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#Bildung #Schule #Sprache

Sprachenlernen mit Kopf, Herz und Hand

Alexia Soraia Pimenta Gomes Zonca, Horizonte-Stipendiatin und B-You!-Mentorin

Vokabeln auswendig lernen, die Verbkonjugationen nicht vergessen und auf die Ausspracheregeln achten. Wer schon einmal eine neue Sprache lernen musste oder sich gerade in diesem Prozess befindet, weiß, wie mühselig all das sein kann. Was können Lehrer:innen tun, um ihren Schüler:innen das Erlernen einer neuen Sprache zu erleichtern? Das ist eine Frage, die mich als Fremdsprachenlehrerin, und bestimmt auch viele andere in dieser Position, besonders beschäftigt. 

Verschiedene Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Verknüpfung von Lernen mit Bewegung zu längerfristigen Erfolgen führt. [1] Die Befunde bestätigen die Wirksamkeit des bekannten „Kopf, Herz und Hand“-Prinzips von Pestalozzi. Es beschreibt, dass erfolgreiches Lernen ganzheitlich stattfinden muss. Was bedeutet das? Neue Inhalte können besser aufgenommen und behalten werden, wenn dabei verschiedene Sinne angesprochen werden. Eine Verbindung von Denken, Fühlen und Handeln muss geschaffen werden. Diese Verbindung schaffen die Methoden der Theaterpädagogik. Sie können nicht ‚nur‘ im Theater- und Darstellendes Spiel-Unterricht zum Einsatz kommen, sondern sie lassen sich auch hervorragend in den Fremdsprachenunterricht integrieren. Theaterpädagogische Methoden ermöglichen nämlich sowohl die getrennte als auch die gleichzeitige Förderung der vier Fertigkeiten Lesen, Hören, Sprechen und Schreiben. Dank der Erschaffung von fiktiven Situationen können Schüler:innen für reale Kommunikationssituationen vorbereitet werden. Es geht beim Schauspielen darum, authentisch zu sein. Man muss den Text eines anderen zum eigenen Text machen. Und genau darum geht es auch bei einer Fremdsprache. Indem die Schüler:innen in eine andere Rolle schlüpfen, lernen sie außerdem, handlungsorientiert und kooperativ zu handeln. Da sie als Gruppe gemeinsam agieren, unterstützen und korrigieren sie sich gegenseitig – sie sind nicht Einzelkämpfer, sondern handeln im Sinne einer gelungenen Gruppenleistung.

Da das Sprechen im Vordergrund steht, helfen theaterpädagogische Übungen den Schüler:innen auch bei der Sprachförderung. Sie lernen zusätzlich, sich auch durch nonverbale Kommunikation auszudrucken – durch Körpersprache, Mimik und Gestik, wobei nicht nur Gefühle, sondern auch Wünsche geäußert werden, die sie in Worte nicht fassen können.

Bei der Mehrheit der Schüler:innen kommt der Einsatz von theaterpädagogischen Übungen gut an. Dank der lockeren Atmosphäre lernt die Gruppe den konstruktiven Umgang mit Fehlern. Es gibt nämlich ein Phänomen beim Schauspielern: Wenn man eine Figur spielt, dann hat man einen Schutzraum. Die Lernende können Dinge tun, die sie sich in einer normalen Unterrichtsstunde nicht trauen würden. Da sie nicht sich selbst, sondern eine Rolle spielen, haben sie weniger Angst davor, etwas falsch zu machen, denn es gibt beim Spielen kein ‚richtig‘ oder ‚falsch‘. Diejenigen, die sich sicher in der Sprache fühlen und keine Angst haben, vor anderen zu stehen, können Monologe halten oder längere Passagen übernehmen. Andere, die sich eher unsicher sind, oder ungern im Mittelpunkt stehen, wählen vielleicht einen Dialog oder tragen etwas im Chor vor. Die Kreativen können sich um die Umsetzung von Szenen kümmern, während die anderen Schüler:innen die geschriebenen Texte auf Fehler untersuchen. 

Wie kann aber so etwas konkret aussehen? Hier ein Beispiel für Lernanfänger:innen, bei denen neue Vokabeln eingeführt werden: Zunächst übersetzen die Schüler:innen den neuen Wortschatz, am besten auch in den Herkunftssprachen der Jugendlichen, denn nicht alle haben Deutsch als Erstsprache gelernt. Dann geht es um das Festigen der Vokabeln. Die Schüler:innen werden in Kleingruppen zusammengestellt und bekommen eine bestimmte Anzahl an neuen Wörtern. Sie müssen sich zu jedem Begriff eine möglichst einfache Geste überlegen, die diese Vokabel am besten darstellt. Später in einem Stehkreis werden die Wörter und die dazugehörigen Gesten präsentiert. Die Mitschüler:innen ahmen in mehreren Runden die Gesten nach und sprechen dabei die Vokabeln laut aus. Schließlich geht ein:e Schüler:in in die Mitte des Kreises, zeigt auf eine Person und sagt eines der neu gelernten Wörter auf Deutsch. Die Person, auf die gezeigt wird, muss dann schnell die neu gelernte Vokabel in der Fremsprache sagen und die dazugehörige Bewegung machen. Schafft sie es nicht, muss sie in die Mitte gehen.

Später können die Schüler:innen in neuen Gruppen kurze Szenen entwickeln, in denen einige der neuen Vokabeln vorkommen. Die Szenen werden zunächst geschrieben und dann geübt, um sie dann vor den Mitschüler:innen zu spielen. Die zuschauenden Schüler:innen sind dann aufmerksame Zuhörer:innen, die sich notieren, welche Vokabeln die anderen Gruppen in ihren Szenen verwendet haben. 

Durch theaterpädagogische Methoden lernen die Schüler:innen somit auf eine aktivierende Art eine neue Sprache und erinnern sich länger an das neu Gelernte. Meine Erfahrung zeigt, dass das auch wirklich gut klappt! Vor einiger Zeit zum Beispiel unterrichtete ich Deutsch als Zweitsprache für neu zugewanderte Schüler:innen. Im Rahmen einer Unterrichtseinheit schauten wir uns ausgewählte Sprichwörter und Redewendungen der deutschen Sprache an. Diese wurden zunächst mit den Herkunftssprachen der Jugendlichen verglichen. Dann konnten die Lernenden in kleinen Gruppen Dialoge verfassen, in denen ein Sprichwort oder eine Redewendung vorkam. Die Schüler:innen übten die Dialoge und spielten sie dann der Klasse vor. Die zuschauenden Schüler:innen mussten dabei aufmerksam sein und das Sprichwort oder die Redewendung aus den Dialogen heraushören und dann die gespielten Szenen beschreiben. Als ich dann Wochen später ein komplexes grammatikalisches Thema einführte, meldete sich eine Schülerin und sagte scherzhaft: „Frau Pimenta-Zonca, ich verstehe nur Bahnhof!“. Die anderen Schüler:innen lachten, denn sie konnten sich an die Bedeutung der Redewendung erinnern. Und ich freute mich, dass die Schülerin gelernt hatte, diese in der passenden Situation anzuwenden. 

Obwohl theaterpädagogische Übungen bei den meisten Schüler:innen gut ankommen, darf man als Lehrkraft nicht vergessen, dass jede:r Lernende:r einen individuellen Lernstil hat. Einige Schüler:innen lernen beispielsweise besser, wenn sie schreiben. Andere sind etwas kreativer und können sich Inhalte besser merken, wenn sie diese bildlich darstellen. Deshalb ist es immer wichtig, eine Variation an Aufgaben anzubieten.


[1] Vgl. z. B. Macedonia & Klimesch. (2014). Long-Term Effects of Gestures on Memory for Foreign Language Words Trained in the Classroom. https://doi.org/10.1111/mbe.12047.

Foto: Sven Wied

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