an. Ein eigenes universitäres Stipendienprogramm ermöglicht immer mehr koreanischen und internationalen Studierenden einen hochwertigen akademischen Ausbildungsplatz. Dabei wird besonders Wert auf die Förderung von Forschung gelegt. Es gibt über 55 Labore und andere Forschungseinrichtungen wie zu Beispiel ein Supercomputing Center. Bereits für Bachelorstudent:innen ist es nicht unüblich, während des Semesters oder der Sommerferien Laborerfahrung zu sammeln – eine gute Möglichkeit, um qualifiziert ins Berufsleben zu starten, die aber gleichzeitig mit einer hohen zeitlichen Belastung verbunden ist.

Für mich war es nicht einfach, Kurse zu wählen, die sowohl von der koreanischen als auch von meiner deutschen Universität bewilligt wurden, sodass ich letztendlich sechs Kurse an fünf verschiedenen Fakultäten belegte. Kurse wie „Urban and Environmental Engineering“ oder „Anthropology“ gaben mir einen interessanten Einblick in die unterschiedlichen Fachrichtungen und erlaubten mir, über den Tellerrand der Physik hinauszuschauen – einer der vielen Vorteile des Auslandssemesters. Da die Kursnoten nicht für meinen Abschluss in Deutschland zählten, konnte ich mich ohne den üblichen Zeitdruck, am Ende des Semesters alles können zu müssen, auf meine Interessen innerhalb der Kurse konzentrieren und diese weiterverfolgen. Eine wunderbare Abwechslung zum normalen Studienalltag!

Wie das Wort Auslandssemester schon perfekt andeutet, kommt Ausland vor Semester. Am meisten lernte ich, während ich versuchte, mich in einem komplett unbekannten Land zurechtzufinden, in einem neuen Umfeld einzuleben und mir einen neuen Freundeskreis aufzubauen.
Ich habe zusammen mit einer anderen deutschen Austauchstudentin in einem Doppelzimmer im 14. Stock eines Studierendenwohnheims auf dem Unicampus in Ulsan gewohnt, einer Stadt mit 1,1 Millionen Einwohner:innen in der Nähe von Busan. Der Campus, etwas außerhalb der nächsten Stadt in den Bergen gelegen, hatte alles, was man zum Leben brauchte. Es gab mehrere Restaurants, eine Bäckerei, ein Sportcenter inklusive Fitnessstudio, Schwimmhalle, Golfsimulator und einiges mehr und einen großen, wunderschönen See im Zentrum mit Bänken, die sich für eine kleine Lesepause oder ein gutes Gespräch perfekt anboten. Meine Lieblingsorte waren aber mit Abstand die Cafés. Eines der insgesamt fünf Cafés war als Meditationsraum eingerichtet: Der gesamte Raum war in einem hellen Holz gehalten, und bot neben Stühlen auch verschiedene Sitzkissen als Sitzmöglichkeit. Richtung See öffnete sich das Café mit einer großen Fensterfront – ein perfekter Sonnenuntergangsplatz! Wenn man etwas mehr Privatsphäre haben wollte, konnte man sich auf eine der großen Fensterbänke setzen, die allesamt mit Steckdosen und einer herunterfahrbaren Jalousie ausgestattet waren, sodass man sich seinen eigenen kleinen Raum erschaffen konnte. Als loyale (sprich tägliche) Kundin verbrachte ich in den verschiedenen Cafés viel Zeit. Hier erledigte ich meine Aufgaben und traf mich mit Freund:innen – vor allem auch um der Enge des Wohnheimzimmers zu entkommen. Dies ist sehr üblich in Korea. Es ist eines der Länder mit der höchsten Bevölkerungsdichte, und dass, obwohl 70% des Landes von Bergen bedeckt ist.

Auch die sieben Convenience Stores auf dem Campus verdienen in jedem Fall eine lobende Erwähnung, welche ihrem Namen alle Ehre machen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann man sich neben einem Mini-Supermarktsortiment ganze Mahlzeiten kaufen und diese dann in den Mikrowellen vor dem Laden zubereiten. Falls man auch noch Durst hat, kann man sich einen Iced Coffee, der in Korea bei jeglicher Temperatur getrunken wird, direkt im Laden machen. Dafür kauft man sich einen Plastikbecher, der bereits mit Eiswürfeln gefüllt ist, und befüllt ihn mit seinem Lieblingskaffee, schon zubereitet aus einer Plastiktüte. Einen Moment später ist der Eiskaffee fertig! Ein Problem – nicht nur bei diesem Alltagsbeispiel – ist der hohe Plastikverbrauch.

Vor meiner Ankunft hatte ich mir keine Gedanken gemacht, dass es schwierig sein könnte, neue (und koreanische) Freund:innen zu finden. Allerdings musste ich mir schnell eingestehen, dass die koreanischen Student:innen zurückhaltender sind und die Sprachbarriere höher ist als erwartet. In vielen Klubs auf dem Campus wie dem UNIST Tanzteam, dem Theaterclub oder dem Robotikteam wird ausschließlich Koreanisch gesprochen und sie sind damit für die internationalen Student:innen unzugänglich. Dadurch hat sich mit der Zeit eine eigene Community von internationalen Studierenden gefunden, die teilweise dort ihren gesamten Bachelor studieren.
Ich fand schnell eine Freundesgruppe bestehend aus anderen Austauschstudent:innen, die von einer Vielzahl europäischer Universitäten kamen. Die ähnlichen Herausforderungen und die gemeinsamen Erfahrungen waren ideal, um Freundschaften aufzubauen. Nach und nach lernte ich über Kurse und vor allem in der internationalen Tanzgruppe andere Austauschstudierende und internationale Student:innen kennen.
Ein gute Möglichkeit, koreanische Student:innen zu treffen, bot der Ruderklub der Universität. Als einer der wenigen Klubs nimmt dieser sowohl koreanische und als auch internationale Student:innen auf. Gemeinsam trainierten wir auf dem Campus und am Wochenende auf dem Fluss in der Innenstadt Ulsans. Ein Highlight war das Taehwa Marine Festival, ein dreitägiges Festival samt Bootsparade auf dem Taehwa Fluss. Zusammen mit allen möglichen Transportmitteln, von Stand-Up Paddelboards über Drachenboote bis hin zu Wasser-Jet-Packs, ruderten wir auf dem Fluss entlang der Skyline von Ulsan.

Doch was mir zuerst in den Sinn kommt, wenn ich auf meine Zeit in Korea zurückblicke, das sind die Reisen durchs ganze Land. Korea ist ein wunderschönes, geschichtsträchtiges und sehr vielseitiges Land, wo jeder Wochenendausflug mehr Lust auf den nächsten machte. So machte ich mich entweder mit Freund:innen oder auch alleine, sobald es irgendwie möglich war, auf den Weg. Besonders gerne erinnere ich mich an einen Trip nach Jeju zurück, einer Insel südlich des koreanischen Festlandes. Die Insel hat aufgrund ihrer Lage ein deutlich wärmeres und tropischeres Klima als der Rest des Landes und ist auch bekannt als „Flitterwochen-Insel“. Sie ist voller schöner Wasserfälle, interessanter Tempel und beherbergt auch den höchsten Berg Koreas – den Vulkan Hallasan. Umgeben ist Jeju von türkisblauem Wasser, in dem wir bei angenehmen 27°C häufig schwammen. An unserem letzten Abend dort wollten wir den Abschied in einer Bar in der Nähe unseres Hotels feiern. Was wir nicht wussten, war, dass an dem Abend in der Bar ein Überraschungskonzert eines bekannten koreanischen Rappers stattfand. Dementsprechend überrascht waren wir, als auf einmal jemand auf der Bartheke anfing zu rappen und das noch nicht einmal richtig gut.

Während meiner Zeit in Korea konnte ich viele solcher Erinnerungen von glücklichen Überraschungen, schönen Orten und guten Gesprächen sammeln, die ich mir noch lange bewahren werde! Auch wenn es immer wieder herausfordernde Momente gab, brachte mich mein Auslandssemester dort dazu, meine Komfortzone zu verlassen und mit den Erfahrungen zu wachsen.

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