Zum Inhalt springen

#waszählt! #stiftung #Wissenschaft #Wissenschaft in Zeiten von Corona

Die Heldenreise – Eine universelle Erzählstruktur

Freddy Bahr, Stipendiat bei Master Plus

Mitte des 20. Jahrhunderts erschien Joseph Campbells Studie Der Heros in tausend Gestalten. Das Buch avancierte schon bald zu einem „Standardwerk der Mythenforschung“ (so beschreibt es der Buchrücken). In Der Heros in tausend Gestalten kulminierte Campbells langjährige Forschung zu den Mythen und Sagen verschiedenster Völker und Kulturkreise. Seine maßgebliche Erkenntnis war, dass all diese Erzählungen trotz unterschiedlichster Entstehungskontexte immer wieder auf einen gleichen Kern zurückzuführen waren – die Heldenreise. Campbell fasste seine Arbeit noch unter dem Begriff des „Monomythos“, der „einzigen Erzählung“, zusammen, der in der Rezeption von dem der Heldenreise verdrängt wurde. 
Die Bedeutung von Campbells Konzept des Monomythos oder eben der Heldenreise ist bis heute ungebrochen. Denn auch wenn Campbells Monomythos zunächst nur als Beschreibung einer vergangenen Praxis von überlieferten Heldengeschichten gedacht war, so wurde schon bald seine universelle Geltung erkannt. Insbesondere in die Populärkultur hat die Rede von der Heldenreise Eingang gefunden. Verantwortlich dafür war ein junger Regisseur, der Campbells Werk mit Begeisterung gelesen und seinen nächsten Film explizit nach dem Vorbild der Heldenfahrt gestaltet hatte: Die Rede ist von George Lucas, der mit Krieg der Sterne zu Weltruhm gelangen sollte. Der bahnbrechende Erfolg des Films ist dabei immer wieder auf das mythische Vorbild zurückgeführt worden.

Die anhaltende Geltung des Konzepts war Anlass für den Workshop „Die Heldenreise – Eine universelle Erzählstruktur“, den ich im Rahmen des diesjährigen Stipendiatentreffen remote der Claussen-Simon-Stiftung gab. Im ersten Teil dieses Blogeintrags gehe ich auf die konzeptionellen Grundlagen des Heldenreise-Begriffs ein. In einem zweiten Teil werde ich vom Workshop und den Umständen am Wochenende des Stipendiatentreffens berichten.

Das Konzept der Heldenreise ist mittlerweile zu einer gängigen Ressource für Geschichtenerzähler/-innen geworden, um ihre Geschichten zu strukturieren und massentaugliche Stoffe zu finden. Insbesondere in der Praxis des Drehbuchschreibens wird sich an der Vorlage der Reise des Helden orientiert. Dutzende Ratgeber predigen die Vorzüge des Modells. Auffällig ist, dass das Prinzip der Heldenreise nicht vor medialen Grenzen Halt macht; egal ob in Büchern wie Harry Potter, Filmen wie Der Pate, Serien wie Breaking Bad oder Videospielen wie Journey – überall werden Heldenreisen erzählt. Sogar in der Psychologie und systemischen Therapie wurde die Heldenreise als therapeutischer Ansatz aufgenommen.
Die Idee der Heldenreise besticht durch ihre Einfachheit: Sie beschreibt die Bewegung einer Figur, welche im Rahmen einer Geschichte an ihren Aufgaben wächst und eine charakterliche Veränderung erfährt. Da keine Erzählung ohne irgendeine Form der Veränderung oder Entwicklung auskommt, lassen sich viele Geschichten als Heldenreise beschreiben. Die geistige Bewegung der Figur wird dabei durch eine tatsächliche Bewegung durch den Raum komplementiert. In Campbells ursprünglichem Modell verläuft die Heldenreise entlang von 17 Stationen. Dabei wurde sein Modell immer wieder vereinfacht und auf wesentliche Aussagen heruntergebrochen. 

Grundsätzlich lässt sich das Prinzip der Heldenreise in sechs wesentlichen Momenten zusammenfassen. Der/die Held/-in beginnt seine bzw. ihre Reise in einer für ihn/sie vertrauten Umwelt. Er oder sie mag hier Problemen trotzen, doch ohne einen konkreten Anlass, einen RUF ZUM ABENTEUER, wird er/sie sich nicht aus der eigenen Komfortzone herausbewegen und sich verändern. Heldenreisen sind also auch immer Geschichten über den Mut, sich dem Unbekannten zu stellen. Das weiße Kaninchen aus Alice im Wunderland ist ein solcher ikonischer Ruf, der in den Matrix-Filmen der Wachowski-Brüder wiederaufgegriffen wurde. Mit dem Überschreiten der Schwelle in die unbekannte Gegenwelt beginnt die Erzählung erst wirklich und gewinnt an Fahrt. Dies ist der Moment, an dem sich Luke Skywalker in Krieg der Sterne dazu entschließt die Farm zu verlassen, auf der er aufgewachsen ist, und zum Jedi zu werden. 

Die meiste Zeit verwenden Heldenreise-Erzählungen auf die Schilderung der PRÜFUNGEN, welche die Titelfigur bestehen muss, bevor sie als Person wachsen kann. Diese Prüfungen müssen nicht allein körperlicher Natur sein, sondern können auch mentaler Art sein. Sherlock Holmes, der mit seiner Helferfigur Watson Kriminalfälle löst, absolviert genauso Bewährungsproben wie Katniss Everdeen aus den Tribute von Panem-Büchern, die faktisch um ihr Leben kämpft. Oft erreicht der/die Held/-in einen Tiefpunkt, an dem alles verloren scheint, bevor er oder sie an sich wachsen kann. In diesem Moment der SEGNUNG ereilt die Figur eine zentrale moralische Erkenntnis, sie steigt sozial auf oder erhält einen Schatz als Belohnung. 
Ohne eine RÜCKKEHR in die altbekannte Welt ist keine Heldenreise komplett. Denn dies ist die letzte Aufgabe des/der Held/-in: das neugefundene Wissen in die ursprüngliche Welt integrieren zu können. Nur so wird die Figur ihrer Verantwortung gerecht, ihren Mitmenschen zu helfen. Breaking Bad etwa ist auch deshalb eine gescheiterte Heldenreise, weil Walter White es nicht gelingen mag, das Vermögen aus seinem Drogengeschäft tatsächlich für seine Familie nutzbar zu machen.

Das Nachdenken über die Heldenreise evoziert die Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein. Warum erzählen wir uns seit Jahrtausenden ähnliche Geschichten? Warum berühren uns Heldenreisen so sehr? Eine Antwort auf diese Fragen wäre, dass auch unser persönlicher Lebensweg der einer Heldenreise ist. Egal ob im Job oder in Familienangelegenheiten: Wir müssen uns neuen Eindrücken stellen, Bewährungsproben bestehen und letztlich über uns herauswachsen. Und dabei drohen wir auch ein ums andere Mal an unseren Aufgaben zu scheitern. Die Heldenreise beweist die sinnstiftende Kraft, die das Geschichtenerzählen für uns hat. Ohne Campbells Arbeiten wäre sie uns heute womöglich weniger bewusst.

Artikel kommentieren