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#stiftung #waszählt!

Die Heldenreise geht weiter

Freddy Bahr, Stipendiat bei Master Plus

Mitte des 20. Jahrhunderts erschien Joseph Campbells Studie Der Heros in tausend Gestalten. Das Buch avancierte schon bald zu einem „Standardwerk der Mythenforschung“ (so beschreibt es der Buchrücken). In Der Heros in tausend Gestalten kulminierte Campbells langjährige Forschung zu den Mythen und Sagen verschiedenster Völker und Kulturkreise. Seine maßgebliche Erkenntnis war, dass all diese Erzählungen trotz unterschiedlichster Entstehungskontexte immer wieder auf einen gleichen Kern zurückzuführen waren – die Heldenreise. Campbell fasste seine Arbeit noch unter dem Begriff des „Monomythos“, der „einzigen Erzählung“, zusammen, der in der Rezeption von dem der Heldenreise verdrängt wurde.

Die Bedeutung von Campbells Konzept des Monomythos oder eben der Heldenreise ist bis heute ungebrochen. Denn auch wenn Campbells Monomythos zunächst nur als Beschreibung einer vergangenen Praxis von überlieferten Heldengeschichten gedacht war, so wurde schon bald seine universelle Geltung erkannt. Insbesondere in die Populärkultur hat die Rede von der Heldenreise Eingang gefunden. Verantwortlich dafür war ein junger Regisseur, der Campbells Werk mit Begeisterung gelesen und seinen nächsten Film explizit nach dem Vorbild der Heldenfahrt gestaltet hatte: Die Rede ist von George Lucas, der mit Krieg der Sterne zu Weltruhm gelangen sollte. Der bahnbrechende Erfolg des Films ist dabei immer wieder auf das mythische Vorbild zurückgeführt worden.

Die anhaltende Geltung des Konzepts war Anlass für den Workshop „Die Heldenreise – Eine universelle Erzählstruktur“, den ich im Rahmen des letzten Stipendiat:innentreffen remote der Claussen-Simon-Stiftung gab. In einem ersten Teil bin ich auf die konzeptionellen Grundlagen des Heldenreise-Begriffs eingegangen. Dieser zweite Teil soll vom Workshop und den Umständen am Wochenende des Stipendiat:innentreffens handeln.

Das Stipendiat:innentreffen remote im vergangenen September machte einiges anders als frühere Stipendiat:innentreffen – das macht schon der Nachsatz im Namen klar. Statt der wohlbekannten Jungendherberge Ratzeburg mit ihrer wassernahen Lage und den geräumigen, lichtdurchfluteten Zimmern wurden die heimischen Wohnzimmer und digitalen Kacheln bezogen. Vom ersten Moment an ließ sich der Einfallsreichtum des Stiftungsteams erkennen, bewährte Formate und etablierte Wege der Gemeinschaftsstiftung auch ins digitale Format zu übersetzen. So wurde weder auf Künstler:innengespräche noch auf das legendäre Kneipenquiz verzichtet. Und da, wo das Digitale seine Grenzen bewies, wurde per Paketsendung einfach das nötige bisschen „Hautnah-Gefühl“ direkt nach Hause gebracht.
Ein wichtiger Bestandteil des Programms eines jeden Stipendiat:innentreffens sind die auf Eigeninitiative von Geförderten angebotenen Workshops. Sie dienen den Teilnehmenden, die über ganz unterschiedliche fachliche Hintergründe verfügen, zur Erweiterung des eigenen Horizonts. Ich selbst hatte die Vorzüge eines Stipendiat:innentreffens schon einmal kennengelernt, und besonders waren mir die Workshops als konzentrierte Weiterbildungsangebote in Erinnerung geblieben. So hatte ich damals gleich den Vorsatz gefasst, beim nächsten Stipendiat:innentreffen auch entsprechend etwas in den Kreis der Geförderten zurückzugeben und einen eigenen Workshop anzubieten.

Für die Konzeption eines Workshops hält der digitale Raum einige Fallstricke bereit, birgt aber auch Chancen. Auf der einen Seite fehlt die Möglichkeit zu einem unmittelbaren Miteinander, und generell ist die Aufmerksamkeit vor dem Bildschirm schneller strapaziert. Auf der anderen Seite bieten digitale Formate kreative Vermittlungsmethoden und eine potenziell einfachere Zugänglichkeit zu informativem Material.

Am Anfang der Konzeption zu meinem Workshop über die Heldenreise stand also die Einsicht, dass man sich die Vorzüge des digitalen Formats zunutze machen müsste. So entwickelte sich die Idee, die Heldenreise anhand verschiedener medialer Erscheinungsformen und Beispiele zu veranschaulichen, Bilder sprechen zu lassen. Auf diesem Weg ließ sich Fachfremden auch die Methodik der Literaturwissenschaft näherbringen, Erzählungen modellgeleitet in der direkten Rezeption zu beurteilen.

Dann machte ich mich an die strukturelle Planung. Das umfassende, ursprünglich 18-teilige Modell von Campbells Heldenreise musste auf einen kurzen thematischen Input zusammengedampft werden. Anschauliche Beispiele von Heldenreisen in Literatur, Film und TV-Serie sollten gefunden und auf prägnante Momente hin verdichtet werden. Das bedeutete für mich auch, das entsprechende Videomaterial zu schneiden und Textabschnitte abzutippen. Und nicht zuletzt war es geboten, eine ansehnliche und möglichst übersichtliche Präsentation zu erstellen, an der sich die Teilnehmenden während des Workshops orientieren konnten.

Eine besondere Chance ergab sich durch ein Online-Coaching, das wir Workshopleitenden bei Bedarf auf Initiative der Stiftung hin parallel zur Entwicklung des Workshops in Anspruch nehmen konnten. Von einer Onlinedidaktikerin gab es einige wertvolle Tipps etwa zu Icebreakern oder versteckten Funktionen der Plattform Zoom. In meinem Fall wurde besonders der zeitliche Aspekt als Problemstelle sichtbar. In der Kürze der Zeit, die ein Online-Workshop bietet, ließen sich nicht alle geplanten Elemente meines geplanten Workshops hinreichend entfalten. Dank des Coachings konnte ich zeitig umjustieren – aus den drei zu bearbeitenden Heldenreise-Beispielen wurde so ein einzelnes.

Auch während des Workshops unterstützte das Stiftungsteam uns noch nach Kräften: Jeder Workshop wurde im Hintergrund durch einen Tech Support überwacht, sodass uns Workshop-Gebenden der Blick ganz für die Inhalte frei war. Durch die gute Vorbereitung ergaben sich in unserem Kreis keine Komplikationen; als Einstieg stellten sich die Teilnehmenden mit ihren fachlichen Schwerpunkten vor und nannten ihre größten Kindheitsheld:innen. In Kleingruppen sichteten sie dann Szenen aus dem ersten Harry-Potter-Film, ihre Beobachtungen konnten sie dann gemeinsam mit allen in der großen Runde teilen und vergleichen. Dabei kam im konkreten Fall heraus, dass Harry Potter gleich mehrfach das heldentypische ÜBERSCHREITEN DER SCHWELLE absolvieren muss und davon von Mentorengestalten wie Rubeus Hagrid und Molly Weasley unterstützt wird. Am Ende des Workshops stand die Hoffnung, das erlernte Wissen über die Erzählstruktur der Heldenfahrt nun auch in zukünftigen Lektüren einbringen zu können.

Mein Workshop „Die Heldenreise – eine universelle Erzählstruktur“ war nur eines unter mehreren möglichen Weiterbildungsangeboten, welches die Geförderten im Rahmen des Stipendiat:entreffen remote wahrnehmen konnten. Ich freue mich schon auf die Vielzahl bereichernder Perspektiven und Denkanstöße aus dem Kreis der Geförderten, die sich voraussichtlich auch beim kommenden Treffen im September 2021 ergeben werden.

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