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Neuanfänge in diesen Zeiten: Über den Start in Hamburg und in der Claussen-Simon-Stiftung im März diesen Jahres

Christine Lauck, Referentin für Veranstaltungsmanagement

Als ich Ende letzten Jahres anfing, einen Job zu suchen, war nicht von Anfang an klar, dass es mich nach Hamburg verschlagen sollte. Ich war gerade von einem längeren Arbeitsaufenthalt in Mexiko zurückgekommen, und auf einmal war wieder alles denkbar: München, wo ich die letzten Jahre gelebt habe, meine Heimat Mainz, die Studienstadt Mannheim oder zur besten Freundin nach Köln. Aus einem Gefühl heraus sollte es aber Hamburg werden. Bei meinen Städtebesuchen fühlte ich mich wohl und gut aufgehoben. Hamburg war für mich lässig, kulturell spannend, von alternativ bis Hochkultur – und, na klar: das Wasser, die frische Brise, die Lichter am Hafen. Die unvergleichliche Energie, die bei jedem Neuanfang freigesetzt wird, sollte mich durch jeden Zweifel oder die anfängliche Einsamkeit tragen. Was soll schon passieren, wenn ich offen bin, mich gerne unter Leute mische und mich der schönste Büroblick auf die Elbe erwartet? Außerdem freute ich mich darauf, meinen Freund:innen einen Schlafplatz in einer äußerst attraktiven Stadt für einen Städtetrip bieten zu können.

Mein erster Arbeitstag bei der Claussen-Simon-Stiftung markierte das genaue Gegenteil des Neuanfangs, den ich in meinem Kopf hatte: Es war der 16. März, und die Nachrichtenlage zur Corona-Pandemie überschlug sich. Ehrlich gesagt hatte ich ziemliche Angst vor dem, was das für uns bedeuten sollte, und war ratlos, wie ich den ersten Arbeitstag überhaupt überstehen sollte. Wie macht man einen guten ersten Eindruck, wenn man sich ohnmächtig fühlt? Wie soll man eingelernt werden, wenn niemand weiß, wie sich die nächsten Tage gestalten werden? Es ist definitiv ein Tag, der mir in Erinnerung bleiben wird. Ich lernte rund die Hälfte des Teams kennen, die andere Hälfte war bereits im Homeoffice. „Schön, dass du da bist“ und „Wir wissen selbst gerade nicht, was das bedeutet, aber wir bekommen das irgendwie hin“ sind Aussagen, die mir im Gedächtnis geblieben sind und die Gold wert waren. Mit meiner eigenen Definition eines „guten ersten Eindrucks“ kam ich auch nicht mehr weit. Statt fleißig mitzuschreiben, möglichst schnell die Datenbank zu verstehen oder rasch alle Namen zu lernen, musste nun reichen: da sein, die Nerven bewahren und aushalten, dass ich selbst nichts dazu beitragen konnte, die mir unbekannten Abläufe an die neue Situation anzupassen. 

In der Nacht habe ich mit meiner Schwester im fahlen Licht einer Leselampe ein IKEA-Bett aufgebaut, das um 22 Uhr geliefert wurde, und alles fühlte sich sehr, sehr surreal an. An zwei Stellen des Betts sind die Bretter durchbohrt, weil wir uns so schlecht konzentrieren konnten. Eigentlich wollten wir in der darauffolgenden Woche alles in Ruhe aus Mainz holen und mein Zimmer einrichten, aber dies wurde zu einer sonntäglichen Nacht-und-Nebel-Aktion vor dem ersten Arbeitstag. Am zweiten Arbeitstag holten die verbliebenen Kolleg:innen und ich die Rechner, und Frau Dr. Back schloss die Stiftung ab. „Morgen geht es digital weiter.“ Die Energie und Leichtigkeit des Neuanfangs – verpufft. Jetzt stand erstmal alles auf dem Kopf. Die Dankbarkeit, dennoch Teil des Teams geworden zu sein, war und ist immens. 

Auch die ersten digitalen Tage bleiben in Erinnerung: Die Testläufe der Videokonferenzsoftware, das Anberaumen einer digitalen Kaffeepause, bei der wir darüber sprachen, wie es uns geht und wie es uns wirklich geht. Das alles hat mich sehr beeindruckt, genauso wie die Anrufe der Kolleg:innen, die ich noch gar nicht kennenlernen konnte. Ich freute mich über das schnelle Aufsetzen der „Was zählt!“-Fonds und war traurig darüber, dass ich die „Stipis“, von denen so viel gesprochen wurde, selbst erstmal nicht kennenlernen konnte. Es war neu für mich, mich in einem Arbeitsteam offen und verletzlich zu zeigen und dies zurückzubekommen. Dass Privates und Berufliches verschwamm, während jede:r zuhause vor dem eigenen Bildschirm saß, war unvermeidlich und ermöglichte uns, als Team diese Zeit gut zu überstehen.  

Nach Herunterfahren des Rechners ging die Achterbahnfahrt weiter: Ich organisierte mir während des geschlossenen Einzelhandels ein Fahrrad über Kleinanzeigen, freute mich kindlich darüber, täglich Franzbrötchen essen zu können und wurde von der Ernüchterung eingeholt, dass es fast unmöglich ist, neue Leute kennenzulernen, wenn alle nur ihre engsten zwei, drei Freund:innen treffen können. Neben einer schwierigen Covid-konformen WG-Suche hatte ich dafür die Chance, mit langen Spaziergängen die Stadtteile mit den begeisterten Augen einer Touristin kennenzulernen. In meinem Freundeskreis wurde das Thema meines Umzugs und meines neuen Jobs verständlicherweise abgelöst von den vielen anderen Fragen, Sorgen und Problemen, die sich bei allen in dieser Zeit auftaten. Dabei ist es leicht, Heimweh oder Sehnsucht nach einem Ort zu bekommen, an dem es in den eigenen Erinnerungen kein Corona gibt. Darin liegt auch der Trugschluss begründet, den ich immer wieder entlarven durfte. Und in einer unbekannten und manchmal schwer auszuhaltenden Langsamkeit setzten die Glücksgefühle ein, die kleinen Entdeckungen und neuen Eindrücke, die das Einleben in einer neuen Stadt mit sich bringen.

Ich werde nicht erfahren, wie man unter „normaleren“ Umständen in Hamburg ankommt oder wie es ist, das Team der Claussen-Simon-Stiftung von Anfang an analog kennenzulernen. Das war die Zeit, in der ich mich befand, als sich plötzlich und ohne Ankündigung so viel für uns alle veränderte. Ich darf mich glücklich schätzen, dass das Coronavirus bisher keinen meiner Pläne durchkreuzte oder mich an Grenzen der Belastbarkeit gebracht hat, wie es für viele Menschen der Fall ist. Aber auch darüber hinaus kann jede:r einzelne von uns Sätze zitieren und Situationen rekonstruieren, die sich in den letzten Monaten eingebrannt haben und aus denen sich hunderte Geschichte erzählen lassen.

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