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#waszählt! #Schule in Zeiten von Corona

Dulsberg Late Night – ein Schulkonzept gegen Corona

Björn Lengwenus, Schulleiter an der Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg

Wie kommt man auf die Idee, eine tägliche Late Night Show in einer Schule zu installieren? Keine Frage durften wir in den gut sechs Wochen, die es unsere Sendung gab, häufiger beantworten. 

Wie kommt man auf eine Idee? Eigentlich war es doch nur eine logische Schlussfolgerung. Unser Kulturagent Matthias Vogel und ich hockten am dritten Tag der Schulschließungs-Tristesse zusammen, um uns über die ganze Corona-Traurigkeit auszutauschen. Diverse gebuchte Kulturprojekte würden ausfallen, unsere so geliebte Filmfabrik, bei der immer 30 Filmemacher mit unserem kompletten achten Jahrgang 20 neue Filme drehen, musste abgesagt werden, und die ersten Tage Online-Unterricht offenbarten alsbald, was eigentlich wirklich in solchen Zeiten fehlt: das „Zusammen“ – das zusammen Lernen, das zusammen Pause haben, das zusammen Schule erleben. 

„Wir bräuchten“, hörte ich mich sagen, „eine tägliche Finish-Show“. Unsere Finish-Show findet immer am letzten Schultag vor den Ferien statt, und wir mieten dafür immer das größte Kino der Stadt, um mit der gesamten Schülerschaft (rund 1.600 Schülerinnen und Schüler) den Schuljahresabschluss zu feiern. Da wird dann getanzt, geehrt, gelacht, gesungen – eben das (Schul)-Leben gefeiert. „So eine Stimmung bräuchten wir jetzt. Jeder für sich zuhause. Oder einen Pausenhof, den alle einmal am Tag besuchen dürfen“.

Die Gleichung war einfach: Film+Finish-Show+täglich und fertig war die Idee: Wir machen eine tägliche Late-Night. Und ganz nebenbei konnten wir unseren gebuchten Künstlerinnen und Künstlern ihre Auftritte und Gagen ermöglichen. Den Filmemachern sowieso, aber eben auch der Ballonkünstlerin Sina Greinert oder der Geigerin Ronja Sophie Putz.

Also wagten wir uns an den „digitalen Pausenhof“, der jeden Abend in die Wohnzimmer und Kinderzimmer sendete. Ein Treffpunkt, der schon sehr schnell zum Treffpunkt der Schule wurde. Jeder durfte mit seinen Beiträgen dabei sein, und niemand wollte Grüße verpassen, Kunstprojekte wurden doch noch verwirklicht, Ronja spielte ihr Geigenkonzert eben mitten in der Nacht in der leeren Mensa, und die Dulsberg Late Night sendete diese berührenden Sequenzen.

Niemand ahnte in der Show, welche Wellen das Ganze schlagen würde. Immer wieder besuchten uns auch echte Prominente. Unvergessen sicher der Kurzauftritt von Johannes B. Kerner, der plötzlich völlig überraschend die Show statt des Schulleiters anmoderierte und dann ebenso überraschend verschwand.

Das Format erlaubte ganz private Einsichten auch bei politischen Entscheidungsträgern. So gaben mit dem Innen- und Sportsenator Andi Grote, dem Schulsenator Ties Rabe und dem Kultursenator Carsten Brosda drei wichtige Hamburger Politiker besondere Einblicke preis: Mit besonders guter Laune erzählte Schulsenator Rabe von seinem Hobby „Modelleisenbahnen“ und ließ sich im Laufe der Sendung noch zu einem Gratulationsständchen für eine Abiturientin hinreißen, die im engen Familienkreis ihren 18. Geburtstag feiern musste.

Die großen Stars der Sendung bleiben allerdings die Schülerinnen und Schüler der Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg, die so hinreißend von ihrem neuen Alltag berichteten, die mit Beiträgen zwischen Tanzchallenge und Physik-Battle das Konzept von der ersten Minute an getragen haben.

Immer wieder sind auch sie die Experten, zugeschaltet oder direkt im Studio. Man leidet förmlich mit, wenn von geplatzten Olympiaträumen berichtet wird, man spürt die eigene Angst hochkriechen, wenn die Furcht vor der ersten Zusammenkunft beim Corona-Abi geschildert wird, und man möchte sich gleich mitverstecken, wenn ein Fünftklässler und ein Schulleiter während der Show zusammen „Verstecken“ in der Kulisse spielen.

Die Show wird durch ihre aktuellen Berichte zu einem echten Zeitdokument der Corona-Krise. Man schaltet zu einer italienischen Kollegin nach Hause, ist in Korea zu Gast und lässt sich den dänischen Weg erklären. Immer sind es Menschen, die der Schule nahe stehen – Eltern, Lehrerinnen und Lehrer oder Schülerinnen und Schüler, die ihre ganz eigenen Eindrücke schildern. Und so ist man dabei: Von den Tränen über die ersten Auswirkungen auf den Alltag über die neue Normalität bis hin zur zaghaften Lockerung der Maßnahmen. Schulleitungsmitglieder berichten über die Organisationsplanung, und gemeinsam erlebt man im Studio den Moment, wie sich die Schule langsam wieder füllt.

Der Schulleiter, der noch in der ersten Sendewoche traurig und allein durchs Schulgebäude geisterte, ist nicht mehr allein. Die Dulsberg Late Night hat die Menschen an der Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg über die gesamte Schulschließung begleitet und hat nun ihre Aufgabe erfüllt. Und weit mehr: Nicht nur die Schulgemeinschaft wurde zu Fans: Die erste Ausgabe sahen bis heute fast 30 000 Menschen. Ein Hoffnungsgeber in der Krise, ein Stück Normalität. Insgesamt hat die Dulsberg Late Night weit über 100 000 Klicks auf Youtube erhalten.

Die Durchhaltekraft ist das eine, die finanzielle Ausstattung des Projekts etwas anderes. Bis zum Ende durchzuhalten ist nur möglich, weil Schulverein und Claussen-Simon-Stiftung finanziell helfen. Wer hätte auch gedacht, dass das so lange und noch länger mit dem Virus dauert …

Mit der letzten Klappe fällt dann auch die Last des Versprechens: „Wir bleiben hier, so lange ihr nicht in die Schule dürft“.

Als der große Pianist Justus Frantz die letzten Töne der Late Night einspielt und damit eine kleine Ära beendet, ist allen klar: Viel länger hätte die Schulschließung auch nicht dauern dürfen – das Team kann schlichtweg nicht mehr.

Es war ja auch nur kleines Viererteam, das sich vom Kulissenbau über die Inhalte bis zum letzten Schnitt für alles verantwortlich zeigte, für die Filmemacher Ole Schwarz und Martin D´Costa und den Kulturagenten Matthias Vogel ein Fulltime-Job ohne Wochenenden. 28 Folgen setzten sie für Schulleiter und Moderator Björn Lengwenus in Szene.

Und auch der ist froh, als er am Ende wieder an seinem echten Schreibtisch Platz nehmen darf. Ob er an eine Showmasterkarriere denkt, wird er irgendwann im Pressehype um die Show zwischen ZEIT und Tagesthemen vom österreichischen Sender ORF gefragt. Seine Antwort ist klar: „Ich bin viel lieber Schulleiter als Showmaster. Es ist für mich also wirklich kein Thema!“, um dann augenzwinkernd anzufügen: „außer der ORF fragt an…“.

Die kompletten Folgen der Dulsberg Late Night finden sich in auf Youtube.

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