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#Bildende Kunst #Film #Kultur in Zeiten von Corona #Kunst #waszählt!

„Am Hauptbahnhof eine Rose gekauft“ – Dreh eines Kurzfilms

Julia Küllmer, Filmemacherin, stART.up-Alumna

Mein vor 20 Jahren verstorbener Opa Helmut hat über fünf Jahrzehnte akribisch Notizbücher gefüllt. Ein erster flüchtiger Blick in die Bücher hinterließ bei mir den Eindruck von großer Nüchternheit, die aus einem gewissen Blickwinkel schon wieder skurril war. Ich habe lange gehofft, dass ich irgendwann auf etwas stoße, das mir eine Idee gibt, wie ich diese Eintragungen in einen Film einfließen lassen kann.

Dann kam Corona. Die letzten beiden Drehblöcke für einen Dokumentarfilm, bei dem ich Kamerafrau war, wurden abgesagt, und ich hatte von einem Tag auf den anderen kein Einkommen mehr. Alles fühlte sich an, wie bei Nieselregen mit platten Reifen und schleifender Handbremse Fahrrad zu fahren. Als die Ausschreibung für den „Was zählt!“-Fonds kam, kramte ich im Kopf nach einem Projekt, welches ich unter Corona-Bedingungen realisieren könnte. Mir fielen die Notizbücher wieder ein – und ich hatte die Idee, dass aus der Kombination der Notizbucheinträge mit einem Raumbildapparat, den ebenfalls mein Opa gebaut hatte, ein interessanter Film entstehen könnte.

Bei dem Raumbildapparat verschwimmen beim Hindurchsehen zwei Bilder, die aus einem leicht unterschiedlichen Winkel aufgenommen sind, zu einem dreidimensionalen Bild. Auf den Raumbildern von Helmut ist Alltägliches zu sehen. Banal anmutende Landschaften wie ein von Schnee befreiter Fußweg oder ein Sandweg mit Böschung. Die Raumbildaufnahmen wollte ich filmisch nachstellen und mich von den Texten für neue Aufnahmen inspirieren lassen. Für den 3D-Effekt hatte ich geplant, mit Anaglyphen-Bildern zu arbeiten. Dabei werden die Bilder für das linke Auge rot gefärbt und die Bilder für das rechte Auge cyan. Mit Hilfe einer einfachen Rot-Cyan-Brille entsteht im Gehirn des Betrachters ein 3D-Bild. Ich habe mit Menschen gesprochen, die zu 3D im Film geforscht oder die praktische Dreherfahrungen mit 3D haben. Immer wieder wurde betont, wie kompliziert und aufwändig es sei, brauchbare 3D-Filmbilder zu erstellen und welche zahlreichen Hindernisse es dabei gebe. Meist wird bei 3D-Filmaufnahmen mit zwei Kameras gearbeitet, deren Konvergenzwinkel zueinander für jede Aufnahme neu berechnet wird. Je nachdem, wie weit das gefilmte Objekt von den Kameras entfernt ist und ob das Objekt dreidimensional aus der Leinwand hervortreten oder hinter der Leinwand weiter in den Raum gehen soll (positive und negative Parallaxe). Sobald in einer Einstellung auf unterschiedlichen Ebenen – also im Vordergrund und im Hintergrund – etwas zu sehen ist, wird es sehr kompliziert. Ich habe die Hinweise ernst genommen, aber dennoch zunächst gedacht, dass es in meinem Fall nicht ganz so kompliziert sei, da ich keine aufwändigen Effekte damit erzielen wollte, sondern es sich um statische Aufnahmen handelt, die mit einer einfachen Pappbrille zu betrachten sind. Schließlich habe ich mir 3D-Vorsatzlinsen für meine Kamera gekauft und damit experimentiert. Die Ergebnisse waren ernüchternd, und um halbwegs brauchbare Bilder zu erzeugen, war ich in der Motivwahl sehr eingeschränkt.

Schweren Herzens habe ich mich von den 3D-Bildern – die schließlich eine der Grundideen des Films waren – verabschiedet und gemerkt, wie mir dieser Schritt neue Denkwege eröffnet.

Nun war ich freier darin, Bilder zu suchen, die den Texten eine weitere Ebene hinzufügen. Der Raumbildapparat ist dafür als Requisite in den Film eingegangen. Zudem habe ich mich immer wieder neu gefragt, wie ich mit einfachen Mitteln eine surreale, beklemmende Atmosphäre schaffen und Elemente der Verfremdung zur Schärfung des Blickes erzeugen kann. Schließlich habe ich viel mit Taschenlampen, einem Haarföhn und Text-Bild-Scheren gearbeitet. Außerdem taucht ein selbstgebauter Puppenkopf aus Bauschaum und Ton – als eine Art Verkörperung des Ich-Erzählers – immer wieder unscharf im Anschnitt auf.

Parallel begann ich, mich durch die vielen Notizbücher durchzuarbeiten. Es war tatsächlich viel trockener Alltag, der sich in den Aufzeichnungen immer wieder wiederholte. Zwischen den Alltagsschilderungen stachen allerdings Beschreibungen von Träumen hervor. In den Träumen schienen sich häufig Kriegserlebnisse und die damit verbundenen Ängste zu spiegeln.

Dann gab es Details, die mich gerührt haben. Zum Beispiel las ich, wie Helmut immer wieder in der Weihnachtszeit hartnäckig versucht hatte, den Postboten und den Menschen von der Müllabfuhr (und zwar von allen unterschiedlichen Mülltonnen) einen kleinen Geldbetrag zu schenken. Dafür hatte er sich extra einen Wecker gestellt. Und hatte er sie nicht erwischt, versuchte er es am nächsten Tag erneut. Auch Streitsituationen, die er beobachtet hatte, notierte er. Sie lesen sich wie eine absurde Choreografie. Nach längerem Experimentieren mit unterschiedlichen Varianten, ausgewählte Notizbuchauszüge einzusprechen, entschied ich mich für die Arbeit mit Text im Bild. Ich wollte nicht, dass eine Betonung für die Lesart vorgegeben wird. Doch dann kam die schwierige Aufgabe, aus der Fülle des Materials Textstellen auszuwählen und eine Dramaturgie innerhalb der einzelnen Zitate herzustellen.

Und plötzlich hörte ich beim Lesen Helmuts Schlurfen ganz deutlich im Ohr. Ich hatte nie wieder daran gedacht, aber tatsächlich hat er nur kleine, abgehackte Schritte gemacht und die Füße dabei nicht angehoben. Dann habe ich geträumt, dass ich ihm das Haus zeige, in das ich am Wochenende vor dem ersten Lockdown mit 40 Personen gezogen bin. Ich hatte also durch das Lesen der Notizbücher einen neuen Kontakt zu Helmut hergestellt.

Sehr früh war für mich klar, dass der Film mit diesem Schlurfen beginnen soll. In der ersten Einstellung des Filmes hört man schlurfende Schritte, die sich auf ein zur Hälfte von einem Vorhang bedecktes Fenster zubewegen. Der Vorhang wird geöffnet – ein wenig wie für eine Theatervorstellung. Ein nur unscharf zu erkennender Mann tritt ans Fester und sieht hinaus. Als Zuschauende blicken wir gemeinsam mit ihm durch das Fenster. Der Text im Bild legt nahe, dass dieser Mann nach dem Postboten Ausschau hält. Bei dem Kopf des Mannes handelt es sich um den Puppenkopf aus Bauschaum und Ton. Zu Beginn des Films bahnt sich an, dass der Alltag brüchig ist und von Angst, Beklemmungen und einer gewissen Lähmung dominiert wird. Etwas stimmt nicht, die Geister der Vergangenheit lauern, und es geschehen merkwürdige Dinge.

Ein Zitat aus einer Traumbeschreibung: „Wir haben mehrere Wellensittiche. Sie wollen nicht fressen. Einen Wellensittich beim Käfigschließen erdrückt.“ Hier habe ich einen leeren Vogelkäfig gefilmt und dessen Tür während der Aufnahme mit Hilfe eines Föhns zugepustet. Es entsteht ein Effekt, als wenn sie sich „wie von Geisterhand“ schließt. Auf der Tonebene hört man Wellensittichgezwitscher. Durch Geraschel mit einem Briefumschlag habe ich das Geräusch von Flügelschlägen imitiert und im Anschluss das Geräusch aufgenommen, wenn der Briefumschlag in der Tür des Vogelkäfigs eingeklemmt wird. Im Bild sieht man also den leeren Vogelkäfig, dessen Tür sich scheinbar von selbst schließt. Im Ton glaubt man genau das zu hören, was im Text beschrieben wird.

Ungefähr in der Mitte des Films wird der Titel „Am Hauptbahnhof eine Rose gekauft“ eingeblendet. Auch bei diesem Bild kommt der Föhn zum Einsatz. Nun wird die Blüte einer Rose mithilfe des Föhns in Bewegung gebracht. Auf der Tonebene fährt ein Zug vorbei. Wehen die Blütenblätter im Wind, oder wollen sie wie im Zeitraffer aufblühen und müssen dabei gegen etwas ankämpfen, was sie immer wieder zurückhalten will? Züge haben häufig eine Rolle in Helmuts Träumen gespielt. Keiner dieser Träume hat einen Platz in dem Film gefunden – dafür tauchen Zuggeräusche an mehreren Stellen des Films im Sounddesign auf.

Ab hier geschehen erstaunliche Dinge. Helmut jagt Unsichtbare, in einem Kasten liegen bewusstlose Menschen, Stefan haust in Erdlöchern, und im Fluss schwimmen Leichen.

Entstanden ist ein Schwarz-Weiß-Kurzfilm von 10 Minuten, der sich auf poetisch-skurrile Weise einem Lebensgefühl annähert. Auf eingeblendeten Texttafeln werden kleine – mal banale und mal merkwürdige – Anekdoten erzählt. Traum und Wirklichkeit verschwimmen in dieser losen Erzählung über einen Mann, der durch seine Wohnung schlurft und in sich gefangen zu sein scheint. Es klingelt, und er öffnet nicht die Tür, das Wasser auf dem Herd kocht über und wird nicht heruntergenommen. Immer wieder guckt er durch die Fenster nach draußen. Er horcht in sich hinein und hat eine große Distanz zum Außen. Zu guter Letzt fliegt eine Schwalbe mit einer Kette um den Hals durch das offene Fenster hinein. Der Mann entfernt die Kette, und vielleicht können wir hoffen, dass auch er sich damit ein Stück weit mitbefreien kann.
 

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